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Donnerstag, 5. April 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 28)


Teil 28: From New Haven to L.A. – Narzisstenbeet und Wallfahrtsort


Bis zu diesem Blogbeitrag hat es eine Weile gedauert. Darum geriet er etwas länger.
Im Leben eines chronisch Kranken mit Behinderung geschieht nicht viel. Wobei, es passiert eine ganze Menge, jedoch nichts, worüber sich für Leserinnen und Leser fesselnd berichten ließe. Nach nunmehr einem Jahr in den USA ist der Alltag endlich wirklich zum Alltag geworden. Es macht sich ein Gewöhnungseffekt und daraus resultierend, Routine bemerkbar. Schritt für Schritt entwickeln wir uns zu einem Detail des Gesamtbilds. Kein Halsrecken und Aufhorchen mehr, wenn Juliane oder ich einen Raum betreten. Nur eines wird sich wie erwartet niemals ändern, sobald ich den Mund aufmache, tönt Wien heraus. Meinen Herkunftsakzent können weder Vollbart noch Basecap camouflieren. Gemeinsam mit der Muttersprache befinden sich auch andere, unveränderliche Bauteile im und auf dem Motherboard des Europäers. Schreibgeschützte Elemente im Betriebssystem gewissermaßen. Wenn es fünf Wochen in Anspruch nimmt, um sein neues Medikament nach der Verschreibung durch den Rheumatologen seines Vertrauens endlich in der Hand zu halten, dann führt das zwangsläufig zu einer Aktennotiz. Nämlich bei der Schnittstelle zwischen dem US-amerikanischen Gesundheitssystem und unserer deutschen Krankenversicherung. An diese Servicehotline wenden sich alle Internationalen, die in den USA Medikamente beziehen müssen. Die Hotline ist als Arbeitgeber sehr beliebt. Auch und vor allem bei unseren farbigen Mitmenschen. Dieses Detail wäre mir im Grunde völlig egal, spielte diese Facette nicht eine wesentliche Rolle in der Reaktion der Angestellten auf die Probleme innerhalb der interkulturellen Verständigung. Eine lange Geschichte kurz gemacht: Ein kranker Mensch will und braucht seine Medikamente. Dabei ist es ihr oder ihm herzlich egal, welche Nation ihr Siegel auf ihren oder seinen Pass gedrückt hat. Der durchschnittliche Hotline Mitarbeiter, kann er (oder sie) sich keinen Reim auf das Gehörte machen, lässt das Anliegen einfach unbearbeitet liegen. Rätsel knacken, das gehört nicht zum Job! Die Gesprächspartner versprechen zurückzurufen und legen auf. Der internationale Patient rechnet mit und wartet auf einen Anruf. Dummerchen! Das gegebene Versprechen hat hierzulande dieselbe Güteklasse wie in Italien die Auskunft eines Passanten, dass die gesuchte Touristenattraktion in der dritten Gasse links ist. Beides ist frei erfunden. Eine Floskel, um die völlige Ahnungslosigkeit zu verbergen, das Gesicht zu wahren und sich aus dem Spiel zu nehmen. Das gebiert Misstrauen. Umso größer die Überraschung, befindet sich das Gesuchte tatsächlich in der dritten Gasse links, oder falls eine Servicemitarbeiterin tatsächlich zurückruft. Immerhin, das Letzte geschieht dann doch immer wieder. Trotzdem, der Geduldsfaden eines kranken Menschen, oder wie in unserem Fall der der besorgten Ehepartnerin, ist mürbe und rissig. Besonders, wenn das Medikament lebenserhaltende Funktionen erfüllen sollte. Anders gesagt: Nicht in den USA sozialisierte Bürger haben nie gelernt, Ärger und Frustration fortwährend herunterzuschlucken. Und zwar so lange, bis eine oder einer mit versteinertem Lächeln in einen Waffenladen geht und Amok läuft. Nein, Europäer werden irgendwann ungemütlich, laut und fordernd. Dann erst kommt das Gegenüber irgendwann darauf, dass die internationalen Krankenversicherer am US-amerikanischen Codesystem nicht teilnehmen. Die Computersysteme sind inkompatibel, Fragesteller und Befragter verstehen sich nicht. Weshalb das US-amerikanische Programm bei jeder Anfrage an einen ausländischen Versicherer die Antwort bekommt, dass die Krankenversicherung die Kosten für die Verschreibung oder Behandlung nicht übernimmt. Und obwohl diese Meldung sachlich und inhaltlich nicht stimmt, ist sie das Signal für den durchschnittlichen US-amerikanischen Jobholder, alles liegen und stehen zu lassen. Und dieses Fallenlassen der Leinen, lässt den kranken Ausländer oder seine Angehörigen die Stücke ausfahren und feuern. Nach dieser folgerichtigen Entladung, konnte ich nach fünf Wochen das neu verschriebene Medikament einnehmen. Obwohl der Arzt meine Reaktion auf die Einnahme nach zwei Monaten überprüfen wollte. Egal. Ende gut, alles gut! Das denkt man. Aber nein, lese ich mir dann die Bewertungen des Arbeitgebers Servicestelle im Internet durch, erfahre ich in den entsprechenden Threads, dass Europäer alles „hasserfüllte Menschen“ sind. Unbelehrbare Rassisten. Allen voran die Schweden. Natürlich, Skandinavier sind ja überhaupt und überall als besonders altbacken und verschlossen verschrien. Liegt wahrscheinlich daran, dass sie alle blond und blauäugig sind… Wie dem auch sei. Die einfache Antwort auf ein komplexes Problem ist eben aus allen Richtungen und Blickwinkeln schnell gefunden.
Das hart erkämpfte Objekt meiner Begierde löste in der darauffolgenden Woche die tollsten Nebeneffekte bei mir aus. Die Details erspare ich gerne. Nur so viel: Ich habe in diesen wenigen Tagen zwanzig Pfund, rund neun Kilogramm (20 lbs = 9,07 kg), abgenommen. Meine im Vergleich zu früheren Kleidergrößen grotesk winzige 32-32 Jeans flattert am Bund. Doch das Resultat ist trotzdem gut. Das Medikament tut, was es soll. Es bewirkt eine medizinisch feststellbare Verbesserung.
Mit diesen wenigen Informationen versorgt, kann sich jede und jeder leicht vorstellen, wie ich in diesen Tagen auf mich selbst beschränkt gewesen bin. Die Existenz beginnt, sich auf den Zustand zu konzentrieren. Die Gedanken kreisen stets um das eigene Ich. Ich würde mich freuen, könnte ich für dieses fortgesetzte Um-sein-Selbst-Gravitieren das Bild eines Sonnensystems verwenden. Vielgestaltige Welten, die um ein strahlendes Zentrum rotieren. Aber leider fühlte ich mich mehr wie eine Stubenfliege mit einer Schlinge aus Bindfaden um den Hals. Am gespannten Zwirn brummte mein Verstand ständig um dieselben Fragen. Grübeln liefert niemals Antworten. Gefangen in der Endlosschleife. Die diversen Fehlfunktionen meines Stoffwechsels begrüßte ich als willkommene Abwechslung. Weil sie ein reales Problem darstellten, kein eingebildetes.
Und noch ein weiterer Schimmer am Horizont verkündete Hoffnung. Und das just zu Ostern. Ich begleitete Juliane nach Kalifornien. Genauer gesagt an die ACLA an der UCLA in LA,CA. Was sich hier liest wie ein Jandl-Gedicht bedeutet: Juliane organisierte und leitete ein Panel auf dem Jahrestreffen der American Comparative Literature Association an der University of California, Los Angeles in Los Angeles, California. Kalifornien! Das klang wie das Land der Verheißung. Wo es sich lebt wie im Schlaraffenland, immer warm, mit blauem Himmel und unter Palmen. Unnötig zu sagen, dass wenn wir dort hinflogen, alles anders kam. Wenn ich den Chinesen erwische, der mich verflucht hat, indem er mir ein interessantes Leben gewünscht hat!

Die Rocky Mountains.
Weltberühmt in Österreich, so fühlte sich wenigstens für ein paar wunderbare Jahre mein Leben für mich an. Die USA lehrten dem Wiener Demut. Sechseinhalb Stunden Flug in eine Himmelsrichtung und noch immer im selben Land! Genauer: Sechs Stunden und fünfzig Minuten nach Südwest. Von Hartford, Connecticut nach Los Angeles. Vom Winter Neuenglands an der Ostküste in den Frühsommer an der Westküste. Vom Atlantik an den Pazifik. Über die Rocky Mountains, die Wüste und den Grand Canyon hinweg. 2,902 Meilen (4,670.32 Kilometer) über Land. Und all das unter einer Flagge vereint. Da schrumpft der einstige Nabel der Welt in der eigenen Wahrnehmung zu einer Interpunktion im illustrierten Weltatlas. Und das war gut so. Die Welt ist bunt. Es gibt viel zu sehen und zu erleben. Ihre Facetten und Spielarten sind vielfältig. Es klingt wie ein Kalauer, aber es stimmt: Was zuhause wichtig war, wird hier ganz klein.
Der Grand Canyon.
Auf dem Flughafen Bradley in Hartford schob (natürlich) ein alter Afroamerikaner meinen Rollstuhl durch die Sicherheitsüberprüfungen und über die Gänge an das Abfluggate. Währenddessen sang er leise das Protestlied „We shall overcome“, und im Rückblick ärgert mich das. Bei allem Verständnis, vor fünfzig Jahren wurde Martin Luther King erschossen. Ich fühle mich als Österreicher, wo Joseph II. 1781 die Leibeigenschaft aufgehoben hat und wo 1815 die Sklaverei auf dem Wiener Kongress verurteilt wurde, nicht verantwortlich. Ganz abgesehen davon, dass es, um mich in meinem Rollstuhl zu überwinden, wenig Kraftanstrengung braucht. Juliane hat ihn zuletzt und ohne es zu beabsichtigen ziemlich beschämt. Sie hat sich herzlich bei ihm für seine Hilfe bedankt und ihm auch ein großzügiges Trinkgeld gegeben. Anekdoten wie diese hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack auf meiner Zunge. Der ganz normale Alltagsrassismus macht das Leben in den USA manchmal nur schwer erträglich, jedenfalls für Juliane und mich.
Der Mann, der mich in Los Angeles in Empfang nahm hatte (natürlich) dieselbe Heritage wie sein Kollege in Connecticut, er war jedoch überaus freundlich. Kalifornien begrüßte mich vorbehaltslos mit einem Lächeln. Und der blaue Himmel und die wirklich bis an den zehnten Stock hinauf reichenden Palmen ließen das Wintergrau Neuenglands rasch verblassen.
Hübsch, aber leider...
Narzissmus und Selbstüberschätzung sind in Kalifornien quasi gleichbedeutend mit dem Menschsein an sich. So lehrte man uns an der Ostküste. Die allerorts behauptete überwältigende Schönheit der Menschen an der Pazifikküste hielt dagegen einer objektiven Überprüfung nicht stand. Unsere direkte Erfahrung mit der so genannten „Californication“ machten wir in Person unseres Airbnb-Vermieters.
Nachdem Juliane nur Gutes über diese Unterkunftsform gehört hatte, buchte sie uns erstmals ein Apartment über die Internetplattform. Es sollte unsre erste und letzte Buchung damit werden. James, so hieß der Vermieter in seinen Emails, sagte uns schriftlich zu, dass wir bereits um 11 in seine Wohnung könnten. Er selbst würde nicht da sein, der Schlüssel aber unter der Fußmatte. Soweit so gut. Das Haus lag in einer wunderbaren Gegend. Bei dem benachbarten prachtvollen Art Deco-Gebäude handelte es sich nicht wie erst angenommen um eine Kirche oder Synagoge, sondern um ein Kino. Das passte hervorragend ins Klischee. Ins Klischee passte leider auch, dass die Schlüssel zum Apartment nirgends zu finden waren. Nach rund sieben Stunden Flug hinter sich und einer Konferenzeröffnung vor sich, war das keine Freude. Unser James hatte uns zwei Telefonnummern gegeben. Die Büronummer war abgemeldet, die Mailbox der Handynummer voll. Die Ansage verriet, dass er im Moment wohl Nachhilfe im Surfen, Racen oder Golfen brauchte und darum nicht erreichbar war. All das erwies sich nicht als vertrauensfördernde Maßnahme. Zum Glück war Julianes Gastprofessor mit demselben Flug angekommen. Ihn riefen wir an, und er besorgte uns auf Anhieb ein Zimmer in seinem Hotel. Nicht bloß das letzte verfügbare Hotelzimmer, nein, das behindertengerechte Zimmer des Hotels. Wer kann es ihm verdenken, dass er für einen kurzen (und berechtigten) Moment Allmachtgefühle verspürte. Wann und wo wären sie angemessener als unter solchen Umständen in Kalifornien. Ich war beruhigt, denn ich hatte schon befürchtet, dass er sich langsam wie ein Pfleger einer Irrenanstalt mit uns als Patienten fühlen musste.
Auf dem Weg in unser „Most Western Best Western“ machten wir mit dem Autoverkehr in Los Angeles erste Bekanntschaft. Die Fahrt von einem Stadtviertel ins gegenüberliegende am anderen Ende der Stadt konnte aufgrund des immensen Verkehrsaufkommens und der Staus mehrere Stunden dauern. In anderen Bundesstaaten entsprachen diese Reisezeiten der Fahrt in eine Nachbarstadt. Unterwegs wurde mir auch klar, weshalb derart riesige Straßenkreuzer beliebt waren. Ein europäischer Kleinwagen konnte unter Umständen in den hiesigen Schlaglöchern verloren gehen. Die Highways und Straßen waren riesig, bis zu acht Fahrstreifen, ihr Zustand war weniger begeisternd. Die Begeisterung über die Palmen am Straßenrand, die Sonne und die netten Uber-Fahrer überblendeten diese Schattenseiten hervorragend. Auch die riesigen Fahnen, die an den Baukränen im Wind flatterten. Mit einem solchen Ungetüm könnte ich leicht unser ganzes Haus in New Haven verhüllen.
Während der Uber-Fahrt ins Hotel rief unser Vermieter an. Plötzlich hieß er Michael. Und nach wenigen gewechselten Worten brüllte er Juliane an. Check-In wäre immer erst ab 5 Uhr nachmittags. Trotzdem verlangte er jetzt, es war 12:30, eine Entscheidung, ob wir kämen oder nicht. Juliane lehnte unverzüglich ab. Bei jemanden, der uns ohne jeder Affektkontrolle anschreit, wollten wir nicht übernachten. Zum Glück hatten wir alle seine Emails aufgehoben. James oder Michael, er hatte uns in die Irre geführt, der Schlüssel lag nicht um 11Uhr für uns bereit. Außerdem hatte er uns nicht informiert, welche gesundheitsschädlichen Baustoffe in dem Apartmentgebäude verarbeitet waren wie es dem Bundesgesetz entsprach. Gewisse Baustoffe sind für Vermieter aushänge- und meldepflichtig. Den entsprechenden Aushang am Gebäude haben wir fotografiert und an Airbnb weitergeleitet. Nachdem er meine Frau angebrüllt hat, dass er eine strikte Kein Geld zurück-Politik hat, lernt er – James, Michael oder wie immer er wirklich heißt – jetzt meine strikte Don´t fuck with me-Politik kennen.
Aber egal. Das Hotel war ohnedies die bessere Wahl. Hier gab es sogar öffentliche Verkehrsmittel ins Stadtzentrum, eine Metrostation und einige Buslinien. Auch der Universitätscampus war ein Augenöffner. Olivenbäume, rote Koniferen und Palmen entlang der Fußwege und Fahrbahnen. Dicke, überreife Zitrusfrüchte an den Bäumen. Zwischen den wunderbaren Pflanzen historische und zeitgenössische Universitätsgebäude. Die Architektur ein faszinierender Stilmix. Sämtliche Epochen von der Antike bis zur Gegenwart unter dem gemeinsamen Nenner Jugendstil vereint. Und über allem wehten natürlich Stars and Stripes und der Bär der Republik von Kalifornien. An diesem Ort befanden sich Patriotismus und Infrastruktur auch in Harmonie.
Nancy und Blanchot... Auweia!
Offiziell hatte die Uni wegen Spring Break geschlossen. Das bedeutete auch, dass alle Aufzüge in den Gebäuden außer Betrieb waren. Da allerdings die Konferenz in verschiedenen Häusern und auf mehreren Stockwerken stattfand, waren überall Konferenzbetreuer*innen unterwegs. Diese aktivierten die Aufzüge mit ihren Schlüsseln für all die Leute wie mich, die keine Treppen steigen konnten. Da hatte sich jemand etwas gedacht und auf ein Problem reagiert.
Trump und Kim haben es lustig...
Unser Ausflug an den Strand von Santa Monica gestaltete sich ebenfalls speziell. Es war Ostersamstag und außer uns hatten auch tausende Andere dasselbe Ausflugsziel gewählt. Den ganzen Vormittag hatte die Sonne geschienen. Als wir am Pier in den Pazifik ankamen, wurde der Himmel grau. Dicke Wolken verhüllten die Sonne über Riesenrad, Vergnügungspark, Strand und Boulevard. Das war ja so klar, dass wenn ich an den Strand kam, an dem die unsägliche TV-Serie Baywatch gedreht worden war, die California-Girls keine Bikinis, sondern Wintermäntel trugen. Auf unserem Spaziergang entlang der Promenade schnatterten wir vor Kälte. Es war am frühen Nachmittag so dunkel geworden, dass die Straßenbeleuchtungen angingen. Den eigentümlichen Charme dieses Ortes tat das keinen Abbruch. Zwischen den Palmen, Agaven und anderen exotischen Pflanzen wuselten so genannte Ground-Squirrels herum. 
Kleine possierliche Pelztiere, die mich an Ziesel mit kurzen buschigen Schwänzen erinnerten. Leider lebten sie im und vom Dreck. Wie allerorts üblich warfen viele Leute ihren Abfall überall hin. Der zweite Blick auf die elegante Gartenlandschaft enthüllte die Pappbecher, Plastiksackerl und Papierbeutel. Auf die Essensreste der Wegwerfgesellschaft stürzten sich die kleinen Nager mit Begeisterung. Sie huschten herbei und wickelten mit schnellen Pfoten alles Essbare aus, um mit vollen Backen im Dickicht und den zahlreichen Erdlöchern in der steilen Uferböschung zu verschwinden. Diese unterirdischen Bauten begünstigten wohl auch die gefürchteten Mudslides/Erdrutsche, deren Narben entlang der Promenade gut sichtbar waren. Auf den Wiesen und unter den mächtigen Stämmen lebten auch einige Obdachlose unter denselben Bedingungen wie die Ground-Squirrels. Die zahllosen Spaziergänger nahmen von ihnen keinerlei Notiz. Das ist ein weiterer, schwieriger Aspekt des Lebens in den USA, mit dem Elend seiner Mitmenschen geht man um, indem man es ignoriert.

Für Ostersonntag hatten wir uns den Höhepunkt unseres Aufenthaltes aufgehoben: Die Warner Bros. Studio Tour. Wir fuhren also mit dem Uber über den wie gewöhnlich verstopften Highway hinüber nach Burbank, vorbei an gruseligen Brandnarben und ausgebrannten Wohnhäusern direkt neben der Autobahn. Da bekamen wir erst ein Gefühl dafür, wie nahe die Buschfeuer der Millionenstadt gekommen waren. Und den luxuriösen Anwesen, die wie mittelalterliche Burgen oder bronzezeitliche Fürstensitze auf den Hügeln ringsum thronten. Am Ziel unserer Fahrt wurde mir schnell eines klar: Ich bin in meinem Leben schon an einigen Wallfahrtsorten gewesen. Auch an den bedeutendsten. Nach Santiago de Compostela war ich sogar zu Fuß gepilgert. Ich traue mich also zu sagen, dass ich einen Kultplatz erkenne, an dem Heilige und Reliquien verehrt werden. Und Plätzen gehuldigt wird, an denen sich Ereignisse einer Heilserzählung oder eines Mythos ereignet haben (sollen). Das Warner Bros.-Gelände war so ein Ort. Und ich wollte und konnte mich seinem Zauber nicht entziehen. An die Stelle der traditionellen spirituellen Erfahrung durch Selbsterfahrung war der Spaß getreten. Eines hatten klassische und dieser sehr gegenwärtige Wallfahrtsort gemeinsam, den Parafernalien-Laden am Ende der Reise. Hier Merchandising und Shop genannt. Das Geldausgeben am Ende komplettierte hier wie dort den Rausch. Juliane und ich können jederzeit und überall gut auf Geldausgeben verzichten, aber mindestens ich schwebte auch ohne Shopping-Flash die meiste Zeit auf Wolke Sieben.
Nach einem kurzen Einführungsfilm in einem Kinosaal, fuhren wir in einem mehrreihigen Besucherwagen ins Gelände. Das ganze Firmengelände war auf das Drehen von Filmen ausgelegt. Die Gründer, die vier Warner-Brüder, die allerdings ganz anders hießen, verlangten, dass jedes Gebäude als Drehort verwertet werden konnte. Dadurch sieht die rückwärtige Fassade eines Verwaltungsgebäudes auch zum Beispiel wie ein Motel aus. Zimmertüren inklusive. Allen Kunden war alles erlaubt und offen. Unter einer Bedingung: You’ve got the Dime, we‘ve got the time! (Du hast das Geld, wir haben die Zeit!) Bei den Warner Brothers gibt es buchstäblich die legendären Potemkin’schen Dörfer zu entdecken. Jedes Haus ist bloße Fassade. Nach jeder Seite stellt es ein anderes Gebäude dar. Es erstrecken sich ganze Straßenzüge von New York in die eine Himmelsrichtung, in die andere ist es San Francisco. Und in der Mitte eine Kleinstadt des Mittleren Westens der USA, die liebevoll „Überall in Amerika“ genannt wird. Mit Kirche, Bank, High School und Universität. Und jedes davon nur wenige Meter tief. Anschein ohne Inhalt. Auch ohne Gehalt, die Wände und Mauern sind aus Fieberglas.

Es hat auch den Anschein, dass die Tour regelmäßig den Bedürfnissen der Zeit angepasst wird. Das heißt, die Ausstellungsstücke und Anekdoten stammen und umkreisen aktuelle Blockbuster und TV-Produktionen. So stand auch ein Besuch der Sound Stage der bundesweit (und wohl auch international) beliebten Talkshow „Ellen“ auf dem Programm. Das Studio hat mich weniger aufgrund seines rituellen Wertes begeistert, aber mit seiner schieren Größe beeindruckt. Ich habe ja schon Fernsehstudios mit Beleuchtung und Requisite gesehen, aber noch keines, das eine großflächige Industriehalle gefüllt hätte. Wobei auch die Klassiker nicht zu kurz kamen. Zu wissen, an dem Ort zu stehen, an dem die klassischen Gangsterfilme mit James Cagney gedreht wurden, oder Szenen meiner Lieblingsfilme, das löste Euphorie aus. Und ich bin der Meinung, es ist dieselbe, die der Glauben hervorruft, in den Fußstapfen einer oder eines Heiligen zu wandeln. Und wie gesagt, Teil der Studiotour sind auch jede Menge Reliquien. Keine Körperteile, aber jede Menge so genannter Berührungsreliquien. Ob es sich dabei um die Kutte des Heiligen Franziskus, oder den Anzug von Humphrey Bogart oder die Rüstung von Wonder Woman handelt, das ist Hemd wie Hose. Der Effekt und das zugrundeliegende Konzept ist meiner Erfahrung nach dasselbe. Es erfüllt dieselbe kulturelle Funktion. Meine diesbezüglichen Bedürfnisse wurden jedenfalls bestens gestillt. Ich durfte meinen Leinwandhelden, den Diven (nomen est omen) und ihren getragenen Kleidern und genutzten Gefährten huldigen sowie den von ihnen berührten Versatzstücken. Und es war herrlich, so frei Mensch sein zu dürfen.

Ein mit Augenzwinkern vorgetragenes Ziel der Tour war es, den Glauben der Besucher in Film und Fernsehen zu erschüttern. Nichts war in Wahrheit so, wie es dargestellt wurde. Im vorletzten Teil der Tour zeichnete eine Ausstellung den Weg einer Film- und/oder TV-Produktion bis zum fertigen Produkt nach. Es hat mich gefreut, die Entwicklung einer Geschichte von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt realistisch dargestellt zu sehen. Von der ersten Skizze, über die viele Versionen bis zum tatsächlichen Szenenablauf. Es ist vielleicht desillusionierend, aber Geschichten schreibt nicht das Leben, Geschichten sind harte Arbeit. Das Handwerk muss erlernt werden, und das Werkzeug hat sich seit der Poetik des Aristoteles nicht verändert. Bei Warner Brothers werden die Manuskripthalden gezeigt, die vielen Storyboards und die vollen Mülleimer. Wenn ich als Autorin oder Autor spüre, dass sich etwas niederlässt und mir ins Ohr flüstert, dann bin ich kein inspirierter christlicher Heiliger mit der Taube des Heiligen Geistes auf der Schulter, sondern dann ist es Zeit, meine Tabletten zu schlucken und mit einem Therapeuten zu sprechen. Oder in meinem Fall mit dem Arzt über die Dosierung meiner Medikamente. Warner Brothers setzten jedenfalls nicht auf Bauernfängerei, sie erzählten keine sympathieheischenden Mythen über das Manuskript. Übrigens inzwischen ein eigenes Forschungsfeld der Literaturwissenschaft. Für mich war diese Offenheit ein Zeichen des Respekts des Unternehmens vor seinen Kreativen und vor allem vor dem Publikum. Und wie sich auch mit dieser Ausstellung beweisen lässt, ist die Wirklichkeit faszinierender als jede erfundene Legende. Und wieder etwas, dass Religion, Naturwissenschaft und dieser Ort gemeinsam haben.
Selbstverständlich bin ich bei den Warner Brothers auch auf der Suche nach der Warner Schwester gewesen. Und er steht wirklich und wahrhaftig da, überragt majestätisch die Sound Stages und Potemkin´schen Straßenzüge, der Wasserturm. In Wahrheit bedroht er auf Wunsch der echten Brüder mit den aufgemalten Firmenlogos die Konkurrenz im Osten und im Westen: Universal und Disney. In der Cartoon-Serie Animaniacs war er der Wohnort der Warner-Schwester Dot und ihrer beiden Brüder gewesen. Eine Sendung, die eingestellt wurde, weil sie angeblich nicht kindgerecht genug war und zu viele so genannte Innuendos enthielt. Hallooo Schwester!
Kalifornien. Ein Ort an dem Traum und Wirklichkeit einander begegnen. Wo die Gefahr besteht, den Schein über das Sein zu stellen. Aber auch die Chance, der Traumfabrik hinter die Kulissen zu schauen und das Erschaffen und Gestalten mit wachen Augen zu erkennen. Los Angeles war am Ende doch noch viel mehr für mich geworden als die Vorstellung von Sonnenschein und Palmen.
Später am Abend ging es wieder heim nach New Haven. Und die Ostküste und Connecticut empfingen uns nach sechs Stunden Flug und mit höllisch schmerzendem Gesäß standesgemäß und stilecht zu dieser Jahreszeit mit einem Schneesturm. Und da tauchte er natürlich gleich wieder vor meinem geistigen Auge auf, der verklärte Sehnsuchtsort, der Himmel auf Erden: Das immer sonnige und stets warme Kalifornien.


Fortsetzung folgt…



Donnerstag, 8. März 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 27)


Teil 27: Europareise


Schon wieder. Wie zu erwarten war, bin ich froh, dass es vorbei ist. Das ist jetzt gar nicht abwertend oder despektierlich wider die Alte Welt gemeint. Europareisen stehen für Juliane und mich einfach unter keinem guten Stern. Das beweist sich leider immer wieder. Utrecht bleibt mir diesbezüglich unvergessen. Und auch diese Heimreise gestaltete sich – naja, sagen wir mal: anspruchsvoll.
Dabei hat die Reise ganz normal begonnen. Ausführliche Planung half den Irrtum durch den Fehler zu ersetzen. Und zu unserer großen Freude war uns vor und am Start keiner unterlaufen. Meine neu verschriebenen Medikamente hatte ich noch nicht erhalten (und ich habe sie noch immer nicht), zu viele offene Fragen vonseiten der Krankenversicherung. Aber meine Freundinnen, die Krankenschwestern der Photopheresestation, versicherten mir, dass ein Transatlantikflug nicht der Ort war, wo ich mit Immunsuppressivum sein wollte. Die Grippewelle war in vollem Schwange. Dies Menetekel vor Augen gab uns Hatty den Rat, im engen Flieger einen Mundschutz zu tragen. Mehr noch, sie gab uns die entsprechenden Masken gleich mit. Krankenhausstandard in dezentem Rosa. So waren uns Raum und Beinfreiheit garantiert. Dazu noch ein wenig gehustet, mit dem geröchelten Hinweis: „Ich habe die Pest!“, schon konnte man sich ausstrecken und breit machen. So der Plan. Der perfide.
Wir hatten sorgfältig nur das Notwendigste gepackt. In meinem Fall beinhaltete das zusätzlich einen mobilen Handlauf für das Bad und einen formschönen, äußerst eleganten Sitz für rückwärtige Angelegenheiten. Zwei Accessoires, die mir das unstete Gefühl vermittelten, nicht bloß besondere Bedürfnisse zu haben, sondern downhill unterwegs auf den Kompost zu sein. Kurz: Ich fühlte mich angesichts dieser notwendig gewordenen, sperrigen Mitbringsel reichlich alt und hinfällig. Mein unbedachter Kommentar zu dieser Beobachtung zog eine erfrischende Kopfwäsche vonseiten der Gattin nach sich, die mir nicht nur die Wadeln nach vorne, sondern auch den Sinn wieder zurecht rückte. Mein loses Mundwerk verwünschend fand ich mich zwei riesigen Überseekoffern gegenüber, zu denen sich auch noch das Kabinengepäck gesellte. Kaum zu glauben, was für Zeug wir mit uns führten, um gerade Mal vierzehn Tage in Europa zu verbringen.
Wobei die Reise nicht bloßes Vergnügen war, und schon gar kein Urlaub. Unsere Visa mussten an der US-Botschaft in Wien verlängert werden. Das heißt, wir mussten ausreisen, um den Antrag auf Verlängerung an der ausstellenden Behörde stellen. Hätten die USA irgendwelche Gründe, uns nicht wieder hinein zu lassen gehabt, wären wir draußen geblieben. Da half kein Murren und Knurren. Und Termine an der US-Botschaft waren kostspielig. Aber dazu später mehr.
Um es einmal in der Sprache der von mir sehr geschätzten Sciencefiction zu formulieren, der erste FTL-Sprung (= „faster than light“-„Schneller als das Licht“) war für mich nie das Problem. Weder körperlich noch geistig. Es war bisher immer der vermaledeite zweite. So war der erste, der Transatlantikflug, weder für Juliane noch für mich ein Problem. Dank massiven Rückenwindes brauchten wir lediglich rund sechseinhalb Stunden für den Weg nach Europa, namentlich nach Dublin im schönen und grünen Irland. Von dort ging es weiter nach Schiphol in den Niederlanden. Wir hatten Special Service gebucht, weil ich die Distanzen auf den internationalen Flughäfen nicht mehr laufen kann. Auch der Weg durch den Schlauch in das Flugzeug wird immer schwieriger. Kurz gesagt, jemand muss mich im Rollstuhl bis an die Flugzeugtüre fahren. Das geschieht idealerweise in dem Zeitfenster zwischen dem Einsteigen der Businessklasse, der Familien mit Kleinkindern und der Economyklasse. Das erspart allen Beteiligten jede Menge Ärger und vor allem mir das ungenierte Gaffen beim Hinsetzen. Leider hatte das in Dublin dieses Mal gar nicht geklappt. Special an meinem Special Service war bloß, dass ich fast als Letzter in das Flugzeug gelassen wurde. Ich wurde von unserem Kabinengepäck getrennt, weil aller Stauraum in der Kabine schon mit Handgepäck voll war. Pech gehabt, könnte man meinen. Nur dass in meinem halt meine Medikamente sind, die ich schon ganz gerne bei mir hätte. Außerdem bin ich beim Ausziehen und Hinsetzen auch nicht gerne die Attraktion für Zeitgenossen, die ihre Mimik nicht im Griff haben. Schon gar nicht frühmorgens um fünf und mit einem Transatlantikflug in den Knochen und Gelenken. Besonders gefreut habe ich mich dann über die Konversation mit einer jugendlichen Handelsreisenden, die partout nicht verstehen wollte, inhaltlich wie akustisch, dass mir völlig klar war, dass sie den Sitzplatz in derselben Reihe gebucht hatte, ich aber ohne Hilfe nicht alleine aufstehen konnte, um sie dorthin zu lassen. Wenigstens begriff ihr Begleiter, an den sie sich hilfeheischend gewandt hatte, mein Problem. Juliane und er halfen mir auf die Beine, und meine neue Reisebekanntschaft konnte sich endlich setzen. Besagte junge Dame schrumpfte wenig später in ihrem Sitz zusammen, als ich mich bei der Stewardess über diesen extravaganten Special Service beschwerte. Ich wusste (und erklärte), dass das Kabinenpersonal nicht dafür verantwortlich zu machen war, aber ich hatte einfach das Bedürfnis, meinem Ärger Luft zu machen. Ich versuchte der wirklich freundlichen und verständigen Flugbegleiterin auch klar zu machen, dass es mir nicht um Vorteilsnahme ging. Wir waren alle gleich und hatten alle unsere Tickets bezahlt. Aber ich war der mit den chronischen Schmerzen und dem Schauwert für Einfältige. Behinderung ist kein Privileg, sie ist eine Last.
Die Ankunft in Schiphol entschädigte mich für all den Ärger. Ich fiel in die fürsorglichen Hände einer Flughafenangestellten aus Kap Verde, die Juliane und mich gutgelaunt und flink quer durch den riesigen internationalen Flughafen Amsterdam, an unser Gepäck und ins Taxi lotste. Ihren fröhlichen und zugleich autoritären Warnruf an Passanten hätte ich gerne als Klingelton. Die elektrischen Flughafengefährte fühlen sich außerordentlich schnell an, und bei den Reaktionszeiten mancher Fußgänger auf Warnung und Zuruf wird es einem als Fahrgast manchmal Angst und bange. Assoziationen und Ähnlichkeiten mit flüchtenden Herdentieren in Naturfilmen sind naturgemäß rein zufällig.
Auch im Taxi fühlte ich mich widernatürlich beschleunigt. Der Fahrer war jung und südländisch und führte mir eindrücklich die Mentalitätsunterschiede zwischen den USA und Europa vor Augen. Auf den Highways ging es alles in allem doch recht ruhiger als auf den Autobahnen zu. Ich saß vorne im schnittigen Mercedes, mein Magen gab sich fröhlich der Fliehkraft hin, und meine Finger krallten sich unweigerlich in den Türgriff. Vielleicht war der Taxifahrer auch enttäuscht, dass unser Fahrziel so nahe am Flughafen lag und wollte die Fuhr so schnell wie möglich erledigt haben. Jedenfalls nahmen wir die Auf- und Abfahrten recht sportlich und überholten und schnitten wie die Weltmeister. Erstmalig verspürte ich so etwas wie Sehnsucht nach den behäbigen Automatikautos in den USA.
Wobei mein erster Eindruck ein völlig anderer war. Der Blick aus den Seitenfenstern des Taxis offenbarte eine völlig andere Welt. Im Vergleich mit den USA, insbesondere mit dem baufälligen Flughafen La Guardia und den schlaglochverseuchten Stadtautobahnen von New York, wirkten die Niederlande besenrein. Den Reinigungstrupp mit der Kehrmaschine mussten wir gerade verpasst haben. Nirgends lag Abfall oder Plastikmüll in der Landschaft. Auch nicht an den Autobahnrändern unter den Leitplanken, wo sich an den Highways vom Becher bis zum Hirschkadaver alles türmt und häuft, was Gott aus Respekt vor der Schöpfung verboten hat. Wasser und Uferböschungen der Grachten waren nicht sauber, sondern rein. Der Asphalt schimmerte blassgrau und makellos in der lückenlosen Straßenbeleuchtung. Umgekehrt wirkten Häuser und Straßenzüge (mit Ausnahme der gigantischen Flughafenhallen von Schiphol) wie Modelle. Wie eine sauberere und dadurch zum Großteil hübschere Kleinbahnanlage. Sogar die Schottergruben und LKWs wirkten wie maßstabsgetreue Miniaturen. Im Vergleich zu den Dimensionen dergleichen Infrastruktur in den USA. Aus dem gleichen Blickwinkel sah von einem Truck in den USA zum Beispiel nur einen Reifen und ein bisschen was vom Kotflügel. Vom europäischen Lastraftwagen auf der Nebenspur sah ich hier etwas mehr. So gestaltete sich der kurze Fahrweg von der Ankunftshalle in unser Hotel schon zum intensiven und lehrreichen Kontrastprogramm. Wie schnell gewöhnten wir uns an Lebensumstände. Umgebung und Umgang wurden so schnell als selbstverständlich und gegeben akzeptiert, dass es einen Flug über einen Atlantik brauchte, um mir das Alltägliche als das Besondere erfahrbar zu machen.
So etwas wie einen Jetlag kannte ich bisher nicht. Noch nicht einmal, als ich nach Neuseeland geflogen war. Aber der Mensch wird nicht jünger, und bei mir zeigten sich bei Ankunft im Hotelzimmer unleugbare Zeichen von Materialermüdung. Ich verschlief quasi einen ganzen Tag und wurde nur von dem meiner Meinung nach typisch österreichischen Schreck geweckt, das Abendessen zu verpassen. Dies geschah uns nicht, und Juliane und ich aßen redlich und für vier. Obwohl die Hotelküche eine Allerweltsvariation aus Tiefkühl- und Halbfertiggerichten anbot, schmeckte das alles ganz vorzüglich. Bestimmt, weil die Hauptzutaten der Fertigkost nicht wie andernorts Zucker und/oder Fett waren. Nach dem opulenten Mahl gingen wir zurück ins Bett. Um vier Uhr morgens waren wir putzmunter und nahmen einen Lavendeltee. Nur wenige Stunden später ging es mit dem Zug nach Frankfurt am Main.
Der Bahnhof lag fußläufig. In nur wenigen Minuten, einmal über die Straße, eine steile Treppe nach oben und durch einen elektrischen Schranken (Durchgang nur mit gültigem Bahnticket), standen wir mit unserem Gepäck auf dem Bahnsteig. Einziges Problem, es war der falsche Bahnhof. Nicht Schiphol Airport, sondern eine Station weiter. Anders wäre es ja auch zu einfach gewesen. Nicht nur das, die siebzig Euro Kosten für die Fahrt nach Amsterdam Hauptbahnhof wollten wir mit einer Fahrt in der Regionalbahn sparen. Gut so, denn wir sollten dort gar nicht hin. Unser ICE nach Frankfurt fuhr von Utrecht Hautbahnhof (nicht von Amsterdam Hauptbahnhof). Nun war so etwas in den Niederlanden zum Glück kein Problem, weil gefühlt und tatsächlich alle drei bis vier Minuten Züge in alle Richtungen fuhren. Gut mit Fahrgästen jeden Alters gefüllte Garnituren, die einmal mehr belegen, dass wenn ein Nahverkehrsangebot besteht, es auch genutzt wird. Mit einem solchen Pendelzug erreichten wir ausreichend im Voraus Schiphol Airport und konnten in den Zug nach Utrecht Hauptbahnhof einsteigen. Als selbiger Zug in die Station einfuhr, erkannten wir, dass es genau der war, der die ganze Zeit über leer im letzten Bahnhof gestanden hatte. Da aber leider keine Zugnummer angezeigt worden war, hatten wir ihn nicht erkannt. Die freie Platzwahl hatten wir somit verpasst, in Schiphol füllte er sich rasch bis auf den letzten Sitzplatz. Juliane und ich fanden in der zweiten Klasse keine freie Bank mehr, also reisten wir stilsicher auf den Klappsesseln neben den Waggontüren in der ersten Klasse. Wobei Juliane ihren Sitzplatz für ein Mädchen auf Krücken aufgab und den Rest der Fahrt nach Utrecht stand. Vor den kleinen Gangfenstern flog die Landschaft rasch vorbei. Grün und besenrein. Und alles andere als menschenleer. Kein Fleckchen Erde, dem Meere abgetrotzt, präsentierte sich unbewohnt oder unbestellt. Endlich entdeckte ich Plastikmüll. „Endlich“ nur um der Vollständigkeit willen. Zu groß wäre andernfalls der Schock gewesen. Weiß schwammen Flaschen und Beutel auf der Wasserspiegelfläche der Grachten und Kanäle. Bis ich begriff, dass es sich bei dem auf den Wellen tanzenden „Müll“ um fröhlich paddelnde Enten handelte.
Die Durchquerung des Ruhrpotts lieferte indes wieder vertraute Eindrücke. Eingestürzte Werkhallen, verlassene Güterbahnhöfe, Industrieruinen mit Graffitiverzierungen geringen künstlerischen Werts und endlich ein bisschen Dreck auf der Böschung. Immer noch zu wenig, um anheimelnd zu wirken, aber immerhin vorhanden. Frankfurt, allen gehegten Vorurteilen zum Trotz, zeigte sich sogar im Bahnhofsviertel von seiner einladenden Seite. Langsam regte sich in mir der Verdacht, ein moderner Potemkin scheuchte Kulissenmaler und Reinigungstrupps vor mir her. Europa war während meiner einjährigen Abwesenheit beunruhigend sauber geworden. Es gab öffentlichen Raum. Menschen gingen auf gekehrten Fußwegen, Kindergruppen liefen über Grünflächen und Spaziergänger durch Parkanlagen. Was war mit mir passiert, dass sogar die unattraktiven Teile der hessischen Bankenstadt anheimelnd und wohnlich auf mich wirkten. Ins Schwärmen hätte ich kommen können, hätte mich der „hessische Charme“ nicht wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. US-amerikanischen und österreichischen Umgangston gewöhnt, erfrischt ein wenig bundesdeutsche Authentizität wie ein kalter Wasserguss ins Genick. Besonders wenn ein Kellner auf „hessisch“ spaßig wird und mit mir über Fußball „scherzen“ will. Fußball? Kenn ich nicht. Moment! Klar doch: Philadelphia Eagles gegen New England Patriots! Ach, das meinen Sie nicht? Dann weiß ich auch nicht…
Aber ich will kein undankbarer Gastfreund sein. Ich muss mich an der Stelle bei unserem Gastgeber bedanken, der mich solange in seiner Wohnung hausen ließ wie Juliane ihr Blockseminar unterrichtete und ihre Gutachter traf. Mit ihm gab es einige gute Gespräche buchstäblich über Gott und die Welt. Aber auch der aktuellen politischen Situation geschuldete Trauerarbeit. Über Zustand und Verfassung der SPD und neuangelobte Regierungen in Nachbarstaaten. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, mich in aller Ruhe auf meine Aufnahmen im ORF-Funkhaus vorzubereiten. Es gab einiges an Texten zu überarbeiten und auszuformulieren.
Jetzt folgte der zweite FTL-Sprung: Sieben Stunden im ICE von Frankfurt nach Wien. Im Geiste verfasste ich einen neuen potentiellen Rammstein-Hit, mit dem Titel „Mir tut der Arsch so weh!“ Die Reise war fatal. Unterwegs bekam ich einen Gusto auf ein Paar Frankfurter. Bedauerlicherweise gab es im Speisewagen noch nicht einmal „Wiener Würstchen“, bloß Currywurst. Wer wird mit seiner Gattin streiten, wenn sie einem eine Freude machen möchte. Ich brachte es nicht übers Herz, die von ihr mitgebrachte Speise abzulehnen und aß die Currywurst in ihrer fragwürdigen Gewürztunke. Ab Passau wuchs das ungute Gefühl in mir, in St. Pölten schäumte mir der Magen. Die Eltern holten uns ab, es gab ein schönes Wiedersehen. Kaum schloss ich hinter beiden die Eingangstür, gab es für die Currywurst kein Halten mehr. Unbedingt wollte sie einen Blick auf unser Wiener Vorzimmer, die Toilette und das Badezimmer werfen. Der Wiener und die Currywurst konnten nicht zusammenbleiben. Geschweige denn zusammen ruhen. Das war ein freudiges Hallo bis zum Morgengrauen. Nur gut, dass wir um 8:30 schon den Termin auf der US-Botschaft hatten.
Auf der US-Botschaft zeigte es sich, dass Juliane und ich die Ersten in der Warteschlange waren. Wir waren pünktlich erschienen. Wir waren sogar etwas zu früh. Wir waren da. Unsere Anträge nicht. Der Mann am Schalter sagte, er könne uns nicht helfen. Wir müssten wiederkommen. Jeder Termin mit der US-Botschaft kostete mehrere hundert Dollar. Pro Person. Diese Tatsache trug nicht gerade zur Entspannung der Situation bei. Zum Glück war meine liebe Frau recht schnell für meinen Einwand offen, dass es sich nicht empfahl, in einer militärbewachten US-Einrichtung zu randalieren. Die Herren trugen uns hinaus, bevor wir unseren Einwand formulieren konnten. Der Mann hinter der Glasscheibe zeigte aber auch das Beamtengesicht Österreichs. Das zu interpretieren, musste man gelernter Österreicher sein. Karl Kraus gelesen zu haben, half maßgeblich. Die teilnahmslose Blässe durfte man jetzt nicht mit Unfreundlichkeit verwechseln, wies er doch verklausuliert deutlich auf die Hintertür hin: Da stand ein Computer für den Publikumsverkehr bereit, von dem wir unsere Anträge stellen konnten. Beeilten wir uns, das Ding in die Finger zu bekommen und alles auszufüllen, brauchten wir keinen neuen Termin. Juliane hatte bestens organisiert alles Notwendige bei sich. Trotzdem brauchten wir für jedes Formular fast eineinhalb Stunden. Und das für jeden von uns. Zum Glück waren wir so früh da gewesen. Und im letzten Moment drohte trotzdem noch alles zu scheitern. Die offiziellen Bilddateien für das Visum waren zu groß, um sie hochzuladen. Ich versuchte die Dateien irgendwie zu verkleinern. Indes das Bildbearbeitungsprogramm auf dem Rechner war in Chinesisch. Meine Nerven lagen blank. Just jetzt wollte eine andere Antragstellerin von mir wissen, wann sie den Computer nutzen konnte. Ob ich ein Problem hätte, und ob sie mir helfen konnte. Ich war kurz davor, ein wenig mehr Privatheit einzufordern. Ich entschied mich dagegen, überließ Juliane das Reden. Es zeigte sich, dass uns das Schicksal eine türkische Bildbearbeiterin geschickt hatte. Sie reduzierte, die Götter wissen wie, die Bildgröße unserer Dateien um genau so viel, dass wir sie hochladen konnten. Unsere Anträge gingen dank ihr direkt nach Washington und kamen recht flott bearbeitet wieder zurück. Unsere Visa wurden verlängert. Drei Tage später kamen sie mit dem Botendienst.
Da lag ich schon krank im Bett. Am Wochenende konnte ich gerade noch meine Kernfamilie anlässlich meines vierzigsten Geburtstags treffen, und sie bei dieser feierlichen Gelegenheit auch gleich alle anstecken. Schon an diesem Abend rüttelte mich der Schüttelfrost und klapperten mir die Zähne im Fieber. Die Grippe nahm mir die Entscheidung ab, wen ich aller in der kurzen Zeit meines Wienaufenthaltes treffen konnte. Die Antwort war simpel: Niemanden. Das einzige, was ich von Wien zu sehen bekam, waren meine Wohnung und mein Bett. Kaum ging es mir halbwegs besser, gesellte sich Juliane zu mir aufs Krankenbett. Da lagen wir jetzt beide im Fieber und fürchteten um den Rückflug. Mit Grippe überquerte es sich so schlecht den Atlantik.
Doch die Viren hatten ein Einsehen. Sie starben rechtzeitig, so dass wir unseren Rückflug nehmen konnten. Bevor es soweit war, konnte ich noch einen notwendigen Behördenweg erledigen. Ich erfreute mich am zuerst süffisanten Beamtenlächeln, das sich zum Ende unseres Gesprächs in eine helfende Hand beim Aufstehen verwandelte. Ehrlich gesagt, es wäre mir auch lieber gewesen, wenn ich diesen Termin niemals hätte wahrnehmen müssen. Aber wie der große Philosoph Robbie Williams einmal sang: „I sit and talk to God. And he just laughs at my plans.
Und dann der Rausschmeißer: Aus Gründen, die nur der wahre Freund und Kenner von Unternehmensprosa der Telekommunikationsbranche verstehen und schätzen kann, wurde meine Geschäftsemailadresse gelöscht. Ich hatte einen mobilen Datenstick gekündigt, aber im Schreiben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass alle anderen Vereinbarungen davon unberührt bleiben sollten. Seither bemüht sich der technische Support des Service Teams um die Wiederherstellung meiner Mailbox. Ärgerlicher Weise liegt die Betonung auf „bemühen“. Nach mehreren leeren Versprechungen habe ich die Hoffnung aufgegeben, meine Adresse jemals wiederhergestellt zu bekommen. Man wünschte sich, die Anbieter wären beim Kundenservice so prompt und buchstabengetreu wie zu ihren eigenen Gunsten.
Ein bisschen schwitzend vom Reise- und restlichem Grippefieber traten wir montags und zu nachtschlafender Zeit den Heimflug in die USA an. Daheim, das war für mich da, wo ich meinen gemeinsamen Haushalt mit meiner Frau habe. Das wurde mir auf dieser Reise so richtig klar. Ob dieser Ort nun in Dschibuti oder auf Grönland lag, war mir inzwischen herzlich egal. Überhaupt hat sich meine Perspektive verändert. Gemessen schon alleine daran, dass in meinem geschätzten Heimatland so viele Menschen leben wie in der Stadt New York. Diesen geliebten Moloch, dieses Gebirge aus Hochhäusern und Wolkenkratzen, den Schmelztiegel der Nationen flogen wir von Kopenhagen an. Dank Inger habe ich inzwischen ein positives Vorurteil für Dänemark entwickelt, indes der Flughafen von Kopenhagen gab sich unglaublich elegant und gastlich. Der Special Service verfügte über einen eigenen Aufenthaltsbereich mit Polstermöbeln und Trinkwasser. Durch die unterschiedliche Lichttemperatur der Lampen und den Bäumen vor den Fenstern, wirkte dieser Bereich etwas wie auf einer Raumstation. Ein bisschen unwirklich. Ich saß pünktlich und ohne Verzögerungen im Flugzeug. Einziger Wermutstropfen: Ich konnte den herrlichen Lego-Laden nicht besuchen. Juliane hätte sich allerdings auch wenig gefreut, glaube ich, hätte ich ihr eine Legoburg angeschleppt und in New Haven im Wohnzimmer aufgebaut.
Die wahre Größe der Vereinigten Staaten wird erst nach einem Transatlantikflug wirklich erfassbar. In Newark gelandet waren wir gegen halb zwei nachmittags. Es tat gut, die etwas schäbige Monstrosität der Neuen Welt wiederzusehen. Sofort fühlte ich mich wieder zuhause. Die bloßen Füße in Flipflops und die Leggings bei Wintertemperaturen und Schnee trugen ihren Teil dazu bei. Die afroamerikanische Dame, die meinen Rollstuhl schob, war um vieles älter als ich und wirkte gesundheitlich auch um einiges hinfälliger als ich auf mich. Was objektiv Unfug war, aber Menschen in diesem Alter arbeiten in Europa nicht mehr. Dank ihr hatten wir gegen drei unsere Koffer und waren schon beim Shuttledienst für unsere Fahrt nach New Haven angemeldet. In Europa lagen wir höchstens nach einer Stunde schon frisch geduscht in einem Bett. Hier dauerte es eine Stunde bis uns unser Fahrer abholte. Wir waren natürlich just in das Zeitfenster gelandet, in dem keine Züge von Newark nach New Haven fuhren. Und bis abends wollten wir nicht warten. Unsere Limousine, ein schwarzer Lincoln, kam auch etwas früher als befürchtet. Und wir waren die einzigen Fahrgäste, so dass uns der Driver auch zu unserer Wohnadresse fahren konnte. Andernfalls hätten wir einen Uber von der Uni nehmen müssen. Das blieb uns erspart. Nicht aber die Rushhour. Und man fragt sich wirklich, warum dieser Zustand so genannt wird, weil dann nämlich gar nichts „eilt“, sondern alles stillsteht. Um halb sieben abends waren wir endlich zuhause. Und keine Dreiviertelstunde später beide frisch geduscht im Bett.

Fortsetzung folgt…

Wir waren rechtzeitig zum nächsten Schneesturm zurück, mit Blitz und Donner...


Sonntag, 11. Februar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 26)

Teil 26: Von Fahrer zu Fahrgast


Wir fahren mit Uber. In einer US-amerikanischen Kleinstadt wie New Haven mit 130.000 Einwohnern eine halbe Stunde auf ein Taxi zu warten, ist keine Alternative. Die Yale-Shuttles fahren auch nicht immer und überall. Mit Uber ist in drei bis vier Minuten der Transport geregelt. Via App. Ich mache hier sicher keine Werbung für das Unternehmen. Vergessen wir aber einmal die sozioökonomischen Aspekte. Konzentrieren wir uns auf die sozialen, d.h. die zwischenmenschlichen. Gespräche mit Taxilenkern sind schon spannend. Und das weltweit. In den Uber-Fahrern trafen wir in den USA die interessantesten Gesprächspartner. Aus aller Welt. Spannenderweise saßen bisher nur zwei Frauen am Steuer. Beide junge und patente Afroamerikanerinnen. Weder die eine noch die andere hatte Angst, Fahrgäste in der Nacht durch New Haven zu steuern. Wie gesagt, eine Kleinstadt. Mit Uni. Einem goldenen Käfig von der Armut umringt wie das kleine gallische Dorf von Römerlagern. Die betrunkenen College-Studenten, die Nachtens von einer Bar zur anderen oder heim ins Bettchen gefahren werden wollen, die wären zwar laut und nervig, aber harmlos. Eine Beobachtung, der ich mich anschließe. Außerdem sind die im Vergleich zu den Vollzeitstudenten wenigen partylaunigen Youngsters im Moment halb erfroren. In kurzen Hosen und T-Shirts steif wie die Leguane in Florida. Der nächste Frühling und Sommer kommen indes bestimmt. Durst ist schlimmer als Heimweh. Und einige Fahrten führen aus der Gated Community hinaus. Ich bin mir darum sicher, dass die freundlichen jungen Uber-Fahrerinnen etwas Verbindliches zu ihrem Schutz im Handschuhfach mitführen. Generell empfiehlt es sich, sein europäisches Autofahrergemüt und seinen so leicht im Verkehr gekränkten Stolz zu zügeln. Also nicht mit rotem Kopf Beschimpfungen zu brüllen und/oder seinen Mitmenschen Vögelchen und Fingerchen zu zeigen. Die Chance ist groß, dafür geschwind in den Lauf einer Shotgun oder ähnlichem Geschütz zu schielen. Mitgeführt von einem selbstständigen Unternehmer windigen Gewerbes, eines wehrhaften Republikaners oder gar gleich eines schlecht gelaunten Officers. Letztes wäre übrigens der Jackpot. Von einer Nacht in der Zelle träumt doch jeder. Wer eine Reise tut, der will auch was erzählen.
Die USA waren und sind ein Einwanderungsland. Seit die ersten Jäger und Sammler via Eisschollen und über die Beringstraße hierher wanderten. Die einzige aus dem Kontinent geborene humanoide Lebensform haben die Migranten aufgefressen, das Riesenfaultier. Auch die einheimischen Pferde, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Menschen aus aller Herren Länder kamen und kommen hierher. Die komplette Farbpalette der gegenwärtigen Welle fährt für Uber. Zusammen mit rüstigen Rentnern und Zweit- oder Drittjobholdern. Die Gespräche, die sich daraus ergeben sind spannend, informativ und gelegentlich verstörend. Ein erster Eindruck in aller Kürze und gemäß allen Klischees (Wie schon oft gesagt und geschrieben, die müssen ja irgendwoher kommen):
Der rüstige weiße US-amerikanische Rentner fährt Hybrid oder eine deutsche Limousine. Als Gründe für seine Tätigkeit gibt er Langeweile an. Der Erhalt des Lebensstandards bei drastisch reduziertem Jahreseinkommen und/oder die Schieflage des Haussegens kommen dann später erst zur Sprache. Nachdem man sich gegenseitig ein wenig beschnuppert hat, und Juliane und ich als Renegaten der First Church of Income erkannt wurden. Keiner der gutsituierten Herren möchte in seiner Wohngegend als armer Schlucker verkannt sein und aus der Limousine in einen Kleinwagen umsteigen. Da fährt er das kostenintensive Ding lieber für Uber in Grund und Boden und seine Gesundheit in Nachtschichten und beim Kofferstemmen an die Wand. Bitte, it´s the land of the free. Ähnliche Motivationen verraten afroamerikanische und spanischsprechende Familienväter. Sie sind wie die weißen Pensionisten gut gekleidet, sind gebildet, aber auf dem Armaturenbrett leuchtete in den meisten Fällen die Motorkontrollleuchte. Das nächste Service stand an, jedoch nicht auf dem Finanzplan. In der Kostenabrechnung hatten andere Posten Priorität. Ausbildung und Gesundheit der Kinder zum Beispiel. Beim einzigen Nebenerwerbsstudent, der uns zu später Stunde nachhause fuhr, leuchtete die Kontrolllampe im fabrikneuen SUV nicht. Er gab aber ohne Abschweife zu, dass sein Jeep weder fabrikneu wäre noch Reifen hätte, würde er nach seinen Vorlesungen und Lerneinheiten keine Fahrgäste durch New Haven fahren.
Der größte Anteil der Uber-Fahrer rekrutiert sich aber wie gesagt aus Einwanderern. Aus Südamerika und aus muslimischen Herkunftsländern. Unser eigener Akzent funktioniert als Eisbrecher hervorragend. In den allermeisten Fällen ergibt sich daraus sofort ein Gespräch. Frei nach dem Motto: Wo kommt ihr denn her? Ich bin aus XY… Von Österreich und Deutschland hatten bisher alle wenigstens schon einmal gehört. Juliane ist allerdings schon ein wenig davon gekränkt, dass ihre Antwort mit einem zustimmenden Grunzen quittiert wird, und nach meiner die Begeisterungskurve schlagartig steigt.
Gleich zum Jahreswechsel begegneten wir so einem recht verhaltensoriginellen jungen Mann aus Pakistan. Juliane war gleich aufgefallen, dass seine Kundenbewertung mit nur einem Stern im Vergleich zu allen anderen unter jeder Sau war. Zu Neujahr war die Auswahl nicht groß, der Heimdrang dagegen schon. Also mit bester Absicht und im guten Glauben eingestiegen. Keineswegs ungewöhnlich wollte er wissen, woher wir beide kamen, was wir so machten und wie viele Sprachen wir sprächen. Bei Juliane sind es halt doch ein paar mehr, und auch ich habe die eine oder andere lernen dürfen. Er war spürbar enttäuscht von unseren Antworten und relativierte unsere Sprachenkenntnisse im nächsten Atemzug als „international“. Und ich dachte immer, das sei der eigentliche Zweck, um Fremdsprachen zu lernen, sich international austauschen und verstehen zu lernen. Nein, jener wollte uns aufs Auge drücken, dass er acht Sprachen erlernt hatte. Das nötigte mir wiederum ehrliche Bewunderung ab. Seine Enttäuschung wurde jetzt noch größer. Weil ich keinerlei Geringschätzung für „indigene“ Sprachen erkennen ließ, und seine acht Sprachen alles Regionalsprachen des indischen Subkontinents waren. Weshalb auch. Vielsprachigkeit gehört in multiethnischen oder nomadischen Gesellschaften zum Alltag. Ich schloss, dass er einiges an eurozentrischer bzw. amerikazentrischer Verachtung für seine Herkunft zu spüren bekommen hatte und darum die mit Yale verbundenen Wissenschaftler und Studenten gerne mit der bloßen Anzahl beschämen wollte. Wobei Yale ein schlechter Ort für diese Strategie ist. Er war halt dann doch nicht die hellste Kerze auf dem Weihnachtsbaum. Als mich zu Beschämen weder auf die eine noch die andere Weise klappte, änderte er seine Taktik. Ab hier griff er meine Frau an. Nun wollte er mir weismachen, dass mein Glauben in seinen Augen eben doch nicht so gut war wie ich dachte. Als ich ihm dann in rumpelnden Arabisch meine Kenntnisse seiner Religion vortrug, war der Spaß endgültig vorbei. Meine Frau sei zwar die Professorin, aber ich der klügere und so fort. Bevor das ganze eskalieren konnte, war die Fahrt zu Ende. Mit einem freundlichen Basmala schickte ich ihn seiner Wege. Auf hoffentlich Nimmerwiedersehen.
Auf der höchst angenehmen Fahrt ins Kino zu einem leider enttäuschenden Filmerlebnis baumelte der arabische Namenszug Gottes am Innenspiegel. Das konnte ich nicht unkommentiert lassen. Zu groß war meine Neugier. Und mit diesem Mann unterhielt ich mich prächtig vom Einsteigen bis zum Aussteigen. Über Gott und die Welt, Winterreifen und die unergründlichen Geheimnisse der US-amerikanischen Schneeräumung.
Gerne bin ich mit spanischsprechenden Fahrern unterwegs. Die hören die beste Musik. Und die Augen wider den bösen Blick und die Kalligraphie sind in ihren Cockpits durch Rosenkränze und Madonnen ersetzt. Religion ist bei diesen Menschen kein Thema. Man hat die richtige, oder keine. Hemd wie Hose.
Noch lange in Erinnerung bleiben wird mir ein eher unheimlicher Argentinier. Zum einen weil er mich bzw. uns zu einem unterm Strich unerquicklichen aber bitter notwendigen Arzttermin gefahren hat, zum anderen weil auch er ein missionarisches Mitteilungsbedürfnis an den Tag legte, das mir mit der Zeit unangenehm wurde. Aber man kann seinem Fahrer schlecht den Mund verbieten, auf halbem Weg und mit Kinderstube. Zuerst berichtete er in gebrochenem Englisch und recht kurzweilig über seine Nachtschichten. Die er fahren musste, weil ein Familienbesuch bei den Großeltern in Argentinien zwei seiner Jahresgehälter verschlingt. Sein Redeschwall war zwar verstörend, aber in allem nachvollziehbar. Bis er sich in Rage redete. Er zeigte uns beim Vorbeifahren ein College, von dem er regelmäßig schmusende Mädchen abholte. Das Skandalöse daran, die Mädchen küssten und umarmten andere Mädchen. Es waren schwule Mädchen. Guten Morgen, für diese offene Politik ist Yale in den USA bekannt. Hier, anders als in Europa, gilt Yale als die Hippie-Uni unter den Ivy-League Colleges. Wie dem auch sei. Das nächtliche Schmusen der liebestollen höheren Töchter hatte irgendein Ventil gelöst. Im nächsten Atemzug beschwerte er sich über das Bruststillen. Amerikaner, ärgerte er sich, tolerierten Homosexuelle auf offener Straße, aber mit dem Stillen hatten sie ein Problem. Ich spitzte die Ohren. Er kritisierte das Richtige aber im Vergleich zum Falschen und meiner Meinung nach aus den falschen Motiven. Beim Anblick einer stillenden Mutter bricht wirklich buchstäblich Panik aus, jede Form von Gewalt darf jedoch verherrlicht und gezeigt werden. Das wäre mein Problem mit der Sache. Juliane und ich sind uns darin einig, wir hatten aber anderes im Kopf, meinen Arzttermin, und ließen unsren Fahrer weiter schwadronieren. Die Sau war jetzt ohnedies schon heraus, also randalierte sie munter im Weingarten des Herrn. Angesichts unseres Fahrziels gerieten Arzttermine und Medikamentenverschreibungen zum Inhalt seines Ärgers. Er berichtete wie lange er auf einen Termin beim Doktor zu warten habe, und dass seine schwangere Ehefrau keine Schmerzmittel bekam. Wegen ihrer ständigen Beschwerden wollte er sie am Liebsten umbringen. Das trug er völlig frei von Ironie vor. Zu seinen Gunsten interpretierte ich sein Gesagtes als missglückten Scherz bzw. als Sprach- und Übersetzungsproblem. Schon hörte ich die Veränderung im Atemrhythmus meiner Gattin. Und einmal mehr rettete das Erreichen unseres Ziels die Situation.
Bei einer anderen Fahrt freute sich dagegen ein netter Bursche aus der Republik Kongo wie toll er das US-amerikanische Gesundheitssystem fand. Im Vergleich zu dem in seinem Herkunftsland. Juliane und ich hörten seine Worte und trauten unseren Ohren nicht. Er bemerkte unsere Verwirrung und führte weiter aus: In den USA musste er hunderte und tausende Dollar bezahlen während oder nachdem er einen Doktor gesprochen hatte. In Afrika hatte er dieselben Summen aufbringen müssen, um überhaupt einen Arzt treffen zu dürfen. Der war dann manchmal gar keiner, sondern nur irgendein Typ in einem weißen Kittel. Für ihn waren die USA und ihr Gesundheitssystem eine echte Bereicherung und Verbesserung. Natürlich hätten wir ihm jetzt widersprechen können, die Vorzüge des Sozialsystems in Zentraleuropa preisen und ihm die USA madig reden können, aber damit wäre weder ihm noch uns in irgendeiner Weise geholfen worden. Warum sollten wir einem ehrlich Glücklichen die Freude vermiesen?
Juliane und ich empfinden vieles am US-amerikanischen Gesundheitssystem als Spießrutenlauf. Vor allem das ständige Gezerre wegen der Versicherung. Dabei sei klar gesagt, dass weder unser Versicherungsträger noch die Ärzte und Spitäler das Problem bilden. Die Doktoren leiten ihre Verschreibungen direkt an die zuständige Apotheke weiter. Es gibt keine Rezepte. Bis das Medikament aber endlich in meinen Händen, oder besser gesagt in meinem Mund landet, haben noch einige Würstchen ihren Senf abzugeben. Und das dauert. Jede medizinische Hilfe und Versorgung erfolgt unter Finanzierungsvorbehalt. Zum Davonrennen. Darüber könnte man sehr leicht vergessen, wie viele Schrecken, Mühen und Gefahren Menschen auf sich nehmen, um in die USA zu gelangen.
Die Diskussion über die so genannten Dreamers ist in aller Munde. Wir haben schon einige Demonstrationen und Kundgebungen zu ihren Gunsten gesehen. Und ich glaube, in einem jungen Mann mit leichtem spanischem Akzent haben wir neulich auch einen von ihnen getroffen. Auf der Fahrt unter dem riesigen Blutmond über Fair Haven erzählte er uns von seinem Vater, der die lange Reise von Ecuador in die USA zu Fuß unternommen hatte. Von seinem Marsch von Mexiko durch die Wüste nach Texas. Unter sengender Sonne, ohne Wasser und Proviant.
Last but not least trafen wir im Uber einen jungen Mann, der uns recht schnell und schnörkellos gestand, die USA nicht zu mögen. Die Menschen wären unfreundlich und abweisend zu ihm. Das widersprach meinen eigenen Erfahrungen, und ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, dass die Ablehnung mit seinem Herkunftsland zu tun hatte. Mein erster Eindruck von ihm war ein positiver, sein Umgang freundlich und offen. Wie üblich fragte er uns nach unserem Akzent. Und siehe da, sein Bruder lebte in Wien, und ein Cousin in Deutschland. Die Österreicher wären sehr nett, die Deutschen weniger. Diese Darstellung verblüffte mich ein wenig. Die österreichische Gastfreundschaft wird zurzeit nicht gerade gepriesen. Jedenfalls nicht in den Sozialen Netzwerken. Für den jungen Mann stand sie außer Zweifel. Die besten Pässe, sagte er, wären ein österreichischer, ein schwedischer oder ein deutscher. Seinem Bruder wurde bedingungslos geholfen, seinem Cousin widerwilliger aber doch. Er musste rund um die Uhr arbeiten, um ein Auskommen zu finden. Und Connecticut ist sehr teuer. Sobald er seine Greencard bekommt, will er in ein freundlicheres Land. Dazu brauchte er aber den US-amerikanischen Pass. Seiner war nämlich nichts wert. Was das denn für ein Pass sei, wollte ich wissen. Ich hatte inzwischen einen Verdacht, der sich prompt bestätigte: Der junge Mann war aus Afghanistan. Als ich ihn fragte, ob er Pashtun sprach, zeigte er sich erschüttert. Er hatte scheinbar noch nicht erlebt, dass jemand wusste, dass es Volk und Sprache der Pashtunen überhaupt gab. Seine Muttersprache war allerdings Dari. Wobei er auch Urdu, Pashtun und Farsi beherrschte. Nach Afghanistan zurück wollte er nie mehr.
Unter dem Eindruck all dieser verschiedenen Gespräche und dem fortgesetzten Konsum heimischer Medien traue ich mir inzwischen folgenden Schluss zu ziehen: Der größte Unterschied zwischen den USA und dem deutschsprachigen Europa in der Politik ist, dass alles, was zum Beispiel in Österreich von vielen bereits als rechts oder konservativ angesehen wird, in den USA eindeutig und zweifelsfrei links ist. Umgekehrt haben in Österreich viele, die sich links oder mittig verorten, Gedankengut verinnerlicht, das sie auch ohne Bedenken äußern und als normal empfinden, das in den USA eindeutig und zweifelsfrei als rechts erkannt wird.
Kurz zusammengefasst: Wer Ohren hat zum Hören, der kann auf Uber-Fahrten sehr viel lernen. Nämlich Demut und Dankbarkeit.


Fortsetzung folgt…

Samstag, 3. Februar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 25)

Teil 25: Und täglich grüßt das Murmeltier


Barbar im Pelz!
Murmeltier Phil hat prophezeit, dass der Winter in Neuengland sechs weitere Wochen dauern wird. Zu Mariä Lichtmess (2.Februar) wurde er standesgemäß aus seinem Winterschlaf geweckt. Von bärtigen Herren in Frack und Zylinder. Phil entstammt einer langen und ehrwürdigen Linie pausbäckiger Phils. Der wievielte seines Namens Phil ist, weiß ich nicht. Ihre prophetische Gabe wird seit Generationen geschätzt und gewürdigt. Ihre menschlichen Bewunderer und Ernährer darum als Philister zu bezeichnen, halte ich für ungerecht. Nicht immer hatten die Phils Recht mit ihrer Vorhersage, aber wie ein chinesisches Sprichwort besagt, ist Tradition die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Also wer schert sich um ihre Trefferquote? Wo doch die Kunst der Verneinung und die Kraft des Glaubens dieser Tage wieder hoch angesehen sind. „Postfaktisch“ nennt das der Gebildete, „den Kopf in den Sand stecken“ der Volkstümliche.
In den ehrwürdigen Hallen der Universität Yale wurde mit Semesterbeginn der Frühling ausgerufen. Und mit der Ausgabe dieses Mottos zeigten sich sofort die ersten Frühlingsfarben. Es sind nicht die Krokusse, Himmelschlüssel und Veilchen, die ihre bunten Blütenblätter aus den Grünanlagen strecken. Es sind blau, rot und purpurn gefrorene Knie, Waden, Knöchel und Ellenbogen. Die Außenthermometer zeigen Wintertemperaturen und Minusgrade weit unter null (Celsius), aber die Herzen und die Mode verlangen nach nackten Beinen und Armen. Das Tragen von Strumpfhosen ist als altbacken verschrien, das Anziehen von Strümpfen als irgendwie unmoralisch. Erwachsene Frauen staksen in Sommerpomps und in nackten Waden durch den Schnee. Wurde ihnen jedes Kälteempfinden aberzogen? Das Verweigern der Realität auf den Thermometerskalen führt bei Studenten beiderlei Geschlechts zu Weglassen der Socken, dem Verweigern des Tragens von Winterschuhen, sogar von Winterjacken. Samstagabends herrscht eine romantische und melodische Stimmung auf den Wegen zwischen den Collegegebäuden. Das Sirren in der Luft erinnert mich an Straßenszenen in Sevilla oder in Madrid im Goldenen Zeitalter Spaniens. Kastagnetten-Klang und rhythmische Tamburin-Schläge liegen in der Luft. Es sind die Zähne und Knie der Studentinnen und Studenten. Die blutleeren Arme eng um den eigenen Leib geschlungen huschen sie von einem geheizten Gebäude zum nächsten. Bestaunt von dick angezogenen Leuten wie mir. Nachdem die Schlotternden die gesellschaftliche Elite darstellen, müssen sie über eine Wahrnehmung der Wirklichkeit verfügen, die über meine begrenzten Möglichkeiten hinausgehen.
Sobald ich in Großvaters Innenpelzmantel an der Haltestelle auf den Bus warte, strafen mich mehr und weniger jugendliche Bleichgefrorene in Leggings, Kunststoff-Blousons und Turnschuhen mit Blicken. Nicht weil sie neidisch sind, sondern moralisch überlegen. Bis jetzt hat sich noch niemand getraut, mich direkt auf meinen Mantel anzusprechen. Vollbart und geflochtener Zopf schrecken ab. Machen mich vollends zum Barbaren. Wie dem auch sei! Ich warte darauf, dass endlich eine oder einer den Mut aufbringt, mich wegen meines Wintermantels aus echt Leder und Fell zu maßregeln. Ich würde ihnen so gern erklären, dass mein Großvater diesen Mantel vor rund sechzig Jahren ehrlich erworben hat. Von einem österreichischen Meisterbetrieb, wo ihn ein Erwachsener mit Sozial- und Krankenversicherung, nach Kollektivvertrag bezahlt und in geregelten Arbeitszeiten aus Naturprodukten vom Schaf hergestellt hat. Arbeitsrechtlichen Errungenschaften, von denen bloß zu träumen in den USA als Kommunismus gilt. Und von wegen Nachhaltigkeit: Mein Schafsmantel wird noch tragbar sein, wenn ich längst das Zeitliche gesegnet haben werde und alle Weichmacher aus allen in Kinderarbeit in Billiglohnländern hergestellten Erdöljacken gesickert sind. Und falls ihn mal jemand wegwirft, wird er bis auf die Hornknöpfe restlos vermodern. Vielleicht ist es aber auch der Stock? Einen Behinderten anzumachen, kommt nicht so gut in der urteilenden Öffentlichkeit. Und ich bin noch keiner Gesellschaft begegnet, in der der bloße Anschein so sehr das reflektierte Sein auslöscht.
In der Literaturwissenschaft (virtuell und auf Papier) kursierten zum Semesterbeginn an vielen Unis Petitionen. Zu viele Titel weißer toter Männer stünden in den Pflichtliteraturlisten der Lehrveranstaltungen. Um die Empörung zu beruhigen, wurden in der Folge ein paar davon gestrichen. Dafür werden zwei drei AutorInnen z.B. aus Westafrika gelesen. Alles gut! Dass alle „niederen“ Arbeiten und „Dienstbotentätigkeiten“ auf dem Campus von AfromerikanerInnen, Spanischsprechenden oder sonstigen Immigranten erledigt werden, ist dagegen so alltäglich und allgegenwärtig, dass diese „gottgewollte“ und dollargegebene Ordnung keine Sekunde hinterfragt wird. Wir fahren alle mit einem Uber von A nach B. Wohlwissend, dass die Lenker keinerlei soziale Absicherung haben (oder anders als die Taxilenker keine Berufseignungsprüfung oder Lizenz brauchen). Über das ungute Gefühl wegen der sozialen Ungerechtigkeit soll man sich mit einem hohen Trinkgeld helfen. So viel Trinkgeld kann niemand geben, um im Ernstfall eine Krankenversicherung zu ersetzen. Aber egal! Wenn nur alle fleißig arbeiten, ist jeder seines Glückes Schmied. Wie man sich bettet, so liegt man. Fällt auf der Veranda des Nachbarhauses die Schneeschaufel um, bleibt sie so liegen, bis Jose oder DeAndre kommen und damit den frischgefallenen Schnee schippen. Auch wenn das erst im nächsten Winter ist.
Mit Mariä Lichtmess war auch Weihnachten endgültig vorbei. Juliane und ich haben unseren Christbaum entsorgt und zum Abschluss ein Konzert von Weihnachtsmusik für den Dresdner Kurfürstenhof von Heinrich Schütz besucht. Wobei „entsorgt“ ein wenig übertrieben ist. Von der Wiener MA 48 zu Mülltrennung und zur Christbaumsammelstelle erzogen versuchte ich herauszubekommen, wo wir unseren abgeschmückten Baum hinbringen sollten. Obwohl Juliane und ich uns beide bemühten, wir fanden auf unsere Frage keine Antwort. Und die trockenen Nadeln rieselten derweil auf den Parkett. Wir überlegten, beim Botanischen Garten zu fragen, ob wir unsere brave Tanne bei ihnen auf dem Kompost zur letzten Ruhe betten dürften. Jede einzelne Strähne Engelshaar hatten wir natürlich abgezupft. Dann fragte Juliane bei ihren Gastgebern am Institut nach, was in New Haven mit einem Christbaum a.D. anzustellen sei. Die Frage löste Erstaunen aus. Die Antwort war so einfach, so erschütternd und so US-amerikanisch: Nimm das Ding und lege es am Tag der Müllabfuhr zu den Mülltonnen neben die Straße! Die seligen Jose und DeAndre in ihrer Emanation als Müllmänner nehmen die Baumleiche mit.
Es sind solche Beobachtungen, die mir den Aufenthalt in den USA verleiden könnten, gäbe es nicht ebenso viele angenehme Erlebnisse und Zeitgenossen.
Indes überlege ich mir, den Genuss der heimischen Nachrichten via Internet einzustellen. Die Schlagzeilen und Berichterstattungen gefährden meine Gemütsruhe. Ebenso die Interpretation derselben in den so genannten Sozialen Netzwerken.
Kaum ist Weihnachten auch im offiziellen Kirchenfestkalender zu Ende, werde ich von Zeitungen und Radiojournalen an das Osterfest erinnert. Die österreichische Innenpolitik erinnert mich an Ostereier. Das An- und Einfärben staatlicher Einrichtungen scheint niemanden zu stören. Das Umfärben löst eine Reaktion aus. Vor allem und scheinbar nur, wenn die gewählte Farbe nicht gefällt. In den Wänden von Ministerien werden von Experten technische Einrichtungen geborgen, die je nach politischer Gesinnung entweder ein Lautsprecher oder eine Abhöranlage sind. Die technischen Expertisen der zuständigen Stellen werden in der Beurteilung nicht berücksichtigt. Besser ist es, sich in vorgefassten Mustern zu empören, als mit Fakten und Widersprüchen die Einigkeit zu stören. Wirklichkeit muss nicht bewiesen werden, sie beruft sich auf wiederholtes Zitat und Autorität. Ein solcher Wahrheitsbegriff hat einen Namen: Scholastik. Und er stammt aus dem von heutigen Möchtegern-Aufklärern so verpönten Mittelalter. Über die Argumente und Streitkultur unserer Tage hätte Thomas von Aquin herzlich gelacht. Danach wäre er in Tränen ausgebrochen.
Wer gegen Monstren kämpft, wird selbst zum Monster. So in etwa sagte Friedrich Nietzsche (mit sächsischem Akzent). Man bezichtigt ohne Zaudern oder Zögern das norwegische Nationalteam des Nationalsozialismus, weil sie in Runen „kämpfende Elche“ in ihre Pullover gestrickt tragen. Das ist ihr offizieller Spitzname! Und die altnordischen Runen ihr kulturelles Erbe! Dafür, dass sich ein paar mutmaßliche Nachkommen von Wald- und Wiesengermanen diese Schrift unrechtmäßig angeeignet haben, um auch ein bisschen Wikinger zu sein, dafür können diese Sportlerinnen und Athleten nichts. Eine ZDF-Moderatorin belehrt britische Kostümhersteller, dass es „verstörend“ sei, wenn sich Kinder im Fasching als „Evakuierte“ verkleiden. Das sind keine „Flüchtlinge“, es sind jene, die vor den Bombardements der reichsdeutschen Luftwaffe aus den englischen Städten evakuiert wurden. Es sind jene, die mit ihrem Durchhaltevermögen und ihrer Aufopferung den Sieg der Alliierten über das Dritte Reich ermöglicht haben. Kurz gesagt: In dem Kostüm geht man als Heldin und Held. Jedenfalls auf ein englisches Faschingsfest. Auch das ist kulturelle Vielfalt. Last but not least wird in einer Galerie in Manchester ein Gemälde des Malers John William Waterhouse abgehängt, weil sein Inhalt sexistisch sei. Es zeigt Nymphen, die einen Hirten verführen. Es ist die femme fatale, die emanzipierte und gefährliche weibliche Sexualität, die abgehängt wird. Nicht die Vergewaltigte, nicht die Entführte, nicht die gegen ihren Willen Verhüllte, nicht das Muttchen am Herd!
Ich kann ehrlich gesagt bald nicht mehr länger zusehen, wie der politisch Andersdenkende in der immer aggressiver werdenden Rhetorik mehr und mehr entmenschlicht wird. In der Geschichte der Zivilisationen war und ist dies der erste Schritt zur Menschenjagd.


Fortsetzung folgt…

Montag, 15. Januar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 24)

Teil 24: Lustig ist das Migrantenleben – Eine Berg- und Talbahn!


Weihnachten und Sylvester sind vorbei, und ein neues Jahr hat angefangen. Zeit, um Bilanz zu ziehen. Ein zwangsläufiger Akt, vor dem es auch diesmal kein Entrinnen gab. Spätestens mit dem Kater am Neujahrsmorgen setzte er ein. Jedes Mal dieselbe böse Überraschung. Dabei war ich gewarnt: Wer in den Wald geht, der darf das Rauschen nicht fürchten! Während über dem Wipfel der Wind heulte, nagte am Wurzelwerk der Gewissenswurm. Das lag nicht alleine am Alkohol, es war auch der Zeitpunkt. Der Lichtmangel und die Außentemperaturen, die von milden Plusgraden über Nacht zu Minusgraden im zweistelligen Bereich hin und zurück wechselten. Auf der Celsiusskala, versteht sich. Lichterkette, Herrnhuter Stern und Christbaumbeleuchtung halfen, die Niedergeschlagenheit dieser Tage einzudämmen. Ganz zurückhalten konnten sie die Sorgenflut dennoch nicht. Land unter! Und auch hiervor war ich gewarnt. Das Auf und Ab der Gefühlswellen, die Berg- und Talfahrt als Passagier im Personenwagen der Existenz, die meine Omama noch nostalgisch kunstvoll als „himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“ beschrieben hatte, die empfanden Migranten besonders intensiv. Moderne Gebrauchslyrik sang da weit prosaischer und inzwischen abgegriffener vom Leben als Achterbahnfahrt. Enthusiasmus, Zukunftswillen und Gestaltungswut erklommen den Gipfel des Empfindbaren, um nach einem kurzen Schwupps und Magenheber in die finsterste Talsohle der Verzweiflung, Nichtigkeit und Einsamkeit zu stürzen. Und wenn dann ein menschengemachtes und dazu mit viel Bedeutung versehenes Datum auf dem Kalender erscheint, dann glotzt der Abgrund plötzlich zurück und fragt: „Was hast Du erreicht bisher?“ Und die Nabelschau wird zum Gruselkabinett. Und das Schauerlichste darin ist das eigene verzerrte Spiegelbild.
Mein körperlicher Zustand erlaubt es mir nicht, jederzeit und immerzu wie ich das will unser Heim zu verlassen. Exilanten haben in diesem Zusammenhang schon vom lebendigen Grab geschrieben. In unserem US-amerikanischen Heim sind jedoch keine Spinnweben und Moder, sondern viel Liebe und Anteilnahme zuhause. Dennoch warte ich. Und dieses Warten wirft unangenehme Fragen auf, die es sich auch gleich selbst auf die übelste Art und Weise beantwortet: Der Migrant, egal ob sie oder er, fragt, was sie oder er bisher am neuen Ort erreicht hat? Ich frage mich, wie viele meiner Hoffnungen wurden erfüllt? Wie viele Höhen habe ich wirklich unter den Füßen gespürt? Und wenn´s wirklich finster war draußen wie drinnen, dachte ich, dass die USA für mich eine Enttäuschung geworden sind. Keine meiner Erwartungen wurden erfüllt. Kein Gipfel unter den Sohlen, kein zufriedener Blick zurück ins Land. Und mit wem redete ich überhaupt? Nur mit jenen, für die es keine andere Wahl gab. Nur mit denen, die dazu verpflichtet waren. Deren Job es war, sich um mich zu kümmern. Erschwerend zu Dunkelheit, Kälte und Krankheit hinzukommt, wenn man wie ich auf etwas wartet. Und ich warte auf eine Antwort, die meinem Tun wieder Sinn geben kann. Und Platsch machte das Fettnäpfchen!
Wenn irgendjemand meinem Tun einen Sinn geben kann, dann bin ich das selbst. Und bei diesem Gedanken erscheint er bald, der Silberstreif am Horizont. Der Moment vor dem Sonnenaufgang ist der dunkelste und kälteste der Nacht. Wintersonnenwende. Sol invictus. Weihnachten! Und während ich meinen Verstand wieder wärmend um das kalte Herz schlinge, wird mir klar, dass ich genau auf die Seife getreten bin und herumsause wie Kleopatras Löwe bei Asterix, die mir so unglaublich auf den Geist zu gehen beginnt. Die Lehren der alten Religionen wurden abgelöst von der First Church of Income. Die Frohbotschaft der Weihnachtszeit war vielerorts die abgehakte Einkaufsliste. Das einzige Thema, worüber sich weiße Männer meines Alters an den Tischen und am Tresen der Bars unterhalten, sind Dollars, wie viele „Ks of dollars“ einer im Jahr macht, und/oder was dies und das in der Anschaffung kostet. Erhaltung findet sowieso nicht statt. Konsumiere bis die Müllabfuhr kommt. Um in diesen Gewässern zu fischen, sind sie mir zu durchsichtig und zu flach. Aber hilft mir das? Im Gegenteil. Dank dieser ständigen Auspreisung menschlichen Tuns und Strebens fühle ich mich wertlos, auf den Wühltisch zu den Ladenhütern geräumt. Bald schon dräut der Abfalleimer.
Dank der Irrlichter meiner Gedanken landete ich in einem klebrigen Pfuhl, aus dem ich mich wohl oder übel am eigenen Schopf wieder rausziehen musste. Das machte mich weder zu einem Münchhausen, noch zu einem Helden, das muss jeder Migrant und Exilant andauernd schaffen. Und wenn er oder sie Glück haben, dann tritt ihnen beim Aufrappeln wenigstens keiner auf die Finger. Es ist in New Haven schon vorgekommen, dass Barkeeper die Bestellung eines Bekannten partout nicht verstehen konnten, weil er so einen grausamen Akzent hätte. Und der Mann ist Brite. Ich habe das Glück, dass mir stets die eine oder der andere unter die Arme greift und mich wieder auf die Beine stellt. Und nicht nur im übertragenen Sinn.
Weihnachten in den USA hört sich an wie daheim. Da ich ein ernstes Problem mit der christlichen US-amerikanischen Frömmigkeit habe, beziehungsweise bisher noch keine Kirchengemeinde gefunden habe, die meinen Zugang teilt, blieb meine Spiritualität heuer auf den optischen und musikalischen Anteil beschränkt. Und auf mein Empfinden. Die Mehrzahl der im öffentlichen Rundfunk gesendeten Weihnachtslieder ist deutschsprachiger Herkunft. Die Klassiker werden in Originalsprache gesungen. Die Volks- und Kunstlieder in Original und in Übersetzung. Bei den Profis kamen die Texte akzentfrei rüber, bei Laienchören brauchte es dagegen einiges an Textkenntnis, Gespür und Fantasie, um zu erkennen, um welche Stelle welcher Strophe es sich gerade handelte. Und da in Europa die britischen und amerikanischen Schlager seit Jahrzehnten fix ins alljährliche Repertoire gehören, besteht am Ende der Feiertage zumindest musikalisch und atmosphärisch kein Grund zu Heimweh oder Fremdeln. Weihnachten und Hanukkah sind hier wie da fast identisch. Sie bringen Licht in die Finsternis und Nostalgie und Freude ins Gemüt.
Ganz anders gestaltete sich indes der Jahreswechsel. Juliane und ich besuchten eine Drag- und Burlesque Show in New Haven. Das war ein großer Spaß. Wobei es auch hier zuerst einmal um Dollars ging. Keiner, lernten wir, würde jemals von einer Drag-Queen zurückgelassen. In Anspielung auf den Grundsatz des US-Militärs: „No one is left behind!“ Einmal mehr waren wir „with the people“. Die Colleges standen leer, die Uni hatte Ferien. Das heißt, Vorlesungsfreie Zeit. Oder wie man in Yale dazu sagt: Reading days. Das Cafe war bis zum letzten Stehplatz besetzt und bester Laune. Schulter an Schulter wurde getanzt und getrunken. Bei manchen entfesselten Leibern begann ich mich zu fürchten. Vor Verletzungen und seismischer Aktivität. Die Eruption zum Jahreswechsel spielte sich drinnen unter Pfeifen, Singen, Küssen und mit Musik ab. Kein Feuerwerk. Und vor allem keine Böller. Das ist ein sehr sympathischer und nervenschonender Zugang der US-Amerikaner zum Neujahrsfest. Da hat es wieder etwas Gutes, wenn ihnen ihre Dollars zu schade zum Verbrennen sind.
Nach der Feier fuhren wir wieder mit einem Uber heim. Absurderweise hatte der bestellte Fahrer bei seiner Bewertung bloß einen Stern. Die schlechteste Kundenbewertung bisher. Nach einer gelösten Feier in Gesellschaft von Drag-Queens und offenen Menschen jeder sexuellen Orientierung war es ein Weckruf in die Gegenwart, in dem jungen Uber Driver einen Pakistani kennenzulernen, der meine Frau gleich auf den ihr zustehenden Platz im Leben verweisen wollte. Nun, das erklärte immerhin die Kundenbewertungen.
Boulevardmedien täglich und ausschließlich genossen können zu Paranoia führen. Allen gemeinsam ist, dass sie zu Übertreibungen bzw. Skandalisierungen neigen. Ein beliebtes Thema dieser Tage war im deutschsprachigen Europa das „Schneechaos“ in den USA. Dergleichen hat ganz gewiss stattgefunden, an den Großen Seen, aber die sind tausende Meilen weit weg. Connecticut liegt an der Ostküste, und wir wurden „nur“ drei Tage lang vom Wind durchgebeutelt und verweht, aber von einem Chaos keine Spur. Die Wetterwarnung erreichte uns tags zuvor. Alle öffentlichen Einrichtungen, auch das Krankenhaus (bis auf die Notaufnahme) und die Uni blieben geschlossen, die Leute sollten zuhause bleiben. Abends frischte der Wind auf. Aus einer flüsternden Brise wurde innerhalb weniger Stunden ein heulender Sturm. Was uns diese Nacht mitsamt dem Holzhaus sanft in den Schlaf wiegte, das war noch nicht der Blizzard selbst, das waren seine Blizzard-ähnlichen Ausläufer. Vom Ächzen des Zimmermannswerks und dem Rütteln an den Holzrahmen der Fenster wachgeküsst, offenbarte der Blick aus dem Fenster ein hübsches, leicht in Windrichtung verwischtes neutrales Grau. Hinter dieser getrübten Firniss-Schicht zeichneten sich dunkel die Konturen der Nachbarhäuser ab. Wobei eines fehlte, es wurde sicherheitshalber schnell und gewissenhaft abgerissen. Wo vorher das nette kleine Holzhaus stand, lag jetzt ein Haufen Altholz und Bauabfälle, über die der Pulverschneemantel des Vergessens geblasen wurde. Die Straße indes war als Schipiste oder Rodelbahn gewiss vorzüglich, als Fahrbahn jedoch nicht zu empfehlen. Insbesondere, wenn man die hierzulande üblichen „All Seasons“-Reifen auf dem Auto montiert hat. Winterreifen werden großzügig im Radio beworben, das moderne Zeugs setzte sich bislang aber noch nicht durch, die Winter in Neuengland waren ja seit alters her für ihre „Milde“ bekannt. Darum blieben die Fahrstreifen heute alle leer. Nur ab und zu rutschte ein Fahrzeug in instabiler Seitenlage den Hügel vor den Fenstern hinunter. Tapfer tuckerte regelmäßig ein kleiner Schneepflug vorbei. Am Steuer saß ein hochmotivierter Afroamerikaner mit Pudelmütze und im Anorak, der mit fadem Auge seine mitgebrachten Wurstbrote verputzte. Der Asphalt war hinter ihm auch wirklich kurz zu sehen, bis das Straßengrau mit der nächsten Böe wieder faustdick unter dem Schneeweiß verschwand. Von den Außentemperaturen sei besser geschwiegen, der Blick auf die Temperaturanzeige alleine machte einen frösteln.
Während ich mich fröhlich wie auf einem Schiff fühlte, machte Juliane das Schwingen und Ächzen in den Balken und Planken unseres Hauses ein wenig zu schaffen. Diese Nacht schlief sie nicht besonders ruhig. Doch schon der nächste Morgen brachte Entspannung. Die Wetterwarnung war aufgehoben, die Bobbahn draußen präsentierte sich salznass und für den Autoverkehr freigegeben. Und über allen, den Guten wie den Bösen, strahlte wieder die Sonne. Bei lauschigen -26 Grad Celsius. Auf den ersten Blick irritierend wirkte, dass der Sturmwind alle Bäume besenrein geblasen hatte, während auf den Gehsteigen und in den Gärten meterhoch der Schnee lag. Und auch diese weiße Pracht verschwand in den nächsten Tagen völlig, als binnen weniger Stunden die Temperatur in den Plusbereich wechselte. Atmosphärisches Kneippen bis zum Exzess! Heiß- und Kaltwasserbäder. Meine rheumatischen Gelenke waren inzwischen so verstört, dass sie nicht mehr wussten, ob sie steif werden oder bloß wehtun sollten. Im Durchschnitt war dieses Wetter also ganz angenehm. Die Prognose der letzten und auch kommenden Tage wusste und weiß nicht mehr und nicht weniger vorherzusagen, als dass es Wetter gibt.
Ich schließe mich also dem Bürgermeister von Boston an, der verkünden ließ, wer bisher noch nicht an den menschengemachten Klimawandel glaubt, der möge ihn bitte in Massachusetts besuchen kommen. Und dieser Bundesstaat mit seinen spürbaren Wetterkapriolen liegt nur ein wenig nördlicher.


Fortsetzung folgt…


Montag, 1. Januar 2018