Bisher erschienen:
Donnerstag, 16. November 2017
Montag, 13. November 2017
Ein Ösi in Connecticut (Teil 19)
Teil 19: I am Austrian, I will not be Heil-ed!
Jetzt habe ich es auch endlich
gesehen, Rodgers & Hammerstein´s: The
Sound of Music! Das Musical, das für die Mehrheit der US-Amerikaner wie
nichts anderes für Österreich steht. Zusammen mit meiner Frau aus Dresden. Ich
musste 39 Jahre alt werden und nach New Haven gehen. Und wie so oft in den USA
entwickelte sich der Abend völlig anders als von uns Europäern erwartet.
Natürlich wusste ich, dass es
sowas wie The Sound of Music gibt.
Sowohl als Film als auch als Bühnenstück. Ich hatte auch von der von
Trapp-Familie und ihrer Flucht vor dem Anschluss gehört. Als ich 1995 anlässlich
der 50-Jahr Feier der UNO und UNESCO in New York gewesen bin, wurde ich oft
danach gefragt. „Ob Österreich immer noch so ist?“, wollten viele wissen. Nicht
nur von mir und nicht bloß damals. Ich habe viele getroffen, die von der
Fragerei nach Film und Musical schon ziemlich genervt waren. In New Jersey hat
mir eine Studentin aus Oberösterreich erzählt, längst aufgegeben zu haben und
stets zu antworten, dass sie im Sommer im Dirndl mit dem Haflinger zur Schule
geritten ist, und im Winter mit den Schiern hingefahren ist. Da ich oft und
gerne in Salzburg bin, kannte ich auch die geführten Touren für
englischsprachige Touristen. Täglich werden mehrere Busladungen begeisterter
Fans an die Spiel- und Drehorte von The
Sound of Music gekarrt. Und das war es dann auch. Ich dachte an ein
süßliches Klischee. Ein bisserl Jodeln und Hopsen im Dirndl und der Krachledernen
über saftige Weiden. Punkt und aus. Was geht mich das an?
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| Jede Menge Merchandising... |
Zweiundzwanzig Jahre später wohne
ich in New Haven in Connecticut und treffe Inger, eine Krankenschwester aus
Dänemark, die nicht nur unglaublich gerne Schifährt, sondern dafür auch regelmäßig
die Trapp Family Lodge in Vermont
besucht. In unserer Begegnung versteckten sich für mich also gleich mehrere
Überraschungen: Erstens erfuhr ich, dass es in unserer unmittelbaren Umgebung ein
Schigebiet gibt. Zweitens, dass es von Exil-Österreichern betrieben wird. Und
drittens, dass es hier zigtausende Fans des alpinen Skiweltcups gibt, die auch
alle brav zu den Rennen pilgern. Nicht ganz grundlos, u.a. Mikaela Shiffrin
besuchte die Burke Mountain Academy
in Vermont. Ich bin selbst Schi-Fan, aber wurde dafür in Österreich von den
üblichen Verdächtigen gerne belächelt. Weil das ja außer „uns“ niemanden
interessiert. Eine Meinung, die wohl ungeprüft (Stichwort: Einschalt- und
Übertragungsquoten) von gewissen Nachbarn übernommen wird, die sich in letzter
Zeit bis auf ein paar erfolgreiche Ausnahmen aus Bayern kaum oder nur schlecht
auf den Rennbretteln halten können. Jedenfalls bestimmt hierorts die Trapp Family das Bild von Österreich.
Auf den ersten Blick ist das für mich eine amüsante Schimäre aus
westösterreichischer und bayrischer Folklore. Die Brauerei stellt dafür ein „Wiener“
Bier her, das wirklich wie das Ottakringer
Original schmeckt. Klingt alles wie business
as usual. Stünde da nicht die Flagge der k. u. k. Kriegsmarine im Büro des
zu internationalen Filmruhm gelangten ehemaligen österreichischen
U-Bootkapitäns und Familienpatriarchen von Trapp. Und dieses Detail lieferte
den fixen Punkt, der unseren harmlosen Theaterabend aus den Angeln hob.
Es war Inger, die mich
informierte, dass dieses Wochenende im Shubert-Theater
New Haven eine Produktion von The
Sound of Music lief. Sie wusste ja, dass ich Österreicher bin. Und ich wäre
es nicht, wenn ich ihr gegenüber nicht schon einmal die Schlacht von Helgoland (Österreich
vs. Dänemark 1866) und mein berufliches und privates Interesse an der
österreichischen Marine erwähnt hätte. Weil ich zugegebenermaßen keinen
Schimmer von dem Stück (oder dem Film) hatte, meinte sie, ich müsste mir das unbedingt
ansehen. Die Gattin war von der Vorstellung, fröhliches Trällern im Alpenglühen
zu bestaunen, zunächst nicht wirklich begeistert. Aber Inger und ich erinnerten
sie daran, dass es beim Eheversprechen „in guten wie in schlechten Zeiten“
hieß. Juliane ließ sich hernach auch nicht lange bitten und checkte uns die
Karten. Und voller Erwartung eines fröhlich heiteren Stelldicheins mit der
leichten Muse bestiegen wir unseren Uber und fuhren vor dem Theater vor.
Das Shubert in New Haven sieht
für meine europäischen Begriffe weniger wie ein Theater als vielmehr wie ein
Kinocenter aus. Hohe Glastüren, mannshohe Plakate, Spannteppich und mehrere
Bars die Popcorn, Snacks und Getränke in Plastikbechern verkauften. All das
durfte selbstverständlich in den Zuschauerraum mitgenommen werden. Juliane und
ich tranken vor der Vorstellung jeweils einen Piccolo Sekt und ein
Bourbon-Cola. Aus dem Plastikbecher mit dünnem schwarzem Strohhalm versteht
sich. Der dünne Trinkhalm weist das Getränk als alkoholisch aus. Das war
allerdings der Teil, der mir als Europäer völlig wurscht blieb.
Ganz und gar nicht egal war uns
die Steigung der Zuschauerränge. Der Blick stürzte quasi auf die Bühne. Ganz zu
den Alpen passend überlegten Juliane und ich eine Seilschaft zu bilden. Unter
Zittern und Stöhnen kletterten wir zu unseren Sitzplätzen. Unser exotisches
Idiom weckte das Interesse einer Billeteurin, die uns erzählte, wie sehr sie The Sound of Music liebte. „Edelweiss“
wäre das Lieblingslied ihres Vaters gewesen, und sie müsse dabei jedes Mal
weinen. Das erschien mir ein wenig prosaisch. Noch.
Der erste Akt erfüllte all unsere
Erwartungen. Jodeldüüh, Herzeleid und Heißa hopsasa. Wir fragten uns, ob das
wirklich ein Stück über den Anschluss 1938 war. Die Darstellung der ehrwürdigen
Mütter aus dem Kloster Nonnberg brachte mich zum Schmunzeln, weil meine Tante
bei ihnen im Internat gewesen ist. Der bemitleidenswerten und rebellischen
Seele war hinter den Klostermauern selten zum Singen zumute. Zum Glück war das
Klofenster nicht vergittert. Aber egal, die sieben Kinder spielten allerliebst.
Die Sänger waren hochprofessionell. Und das Publikum war außer Rand und Band. Eine
Stimmung wie im Fußballstadium. Popcorn und Begeisterung vor und nach jeder
Nummer.
Dann kam die Pause. Der nette
Barkeeper erinnerte sich an mich. Aus irgendeinem Grund war er der Meinung,
dass ich vor dem zweiten Akt einen dreifachen Bourbon in meinem Cola brauchte. Dafür
berechnete er auch bloß einen Dollar mehr. God
bless him! Der Rest der Pause verlief wie immer und überall. In der
Herrentoilette hallende Leere, vor der Damenvariante eine endlose Schlange.
Mein Angebot, schnell ins feindliche Lager zu wechseln, lehnte Juliane aber
wohlweißlich ab. Es gibt Dinge, da verstehen US-Amerikaner bei aller zur schaugestellten
Lockerheit einfach keinen Spaß.
Im zweiten Teil des Musicals
blieb uns das Lachen im Hals stecken. Die Stimmung verdüsterte sich zusehends. Ich
war verblüfft, im Hochzeitsanzug des Kapitäns von Trapp die authentische
Uniform eines k. u. k. Korvettenkapitäns zu erkennen. Dann geschah auf der
Bühne das Unausweichliche, die Nazis übernahmen die Kontrolle. Auch hier alle
Uniformen korrekt. Als sie die Trapp-Familie bei den Kaltzberger Festspielen auf die Bühne zwingen, verhüllten fünf
riesige Blutfahnen die Bühne. Vor den Hakenkreuz-Fahnen sang Vater Trapp dann „Edelweiss“.
Wenn ein Wiener bei „Edelweiss“ zu weinen anfängt, dann bedeutet das zwei
Dinge: Erstens, dass die Inszenierung wirklich gut ist. Und zweitens, dass es
um Österreich im Moment nicht gut steht. Juliane war völlig fertig, Sie fühlte
sich von den riesigen Fahnen auf der Bühne bedroht. Sie hatte die Dinger noch
nie live und in der Größe erlebt, in Deutschland sind sie verboten.
Viele US-Amerikaner halten „Edelweiss“
bis heute für ein traditionelles österreichisches Lied oder sogar für die
Nationalhymne, es wurde aber für The
Sound of Music komponiert. Das Symbol ist jedoch authentisch. Das Edelweiß
war das Symbol nicht nur der Gebirgsjäger, sondern auch der so genannten „Vaterländischen“.
Christlich Sozialer und nicht selten katholisch-monarchistischer Widerstand.
Dass beim Einzug in den Nationalrat an bestimmten Revers die blaue Kornblume
durch das Edelweiß ersetzt wurde, ist kein Zufall, sondern Inszenierung. Eine
deren Bedeutung mir erst durch die Inszenierung von The Sound of Music in den USA bewusst gemacht wurde. „Edelweiss“
ist das Abschiedslied an das Österreich, das die Trapp-Familie kannte und
liebte. Und dass ich das Stück oder den Film so überhaupt nicht kannte, das
hinterließ einen fahlen Beigeschmack auf meiner Zunge. Die gleichen Menschen
sind erschüttert, dass wieder Deutschnationale im Nationalrat sitzen, deren Bildungspolitik
erneut dazu geführt hat.
Mein Lieblingssatz aus dem Stück
lautet jedenfalls für jetzt und allezeit: „I am Austrian, I will not be
Heil-ed!“
Fortsetzung folgt...
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| Da wird das Bühnen-Salzburg eingepackt und in die nächste Stadt gebracht... |
Samstag, 4. November 2017
Aus aktuellem Anlass...
Möchte ich mich entschuldigen.
Bei allen Wählerinnen und Wählern, die ich nach bestem Wissen und Gewissen
überzeugt habe, Peter Pilz in der Nationalratswahl ihre Stimme zu geben. Weil
er sein Mandat nicht antritt. Für viele muss sich das jetzt anfühlen, als wären
sie um ihre Stimme betrogen worden. Dafür möchte ich mich entschuldigen!
Meine Meinung in aller Kürze:
Wenn die angejahrten Vorwürfe der bisher nicht in der Öffentlichkeit
aufgetretenen Mitarbeiterin vor einem entsprechenden Gremium verhandelt wurden,
es eine Einigung und Verurteilung gegeben hat, dann braucht es heute niemanden,
der moralinsauer mit dem Finger darauf zeigt und urteilt. Die dafür zuständige
Instanz hat nämlich bereits geurteilt und einen Schlussstrich gezogen. So funktioniert
unser Rechtssystem. Für alle.
Und einmal mehr als Kassandra: Wer
auch immer diese Kampagne angeleiert hat, sie oder er wird daraus keinen Nutzen
ziehen. Die Wählerinnen und Wähler von Peter Pilz werden nicht reumütig zu Rot
oder Grün zurückkehren. Die Selbstvernichtung der politischen Linken ist um eine
Facette reicher.
Ich bin persönlich sehr enttäuscht. Trotzdem
glaube ich, dass es wichtig ist, sich weiter politisch zu engagieren.
Donnerstag, 2. November 2017
Ein Ösi in Connecticut (Teil 18)
Teil 18: Happy Halloween! Angst und Schrecken in finsterer Nacht.
Heute ist Allerseelen und unser
erstes Halloween in den USA ist auch schon wieder vorbei. Auch der
fünfhundertste Jahrestag der Reformation. Auf beides habe ich mich lange
gefreut, auf „Luther 2017“ mehrere Jahre. Auf Halloween in den USA sogar noch
länger, seit ich die „Treehouse of Horror“-Specials
der Simpsons (1-28) verfolgt habe.
Letztere, nämlich die Macher der Simpsons,
versprachen mir, dass nachdem die kleinen Quälgeister mit ihren erbeuteten
Süßigkeiten ins Bett gebracht sein würden, die großen Dämonen von der Leine
gelassen, und das Halloween für Erwachsene beginnen würde. Lügner, schamlose!
In einer Universitätsstadt hatte
ich mir von Halloween einiges erwartet. Besonders bei um die 20 Grad Celsius Außentemperatur
und Indian Summer. Ideale Bedingungen zum Verkleiden und Ausgehen. Doch nichts,
rein gar nichts war los. Bis auf ein paar erwartungsfrohe alte Säcke wie mich
und ein paar junggebliebene Hexen. Ich bin mit einem Sack Schokolade neben der
Tür gesessen, um auf „trick or treat“ zu warten. Aber das Gruseligste dieses
Abends war das Lauschen auf das Schweigen der Türklingel, das Rauschen der
Bäume und die Stille der Nacht vor den Fenstern. Okay, zwei oder drei
Nachbarskinder krähten fröhlich aus dem offenen Fenster, und irgendwelche
Besoffenen aus einem angrenzenden Viertel bekamen sich in die Haare. Das waren
aber die ganz alltäglichen Typen, und sie waren auch nicht verkleidet. Die schauen
zwar wie Zombies aus, sind aber keine. Wie an jedem anderen Wochentag waren
spätestens um Mitternacht ringsum alle Lichter aus und alle im Bett. Bis zirka
Drei Uhr morgens, dann nämlich stehen die oberen Nachbarn zum traditionellen
Holzschuhtanz auf, den sie Nacht für Nacht für ihre unteren Mitbewohner
aufführen. Ist man den einen die Klampfe würgenden Studenten los, zieht kurz
darauf der nächste ein. Wir sind hier so unglaublich locker, individuell und
gar nicht spießig. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass zumindest in New
Haven am Abend von Halloween genau die Friedhofstille Einzug gehalten hat, die sich
manche Traditionalisten nach Mitteleuropa zurück wünschen, wo inzwischen Partys
mit sexy Hexen und schaurigen Untoten gefeiert werden. Für die Teilnahme müsste
ich mich nicht einmal schminken, nicht nur bin ich krankheitsbedingt scheckig,
ich bin auch grün vor Neid. Wirklich alles in der Welt scheint einem Kreislauf,
einem Auf-und-Ab und Hin-und-Her unterworfen.
Halloween ist die irische
Variante des keltischen samuin oder
Samhain-Fests. Die keltische Kultur nahm in Hallstatt im Salzkammergut ihren
Anfang, mit den Hallstatt-Kelten. Von dort verbreiteten sich Sprache, Brauchtum
und Glauben bis auf die britischen und irischen Inseln. Und von dort weiter in
die USA. Trotzdem habe ich mir neulich eine Dokumentation über die Hallstatt-Kelten (!) angesehen, in dem
kein einziges Wort über den Ort Hallstatt zu hören und kein einziges Bild von
Hallstatt zu sehen war. Nichts, keine Situla von Kuffern, kein Kultwagen von
Strettweg, keine Schnabelkanne vom Dürrnberg. Auch kein Bogenschütze von
Amesbury (Stonehenge). Die interviewten französischen und deutschen Archäologen
haben sich vielmehr gewundert, mit welchem kostbaren Gut diese Vorfahren wohl
gehandelt haben mochten, um derart wertvolle Luxusgüter z.B. von den Griechen zu
erwerben. – *Räusper* - Hall bedeutet
Salz! In Hallstatt im SALZkammergut ist die der Kultur namensgebende Saline. Ob
dieses Auslassen – ich glaube nicht, dass es Unwissen ist – mit der heutigen modernen
und weltoffenen Gesellschaft in Österreich zu tun hat? Wie dem auch sei! An Halloween/Samhain
waren die Tore der Unter- bzw. Anderswelt geöffnet, alle Toten, Geister und
Dämonen hatten zwei Nächte Ausgang. Wenn ich bedenke, dass die
präkolumbianischen Azteken in exakt denselben Nächten (und von Europa
unbeeinflusst) ihr Fest mit genau demselben Inhalt begangen haben, heute heißt
es: Dia de Muertos – dann bekomme ich Gänsehaut.
Während in Europa dank Imperium
Romanum, germanischen Wirtschaftsflüchtlingen (aka Völkerwanderung) und
katholischer Kirche das lebensbejahende Totenfest in ein stilles,
grabsteinschrubbendes und Kerzen anzündendes Allerheiligen verwandelt wurde,
steppten in den USA die Hexen und in Mexiko die Skelette. Durch den
alleinseligmachenden Einfluss der First Church of Income und der Anbetung des
allmächtigen Dollars dreht sich das jetzt alles wieder um. Das heißt, während
meine Nichte und mein Neffe in Österreich eine Halloweenparty feierten,
verabredeten sich die Yale-Studenten zum Lernen, Laufen und Früh-zu-Bett-Gehen.
Jobqualifikation und Selbstoptimierung. Die einzige offizielle Halloweenveranstaltung
der Uni fand zu Mittag statt. Wenigstens einer Stifterstatue an einem College
hat ein Tapferer einen Kürbis aufgesetzt. Es war zum Haare-Raufen.
Die Kinder, auf die ich gewartet
hatte, durften nicht mehr von Haus zu Haus gehen. Ihre Eltern, erzählte man
mir, verabredeten sich nach dem Kindergarten oder der Schule. Man traf sich in
einem Parkhaus, parkte Kofferraum an Kofferraum, und die verkleideten Kleinen
marschierten von einem Auto zum nächsten. Aus den offenen und dekorierten Laderäumen
bekamen sie ihre Tüten und Säcke mit Naschereien gefüllt. Die Geister und
Gespenster blieben unter ihresgleichen. Was zunächst nach Arroganz klingt und
so manche Klassenkämpfer aufschreckt (mein innerer hat auch gleich aufgejault),
hat leider nachvollziehbare soziale Gründe. In letzter Zeit wurden vermehrt
Nadeln, Rasierklingen und sogar Gifte in den Süßigkeiten entdeckt. Ungleichheit,
Neid und Ungerechtigkeit im Zeichen der Freiheit und der Leistungsgesellschaft
tragen Früchte. Was für so viele Generationen von US-Amerikanern für selbstverständlich
galt und die Gemeinschaft gestärkt hat, ist inzwischen zu gefährlich.
Und dann ist der Horror unserer
Tage Wirklichkeit geworden, hat alle Feierstimmung gedämpft. Wie beabsichtigt,
nehme ich an. In Manhattan hat ein Anschlag stattgefunden. Acht Menschen, die
genau wie Juliane und ich den herrlichen Herbsttag bei einem Spaziergang
genossen haben, wurden ermordet. Und ich kann dazu nur schreiben, dass ich inzwischen
erschöpft bin. Vielleicht hätte ich ein anderes Buch als Feierabendlektüre
wählen sollen als Michel Houellebeqs „Unterwerfung.“ Ganz bestimmt hätte ich
nicht die Kommentare auf Facebook lesen sollen, die schalen Witzchen und unpassenden
Vergleiche. Und vor allem hätte ich nicht den Nachrichten über die Hintergründe
des Attentats und der Reaktion Präsident Trumps zuhören sollen. Der Kongress
soll demnächst über die Abschaffung der Greencard-Lotterie, der „diversity
lottery“, abstimmen. Ich möchte hysterisch auflachen wie ein Besessener:
Vielfältiger, bunter und bereichert sollte unsere westliche Kultur werden. Was
wir bekommen haben sind Angst auf die Straße zu gehen, Grenzkontrollen im Schengen-Raum
und Einwanderungsstopps in die Neue Welt. Fromm und keusch bleiben wir zuhause,
schlucken unsere Werte hinunter, ballen die Fäuste in der Tasche und verhüllen
unsere Sexualität. Aus Entdeckern und Eroberern sind Leisetreter geworden.
Gruselig und schauderhaft sind
auch die Tagesdecken in US-amerikanischen Motels und Hotels. Niemals auf den
Gedanken kommen, sich mit einem dieser jauchigen Lappen zuzudecken! Haut- bzw,
Körperkontakt empfehle ich tunlichst zu vermeiden. Ein warnender Hinweis ist
für den geübten Beobachter schon die Tatsache, dass diese kunststoffhaltigen
und steifen Gewebe nur das untere Drittel oder Viertel des Bettes bedecken. Das
rührt daher, dass sich US-Amerikaner unter Tags in Schuhen aufs Bett legen.
Jedenfalls auf ein Hotelbett. Ein Schauermärchen, das mir mein seliger
Großvater noch über „die Russen“ in ihren dreckigen Stiefeln erzählt hat. Die
moderne Highheels- und Turnschuh-Variante ist unter anderem den reality shows des privaten US-Bildungsfernsehens
zu entnehmen.
Im neu renovierten Badezimmer eines
Motels hatte ich dann eine Begegnung der dritten Art mit einer fremden, aber
legendären Spezies. Ich öffnete die Tür und drehte das Licht auf. Da saß sie
mit aufgestellten Fühlern und schreckgeweiteten Facettenaugen: die
Küchenschabe. Dass die Kleine ebenso, wenn nicht noch mehr, von meinem Anblick
entsetzt gewesen ist wie ich von ihrem, war deutlich spürbar. Da stand ich nun,
in aller Allmacht über Leben und Tod in meinen Hausschuhen vor ihr.
Draufsteigen, oder nicht? Ich hatte weder Lust, dieses unschuldige Leben zu
nehmen, noch eine Unzahl von unter den Flügeln mitgebrachten Nachkommen und potentiellen
Rächern über den Fußboden zu verteilen. Die Kleine hatte mir nichts getan. Und
dass sie in den üblichen Verstecken und Ritzen wohl keinen Platz mehr gefunden
hatte, verhieß auch nichts Gutes. Schlafende Riesen soll man nicht wecken. Ich drehte
also das Licht wieder ab. Wie erwartet traf ich meine Küchenschabe kurz darauf
auf dem Flur. Das Laufen auf dem neu verlegten Laminat fiel ihr nicht leicht. Endlich
verschwand sie via Sesselleiste ins Nachbarzimmer. Ich hoffe für sie, dass in
den dunklen Ritzen und Spalten dort noch mehr Platz war. So etwas kommt eben
raus, wenn man seine Wände aus Holz und Papier baut.
Und für alle, die das europäische
Modell der öffentlich-rechtlichen Sender abschaffen möchten, noch ein
zweckdienlicher Hinweis: Bei dem Versuch, mir „Treehouse of Horror XXVIII“ auf FOX anzusehen, musste ich fünf
Werbeunterbrechungen mit jeweils vier bis maximal fünf Werbeclips über mich
ergehen lassen. Und die sind länger und penetranter als in Europa, trust me.
Bei all den angepriesenen Smartphones, Onlinebanking-Optionen und
Versicherungen blieb die größte Herausforderung, der halbstündigen Handlung zu
folgen.
Der ganz alltägliche Terror
offenbarte sich vor jedem Arztbesuch. Hier lauert ein Wust von Organisation auf
die Arglosen. Das Gesundheitssystem ist sauteuer, organisieren darf sich jede
und jeder alles selbst. Zuerst checkt man sich selbst einen Termin, danach
erfährt man, ob der Arzt mit der Krankenversicherung einen Vertrag hat. Davor liegen
jedoch die Rechnung auf dem Tisch, und die Patienten auf dem Spannteppich.
Kommt man dort, zu Füßen der Sprechstundenhilfe, langsam wieder zu sich und hat
den Anblick der Kostenstellen verdaut, kommt das Bezahlen. Fachkundiges
Personal hebt einen auf, dreht auf den Kopf und schüttelt die letzten Nickels, Dimes
und Quarters aus den Taschen. Dann strauchelt man heimwärts und versucht, die
Arzt- und/oder Behandlungskosten ersetzt zu bekommen. Viel Glück dabei!
Auf der Straße scheppern derweil liebevoll
mit Aufklebern zusammengehaltene Rostlauben vorbei, aus deren Fenstern es
dröhnt. Schallwellen rütteln an meinen Ohren, die wie Werkstattgeräusche und rhythmisches
Keuchen und Grunzen klingen. Wohl um die Motor- und Auspuffschäden zu
übertönen. Zunächst bin ich irritiert, dann erinnere ich mich, das soll Hip Hop
sein. Hier sind alle Autofahrer sehr sportlich, auf Asphalt fährt die Mehrheit
Slicks. Die gibt es beim Gebrauchtreifenhändler des Vertrauens zu erwerben. Der
Einsatz profilloser Reifen verleiht einer Taxifahrt in strömendem Regen erst den
letzten, erfrischenden Kick. Um sich das Elend der lizensierten Taxiunternehmen
zu ersparen, bestellt man sich am besten einen Lohnsklaven – *Sorry!* – Uber. Als
nächstes röhrt dann einer ohne Helm auf dem Motorrad vorbei. Er ist ja schon einundzwanzig
und kann tun, was er will. Klar, wer keine Krankenversicherung hat, der braucht
auch keinen Helm.
Last but not least habe ich meine
erste „flash flood warning“ auf das Handy bekommen. Bei dem Alarmgeräusch
mitten in der Nacht habe ich mir beinahe in die Hose gemacht. Zum Glück waren
nur andere, tiefer gelegene Stadtteile von der Springflut direkt betroffen. So
etwas wie „hard rain“ habe ich noch nicht erlebt. Tropisch anmutende
Verhältnisse in Neuengland. Sturm und Regenfall, der innerhalb von Minuten die
Kanalisation überfordert und Straßenzüge unter Wasser setzt. Die riesigen Bäume
trotzten dem Wind, ohne größere Schäden. Aber in einem Holzhaus ist man auch
bei Naturereignissen dieser Art nicht nur dabei, sondern mittendrin. Ich lag im
Bett, starrte an die Decke und hörte den Regen peitschen, die Äste knarzen und
den Sturmwind heulen. Das klang unheimlich und fremd, bis die oberen Nachbarn
ihre Holzschuhe anzogen, und ich wieder ein warmes und heimeliges Gefühl bekam.
Genug des Schreckens. Halloween ist vorbei.
Fortsetzung folgt...
Montag, 16. Oktober 2017
Arrogance and Stupidity – Ein wütender Kommentar zum Wahlergebnis
Dummheit hält sich für Intelligenz, Intelligenz hinterfragt stets die
eigene Dummheit. Die Dummheit sucht den Fehler immer bei den Anderen, die
Intelligenz immer bei sich selbst. So ungefähr hat es M. Tullius Cicero zu
seiner Zeit auf den Punkt gebracht. Am Ende der römischen Republik, in der
Morgensonne des Populismus und am Beginn der Diktatur. Er war zu seiner Zeit auch
ein bescheidenes Gemüse (Cicero=Kichererbse), das Wahlerfolge errungen hatte
und im Senat als politische Kontrollinstanz gegen Korruption und
Machtmissbrauch gewirkt hat. Dieses Mal, am 15. Oktober 2017 in Österreich, war
es allen Vorzeichen zum Trotz und allen bisherigen Hochrechnungen nach keine grüne
Erbse, aber ein kleiner Pilz, der Wurzeln schlagen durfte.
Meiner Meinung nach ist es
falsch, angesichts dieses Wahlergebnisses weiter von einem geteilten Land zu
sprechen. Ich denke, das Ergebnis spricht für sich, und eine überwältigende
Mehrheit hat sich für einen so genannten Rechtsruck entschieden und gegen so
genannte linke Ideen. Im nächsten Nationalrat werden also nach aktuellem Stand eine
konservative, eine heimat-soziale, eine wirtschaftsliberale Partei und eine
junge Bewegung, geführt von einem erfahrenen Politiker, vertreten sein. Und
eine Sozialdemokratie, von der eigentlich niemand mehr so wirklich weiß, vor
allem nach einem Hrn. Schröder und einem Hrn. Hartz, auf welcher politischen
Hemisphäre sie eigentlich steht. Die Sozialdemokratie wirkt wie der Markuslöwe
(das Wappen der alten Republik Venedig), wie ein Mischwesen mit Klauen und
Flügeln, das mit den Vorderpfoten auf dem Land und den Hinterfüßen auf dem
Wasser steht. Dieses Tier läuft, fliegt und schwimmt überall und nirgends
zugleich. Und es bleibt die Frage: „Sag, was bist Du eigentlich und was willst
Du überhaupt?“ Im blendenden Licht der politischen Heilsbringer und parlamentarischen
Vernunftehen scheint die Zeit für Fabelwesen endgültig vergangen.
Sieben Jahre später ist eine
Situation eingetreten, die Gerd Schilddorfer und ich in unserem Bestseller NARR
vorhergesagt haben (genrespezifisch überspitzt und dramatisiert), und ein
junger fescher Minister hat alle anderen politischen Mitbewerber rechts
überholt. Damals wurden wir von einigen belächelt, heute steht es weltweit in
den Schlagzeilen. In einem anderen Buch von mir, das wohl niemals erscheinen
wird, habe ich den Kater sogar noch konkreter vorhergesagt, der heute, am
Morgen nach der Wahl, in meinem und in bestimmt vielen anderen Köpfen jammert:
„Die Schlange im Gras ist die Gefahr der individuellen Radikalisierung
durch das Aufhalten in so genannten Filterblasen oder Echokammern.
Mit dem Begriff Echokammer beschreiben Kommunikationswissenschaftler das
Phänomen, dass viele Menschen in den sozialen Netzwerken dazu neigen, sich nur
noch mit Gleichgesinnten zu umgeben, um sich gegenseitig in der eigenen
Position zu bestärken. So entsteht eine fatale Dynamik. Wer den Konsens der
Gruppe mit Inhalten und Kommentaren am besten trifft, wird ‚geteilt‘ und ‚gelikt‘
und bekommt reichlich Freundschaftsanfragen und Follower. Die Echokammer wächst
und bläht sich zu dem Irrtum auf, sie repräsentiere keine gesellschaftliche Minderheit,
sondern die demokratische Mehrheit. Es ist unwichtig, ob die Menschen außerhalb politische und
gesellschaftliche Positionen teilen oder nicht. In der Echokammer ist man immer
in der Mehrheit und automatisch auf der moralisch richtigen Seite. (…) Social
Media jeder Art befördern diese Entwicklung. Indem sie mittels der aus
freiwillig geteilten Informationen gewonnenen Algorithmen dafür sorgen, dass
ich nur noch oder vorrangig Inhalte von meinem Browser angezeigt bekomme, die
von Gleichgesinnten stammen oder von ihnen ‚gelikt‘ wurden. Informatiker nennen
diesen Vorgang: Filterblase. Die Algorithmen-gestützte Filterblase sorgt
dafür, dass ich nur noch mit Webinhalten und Content konfrontiert werde, die
mein Weltbild stützen. Während andere, meinem Weltbild zuwiderlaufende
Informationen herausgefiltert werden. So wird um den Nutzer sozialer Netzwerke
ein bequemer Informationskokon gesponnen, in dem er als einzelnes Würmchen lebt,
und den er für die Welt hält. Wie jede Münze hat auch diese Medaille zwei
Seiten: Wohlbehütet kann ich in meiner eigenen Filterblase übersehen, wie aus
der von mir belächelten Minderheit ganz unbemerkt die Mehrheit geworden ist.
Meine Algorithmen lullen mich in Wohlgefallen ein, wiegen mich in Sicherheit.
Und das Diskussionsforum meiner Wahl täuscht mich darüber hinweg. Und Eins,
Zwei, Drei schreiten die von Volksvertretern und ‚Lügenpresse‘ Enttäuschten
am zahlreichsten zu den Wahlurnen. Das wäre ein böses Erwachen am Morgen nach
der Wahl. Aber wäre es Demokratie? Ob es mir in der aktuellen politischen
Situation weltanschaulich schmeckt oder nicht, antwortet Jean-Jacques Rousseau
in seinem Werk Der Gesellschaftsvertrag von 1762:
‚Übrigens darf ein Volk immer,
worum es auch im einzelnen (!) gehen mag, seine Gesetze ändern, sogar die
guten: Wer hätte das Recht, es daran zu hindern, wenn es sich nun einmal
unbedingt schaden will?‘ [S. 70]“
Kurz gesagt: Das Aufhalten in einer
Echokammer bewirkt Weltfremdheit. In dieser Weltfremdheit geborgen, trifft
einem das gestrige Wahlergebnis wie eine Faust ins Gesicht. Und leider wurden
auch schon die ersten tatsächlich angegriffen, auf Buchmessen und bei Wahlveranstaltungen.
Die Schuld an diesem Wahlergebnis
nur bei den Anderen zu suchen ist dumm. Die Andersdenkenden als die Dummen zu
betrachten ist arrogant. Und Dummheit und Arroganz sind eine gefährliche
Mischung.
Viel zu viele selbsterklärte
Linke haben bewiesen, dass sie von zu vielem zu wenig Ahnung haben, aber zu
allem die „richtige“ Meinung. (Eine Eigenschaft, die sie mit vielen Rechten
gemeinsam haben!) Das wiederum hat die Mehrheit der Menschen m.M.n. zu Recht
als Beleidigung empfunden. Als disrespect
wie der US-Amerikaner sagt. Persönliche Erfahrungsberichte wurden belächelt,
vorweg abgelehnt, oder als „unpassend“ bezeichnet, weil sie nicht in die
gewohnte Bestätigungsspirale gepasst haben. Berichte wurden als
unwahrscheinlich abgetan, weil sie in der eigenen Lebensrealität keine Rolle
spielten, daher auch keine Bedeutung hatten. Und bei all dem wurde übersehen,
dass die eigene Lebensrealität, die einer privilegierten Minderheit ist. Privilegiert,
weil sie die Möglichkeit beinhaltet, frei von Existenzängsten über Inhalte
nachzudenken. Und nicht frei, aufgrund von Wohlstand, sondern aufgrund von
Bildung. Aber leider ist Bildung nicht mit Wissen gleichzusetzen.
Im Elfenbeinturm der eigenen moralischen
Überlegenheit haben leider viele aufgehört, ihren Mitmenschen zuzuhören und sie
ernst zu nehmen. Kanon und Mehrstimmigkeit werden zunehmend als Misstöne
empfunden, der Wunsch nach einem Leitmotiv wächst. Der Grundton, den die
Stimmgabeln der Populisten anschlagen, ist klar: Die Europäische Union läuft
Gefahr, in den Abgrund zu schlittern. Das größte Friedenswerk der europäischen
Geschichte droht, an den Folgen einer für viele Systemkritiker aus Habgier
entstandenen und für Ökonomen mit Gewissen vorhersehbar gewesenen
Wirtschaftskrise zu zerschellen und von Flüchtlingsströmen fortgespült zu
werden. Zäune und Grenzkontrollen nehmen der Freiheit die Luft zum Atmen.
Überwunden geglaubte Ressentiments, Chauvinismus und banaler Futterneid bringen
die gefährlichste Seuche des neunzehnten Jahrhunderts zurück, den
Nationalismus. Wobei man nicht vergessen darf, was Sozialanthropologe David N.
Gellner festgestellt hat: „Nationen
entstehen ja nicht von allein, sondern werden erst durch Staaten und
Nationalisten geschaffen.“ So genannte nationalkonservative Parteien
erobern Raum, die fixe Idee Nation
ist wieder salonfähig. Vergessen scheint, dass die Pandemie Nationalismus im
Zuge ihres gewalttätigen Ausbruchs im zwanzigsten Jahrhundert in nur zehn
Jahren (1914-18 und 1939-45) rund 95 Millionen Tote gefordert hat.
Politikverdrossenheit und
Ohnmachtsgefühle bewirken bei vielen Mitmenschen einen Rückzug in die eigenen
vier Wände (räumlich und geistig) und eine Realitätsflucht in fantastische
Welten. Ist der eigene Planet alleine ökologisch nicht mehr in der Lage, die
Menschheit zu ernähren und zu tragen, sucht und erschafft man sich halt neue.
Und wenn sie auch nur als Bits und Bytes oder im Kopf existieren. Die Suche nach
einfachen Antworten auf immer komplexer werdende Fragestellungen hat
Hochkonjunktur. Orthodoxie und Dogmatik bieten sich als Lösung an, die
Befolgung strenger Regeln und Glaubensätze bieten Sicherheit. Sei dies nun in
Religion, Esoterik, Lifestyle und/oder Technologie- und
Fortschrittsgläubigkeit. Sie alle sind bloß Facetten eines einzigen Schliffs.
Konformität in Erscheinungsbild und Sitte wird wieder zum gesellschaftlichen
Wert. Die vierte industrielle Revolution bedroht das gesellschaftliche und
soziale Gleichgewicht. Arm und Reich driften zusehends auseinander. Migration
trägt ihren Teil zum sozialen Unfrieden bei. Die wirtschaftliche Abhängigkeit,
die Angst, Job und Anstellung zu verlieren, fördert eine Entwicklung, die als
massiver und bedenklicher Rückfall in im Verlauf der letzten Jahrzehnte
überwunden geglaubte Rollen- und Geschlechterklischees bezeichnet werden kann.
Viele Linke haben ihren
Mitmenschen einfach nicht zugehört. Und als ich heute (am 16.10.2017) Terizija
Stoisits im Mittagsjournal auf Ö1 zugehört habe, habe ich sie, als Antwort auf
jede Frage des Interviewers nach den Gründen für das Scheitern der Grünen,
Gebetsmühlenartig wiederholen gehört, „dass sie es sich einfach nicht
vorstellen kann!“ Und egal, welche Worte auf diese Einleitung folgten, die
eigentliche Beantwortung war bereits diese Realitätsverweigerung. Den größten
Fehler sah sie darin, Peter Pilz nicht angegriffen zu haben. Falsch, der größte
Fehler der Grünen in diesem Wahlkampf ist es gewesen, Julian Schmid anstelle
von Peter Pilz auf Listenplatz Vier zu wählen. Wie auch das Wahlergebnis
anschaulich macht, empfindet es nur eine verschwindende Minderheit als cool, im
Kapuzenpullover vor den Nationalrat zu treten. Die Mehrheit, auch ich, empfindet
es als Besudelung des Hohen Hauses und der Republik. Es schüttelt mich vor
Ekel, wenn Themen und Grundfesten der Demokratie mit einer vulgären Imitation von
Kabaretthumor angegangen werden. Wozu ich Michael Häupl zitieren möchte: „Wenn
wir uns selbst nicht ernst nehmen, wer bitte soll uns dann noch ernst nehmen?“
Oder diese Republik?
In der Sozialdemokratie erscheint
mir der Wiener Bürgermeister wie der letzte Mohikaner. Und er möge mir den
flapsigen Vergleich vergeben. Für mich ist er der letzte Krieger eines einst
edlen Stammes. Wo bitte, frage ich, existiert die „moderne und offene
Gesellschaft“ real, die Christian Kern in seiner letzten Rede an- bzw.
versprochen hat. Auf internationalen Konferenzen jedenfalls nicht. Dort
behandeln Exilanten die international als österreichisch empfundenen Themen.
Die Akademie der Wissenschaften bleibt auch im Ausland lieber unter sich, das internationale
Feigenblatt stammt meistens ganz exotisch aus Deutschland. Das zuständige
Bundesministerium nimmt jede Menge Geld in die Hand und drückt jedem und jeder
KonferenzteilnehmerIn eine bunte Einladung in die Hand, aber wenn ich dann auf
den Empfang gehe, dann redet niemand mit mir. Den Krüppel kann man ja in seinem
Sessel hocken lassen. Aber nicht nur mit mir hat man nicht geredet. Liebe
Landsleute, wenn man sich die Nachbarskinder zum Spielen einlädt, dann muss man
ihnen auch die Hand geben und mit ihnen reden. Und während alle Internationalen
(US-Amerikaner, Briten, Deutsche, Schweizer, etc…) Englisch sprechen, oder
Hochdeutsch, damit sich auch wirklich jeder gegenseitig versteht, dann reden
die ÖsterreicherInnen sozialdemokratischer Prägung breitesten Dialekt. Und wenn
sie bemerken, dass da einer kommt, der sich ein bisschen anders anzieht und
nicht an die Schöpfung Österreichs aus dem Nichts im 45iger-Jahr glaubt, dann
erstarren sie und stecken die Köpfe zusammen. Ist das ihre „offene und moderne
Gesellschaft“, Herr Kern? Es ist auf alle Fälle ihre (versorgte) Gefolgschaft.
Ich bedaure es zutiefst, dass die
kleinen Oppositionsparteien so wenig Stimmen bekommen haben. Wenn alle, die vorab
auf wahlkabine.at die meisten Übereinstimmungen mit der KPÖ gehabt hatten,
diese auch guten Gewissens hätten wählen können, dann sähe die Welt für die
Zweite Republik heute anders aus.
Sonntag, 15. Oktober 2017
Ein Ösi in Connecticut (Teil 17)
Teil 17: Down in Dixie
Ich weiß wirklich nicht, warum
Juliane und ich nicht einmal einfach irgendwo hinfahren können, ohne dass uns
dabei die seltsamsten Dinge widerfahren. Diesmal habe ich die Gattin auf die GSA
nach Atlanta, Georgia begleitet, und es war wieder einmal so weit. Inzwischen
frage ich mich wirklich, welcher alte Chinese mich „zu einem interessanten
Leben“ verflucht hat. Eigentlich bin ich ihr oder ihm dankbar. Was wusste ich
bisher denn schon über Atlanta? Dass es im Bürgerkrieg komplett abgebrannt ist,
und dass Coca Cola von da stammt.
Losgegangen ist es in aller
Herrgottsfrühe am Tag unserer Abreise. Normalerweise kamen die bestellten Taxis
verlässlich eine halbe Stunde zu spät. Nein, als der Morgen graute, und die
Vögel in den Bäumen husteten, kam das Flughafentaxi zwanzig Minuten zu früh.
Netterweise kündigte man sich per Textnachricht an, und wir waren beide schon
gekämmt und bekleidet. Trotzdem erfolgte unser Aufbruch zum Hartford Bradley Airport (aka Hartford Springfield, ohne Spaß) etwas
überstürzt, aber nicht kopflos. Es wäre auch niemandem geholfen gewesen, hätten
wir ein Gepäckstück vergessen. Im schlimmsten Fall den Vortrag (Na Servus!). Oder ich wäre die Treppe
auf die Frontveranda hinuntergekugelt. Nichts davon ist geschehen. Dafür
anderes, aber davon wussten wir noch nichts.
Ich bin zum ersten Mal mit einem MacDonnell Douglas-Flugzeug geflogen,
jedenfalls bewusst. Es war ein kurzer und entspannter Inlandsflug von
zweieinhalb Stunden, von Wien aus wären wir wohl schon mindestens in Spanien
gewesen. Gemessen an den Kolleginnen und anderen Konferenzteilnehmern, die
Juliane am Gate getroffen hat, hätte man an einen Charterflug zur GSA denken
können. Und mit der eher kleinen Maschine waren wir alle nicht nur dabei,
sondern auch mittendrin im physikalischen Geschehen. Mir hat das ja gefallen,
aber Juliane wurde beim Starten und Landen ein klein wenig blass um die Nase. Sie
bevorzugt die wuchtigen Transatlantikflieger. Mehr Power! Ich bin dafür immer
wieder überrascht, welche Überseekoffer manche Leutchen als Handgepäck
mitführen. Die praktische Einbauküche im Rollkoffer, oder was? Wie dem auch
sei, Ankunft in Atlanta. Alles planmäßig, und das Wetter erwartungsgemäß sonnig
und heiter. Für meine europäischen Begriffe, sommerlich. 26 bis 28 Grad Celsius.
Und unglaublich feucht. O ja, das war er, der Süden der USA, wie ich ihn aus
meinen Jugendträumen kannte. Rein optisch hatte Atlanta, Georgia nichts mehr
mit dem Klischee gemein. Atlanta ist der Heimathafen von Delta Airlines, und Atlanta ist wie schon im neunzehnten Jahrhundert
ein Dreh- und Angelpunkt des Verkehrs. Wie die Narbe eines Rades, von dem die
Speichen in alle Richtungen abgehen. Früher waren es die Eisenbahnlinien, heute
sind es die Flugrouten. Den Eisenbahnknotenpunkt hatten General Sherman und die
Unionsarmee abgefackelt, aber der heutige Flughafen ist gigantisch. Hartsfield–Jackson
Atlanta International Airport hat zwei Terminals (Inland und International), sieben
Abflughallen und beschäftigt rund 70.000 Menschen. Um zum Gepäckband zu
gelangen, mussten wir einen Zug nehmen. Zum Glück wurde ich im Rollstuhl gefahren.
Andernfalls würde ich dort wahrscheinlich immer noch herumirren.
Von dem Atlanta meiner Träume war
nichts mehr übrig. Ich wusste, dass es in Rauch aufgegangen war. Die Stadt, die
uns empfing, hatte nichts mehr mit dem historischen Zentrum zu tun. Vom Highway
landeten wir direkt in Downtown an. Im Schatten der für die US-amerikanischen
Innenstädte typischen Hotelschluchten. Wir waren nur eine Parallelstraße vom
eigentlichen Stadtzentrum entfernt, unser Motel
6 lag auf derselben Straße wie das Hilton,
das Marriott und das Sheraton, wo die GSA stattfand, aber es
fühlte sich wieder einmal nicht so an. Die ersten vom Straßenniveau einsehbaren
Stockwerke der benachbarten Häuser waren allesamt Parkgaragen. Der Asphalt der
Gehsteige war beulig und brüchig. Pionierpflanzen sprießten aus Sprüngen und
Fundamenten. Zwischen den öffentlichen Kunstwerken schliefen die Obdachlosen.
Oder sie irrten zwischen den Hotels, den Parkplätzen und Autovermietungen
herum. Die Anrainer scherten sich so wenig um sie, dass sie nicht einmal
vertrieben wurden. Da telefonierte ein Yuppie vor dem Hilton, keine zwei Meter daneben vertickten fragwürdige Gestalten
noch weit fragwürdigere Substanzen. Und ein aufpolierter SUV reihte sich an den
nächsten in der Auffahrt zum Valet-Parking.
Eine gewaltige Laufbahn auf Stelzen verband die Parkgarage mit dem Peachtree Center in der Parallelstraße,
um jeden ungewollten Kontakt mit dem öffentlichen Raum zu vermeiden. Und daran schloss
sich eine weitere Beobachtung an: Ich weiß, Uber
ist cool. Aber die meisten, vor allem Weiße, benutzen den spottbilligen
Fahrtendienst, um den öffentlichen Nahverkehr zu vermeiden. Öffentliche
Verkehrsmittel sind für Farbige und Latinos. Für diejenigen, die die schöne
Welt mit Aircondition am Laufen halten. Genau wie vor 150 Jahren.
Nachdem sich Juliane im Sheraton
für die GSA registriert hatte, sind wir ins Hard
Rock Café gegangen. Das war schon eine feine Sache, zwischen all den
Reliquien internationaler Musikgrößen seinen Cheeseburger und ein Bier zu
genießen. Und ich habe gelernt, dass die Hard
Rock Cafés inzwischen den US-amerikanischen Natives gehören, nämlich dem Seminole Tribe of Florida. Nach dem
Essen gingen Juliane und ich getrennte Wege. Juliane hatte ihren ersten Termin.
Tatsächlich sind in Downtown Atlanta vergleichsweise viele Menschen zu Fuß
unterwegs. Das verleiht der Stadt ein sicheres Gefühl. Aber sobald die
Passanten verebben, machte sich in mir ein seltsames Aufpassen breit. Eine
Alarmbereitschaft, die ich vom nächtlichen Nachhause Gehen in Wien Favoriten
nur allzu gut kenne. Als Behinderter am Stock wäre ich auch leichte Beute. Und
wirklich, als ich alleine ins Motel gegangen bin, hat mich auch schon einer von
den homeless people angequatscht. Ich
wollte mich nicht wie ein Arschloch aufführen, aber der benahm sich genau wie
aus dem Lehrbuch des kriminalpolizeilichen Dienstes: Überfreundlich, und er
wollte gleich Händeschütteln und Umarmen. Nein, mein Freund, das zieht bei mir
nicht. Zum Glück war ich nur ein paar Schritte vom Grundstück unseres Motels
entfernt. Es mag brutal klingen, aber wenn man Menschen zwingt, unter solch
menschenunwürdigen Umständen zu leben, verhalten sie sich eben irgendwann wie
Raubtiere.
Während Juliane und ich dann im
Bett in unserem Motelzimmer lagen, fiel die Aircondition aus. Und nicht nur
die, das ganze Haus war ohne Strom. Ein Auto war in den Pfosten mit der Strom-
und Telefonleitung gekracht. Ich hörte die Telefonate des Rezeptionisten mit
aufgeregten Hotelgästen und den Stadtwerken. Der Strom konnte in ein paar
Stunden wiederhergestellt werden, aber das WLAN war für ein bis zwei Tage beim
Teufel. Auf dem Parkplatz vor dem Motel gingen die Lichter in den abgestellten
Autos an. Juliane war nicht die einzige GSA-Teilnehmerin im Haus. Und viele
mussten noch ihre Texte für die Arbeitsgruppen überarbeiten oder lesen.
Am nächsten Tag die freudige
Nachricht: Der dritte Hurrikan in kürzester Zeit machte sich bereit, auf das
Festland der USA zu treffen. Nate
steuerte direkt auf Atlanta zu. Aber es war eh völlig wurscht, wo Juliane und
ich gerade waren, würde Nate nämlich seinen Kurs halten, traf er auch Boston. Nates
eintreffen wurde von CNN auf Sonntagnachmittag vorhergesagt. Und die mussten es
wissen, die haben ihre Zentrale in Atlanta. Und sie hatten völlig Recht. Sonntagnachmittags
war Nate bei uns. Als Tropensturm und absolut mieser Laune. Es hat geschüttet,
die Wolken hingen tief und es war stockdunkel draußen. Juliane musste durch
knöcheltiefes Wasser ins Sheraton auf die Konferenz und wieder zurück. Am Abend
in der Lobby reihten sich Essenslieferant an Essenslieferant, weil niemand von
den Gästen das Haus verlassen wollte. Die armen Zusteller. Aber die Pizza
schmeckte mir großartig. Überhaupt war Atlanta kulinarisch der Bringer. Abends
zuvor aßen wir mit einem Freund im Ponce
City Market, und abends zuvor mit einer Kollegin von Juliane im Trader Vic´s, einem coolen
hawaiianischen Restaurant, das es immerhin seit 42 Jahren gibt.
Nate hatte uns einen ganzen Tag Sightseeing
gekostet. Aber weil wir beim Flugbuchen am
und pm verwechselt hatten, ging unser
Flug nachhause nicht mittags, sondern quasi mitten in der Nacht. Was uns erst
geärgert hatte, war jetzt ein Glück. Ich wollte zwei Dinge in Atlanta unbedingt
sehen: Das Martin Luther King Memorial
und das Margret Mitchell House. Für
mich heute die zwei Seiten einer Münze, nämlich des alten Südens. Es hat zwar
immer noch geregnet. Und das Besucherzentrum im Martin Luther King Memorial hatte geschlossen, so dass Juliane
unser Gepäck mitschleppen musste. Das war ärgerlich und für sie sehr
anstrengend, weil wir uns natürlich die Ebenezer Baptist Church, das
historische Feuerwehrhaus und das Haus der Kings ansehen wollten. Wir haben
alle drei geschafft. Für mich etwas irritierend, weil mensch liebt ja das
Klischee: Das Martin Luther King Memorial gehört zu den Nationalparks. Ergo
dessen sind die Mehrheit der Angestellten Ranger. Und Weiße, noch dazu in
Uniform. Das kam ordentlich schräg bei mir an. Was mich geärgert und Juliane
gekränkt hat war, das einige der schwarzen Angestellten unglaublich
unfreundlich zu Juliane gewesen sind. Und immer nur dann, wenn ich nicht in der
Nähe gewesen bin. War es, weil sie weiß und blond war und mit deutschem Akzent
sprach? Ich weiß es nicht. Denkbar wäre es. Mich hat auf der Suche nach einem
Restaurant, um die Wartezeit bis zur Führung im Geburtshaus zu überbrücken, ein
Obdachloser gefragt, ob er mir seine „Bälle“ zeigen soll. Nein, danke, das Angebot
habe ich höflich ignoriert. Die Gegend rund um die historischen Stätten sah
überhaupt aus, dass wir uns zunächst gefragt haben, wo zum Teufel sind wir da
bloß gelandet? Die Graffitis internationaler Street Art-Größen (unter anderem der
gebürtige Steirer Nychos) an den Feuerwänden verrieten aber, dass das Viertel
hipp sein musste. Auch die überaus netten vollbärtigen und tätowierten Jungs,
die uns unseren Lunch machten und servierten, sprachen dafür. Ich komme mit den
sozialen Widersprüchen in diesem Land nur schwer klar.
Die Führung im Geburtshaus hat
ein blinder weißer Ranger gemacht. Und seine Performance war in jeder Hinsicht
bemerkenswert. Zum einen hat er mit schauspielerischer Grandezza jedem Mitglied
der Familie King eine eigene Stimme gegeben und damit dem Ort Leben
eingehaucht, zum anderen hat er es geschafft, den Spirit der Bewegung zu
vermitteln und Äußerlichkeiten und Unterschiede vergessen zu machen. Auf jeden
Fall für den Moment, und hoffentlich auch langfristiger.
Im Martin Luther King Memorial
habe ich zum ersten Mal die Worte von Martin Luther King junior (1929-1968) wirklich
vernommen. Ich habe selten so eine Kraft und Klarheit gespürt. Ich habe schon
Biographien von Menschen gehört, die überzeugte Atheisten geworden sind, weil
sie als Jugendliche eine schlechte Predigt von einem (alten) Trottel gehört
haben. Hier, in der Ebenezer Baptist Church, hat ein Mann gepredigt, der mit
seinem Mut die USA verändert hat. Und mit seinen Worten aus Mitläufern
Bürgerrechtler gemacht hat.
Und um das Kontrastprogramm voll
zu machen, im Margaret Mitchell House geleitete uns eine souveräne und
gebildete alte Afroamerikanerin durch das Leben und das Apartment der Autorin
von „Vom Winde verweht“. Nach dem bürgerlichen Haus der Kings und vor allem nach
der Villa Mark Twains war ich überrascht, dass die Autorin des Megabestsellers
und Filmklassikers mit ihrem zweiten Mann in einem Zweizimmerapartment gewohnt
hat. Die Wohnung hatte etwas von einem Wiener Gemeindebau in den
Zwanzigerjahren. Überhaupt stimmte es mich bedenklich, wie vielfältig Menschen
in ihren Ansichten sein können. Margaret Mitchell (1900-1949) war eine
überzeugte Feministin, brach mit gesellschaftlichen Konventionen, arbeitete als
Reporterin, war einmal geschieden und trat vehement für das Stimmrecht von
Frauen ein. Aber sie wollte den Raum nicht mit Afroamerikanern teilen.
Obwohl Clark Gable dagegen
protestiert hatte, durften die schwarzen Darsteller nicht an der Filmpremiere
von „Gone with the Wind“ in Atlanta
teilnehmen. Man befürchtete Unruhen. Das war 1939. Der Darsteller des Ashley
Wilkes, Leslie Howard, war auch nicht dabei, er wurde 1943 von der deutschen
Luftwaffe abgeschossen.
Ich habe die großmütterliche Dame,
die uns geführt hat, auf den Rassismus in „Vom Winde verweht“ angesprochen.
Ihre Antwort war beeindruckend. Margret Mitchell war in einem Umfeld
aufgewachsen, in dem der alte Süden noch am Leben war, und der Bürgerkrieg das
tägliche Gesprächsthema in der Familie. Mitchell erfuhr überhaupt erst viel
später, dass die Konföderation den Krieg verloren hatte. Sie lebte und schrieb
über ihre Kultur, und das war der historische Süden. Für diese klare Analyse
verdiente die alte Dame meinen Respekt. Martin Luther King angewandt. Ich kann
das Verhalten Margaret Mitchells dank ihr nachempfinden. Das Trauma des
Kriegsendes wurde in meiner Familie auch an die späteren Generationen weitergegeben.
An mich jedenfalls. Ich habe zuerst Heimatverlust und Opferrolle gelernt, die historische
Täterschaft musste ich mir erst erarbeiten. Und das Runterbeten von Fakten im
Geschichtsunterricht war dabei eher kontraproduktiv. Das zeigt sich ja leider
auch in den aktuellen Wahlergebnissen.
Obwohl das Wetter nach wie vor
bescheiden war, wurde unser Heimflug nicht vom Winde verweht.
Diejenigen, die
panisch ihren Heimflug vorverlegt hatten, hatten da oft weniger Glück. Bei uns
lief alles glatt. Naja, bis auf die Tatsache, dass unser Koffer in Hartford
nicht auf dem Gepäckband erschien. Das stimmte meine müde Gattin ein wenig
ungeschmeidig. Indes, das gute Stück hatte einen Flug vorher genommen und
wartete schon längst vor dem Büro des Special Service auf uns. Das wusste
wiederum der nette junge, natürlich hispanische Mann, der meinen Rollstuhl
schob.
Nach diesem erfrischenden
Zwischenspiel ging es rasch über den nächtlichen Highway nachhause. Nate war
auch schon da, die Wolken hingen tief und es war heiß und feucht. Trotzdem: Seltsam,
wie schnell man sich zuhause fühlt. Ich spürte ein sehr warmes und vertrautes
Gefühl, als ich die Hügel, die Bäume und die Orte Neuenglands vor dem
Seitenfenster vorbeiziehen sah. Schaute ganz anders als das flache Georgia aus.
In der Küche dann die große Überraschung: Wir hatten bei unserer eiligen
Abreise vergessen, die Milch zurück in den Kühlschrank zu stellen. Eine ganze
Gallone war grün geworden. Die sich breitmachende Pilzkultur schien kurz davor
zu stehen, eine Schrift zu entwickeln. Aber der Müdigkeit gedankt, es war uns
völlig wurscht, und wir sind ins Bett gefallen.
Fortsetzung folgt…
Mittwoch, 4. Oktober 2017
Ein Ösi in Connecticut (Teil 16)
Teil 16: Schokolade und bittere Pillen
Für Juliane und mich hat sich
endlich der Schleier eines großen Geheimnisses gelüftet: Wer kauft die riesigen
Toblerone-Barren auf internationalen
Flughäfen? Und warum? Die Antwort: Menschen, in deren Umgebung es keine, oder
nur fragwürdige Schokolade zu kaufen gibt! Jedenfalls hat mir Juliane so ein
riesiges Trumm von bester Schweizer Qualität nachhause mitgebracht. Die Gattin
weilte nämlich in Oxford, hielt dort an der Uni einen Vortrag und besuchte das
ehrenwerte Pub The Eagle and Child
aka The Bird and Baby, in dem sich
die legendären Inklings trafen. Jener
Autorenklub zu dem auch J.R.R. Tolkien (Herr
der Ringe) oder C.S. Lewis (Die
Chroniken von Narnia) gehört haben. Letzteres hat sie freilich nur für mich
und aus Liebe getan, weil ich ihr deshalb in den Ohren gelegen habe: „Bringst
Du mir auch was mit?“ Aber anders, als es die Krimiserie Lewis nahelegte, gab es dort keine Devotionalien oder Souvenirs zu
kaufen. (Da war auch kein Schwert!) Ich konnte dieses Mal nicht mit, Universität
und Pub hätte ich gerne selbst besucht, wirkten dort doch einige der
bedeutendsten britischen Denker und Schriftsteller, auch Lewis Carroll (Alice im Wunderland). Und Oxford ist
auch die historische und geistige Mama meiner Alma Mater in Wien. Aber das ist
eine andere Geschichte. Zu meinem Strohwitwertum weiter unten etwas mehr, jetzt
zurück zur Schokolade.
Es ist ja nicht so, dass es in
den USA nichts Süßes gäbe. Ganz im Gegenteil, so manch wogendes Hüftgold und
herausragender Steiß bezeugen stolz das Gegenteil. Wo liegt dann das Problem?
Der überaus schmackhafte durchschnittliche US-amerikanische Schokoriegel
besteht im Großen und Ganzen aus einem Erdnußbutter-, Karamell- und Nusskern,
umhüllt von zarter Milchschokolade bzw. fetter Kuvertüre. Zum einen ist das
reichlich nahrhaft, zum andern ordentlich bissfest. Das heißt nach dem Abbeißen
von der Köstlichkeit bildet sich im Mund so etwas wie Fugenmasse. Diese legt
sich dann luftdicht um Gaumen, Zahnfleisch und Zähne, so dass man danach
mühelos einen kompletten Mundhöhlenabdruck herausziehen könnte, einem
Zahnschutz für das Boxen nicht unähnlich. Als zartbesaiteter Europäer höre ich
da schon beim Verzehr leise die Karies nagen, und ich fürchte außerdem um meine
herrlichen Amalgamplomben. Diese wunderbaren und verlässlichen
Schwermetallerinnerungen an die späten Achtziger und frühen Neunziger, die
ungebrochen in meinem Backenzähnen harren und von mir mit Händen und Füßen
gegen erneuerungswütige Zahnärzte und ihren neumodischen Kunststoffkram
verteidigt werden. Damit dieses dentale Maschinenstürmen nicht unversehens
unnötig wird, weil mein Zahn unter Karamell und Peanutbutter langsam verrottet,
vermeide ich soweit möglich den Genuss des US-Schokoriegels. Das gefühlt
mehrstündige Reinigen des Gebisses mit Zahnseide und Zahnstocher wirkt als
Spaßbremse. Die optische Ähnlichkeit des legendären „Baby Ruby“-Riegels mit einem ganz anderem, am entgegengesetzten
Ende der Nahrungsaufnahme entstehenden Dings, hat die legendäre Swimmingpool
Szene in der Komödie Caddyshack (1980)
ein- und nachdrücklich vor Augen geführt. Wie dem auch sei, beides, Angst vor
Zahnverlust und pubertärer Analogieschluss, trägt nicht zur Appetitanregung
bei. Last but not least ist da auch noch die vorsätzliche Täuschung des
arglosen Europäers, der schamlose Etikettenschwindel. Da befiel mich einmal der
Gusto nach einem Milky Way. Weil ich
den Riegel durch die Scheibe eines Automaten sah, und mir bei der Erinnerung aus
Kindertagen an den sahnig sanften Geschmack eines Milky Ways vom Fließband des Viersener Süßwarenwerkes das Wasser im
Mund zusammenlief. Es hätte mich stutzig machen müssen, die Verpackung war
nicht glänzend und blauweiß mit Sternen. Die Schrift war Grün auf Weiß, der
Rest der Hülle Dunkelbraun. Quasi statt einem kultigen DeLorean ein braver
VW-Bulli, statt einer spacigen Zeitmaschine eine Hippieschaukel. Egal, das Ding
wurde gekauft und sogleich ausgepackt. Von der Größe ließ sich nichts ableiten
oder bestimmen, für mein Gefühl ist in den letzten Jahrzehnten jeder
Verpackungsinhalt auf eine Einheitsminiatur geschrumpft. Beim ersten Biss, dann
der Schock: Das war kein Milky Way,
es war ein Mars! Das war für mich The Crying Game der Süßwarenwelt.
Dagegen half in Zukunft nur der
Import von redlicher Schweizer Alpenschokolade. Die Toblerone haben zwar jetzt auch nicht mehr alle Ecken im Karton,
aber auf die übrigen kann man vertrauen. Da erkennt jeder gleich an der
Verpackung mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks wie der Inhalt tickt. Das
glauben so ja auch ganz viele Zeitgenossen von ihren Mitmenschen. Und wenn das
so üblich ist, dann kann es ja nichts Schlechtes sein. Oder?
Bevor ich allerdings meine
Schokolade hatte, musste ich ein paar Tage auf mich alleine gestellt
verbringen. Ich kann nur sagen, nichts ersetzt die ungetrübte, unschuldige kleinkindartige
Freude, sich selbst und ohne fremder Hilfe seine Hosen angezogen zu haben.
Unter zu Hilfenahme nur eines mechanischen Hilfsmittels. Weil ich ja schon groß
bin und mit Maschinen hantieren darf. Zum Beispiel mit einer
Sockenanziehmaschine, die in ihrem Aufbau und ihrer Funktion so herzzerreißend
simpel wie genial ist, dass ich mich frage, warum ich da nicht selbst
draufgekommen bin. Mehr oder weniger ist es ein Spatenblatt aus weichem Plastik
mit einer Schnur zum Ziehen dran. Heureka, denke ich, und fühle mich den großen
Denkern so nah. Das also ist das Aha-Erlebnis, das hinter Geistesrevolutionen
steckt. Es war die ganze Zeit vor Augen, aber keiner hat´s bisher kapiert. Und
weil ich auf der Welle des Erkenntnisglücks noch weiter reiten wollte,
erinnerte ich mich daran, wie sich Russell Crowe als Captain Jack Aubrey (Master and Commander, 2003) ohne
Gummiband auf Deck seines Schiffes im Sturmwind die wehenden Haare
zusammenband. Nur mit schlichter Lederschnur ausgerüstet, die er in seiner
Westentasche trug. Ergriffen und tapfer wagte ich den Versuch eines Nachahmens,
und siehe: Wahrlich, ich konnte mir mit einem einfachen Stoffband einen Zopf
machen. So ein schickes Lederteil hatte ich nicht zur Hand. Aber ich arbeite
daran. Ich war im Moment von meinem Stoffband schon ganz begeistert. Ja, das
klingt jetzt fürs Erste alles ganz trallala einfach, aber wenn man seine Hände
wenn es hochkommt bis zu den Schläfen hochkriegt, oder an die Ohren, dann ist
das schon eine tolle Sache. Stolz blähte meinen Busen. Daran konnte auch die
Uhr nichts ändern, die mich hämisch darauf hinwies, wie lange ich für das alles
gebraucht hatte. Aber mir lief ja niemand hinterher. Und Fluchen konnte ich
dabei auch nach Herzenslust, ich spielte ohne Aufsicht.
Zum Abschluss die paar bitteren
Pillen, die es für mich auch zum Schlucken gab:
Meine Therapie entwickelte sich
ebenfalls anders als erwartet, die Gespräche gruben tiefer als gedacht. Die
letzten beiden Sitzungen waren so eine Freude, dass ich gleich danach erstmal
eine Zigarette gebraucht habe. Total verboten und ganz schlimm, ich weiß. All
die guten Menschen auf der Straße haben mich mit ihren Blicken auch gleich
daran erinnert, was für ein schlechter Mensch und Raucher ich doch war. In
ihren Augen fraß ich kleine Kinder, und in meinem Innern wurde ich selbst
wieder als solches aufgefressen. Und dass alles zwischen Foodtrucks, die nach verbranntem Fleisch und Knoblauch rochen.
Beim Ansehen oder Anhören der
Nachrichten aus Europa kommt mir indes jedes Essen wieder hoch. Ich frage mich
inzwischen, ob ich es nicht besser lassen sollte, den heimischen Wahlkampf zu
verfolgen. Aus einem Land, in dem Politik zu Kabarett wird, und Kabarettisten
Politik machen. In dem Witze Argumente sind, und Haltungen zum Scherz
verkommen. Bei all den Wuchteln und dem Schmäh ist mir das Lachen echt
vergangen. Nichtsdestotrotz habe ich bereits gewählt. Ist ja meine
Bürgerpflicht, sagte man früher. Das Wahlrecht für alle war auch weidlich hart
genug erkämpft. Anders als befürchtet kam meine Wahlkarte zeit- und fristgerecht
in New Haven an. Ich hatte bereits anderes gehört. Meine war jedenfalls da,
dank dem Magistrat. Und die US-amerikanische Post hat sie ohne jeden Einwand
wieder retour zugestellt. Wählen aus dem Ausland kostete mich also keinen
Penny. Es besteht also wirklich kein Grund, sich nicht die Zeit zu nehmen.
Immerhin will ich ja zurückkehren, und da möchte ich, was die Zukunft meines
Geburtslandes angeht, vielleicht ein Wörtchen mitreden. Auch, oder gerade weil,
da ein paar Herrschaften etwas dagegen haben und die Briefwahl abschaffen
wollen. Es sollte einem zu denken geben, dass es nach der Auszählung der
Wahlkarten immer einen letzten Ruck im Ergebnis gibt. Von all jenen, die ihren
Rock und ihren Kopf ein wenig in der weiten Welt gelüftet haben. Als Geschenk
zur Wahlkarte habe ich die herrlichen Kundmachungen erhalten. Ich werde mir die
Papierbögen aufheben, immerhin steht ja mein Name in den Listen. Unter PILZ by
the way. Abgesehen vom Erinnerungszweck denke ich über eine praktische Nutzung
nach: Ich könnte die weiße oder die gelbe Kundmachung zum Zudecken bei meinem
Mittagsschlaf und nach der Behandlung benutzen. Oder wir kleben sie längsseits
zusammen und erhalten so eine geschmackvolle Tagesdecke für unser Ehebett. Jetzt
kommt außerdem die kalte Jahreszeit, da kann man die beiden auch gut als
Spanische Wand und Raumteiler benutzen.
Und ich habe mein erstes Social
Media-Lehrgeld auf facebook bezahlt.
Ich habe es geschafft, mich in eine Online-Diskussion verwickeln zu lassen, in
der Thema und Argumente so lange verdreht wurden, bis ich mir daraus ein Seil
um den Hals gelegt und mich in der Schlinge um Kopf Kragen geredet hatte. Man
sagt mir, so etwas kommt vor, und ich soll es vergessen. Aber es ärgert mich
trotzdem. Weil mir so etwas immer wieder passiert. Dass mir mit den Zügeln in
der Hand und der Straße bewusst, die Gäule durchgehen.
Einmal noch Photopherese im Yale
New Haven Hospital, dann geht es mit Juliane für ein paar Tage nach Atlanta,
Georgia. Zwar ist nach meinen gegenwärtigen hiesigen Erfahrungen meine Liebe
zum historischen Süden der USA ziemlich abgekühlt, trotzdem freue ich mich auf
die Stadt. Atlanta hat zwei Persönlichkeiten hervorgebracht, die ich heute vor
meinem geistigen Horizont als moralische Antipoden sehe: Margaret Mitchel, die
Autorin von „Vom Winde verweht“, und
Dr. Martin Luther King, Pastor und Bürgerrechtler. Ich hoffe, von beiden etwas
zu sehen zu bekommen und über beide etwas mehr zu erfahren.
Ich melde mich also wieder zurück
aus Dixie!
Fortsetzung folgt…
![]() |
| Als geborener und gelernter Ösi sage ich: Folks, geht bitte wählen! |
Sonntag, 17. September 2017
Nationalratswahl in Österreich am 15. Oktober 2017
Die 26. Nationalratswahl am 15. Oktober wird wie Kirschenessen:
Zuallererst muss ich darauf achten, dass ich nicht zu kurz komme.
Von den blauen und grünen bekomme ich garantiert Bauchweh.
Und die Kerne werden ausgespuckt.
Die Alternative? Für mich ein Pilzgericht!
Diesmal kandiere ich selbst. Hier ist der Link:
https://listepilz.at/david-weiss/
Ich bedanke mich für das Hingehen und Kreuzerl machen. Auch, wenn es nicht für mich ist.
Schöner wäre es. Also: Falls für mich, doppelten Dank und große Freude!
Alles Liebe!
Zuallererst muss ich darauf achten, dass ich nicht zu kurz komme.
Von den blauen und grünen bekomme ich garantiert Bauchweh.
Und die Kerne werden ausgespuckt.
Die Alternative? Für mich ein Pilzgericht!
Diesmal kandiere ich selbst. Hier ist der Link:
https://listepilz.at/david-weiss/
Ich bedanke mich für das Hingehen und Kreuzerl machen. Auch, wenn es nicht für mich ist.
Schöner wäre es. Also: Falls für mich, doppelten Dank und große Freude!
Alles Liebe!
Ein Ösi in Connecticut (Teil 15)
Teil 15: Mind Shaking Mindf***ing
![]() |
| Make US smart again! PLEASE! |
Die mächtigsten Stürme und
Waldbrände, die jemals aufgezeichnet worden sind, haben eine Spur der Verwüstung
durch den Süden und den pazifischen Nordwesten der USA gezogen. Sie haben
Tausende ins Elend gestürzt, Träume zerfetzt und Lebenswerke fortgespült als
wären sie auf Sand gebaut gewesen. Ich bin oft besorgt gefragt worden, ob wir
in New Haven Ausläufer zu spüren bekommen haben. Nein, das alles hat tausende
Kilometer von Connecticut entfernt stattgefunden, die USA sind, wie schon oft
gesagt, riesig. Für uns war die
tatsächliche Erfahrung so, also ob in Algerien ein Wüstensturm stattgefunden
hätte, und wir in Wien gewesen wären. Gefühlt waren wir natürlich viel näher
dran. Die Nachrichten und The Weather
Channel hatten viel zu berichten, das Wetter war außer Rand und Band. Harvey, Irma und die Wildfires haben
so manches Hirn aufgemischt. Aber oft nicht so, wie ich es erwartet hätte.
Man muss kein Zyniker sein, um zu
sagen: Es hat eine Reihe von Naturkatastrophen gebraucht, um die
US-amerikanische Regierung zum Funktionieren zu bewegen, das heißt: Den
US-Präsidenten einen Deal mit den Demokraten schließen zu lassen. Zugunsten der
Bevölkerung und zum Schrecken der Republikaner, aber vor allem zum Entsetzen
seiner Wähler. Bei denen hat sich zwischen den Ohren nur eines von A nach B
bewegt, sie wollen ihren Präsidenten plötzlich auch abgesetzt sehen. Jetzt
wollen sogar einige führende Republikaner den Geisteszustand des Präsidenten
untersucht sehen. Und in dieser Situation fällt es mir fast unmöglich zu
glauben, dass es in der einst fortschrittlichsten Demokratie der Welt
schwieriger sein sollte, den Präsidenten abzusetzen, als den Papst der
römisch-katholischen Kirche. Um einen Pontifex abzusetzen bedarf es laut
kanonischem, d.h. kirchlichem Recht zweier Gründe: papa idioticus oder papa
haereticus. Die beiden Rechtsfiguren beschreiben einen Papst, der im ersten
Fall durch völlige Behinderung oder bewiesene Unzurechnungsfähigkeit nicht mehr
in der Lage ist, sein Amt auszuführen, oder im zweiten Fall zum Irrlehrer
geworden ist. Vor der Unfehlbarkeit (Infallibilitätsdogma 1870) war es für die
Synode noch viel einfacher, einen solchen Papst demokratisch aus dem Amt zu befördern
(vor allem im zweiten Fall). Einen Papst hat man sogar zum Ketzer verurteilt
und verdammt, allerdings nachdem er bereits tot war. Die Leiche von Honorius I.
landete im Tiber. Theoretisch ist es möglich, das Oberhaupt der letzten
absoluten Monarchie in Europa sowie einer Weltreligion abzusetzen, auch wenn
der Münsterische Kommentar da anderer
Meinung ist. Dieser Kommentar beruft sich in seiner Argumentation allerdings alleine
auf Gott und den Glauben, nicht auf Gesetz und Medizin. Das macht die Beweiskette
nach heutigen Standards etwas dünn. Papst Benedikt XVI. hat sich jedenfalls
selbst aus gesundheitlichen Gründen faktisch abgesetzt. Für die Absetzung des
Präsidenten der Vereinigten Staaten gelten keine höheren Weihen, für seine
Absetzung würde ein ärztliches Attest genügen. Seine völlige Unberechenbarkeit
hat er mehrmals zur Schau gestellt und in die Welt gezwitschert. In Zeiten
einer atomaren Bedrohung durch Nordkorea löst sein Verhalten nicht nur bei
seinen Gegnern, sondern auch bei seinen Parteifreunden Fracksausen aus. Das
alles ist Wasser auf die Mühlen des Impeachments. Wir werden sehen, ob es
Tropfen auf den heißen Stein bleiben.
Damit nicht genug, am 21.8.2017
gab es eine vielbestaunte, dennoch unheimliche totale Sonnenfinsternis. Unter all
diesen Umständen ist für viele einmal mehr das Ende der Welt angebrochen. Die
Apokalypse steht vor der Tür, die Pferde der vier Reiter scharren in den
Startlöchern. Alle warten gespannt, wann der nächste Engel ins Horn bläst. Die
ersten Male Tuten haben einige schon deutlich gehört. Für die Angst vor der
Endzeit brauchen wir uns nicht zu genieren, erklären uns aufgeklärte Medien
(u.a.: Washington Post), die
Ereignisse als Zeichen zu interpretieren und sie in einen Zusammenhang zu
setzen, das entspreche ganz der menschlichen Natur. Anders gesagt, unser
Verstand sucht nach Zusammenhängen und Erklärungen von heftigen Reizen. Aber,
so heißt es weiter, Wissenschaftler sagen uns, dass die Welt so nicht funktioniert.
Welche Wissenschaftler, oder auf welche Weise die Welt wirklich funktioniert,
das erfahre ich in solchen Erklärungen nie. Und das macht mich unfroh. Ich soll
einfach glauben, dass „die Wissenschaft“ die Welt anders erklärt. – Kurzer
Zwischenstopp! ICH weiß, dass die Wissenschaft durchaus in der Lage ist, jedes
einzelne der Phänomene zu erklären. Nur, ich habe mich zeitlebens informiert,
es nachgelesen. Ich versuche hier wiederzugeben, was ich der öffentlichen
Diskussion entnehme. – Ich bleibe mit dem diffusen Unglück zurück, dass die
Autoren oder Moderatoren selbst nicht genau wissen, was diese ominöse
Wissenschaft zu sagen hat. Ich soll ihr aber alles glauben. Und jetzt wird es
hinterfotzig und gruselig: Die Vertreter der wissenschaftlichen Erklärung
bleiben diffus, diejenigen, die an die Offenbarung der Endzeit glauben, werden
verdammt konkret. Sie geben ihre Argumente klipp, klar und nachvollziehbar
wider: Die totale Sonnenfinsternis fand am 21. August statt, Harvey traf das Festland von Texas am
25., und am 26. folgten die Erdbeben in Guatemala und in Italien. Das ergibt:
21-25-26. Eine völlig zufällige Zahlenreihe. Füge ich diese Zahlen allerdings in
ein Glaubenssystem ein, dann schlägt es 13. Die Wiederkunft des Herrn steht bevor:
„And
there shall be signs in the sun, and in the moon, and in the stars; and upon
the earth distress of nations, with perplexity; the sea and the waves roaring;
Men's hearts failing them for fear, and for looking after those things which
are coming on the earth: for the powers of heaven shall be shaken.”
Lk 21, 25-26; King
James Version
„Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf
Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und
Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung
der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel
werden ins Wanken kommen.“
Lk 21, 25-26; Lutherbibel
1984
Erstaunlich, nicht wahr? Hier
sind sie alle miteinander schwarz auf weiß: die Sonnenfinsternis, die Stürme,
die Tsunamis, die Erdbeben und ein Führer in schwierigen Zeiten, der einen die
Gänsehäute rauf und runter jagt. Ich habe nichts anderes in sechs Büchern getan
als aus willkürlichen Zahlen und unzusammenhängenden Fakten nachvollziehbare
Verstrickungen gebaut. Aber warum zum Teufel sollte es Gott, der Allmächtige,
tun? Warum sollte er, der da herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit, sich an den
modernen Kalender US-amerikanischer Zeit halten? An die Textauswahl von Nicea,
an die reformierte Zählung der Kapitel und Verse oder an den Kanon der King James Version der Bibel? Die
reformierte Bibel besteht aus 66 Büchern, 1189 Kapiteln und 31.171 Versen. Es
ist unfassbar viel Hirnschmalz und Arbeit notwendig, aus drei zufälligen Zahlen
ein solch treffendes Ergebnis zu erzielen. Und ein fester Glaube. Im Grunde
muss ich schon vorher wissen, dass diese spezifische Versfolge Jesu
Prophezeiung über die Wiederkunft des Menschensohns ist, sonst komme ich nie
darauf. Der Teufel sitzt im Detail, bin ich versucht, zu sagen, denn just an
den richtigen Monatstagen treffen genau die Ereignisse zusammen, die überall
und jederzeit als Zeichen einer Endzeit gedeutet wurden. Und seien wir uns
ehrlich, treten alle Phänomene zusammen auf, die uns heute noch solche Angst
machen, sind in der Geschichte tatsächlich Hochkulturen und ganze Zeitalter zu
Ende gegangen. Die Autoren der Bibel wussten aus der Geschichte, was alles auf
einmal zu geschehen hat, dass sogar große Reiche den Bach hinuntergingen.
Zuletzt in ihrem Erfahrungshorizont, am Ende der Bronzezeit. Hier kann mir die
Wissenschaft, Historie und Exegese, klar erklären, warum welche Mittel in
prophetischen Texten angewendet worden sind. Alles andere ist möglich, weil es
möglich ist. Und es wirkt, wenn ich es glaube. Der kürzeste Vers der Bibel ist
übrigens Joh 11, 35: „Und Jesus gingen
die Augen über.“ Ich kann es ihm nachvollziehen.
Es ist wieder einmal der Glaube,
der Berge versetzt. Die Autoren der prophetischen Texte haben so fundierte
Beglaubigungsfunktionen in ihren Schriften eingesetzt, dass Menschen heute noch
blass werden beim Lesen. Dagegen sehen die Argumente jener, die wollen, dass
wir der Wissenschaft glauben und vertrauen hierzulande ziemlich mau aus. Weil
im Grunde niemand weiß, wer oder was diese Wissenschaft eigentlich ist, man ihr
aber voll und ganz vertrauen muss. Das treibt seltsame Früchte. Wer nämlich
denkt, dass Harvey und Irma ein Umdenken bei den Trump-Wählern
eingeleitet hätten, der irrt gewaltig. Insbesondere Irma ist der größte jemals aufgezeichnete Sturm, sie hat alle
Rekorde gebrochen. Aber sie hat sich wieder „auf Normalgröße“ aufgelöst. Und
weil es vor 12 Jahren schon einen Sturm ähnlichen Ausmaßes gegeben hat, kann
man darin eine natürliche Entwicklung erkennen. Aber naturgemäß nur, wenn man
mit vollem Herzen nicht an den menschenverursachten Klimawandel glaubt. Der habe
mit den Katastrophen und Phänomenen nämlich deshalb nichts zu tun, weil sie
alle von der Wissenschaft erklärt werden können! – WHAT? – Diese Leute glauben
nicht an den menschenverursachten Klimawandel, weil die Wetterphänomene
wissenschaftlich erklärt werden können! In ihrem Verständnis wäre der
Klimawandel nur dann real, wenn die Ereignisse, die ihre Existenzen zerstört
haben, nicht von Wissenschaftlern erklärt werden könnten. Dass es die
Wissenschaft ist, die seit Jahren vor genau den Dingen warnt, die jetzt
geschehen, das haben sie nicht auf dem Schirm.
Warum ist das so? Weil diese
Menschen es in Diskussionen nur mit polemischen Klugscheißern zu tun bekommen,
denen eines abgeht, was die Autoren und Übersetzer der Bibel hatten: den Zugang
zu den Menschen. Sie haben den Leuten aufs Maul geschaut, ihnen vom Herzen
geredet und fundierte Beglaubigungsfunktionen benutzt. Klar ist das auch
Populismus. Aber wir leben in einer Demokratie. Klar, ich kann lachen und
sagen: „Betet nicht, wählt lieber eine Regierung, die an die Wissenschaft
glaubt!“ Aber damit gewinne ich bei der nächsten Wahl wieder keinen Blumentopf.
Tretet mit Respekt vor diese Leute hin, sprecht ihre Sprache, benutzt ihre
Bilder und erklärt ihnen, wer und was Wissenschaft ist. Gedemütigt und
ausgelacht werden sie ohnedies jeden Tag in ihren Leben.
Wieviel Wertschätzung für die
Gefühle, den Verstand und die Bedürfnisse der Wähler in der Politik herrscht an
einem Beispiel aus dem österreichischen Wahlkampf: „Ein Elektriker muss zehn
Stunden arbeiten, dass er sich eine Stunde Arbeit eines Mechanikers leisten
kann!“ Skandalös, sage ich. Der Skandal ist aber ein anderer als erwartet. Dem
Politiker wurde so oder so für diesen Satz applaudiert. Aber was hat er gesagt,
wovon ist er ausgegangen? Dass das Wichtigste im Leben eines arbeitenden
Menschen das Auto ist. Das formuliere ich so, er hat mit Sicherheit einen Mann
angesprochen. Weil in seinem Gesellschaftmodell der Mann das Geld verdient und
die Steuern zahlt. Die Frau bleibt daheim, oder arbeitet halbtags und
unterbezahlt. Die heilige Kuh, das Automobil, ist der Maßstab, der an die Welt
angelegt wird. Der Wagen bestimmt den sozialen Status. Und der bemisst sich
wiederum am Einkommen. Und dieses wird besteuert. Logischer Schluss: Je weniger
Steuern der Mann bezahlt, umso mehr kann er in sein Auto investieren. Sein
Ansehen steigt, er fühlt sich besser, er wird den Politiker wählen. Am Ende
zahlt er wirklich weniger Steuern auf sein Einkommen, fährt sogar ein besseres
Auto. Aber plötzlich ist kein Geld mehr da für das, wofür er wirklich neun von
den zehn Stunden gearbeitet hat und wofür er unser aller Respekt verdient:
Krankenversorgung, Sozialversicherung, Schulen, und die Infrastruktur. Also
auch kein Geld für die Straßen, auf denen er mit seinem Auto herumfährt. Möchte
jemand einen maroden Highway adoptieren? Hier in Connecticut sind ein paar zu
haben! Wenn mein ganzes Leben um das Auto kreist, es sogar die hohe Politik von
mir möchte, dann lasse ich mir von einem diffusen Gespenst ohne Gesicht namens
Wissenschaft nicht einreden, dass ich nicht mit dem Auto herumfahren darf, weil
das irgendwie das Klima beeinflusst. Blöderweise fehlt jetzt nämlich auch das
Geld für die Lehrer und Professorinnen, die in Schulen und auf Universitäten
erklären könnten, wie sich das zueinander verhält. Und dann bauen sich Rednecks
und Hillbillys ihre Trucks so um, dass sie noch mehr schwarzen Dieselrauch in
die Atmosphäre blasen. Aus Protest gegen die Lügenpresse, Fakenews und protestierende Ökos, Bürgerrechtler und Feministinnen.
Diesen Leuten hat man bereits glaubhaft gemacht, dass Health Care kein Recht
ist. Krankenversorgung ist etwas, wofür man selbst zu sorgen hat. Nur zahlt man
hier keinen Selbstbehalt, hier bekommt man eine Rechnung. Die muss bezahlt
werden. Mit Glück zahlen die Krankenversicherungen einen Teilbetrag zurück. Meistens
tun sie es nicht. Und weil kein Staat einspringt, kostet z.B. eine kleine Tube
Medizin, 50mg Salbe, über 500 US-Dollar. From
there the sky is the limit. Ein Krankenhausaufenthalt mit Untersuchung und
Behandlungen geht in die zehntausende. Viel Glück mit dem eigenen Ersparten.
Ist das aus, ist auch die medizinische Versorgung vorbei. Aber wir hatten den
SUV unserer Träume in der Garage. Lasset uns beten!
Fortsetzung folgt…
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