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Donnerstag, 8. März 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 27)


Teil 27: Europareise


Schon wieder. Wie zu erwarten war, bin ich froh, dass es vorbei ist. Das ist jetzt gar nicht abwertend oder despektierlich wider die Alte Welt gemeint. Europareisen stehen für Juliane und mich einfach unter keinem guten Stern. Das beweist sich leider immer wieder. Utrecht bleibt mir diesbezüglich unvergessen. Und auch diese Heimreise gestaltete sich – naja, sagen wir mal: anspruchsvoll.
Dabei hat die Reise ganz normal begonnen. Ausführliche Planung half den Irrtum durch den Fehler zu ersetzen. Und zu unserer großen Freude war uns vor und am Start keiner unterlaufen. Meine neu verschriebenen Medikamente hatte ich noch nicht erhalten (und ich habe sie noch immer nicht), zu viele offene Fragen vonseiten der Krankenversicherung. Aber meine Freundinnen, die Krankenschwestern der Photopheresestation, versicherten mir, dass ein Transatlantikflug nicht der Ort war, wo ich mit Immunsuppressivum sein wollte. Die Grippewelle war in vollem Schwange. Dies Menetekel vor Augen gab uns Hatty den Rat, im engen Flieger einen Mundschutz zu tragen. Mehr noch, sie gab uns die entsprechenden Masken gleich mit. Krankenhausstandard in dezentem Rosa. So waren uns Raum und Beinfreiheit garantiert. Dazu noch ein wenig gehustet, mit dem geröchelten Hinweis: „Ich habe die Pest!“, schon konnte man sich ausstrecken und breit machen. So der Plan. Der perfide.
Wir hatten sorgfältig nur das Notwendigste gepackt. In meinem Fall beinhaltete das zusätzlich einen mobilen Handlauf für das Bad und einen formschönen, äußerst eleganten Sitz für rückwärtige Angelegenheiten. Zwei Accessoires, die mir das unstete Gefühl vermittelten, nicht bloß besondere Bedürfnisse zu haben, sondern downhill unterwegs auf den Kompost zu sein. Kurz: Ich fühlte mich angesichts dieser notwendig gewordenen, sperrigen Mitbringsel reichlich alt und hinfällig. Mein unbedachter Kommentar zu dieser Beobachtung zog eine erfrischende Kopfwäsche vonseiten der Gattin nach sich, die mir nicht nur die Wadeln nach vorne, sondern auch den Sinn wieder zurecht rückte. Mein loses Mundwerk verwünschend fand ich mich zwei riesigen Überseekoffern gegenüber, zu denen sich auch noch das Kabinengepäck gesellte. Kaum zu glauben, was für Zeug wir mit uns führten, um gerade Mal vierzehn Tage in Europa zu verbringen.
Wobei die Reise nicht bloßes Vergnügen war, und schon gar kein Urlaub. Unsere Visa mussten an der US-Botschaft in Wien verlängert werden. Das heißt, wir mussten ausreisen, um den Antrag auf Verlängerung an der ausstellenden Behörde stellen. Hätten die USA irgendwelche Gründe, uns nicht wieder hinein zu lassen gehabt, wären wir draußen geblieben. Da half kein Murren und Knurren. Und Termine an der US-Botschaft waren kostspielig. Aber dazu später mehr.
Um es einmal in der Sprache der von mir sehr geschätzten Sciencefiction zu formulieren, der erste FTL-Sprung (= „faster than light“-„Schneller als das Licht“) war für mich nie das Problem. Weder körperlich noch geistig. Es war bisher immer der vermaledeite zweite. So war der erste, der Transatlantikflug, weder für Juliane noch für mich ein Problem. Dank massiven Rückenwindes brauchten wir lediglich rund sechseinhalb Stunden für den Weg nach Europa, namentlich nach Dublin im schönen und grünen Irland. Von dort ging es weiter nach Schiphol in den Niederlanden. Wir hatten Special Service gebucht, weil ich die Distanzen auf den internationalen Flughäfen nicht mehr laufen kann. Auch der Weg durch den Schlauch in das Flugzeug wird immer schwieriger. Kurz gesagt, jemand muss mich im Rollstuhl bis an die Flugzeugtüre fahren. Das geschieht idealerweise in dem Zeitfenster zwischen dem Einsteigen der Businessklasse, der Familien mit Kleinkindern und der Economyklasse. Das erspart allen Beteiligten jede Menge Ärger und vor allem mir das ungenierte Gaffen beim Hinsetzen. Leider hatte das in Dublin dieses Mal gar nicht geklappt. Special an meinem Special Service war bloß, dass ich fast als Letzter in das Flugzeug gelassen wurde. Ich wurde von unserem Kabinengepäck getrennt, weil aller Stauraum in der Kabine schon mit Handgepäck voll war. Pech gehabt, könnte man meinen. Nur dass in meinem halt meine Medikamente sind, die ich schon ganz gerne bei mir hätte. Außerdem bin ich beim Ausziehen und Hinsetzen auch nicht gerne die Attraktion für Zeitgenossen, die ihre Mimik nicht im Griff haben. Schon gar nicht frühmorgens um fünf und mit einem Transatlantikflug in den Knochen und Gelenken. Besonders gefreut habe ich mich dann über die Konversation mit einer jugendlichen Handelsreisenden, die partout nicht verstehen wollte, inhaltlich wie akustisch, dass mir völlig klar war, dass sie den Sitzplatz in derselben Reihe gebucht hatte, ich aber ohne Hilfe nicht alleine aufstehen konnte, um sie dorthin zu lassen. Wenigstens begriff ihr Begleiter, an den sie sich hilfeheischend gewandt hatte, mein Problem. Juliane und er halfen mir auf die Beine, und meine neue Reisebekanntschaft konnte sich endlich setzen. Besagte junge Dame schrumpfte wenig später in ihrem Sitz zusammen, als ich mich bei der Stewardess über diesen extravaganten Special Service beschwerte. Ich wusste (und erklärte), dass das Kabinenpersonal nicht dafür verantwortlich zu machen war, aber ich hatte einfach das Bedürfnis, meinem Ärger Luft zu machen. Ich versuchte der wirklich freundlichen und verständigen Flugbegleiterin auch klar zu machen, dass es mir nicht um Vorteilsnahme ging. Wir waren alle gleich und hatten alle unsere Tickets bezahlt. Aber ich war der mit den chronischen Schmerzen und dem Schauwert für Einfältige. Behinderung ist kein Privileg, sie ist eine Last.
Die Ankunft in Schiphol entschädigte mich für all den Ärger. Ich fiel in die fürsorglichen Hände einer Flughafenangestellten aus Kap Verde, die Juliane und mich gutgelaunt und flink quer durch den riesigen internationalen Flughafen Amsterdam, an unser Gepäck und ins Taxi lotste. Ihren fröhlichen und zugleich autoritären Warnruf an Passanten hätte ich gerne als Klingelton. Die elektrischen Flughafengefährte fühlen sich außerordentlich schnell an, und bei den Reaktionszeiten mancher Fußgänger auf Warnung und Zuruf wird es einem als Fahrgast manchmal Angst und bange. Assoziationen und Ähnlichkeiten mit flüchtenden Herdentieren in Naturfilmen sind naturgemäß rein zufällig.
Auch im Taxi fühlte ich mich widernatürlich beschleunigt. Der Fahrer war jung und südländisch und führte mir eindrücklich die Mentalitätsunterschiede zwischen den USA und Europa vor Augen. Auf den Highways ging es alles in allem doch recht ruhiger als auf den Autobahnen zu. Ich saß vorne im schnittigen Mercedes, mein Magen gab sich fröhlich der Fliehkraft hin, und meine Finger krallten sich unweigerlich in den Türgriff. Vielleicht war der Taxifahrer auch enttäuscht, dass unser Fahrziel so nahe am Flughafen lag und wollte die Fuhr so schnell wie möglich erledigt haben. Jedenfalls nahmen wir die Auf- und Abfahrten recht sportlich und überholten und schnitten wie die Weltmeister. Erstmalig verspürte ich so etwas wie Sehnsucht nach den behäbigen Automatikautos in den USA.
Wobei mein erster Eindruck ein völlig anderer war. Der Blick aus den Seitenfenstern des Taxis offenbarte eine völlig andere Welt. Im Vergleich mit den USA, insbesondere mit dem baufälligen Flughafen La Guardia und den schlaglochverseuchten Stadtautobahnen von New York, wirkten die Niederlande besenrein. Den Reinigungstrupp mit der Kehrmaschine mussten wir gerade verpasst haben. Nirgends lag Abfall oder Plastikmüll in der Landschaft. Auch nicht an den Autobahnrändern unter den Leitplanken, wo sich an den Highways vom Becher bis zum Hirschkadaver alles türmt und häuft, was Gott aus Respekt vor der Schöpfung verboten hat. Wasser und Uferböschungen der Grachten waren nicht sauber, sondern rein. Der Asphalt schimmerte blassgrau und makellos in der lückenlosen Straßenbeleuchtung. Umgekehrt wirkten Häuser und Straßenzüge (mit Ausnahme der gigantischen Flughafenhallen von Schiphol) wie Modelle. Wie eine sauberere und dadurch zum Großteil hübschere Kleinbahnanlage. Sogar die Schottergruben und LKWs wirkten wie maßstabsgetreue Miniaturen. Im Vergleich zu den Dimensionen dergleichen Infrastruktur in den USA. Aus dem gleichen Blickwinkel sah von einem Truck in den USA zum Beispiel nur einen Reifen und ein bisschen was vom Kotflügel. Vom europäischen Lastraftwagen auf der Nebenspur sah ich hier etwas mehr. So gestaltete sich der kurze Fahrweg von der Ankunftshalle in unser Hotel schon zum intensiven und lehrreichen Kontrastprogramm. Wie schnell gewöhnten wir uns an Lebensumstände. Umgebung und Umgang wurden so schnell als selbstverständlich und gegeben akzeptiert, dass es einen Flug über einen Atlantik brauchte, um mir das Alltägliche als das Besondere erfahrbar zu machen.
So etwas wie einen Jetlag kannte ich bisher nicht. Noch nicht einmal, als ich nach Neuseeland geflogen war. Aber der Mensch wird nicht jünger, und bei mir zeigten sich bei Ankunft im Hotelzimmer unleugbare Zeichen von Materialermüdung. Ich verschlief quasi einen ganzen Tag und wurde nur von dem meiner Meinung nach typisch österreichischen Schreck geweckt, das Abendessen zu verpassen. Dies geschah uns nicht, und Juliane und ich aßen redlich und für vier. Obwohl die Hotelküche eine Allerweltsvariation aus Tiefkühl- und Halbfertiggerichten anbot, schmeckte das alles ganz vorzüglich. Bestimmt, weil die Hauptzutaten der Fertigkost nicht wie andernorts Zucker und/oder Fett waren. Nach dem opulenten Mahl gingen wir zurück ins Bett. Um vier Uhr morgens waren wir putzmunter und nahmen einen Lavendeltee. Nur wenige Stunden später ging es mit dem Zug nach Frankfurt am Main.
Der Bahnhof lag fußläufig. In nur wenigen Minuten, einmal über die Straße, eine steile Treppe nach oben und durch einen elektrischen Schranken (Durchgang nur mit gültigem Bahnticket), standen wir mit unserem Gepäck auf dem Bahnsteig. Einziges Problem, es war der falsche Bahnhof. Nicht Schiphol Airport, sondern eine Station weiter. Anders wäre es ja auch zu einfach gewesen. Nicht nur das, die siebzig Euro Kosten für die Fahrt nach Amsterdam Hauptbahnhof wollten wir mit einer Fahrt in der Regionalbahn sparen. Gut so, denn wir sollten dort gar nicht hin. Unser ICE nach Frankfurt fuhr von Utrecht Hautbahnhof (nicht von Amsterdam Hauptbahnhof). Nun war so etwas in den Niederlanden zum Glück kein Problem, weil gefühlt und tatsächlich alle drei bis vier Minuten Züge in alle Richtungen fuhren. Gut mit Fahrgästen jeden Alters gefüllte Garnituren, die einmal mehr belegen, dass wenn ein Nahverkehrsangebot besteht, es auch genutzt wird. Mit einem solchen Pendelzug erreichten wir ausreichend im Voraus Schiphol Airport und konnten in den Zug nach Utrecht Hauptbahnhof einsteigen. Als selbiger Zug in die Station einfuhr, erkannten wir, dass es genau der war, der die ganze Zeit über leer im letzten Bahnhof gestanden hatte. Da aber leider keine Zugnummer angezeigt worden war, hatten wir ihn nicht erkannt. Die freie Platzwahl hatten wir somit verpasst, in Schiphol füllte er sich rasch bis auf den letzten Sitzplatz. Juliane und ich fanden in der zweiten Klasse keine freie Bank mehr, also reisten wir stilsicher auf den Klappsesseln neben den Waggontüren in der ersten Klasse. Wobei Juliane ihren Sitzplatz für ein Mädchen auf Krücken aufgab und den Rest der Fahrt nach Utrecht stand. Vor den kleinen Gangfenstern flog die Landschaft rasch vorbei. Grün und besenrein. Und alles andere als menschenleer. Kein Fleckchen Erde, dem Meere abgetrotzt, präsentierte sich unbewohnt oder unbestellt. Endlich entdeckte ich Plastikmüll. „Endlich“ nur um der Vollständigkeit willen. Zu groß wäre andernfalls der Schock gewesen. Weiß schwammen Flaschen und Beutel auf der Wasserspiegelfläche der Grachten und Kanäle. Bis ich begriff, dass es sich bei dem auf den Wellen tanzenden „Müll“ um fröhlich paddelnde Enten handelte.
Die Durchquerung des Ruhrpotts lieferte indes wieder vertraute Eindrücke. Eingestürzte Werkhallen, verlassene Güterbahnhöfe, Industrieruinen mit Graffitiverzierungen geringen künstlerischen Werts und endlich ein bisschen Dreck auf der Böschung. Immer noch zu wenig, um anheimelnd zu wirken, aber immerhin vorhanden. Frankfurt, allen gehegten Vorurteilen zum Trotz, zeigte sich sogar im Bahnhofsviertel von seiner einladenden Seite. Langsam regte sich in mir der Verdacht, ein moderner Potemkin scheuchte Kulissenmaler und Reinigungstrupps vor mir her. Europa war während meiner einjährigen Abwesenheit beunruhigend sauber geworden. Es gab öffentlichen Raum. Menschen gingen auf gekehrten Fußwegen, Kindergruppen liefen über Grünflächen und Spaziergänger durch Parkanlagen. Was war mit mir passiert, dass sogar die unattraktiven Teile der hessischen Bankenstadt anheimelnd und wohnlich auf mich wirkten. Ins Schwärmen hätte ich kommen können, hätte mich der „hessische Charme“ nicht wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. US-amerikanischen und österreichischen Umgangston gewöhnt, erfrischt ein wenig bundesdeutsche Authentizität wie ein kalter Wasserguss ins Genick. Besonders wenn ein Kellner auf „hessisch“ spaßig wird und mit mir über Fußball „scherzen“ will. Fußball? Kenn ich nicht. Moment! Klar doch: Philadelphia Eagles gegen New England Patriots! Ach, das meinen Sie nicht? Dann weiß ich auch nicht…
Aber ich will kein undankbarer Gastfreund sein. Ich muss mich an der Stelle bei unserem Gastgeber bedanken, der mich solange in seiner Wohnung hausen ließ wie Juliane ihr Blockseminar unterrichtete und ihre Gutachter traf. Mit ihm gab es einige gute Gespräche buchstäblich über Gott und die Welt. Aber auch der aktuellen politischen Situation geschuldete Trauerarbeit. Über Zustand und Verfassung der SPD und neuangelobte Regierungen in Nachbarstaaten. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, mich in aller Ruhe auf meine Aufnahmen im ORF-Funkhaus vorzubereiten. Es gab einiges an Texten zu überarbeiten und auszuformulieren.
Jetzt folgte der zweite FTL-Sprung: Sieben Stunden im ICE von Frankfurt nach Wien. Im Geiste verfasste ich einen neuen potentiellen Rammstein-Hit, mit dem Titel „Mir tut der Arsch so weh!“ Die Reise war fatal. Unterwegs bekam ich einen Gusto auf ein Paar Frankfurter. Bedauerlicherweise gab es im Speisewagen noch nicht einmal „Wiener Würstchen“, bloß Currywurst. Wer wird mit seiner Gattin streiten, wenn sie einem eine Freude machen möchte. Ich brachte es nicht übers Herz, die von ihr mitgebrachte Speise abzulehnen und aß die Currywurst in ihrer fragwürdigen Gewürztunke. Ab Passau wuchs das ungute Gefühl in mir, in St. Pölten schäumte mir der Magen. Die Eltern holten uns ab, es gab ein schönes Wiedersehen. Kaum schloss ich hinter beiden die Eingangstür, gab es für die Currywurst kein Halten mehr. Unbedingt wollte sie einen Blick auf unser Wiener Vorzimmer, die Toilette und das Badezimmer werfen. Der Wiener und die Currywurst konnten nicht zusammenbleiben. Geschweige denn zusammen ruhen. Das war ein freudiges Hallo bis zum Morgengrauen. Nur gut, dass wir um 8:30 schon den Termin auf der US-Botschaft hatten.
Auf der US-Botschaft zeigte es sich, dass Juliane und ich die Ersten in der Warteschlange waren. Wir waren pünktlich erschienen. Wir waren sogar etwas zu früh. Wir waren da. Unsere Anträge nicht. Der Mann am Schalter sagte, er könne uns nicht helfen. Wir müssten wiederkommen. Jeder Termin mit der US-Botschaft kostete mehrere hundert Dollar. Pro Person. Diese Tatsache trug nicht gerade zur Entspannung der Situation bei. Zum Glück war meine liebe Frau recht schnell für meinen Einwand offen, dass es sich nicht empfahl, in einer militärbewachten US-Einrichtung zu randalieren. Die Herren trugen uns hinaus, bevor wir unseren Einwand formulieren konnten. Der Mann hinter der Glasscheibe zeigte aber auch das Beamtengesicht Österreichs. Das zu interpretieren, musste man gelernter Österreicher sein. Karl Kraus gelesen zu haben, half maßgeblich. Die teilnahmslose Blässe durfte man jetzt nicht mit Unfreundlichkeit verwechseln, wies er doch verklausuliert deutlich auf die Hintertür hin: Da stand ein Computer für den Publikumsverkehr bereit, von dem wir unsere Anträge stellen konnten. Beeilten wir uns, das Ding in die Finger zu bekommen und alles auszufüllen, brauchten wir keinen neuen Termin. Juliane hatte bestens organisiert alles Notwendige bei sich. Trotzdem brauchten wir für jedes Formular fast eineinhalb Stunden. Und das für jeden von uns. Zum Glück waren wir so früh da gewesen. Und im letzten Moment drohte trotzdem noch alles zu scheitern. Die offiziellen Bilddateien für das Visum waren zu groß, um sie hochzuladen. Ich versuchte die Dateien irgendwie zu verkleinern. Indes das Bildbearbeitungsprogramm auf dem Rechner war in Chinesisch. Meine Nerven lagen blank. Just jetzt wollte eine andere Antragstellerin von mir wissen, wann sie den Computer nutzen konnte. Ob ich ein Problem hätte, und ob sie mir helfen konnte. Ich war kurz davor, ein wenig mehr Privatheit einzufordern. Ich entschied mich dagegen, überließ Juliane das Reden. Es zeigte sich, dass uns das Schicksal eine türkische Bildbearbeiterin geschickt hatte. Sie reduzierte, die Götter wissen wie, die Bildgröße unserer Dateien um genau so viel, dass wir sie hochladen konnten. Unsere Anträge gingen dank ihr direkt nach Washington und kamen recht flott bearbeitet wieder zurück. Unsere Visa wurden verlängert. Drei Tage später kamen sie mit dem Botendienst.
Da lag ich schon krank im Bett. Am Wochenende konnte ich gerade noch meine Kernfamilie anlässlich meines vierzigsten Geburtstags treffen, und sie bei dieser feierlichen Gelegenheit auch gleich alle anstecken. Schon an diesem Abend rüttelte mich der Schüttelfrost und klapperten mir die Zähne im Fieber. Die Grippe nahm mir die Entscheidung ab, wen ich aller in der kurzen Zeit meines Wienaufenthaltes treffen konnte. Die Antwort war simpel: Niemanden. Das einzige, was ich von Wien zu sehen bekam, waren meine Wohnung und mein Bett. Kaum ging es mir halbwegs besser, gesellte sich Juliane zu mir aufs Krankenbett. Da lagen wir jetzt beide im Fieber und fürchteten um den Rückflug. Mit Grippe überquerte es sich so schlecht den Atlantik.
Doch die Viren hatten ein Einsehen. Sie starben rechtzeitig, so dass wir unseren Rückflug nehmen konnten. Bevor es soweit war, konnte ich noch einen notwendigen Behördenweg erledigen. Ich erfreute mich am zuerst süffisanten Beamtenlächeln, das sich zum Ende unseres Gesprächs in eine helfende Hand beim Aufstehen verwandelte. Ehrlich gesagt, es wäre mir auch lieber gewesen, wenn ich diesen Termin niemals hätte wahrnehmen müssen. Aber wie der große Philosoph Robbie Williams einmal sang: „I sit and talk to God. And he just laughs at my plans.
Und dann der Rausschmeißer: Aus Gründen, die nur der wahre Freund und Kenner von Unternehmensprosa der Telekommunikationsbranche verstehen und schätzen kann, wurde meine Geschäftsemailadresse gelöscht. Ich hatte einen mobilen Datenstick gekündigt, aber im Schreiben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass alle anderen Vereinbarungen davon unberührt bleiben sollten. Seither bemüht sich der technische Support des Service Teams um die Wiederherstellung meiner Mailbox. Ärgerlicher Weise liegt die Betonung auf „bemühen“. Nach mehreren leeren Versprechungen habe ich die Hoffnung aufgegeben, meine Adresse jemals wiederhergestellt zu bekommen. Man wünschte sich, die Anbieter wären beim Kundenservice so prompt und buchstabengetreu wie zu ihren eigenen Gunsten.
Ein bisschen schwitzend vom Reise- und restlichem Grippefieber traten wir montags und zu nachtschlafender Zeit den Heimflug in die USA an. Daheim, das war für mich da, wo ich meinen gemeinsamen Haushalt mit meiner Frau habe. Das wurde mir auf dieser Reise so richtig klar. Ob dieser Ort nun in Dschibuti oder auf Grönland lag, war mir inzwischen herzlich egal. Überhaupt hat sich meine Perspektive verändert. Gemessen schon alleine daran, dass in meinem geschätzten Heimatland so viele Menschen leben wie in der Stadt New York. Diesen geliebten Moloch, dieses Gebirge aus Hochhäusern und Wolkenkratzen, den Schmelztiegel der Nationen flogen wir von Kopenhagen an. Dank Inger habe ich inzwischen ein positives Vorurteil für Dänemark entwickelt, indes der Flughafen von Kopenhagen gab sich unglaublich elegant und gastlich. Der Special Service verfügte über einen eigenen Aufenthaltsbereich mit Polstermöbeln und Trinkwasser. Durch die unterschiedliche Lichttemperatur der Lampen und den Bäumen vor den Fenstern, wirkte dieser Bereich etwas wie auf einer Raumstation. Ein bisschen unwirklich. Ich saß pünktlich und ohne Verzögerungen im Flugzeug. Einziger Wermutstropfen: Ich konnte den herrlichen Lego-Laden nicht besuchen. Juliane hätte sich allerdings auch wenig gefreut, glaube ich, hätte ich ihr eine Legoburg angeschleppt und in New Haven im Wohnzimmer aufgebaut.
Die wahre Größe der Vereinigten Staaten wird erst nach einem Transatlantikflug wirklich erfassbar. In Newark gelandet waren wir gegen halb zwei nachmittags. Es tat gut, die etwas schäbige Monstrosität der Neuen Welt wiederzusehen. Sofort fühlte ich mich wieder zuhause. Die bloßen Füße in Flipflops und die Leggings bei Wintertemperaturen und Schnee trugen ihren Teil dazu bei. Die afroamerikanische Dame, die meinen Rollstuhl schob, war um vieles älter als ich und wirkte gesundheitlich auch um einiges hinfälliger als ich auf mich. Was objektiv Unfug war, aber Menschen in diesem Alter arbeiten in Europa nicht mehr. Dank ihr hatten wir gegen drei unsere Koffer und waren schon beim Shuttledienst für unsere Fahrt nach New Haven angemeldet. In Europa lagen wir höchstens nach einer Stunde schon frisch geduscht in einem Bett. Hier dauerte es eine Stunde bis uns unser Fahrer abholte. Wir waren natürlich just in das Zeitfenster gelandet, in dem keine Züge von Newark nach New Haven fuhren. Und bis abends wollten wir nicht warten. Unsere Limousine, ein schwarzer Lincoln, kam auch etwas früher als befürchtet. Und wir waren die einzigen Fahrgäste, so dass uns der Driver auch zu unserer Wohnadresse fahren konnte. Andernfalls hätten wir einen Uber von der Uni nehmen müssen. Das blieb uns erspart. Nicht aber die Rushhour. Und man fragt sich wirklich, warum dieser Zustand so genannt wird, weil dann nämlich gar nichts „eilt“, sondern alles stillsteht. Um halb sieben abends waren wir endlich zuhause. Und keine Dreiviertelstunde später beide frisch geduscht im Bett.

Fortsetzung folgt…

Wir waren rechtzeitig zum nächsten Schneesturm zurück, mit Blitz und Donner...


Sonntag, 11. Februar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 26)

Teil 26: Von Fahrer zu Fahrgast


Wir fahren mit Uber. In einer US-amerikanischen Kleinstadt wie New Haven mit 130.000 Einwohnern eine halbe Stunde auf ein Taxi zu warten, ist keine Alternative. Die Yale-Shuttles fahren auch nicht immer und überall. Mit Uber ist in drei bis vier Minuten der Transport geregelt. Via App. Ich mache hier sicher keine Werbung für das Unternehmen. Vergessen wir aber einmal die sozioökonomischen Aspekte. Konzentrieren wir uns auf die sozialen, d.h. die zwischenmenschlichen. Gespräche mit Taxilenkern sind schon spannend. Und das weltweit. In den Uber-Fahrern trafen wir in den USA die interessantesten Gesprächspartner. Aus aller Welt. Spannenderweise saßen bisher nur zwei Frauen am Steuer. Beide junge und patente Afroamerikanerinnen. Weder die eine noch die andere hatte Angst, Fahrgäste in der Nacht durch New Haven zu steuern. Wie gesagt, eine Kleinstadt. Mit Uni. Einem goldenen Käfig von der Armut umringt wie das kleine gallische Dorf von Römerlagern. Die betrunkenen College-Studenten, die Nachtens von einer Bar zur anderen oder heim ins Bettchen gefahren werden wollen, die wären zwar laut und nervig, aber harmlos. Eine Beobachtung, der ich mich anschließe. Außerdem sind die im Vergleich zu den Vollzeitstudenten wenigen partylaunigen Youngsters im Moment halb erfroren. In kurzen Hosen und T-Shirts steif wie die Leguane in Florida. Der nächste Frühling und Sommer kommen indes bestimmt. Durst ist schlimmer als Heimweh. Und einige Fahrten führen aus der Gated Community hinaus. Ich bin mir darum sicher, dass die freundlichen jungen Uber-Fahrerinnen etwas Verbindliches zu ihrem Schutz im Handschuhfach mitführen. Generell empfiehlt es sich, sein europäisches Autofahrergemüt und seinen so leicht im Verkehr gekränkten Stolz zu zügeln. Also nicht mit rotem Kopf Beschimpfungen zu brüllen und/oder seinen Mitmenschen Vögelchen und Fingerchen zu zeigen. Die Chance ist groß, dafür geschwind in den Lauf einer Shotgun oder ähnlichem Geschütz zu schielen. Mitgeführt von einem selbstständigen Unternehmer windigen Gewerbes, eines wehrhaften Republikaners oder gar gleich eines schlecht gelaunten Officers. Letztes wäre übrigens der Jackpot. Von einer Nacht in der Zelle träumt doch jeder. Wer eine Reise tut, der will auch was erzählen.
Die USA waren und sind ein Einwanderungsland. Seit die ersten Jäger und Sammler via Eisschollen und über die Beringstraße hierher wanderten. Die einzige aus dem Kontinent geborene humanoide Lebensform haben die Migranten aufgefressen, das Riesenfaultier. Auch die einheimischen Pferde, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Menschen aus aller Herren Länder kamen und kommen hierher. Die komplette Farbpalette der gegenwärtigen Welle fährt für Uber. Zusammen mit rüstigen Rentnern und Zweit- oder Drittjobholdern. Die Gespräche, die sich daraus ergeben sind spannend, informativ und gelegentlich verstörend. Ein erster Eindruck in aller Kürze und gemäß allen Klischees (Wie schon oft gesagt und geschrieben, die müssen ja irgendwoher kommen):
Der rüstige weiße US-amerikanische Rentner fährt Hybrid oder eine deutsche Limousine. Als Gründe für seine Tätigkeit gibt er Langeweile an. Der Erhalt des Lebensstandards bei drastisch reduziertem Jahreseinkommen und/oder die Schieflage des Haussegens kommen dann später erst zur Sprache. Nachdem man sich gegenseitig ein wenig beschnuppert hat, und Juliane und ich als Renegaten der First Church of Income erkannt wurden. Keiner der gutsituierten Herren möchte in seiner Wohngegend als armer Schlucker verkannt sein und aus der Limousine in einen Kleinwagen umsteigen. Da fährt er das kostenintensive Ding lieber für Uber in Grund und Boden und seine Gesundheit in Nachtschichten und beim Kofferstemmen an die Wand. Bitte, it´s the land of the free. Ähnliche Motivationen verraten afroamerikanische und spanischsprechende Familienväter. Sie sind wie die weißen Pensionisten gut gekleidet, sind gebildet, aber auf dem Armaturenbrett leuchtete in den meisten Fällen die Motorkontrollleuchte. Das nächste Service stand an, jedoch nicht auf dem Finanzplan. In der Kostenabrechnung hatten andere Posten Priorität. Ausbildung und Gesundheit der Kinder zum Beispiel. Beim einzigen Nebenerwerbsstudent, der uns zu später Stunde nachhause fuhr, leuchtete die Kontrolllampe im fabrikneuen SUV nicht. Er gab aber ohne Abschweife zu, dass sein Jeep weder fabrikneu wäre noch Reifen hätte, würde er nach seinen Vorlesungen und Lerneinheiten keine Fahrgäste durch New Haven fahren.
Der größte Anteil der Uber-Fahrer rekrutiert sich aber wie gesagt aus Einwanderern. Aus Südamerika und aus muslimischen Herkunftsländern. Unser eigener Akzent funktioniert als Eisbrecher hervorragend. In den allermeisten Fällen ergibt sich daraus sofort ein Gespräch. Frei nach dem Motto: Wo kommt ihr denn her? Ich bin aus XY… Von Österreich und Deutschland hatten bisher alle wenigstens schon einmal gehört. Juliane ist allerdings schon ein wenig davon gekränkt, dass ihre Antwort mit einem zustimmenden Grunzen quittiert wird, und nach meiner die Begeisterungskurve schlagartig steigt.
Gleich zum Jahreswechsel begegneten wir so einem recht verhaltensoriginellen jungen Mann aus Pakistan. Juliane war gleich aufgefallen, dass seine Kundenbewertung mit nur einem Stern im Vergleich zu allen anderen unter jeder Sau war. Zu Neujahr war die Auswahl nicht groß, der Heimdrang dagegen schon. Also mit bester Absicht und im guten Glauben eingestiegen. Keineswegs ungewöhnlich wollte er wissen, woher wir beide kamen, was wir so machten und wie viele Sprachen wir sprächen. Bei Juliane sind es halt doch ein paar mehr, und auch ich habe die eine oder andere lernen dürfen. Er war spürbar enttäuscht von unseren Antworten und relativierte unsere Sprachenkenntnisse im nächsten Atemzug als „international“. Und ich dachte immer, das sei der eigentliche Zweck, um Fremdsprachen zu lernen, sich international austauschen und verstehen zu lernen. Nein, jener wollte uns aufs Auge drücken, dass er acht Sprachen erlernt hatte. Das nötigte mir wiederum ehrliche Bewunderung ab. Seine Enttäuschung wurde jetzt noch größer. Weil ich keinerlei Geringschätzung für „indigene“ Sprachen erkennen ließ, und seine acht Sprachen alles Regionalsprachen des indischen Subkontinents waren. Weshalb auch. Vielsprachigkeit gehört in multiethnischen oder nomadischen Gesellschaften zum Alltag. Ich schloss, dass er einiges an eurozentrischer bzw. amerikazentrischer Verachtung für seine Herkunft zu spüren bekommen hatte und darum die mit Yale verbundenen Wissenschaftler und Studenten gerne mit der bloßen Anzahl beschämen wollte. Wobei Yale ein schlechter Ort für diese Strategie ist. Er war halt dann doch nicht die hellste Kerze auf dem Weihnachtsbaum. Als mich zu Beschämen weder auf die eine noch die andere Weise klappte, änderte er seine Taktik. Ab hier griff er meine Frau an. Nun wollte er mir weismachen, dass mein Glauben in seinen Augen eben doch nicht so gut war wie ich dachte. Als ich ihm dann in rumpelnden Arabisch meine Kenntnisse seiner Religion vortrug, war der Spaß endgültig vorbei. Meine Frau sei zwar die Professorin, aber ich der klügere und so fort. Bevor das ganze eskalieren konnte, war die Fahrt zu Ende. Mit einem freundlichen Basmala schickte ich ihn seiner Wege. Auf hoffentlich Nimmerwiedersehen.
Auf der höchst angenehmen Fahrt ins Kino zu einem leider enttäuschenden Filmerlebnis baumelte der arabische Namenszug Gottes am Innenspiegel. Das konnte ich nicht unkommentiert lassen. Zu groß war meine Neugier. Und mit diesem Mann unterhielt ich mich prächtig vom Einsteigen bis zum Aussteigen. Über Gott und die Welt, Winterreifen und die unergründlichen Geheimnisse der US-amerikanischen Schneeräumung.
Gerne bin ich mit spanischsprechenden Fahrern unterwegs. Die hören die beste Musik. Und die Augen wider den bösen Blick und die Kalligraphie sind in ihren Cockpits durch Rosenkränze und Madonnen ersetzt. Religion ist bei diesen Menschen kein Thema. Man hat die richtige, oder keine. Hemd wie Hose.
Noch lange in Erinnerung bleiben wird mir ein eher unheimlicher Argentinier. Zum einen weil er mich bzw. uns zu einem unterm Strich unerquicklichen aber bitter notwendigen Arzttermin gefahren hat, zum anderen weil auch er ein missionarisches Mitteilungsbedürfnis an den Tag legte, das mir mit der Zeit unangenehm wurde. Aber man kann seinem Fahrer schlecht den Mund verbieten, auf halbem Weg und mit Kinderstube. Zuerst berichtete er in gebrochenem Englisch und recht kurzweilig über seine Nachtschichten. Die er fahren musste, weil ein Familienbesuch bei den Großeltern in Argentinien zwei seiner Jahresgehälter verschlingt. Sein Redeschwall war zwar verstörend, aber in allem nachvollziehbar. Bis er sich in Rage redete. Er zeigte uns beim Vorbeifahren ein College, von dem er regelmäßig schmusende Mädchen abholte. Das Skandalöse daran, die Mädchen küssten und umarmten andere Mädchen. Es waren schwule Mädchen. Guten Morgen, für diese offene Politik ist Yale in den USA bekannt. Hier, anders als in Europa, gilt Yale als die Hippie-Uni unter den Ivy-League Colleges. Wie dem auch sei. Das nächtliche Schmusen der liebestollen höheren Töchter hatte irgendein Ventil gelöst. Im nächsten Atemzug beschwerte er sich über das Bruststillen. Amerikaner, ärgerte er sich, tolerierten Homosexuelle auf offener Straße, aber mit dem Stillen hatten sie ein Problem. Ich spitzte die Ohren. Er kritisierte das Richtige aber im Vergleich zum Falschen und meiner Meinung nach aus den falschen Motiven. Beim Anblick einer stillenden Mutter bricht wirklich buchstäblich Panik aus, jede Form von Gewalt darf jedoch verherrlicht und gezeigt werden. Das wäre mein Problem mit der Sache. Juliane und ich sind uns darin einig, wir hatten aber anderes im Kopf, meinen Arzttermin, und ließen unsren Fahrer weiter schwadronieren. Die Sau war jetzt ohnedies schon heraus, also randalierte sie munter im Weingarten des Herrn. Angesichts unseres Fahrziels gerieten Arzttermine und Medikamentenverschreibungen zum Inhalt seines Ärgers. Er berichtete wie lange er auf einen Termin beim Doktor zu warten habe, und dass seine schwangere Ehefrau keine Schmerzmittel bekam. Wegen ihrer ständigen Beschwerden wollte er sie am Liebsten umbringen. Das trug er völlig frei von Ironie vor. Zu seinen Gunsten interpretierte ich sein Gesagtes als missglückten Scherz bzw. als Sprach- und Übersetzungsproblem. Schon hörte ich die Veränderung im Atemrhythmus meiner Gattin. Und einmal mehr rettete das Erreichen unseres Ziels die Situation.
Bei einer anderen Fahrt freute sich dagegen ein netter Bursche aus der Republik Kongo wie toll er das US-amerikanische Gesundheitssystem fand. Im Vergleich zu dem in seinem Herkunftsland. Juliane und ich hörten seine Worte und trauten unseren Ohren nicht. Er bemerkte unsere Verwirrung und führte weiter aus: In den USA musste er hunderte und tausende Dollar bezahlen während oder nachdem er einen Doktor gesprochen hatte. In Afrika hatte er dieselben Summen aufbringen müssen, um überhaupt einen Arzt treffen zu dürfen. Der war dann manchmal gar keiner, sondern nur irgendein Typ in einem weißen Kittel. Für ihn waren die USA und ihr Gesundheitssystem eine echte Bereicherung und Verbesserung. Natürlich hätten wir ihm jetzt widersprechen können, die Vorzüge des Sozialsystems in Zentraleuropa preisen und ihm die USA madig reden können, aber damit wäre weder ihm noch uns in irgendeiner Weise geholfen worden. Warum sollten wir einem ehrlich Glücklichen die Freude vermiesen?
Juliane und ich empfinden vieles am US-amerikanischen Gesundheitssystem als Spießrutenlauf. Vor allem das ständige Gezerre wegen der Versicherung. Dabei sei klar gesagt, dass weder unser Versicherungsträger noch die Ärzte und Spitäler das Problem bilden. Die Doktoren leiten ihre Verschreibungen direkt an die zuständige Apotheke weiter. Es gibt keine Rezepte. Bis das Medikament aber endlich in meinen Händen, oder besser gesagt in meinem Mund landet, haben noch einige Würstchen ihren Senf abzugeben. Und das dauert. Jede medizinische Hilfe und Versorgung erfolgt unter Finanzierungsvorbehalt. Zum Davonrennen. Darüber könnte man sehr leicht vergessen, wie viele Schrecken, Mühen und Gefahren Menschen auf sich nehmen, um in die USA zu gelangen.
Die Diskussion über die so genannten Dreamers ist in aller Munde. Wir haben schon einige Demonstrationen und Kundgebungen zu ihren Gunsten gesehen. Und ich glaube, in einem jungen Mann mit leichtem spanischem Akzent haben wir neulich auch einen von ihnen getroffen. Auf der Fahrt unter dem riesigen Blutmond über Fair Haven erzählte er uns von seinem Vater, der die lange Reise von Ecuador in die USA zu Fuß unternommen hatte. Von seinem Marsch von Mexiko durch die Wüste nach Texas. Unter sengender Sonne, ohne Wasser und Proviant.
Last but not least trafen wir im Uber einen jungen Mann, der uns recht schnell und schnörkellos gestand, die USA nicht zu mögen. Die Menschen wären unfreundlich und abweisend zu ihm. Das widersprach meinen eigenen Erfahrungen, und ich konnte mich des Verdachts nicht erwehren, dass die Ablehnung mit seinem Herkunftsland zu tun hatte. Mein erster Eindruck von ihm war ein positiver, sein Umgang freundlich und offen. Wie üblich fragte er uns nach unserem Akzent. Und siehe da, sein Bruder lebte in Wien, und ein Cousin in Deutschland. Die Österreicher wären sehr nett, die Deutschen weniger. Diese Darstellung verblüffte mich ein wenig. Die österreichische Gastfreundschaft wird zurzeit nicht gerade gepriesen. Jedenfalls nicht in den Sozialen Netzwerken. Für den jungen Mann stand sie außer Zweifel. Die besten Pässe, sagte er, wären ein österreichischer, ein schwedischer oder ein deutscher. Seinem Bruder wurde bedingungslos geholfen, seinem Cousin widerwilliger aber doch. Er musste rund um die Uhr arbeiten, um ein Auskommen zu finden. Und Connecticut ist sehr teuer. Sobald er seine Greencard bekommt, will er in ein freundlicheres Land. Dazu brauchte er aber den US-amerikanischen Pass. Seiner war nämlich nichts wert. Was das denn für ein Pass sei, wollte ich wissen. Ich hatte inzwischen einen Verdacht, der sich prompt bestätigte: Der junge Mann war aus Afghanistan. Als ich ihn fragte, ob er Pashtun sprach, zeigte er sich erschüttert. Er hatte scheinbar noch nicht erlebt, dass jemand wusste, dass es Volk und Sprache der Pashtunen überhaupt gab. Seine Muttersprache war allerdings Dari. Wobei er auch Urdu, Pashtun und Farsi beherrschte. Nach Afghanistan zurück wollte er nie mehr.
Unter dem Eindruck all dieser verschiedenen Gespräche und dem fortgesetzten Konsum heimischer Medien traue ich mir inzwischen folgenden Schluss zu ziehen: Der größte Unterschied zwischen den USA und dem deutschsprachigen Europa in der Politik ist, dass alles, was zum Beispiel in Österreich von vielen bereits als rechts oder konservativ angesehen wird, in den USA eindeutig und zweifelsfrei links ist. Umgekehrt haben in Österreich viele, die sich links oder mittig verorten, Gedankengut verinnerlicht, das sie auch ohne Bedenken äußern und als normal empfinden, das in den USA eindeutig und zweifelsfrei als rechts erkannt wird.
Kurz zusammengefasst: Wer Ohren hat zum Hören, der kann auf Uber-Fahrten sehr viel lernen. Nämlich Demut und Dankbarkeit.


Fortsetzung folgt…

Samstag, 3. Februar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 25)

Teil 25: Und täglich grüßt das Murmeltier


Barbar im Pelz!
Murmeltier Phil hat prophezeit, dass der Winter in Neuengland sechs weitere Wochen dauern wird. Zu Mariä Lichtmess (2.Februar) wurde er standesgemäß aus seinem Winterschlaf geweckt. Von bärtigen Herren in Frack und Zylinder. Phil entstammt einer langen und ehrwürdigen Linie pausbäckiger Phils. Der wievielte seines Namens Phil ist, weiß ich nicht. Ihre prophetische Gabe wird seit Generationen geschätzt und gewürdigt. Ihre menschlichen Bewunderer und Ernährer darum als Philister zu bezeichnen, halte ich für ungerecht. Nicht immer hatten die Phils Recht mit ihrer Vorhersage, aber wie ein chinesisches Sprichwort besagt, ist Tradition die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Also wer schert sich um ihre Trefferquote? Wo doch die Kunst der Verneinung und die Kraft des Glaubens dieser Tage wieder hoch angesehen sind. „Postfaktisch“ nennt das der Gebildete, „den Kopf in den Sand stecken“ der Volkstümliche.
In den ehrwürdigen Hallen der Universität Yale wurde mit Semesterbeginn der Frühling ausgerufen. Und mit der Ausgabe dieses Mottos zeigten sich sofort die ersten Frühlingsfarben. Es sind nicht die Krokusse, Himmelschlüssel und Veilchen, die ihre bunten Blütenblätter aus den Grünanlagen strecken. Es sind blau, rot und purpurn gefrorene Knie, Waden, Knöchel und Ellenbogen. Die Außenthermometer zeigen Wintertemperaturen und Minusgrade weit unter null (Celsius), aber die Herzen und die Mode verlangen nach nackten Beinen und Armen. Das Tragen von Strumpfhosen ist als altbacken verschrien, das Anziehen von Strümpfen als irgendwie unmoralisch. Erwachsene Frauen staksen in Sommerpomps und in nackten Waden durch den Schnee. Wurde ihnen jedes Kälteempfinden aberzogen? Das Verweigern der Realität auf den Thermometerskalen führt bei Studenten beiderlei Geschlechts zu Weglassen der Socken, dem Verweigern des Tragens von Winterschuhen, sogar von Winterjacken. Samstagabends herrscht eine romantische und melodische Stimmung auf den Wegen zwischen den Collegegebäuden. Das Sirren in der Luft erinnert mich an Straßenszenen in Sevilla oder in Madrid im Goldenen Zeitalter Spaniens. Kastagnetten-Klang und rhythmische Tamburin-Schläge liegen in der Luft. Es sind die Zähne und Knie der Studentinnen und Studenten. Die blutleeren Arme eng um den eigenen Leib geschlungen huschen sie von einem geheizten Gebäude zum nächsten. Bestaunt von dick angezogenen Leuten wie mir. Nachdem die Schlotternden die gesellschaftliche Elite darstellen, müssen sie über eine Wahrnehmung der Wirklichkeit verfügen, die über meine begrenzten Möglichkeiten hinausgehen.
Sobald ich in Großvaters Innenpelzmantel an der Haltestelle auf den Bus warte, strafen mich mehr und weniger jugendliche Bleichgefrorene in Leggings, Kunststoff-Blousons und Turnschuhen mit Blicken. Nicht weil sie neidisch sind, sondern moralisch überlegen. Bis jetzt hat sich noch niemand getraut, mich direkt auf meinen Mantel anzusprechen. Vollbart und geflochtener Zopf schrecken ab. Machen mich vollends zum Barbaren. Wie dem auch sei! Ich warte darauf, dass endlich eine oder einer den Mut aufbringt, mich wegen meines Wintermantels aus echt Leder und Fell zu maßregeln. Ich würde ihnen so gern erklären, dass mein Großvater diesen Mantel vor rund sechzig Jahren ehrlich erworben hat. Von einem österreichischen Meisterbetrieb, wo ihn ein Erwachsener mit Sozial- und Krankenversicherung, nach Kollektivvertrag bezahlt und in geregelten Arbeitszeiten aus Naturprodukten vom Schaf hergestellt hat. Arbeitsrechtlichen Errungenschaften, von denen bloß zu träumen in den USA als Kommunismus gilt. Und von wegen Nachhaltigkeit: Mein Schafsmantel wird noch tragbar sein, wenn ich längst das Zeitliche gesegnet haben werde und alle Weichmacher aus allen in Kinderarbeit in Billiglohnländern hergestellten Erdöljacken gesickert sind. Und falls ihn mal jemand wegwirft, wird er bis auf die Hornknöpfe restlos vermodern. Vielleicht ist es aber auch der Stock? Einen Behinderten anzumachen, kommt nicht so gut in der urteilenden Öffentlichkeit. Und ich bin noch keiner Gesellschaft begegnet, in der der bloße Anschein so sehr das reflektierte Sein auslöscht.
In der Literaturwissenschaft (virtuell und auf Papier) kursierten zum Semesterbeginn an vielen Unis Petitionen. Zu viele Titel weißer toter Männer stünden in den Pflichtliteraturlisten der Lehrveranstaltungen. Um die Empörung zu beruhigen, wurden in der Folge ein paar davon gestrichen. Dafür werden zwei drei AutorInnen z.B. aus Westafrika gelesen. Alles gut! Dass alle „niederen“ Arbeiten und „Dienstbotentätigkeiten“ auf dem Campus von AfromerikanerInnen, Spanischsprechenden oder sonstigen Immigranten erledigt werden, ist dagegen so alltäglich und allgegenwärtig, dass diese „gottgewollte“ und dollargegebene Ordnung keine Sekunde hinterfragt wird. Wir fahren alle mit einem Uber von A nach B. Wohlwissend, dass die Lenker keinerlei soziale Absicherung haben (oder anders als die Taxilenker keine Berufseignungsprüfung oder Lizenz brauchen). Über das ungute Gefühl wegen der sozialen Ungerechtigkeit soll man sich mit einem hohen Trinkgeld helfen. So viel Trinkgeld kann niemand geben, um im Ernstfall eine Krankenversicherung zu ersetzen. Aber egal! Wenn nur alle fleißig arbeiten, ist jeder seines Glückes Schmied. Wie man sich bettet, so liegt man. Fällt auf der Veranda des Nachbarhauses die Schneeschaufel um, bleibt sie so liegen, bis Jose oder DeAndre kommen und damit den frischgefallenen Schnee schippen. Auch wenn das erst im nächsten Winter ist.
Mit Mariä Lichtmess war auch Weihnachten endgültig vorbei. Juliane und ich haben unseren Christbaum entsorgt und zum Abschluss ein Konzert von Weihnachtsmusik für den Dresdner Kurfürstenhof von Heinrich Schütz besucht. Wobei „entsorgt“ ein wenig übertrieben ist. Von der Wiener MA 48 zu Mülltrennung und zur Christbaumsammelstelle erzogen versuchte ich herauszubekommen, wo wir unseren abgeschmückten Baum hinbringen sollten. Obwohl Juliane und ich uns beide bemühten, wir fanden auf unsere Frage keine Antwort. Und die trockenen Nadeln rieselten derweil auf den Parkett. Wir überlegten, beim Botanischen Garten zu fragen, ob wir unsere brave Tanne bei ihnen auf dem Kompost zur letzten Ruhe betten dürften. Jede einzelne Strähne Engelshaar hatten wir natürlich abgezupft. Dann fragte Juliane bei ihren Gastgebern am Institut nach, was in New Haven mit einem Christbaum a.D. anzustellen sei. Die Frage löste Erstaunen aus. Die Antwort war so einfach, so erschütternd und so US-amerikanisch: Nimm das Ding und lege es am Tag der Müllabfuhr zu den Mülltonnen neben die Straße! Die seligen Jose und DeAndre in ihrer Emanation als Müllmänner nehmen die Baumleiche mit.
Es sind solche Beobachtungen, die mir den Aufenthalt in den USA verleiden könnten, gäbe es nicht ebenso viele angenehme Erlebnisse und Zeitgenossen.
Indes überlege ich mir, den Genuss der heimischen Nachrichten via Internet einzustellen. Die Schlagzeilen und Berichterstattungen gefährden meine Gemütsruhe. Ebenso die Interpretation derselben in den so genannten Sozialen Netzwerken.
Kaum ist Weihnachten auch im offiziellen Kirchenfestkalender zu Ende, werde ich von Zeitungen und Radiojournalen an das Osterfest erinnert. Die österreichische Innenpolitik erinnert mich an Ostereier. Das An- und Einfärben staatlicher Einrichtungen scheint niemanden zu stören. Das Umfärben löst eine Reaktion aus. Vor allem und scheinbar nur, wenn die gewählte Farbe nicht gefällt. In den Wänden von Ministerien werden von Experten technische Einrichtungen geborgen, die je nach politischer Gesinnung entweder ein Lautsprecher oder eine Abhöranlage sind. Die technischen Expertisen der zuständigen Stellen werden in der Beurteilung nicht berücksichtigt. Besser ist es, sich in vorgefassten Mustern zu empören, als mit Fakten und Widersprüchen die Einigkeit zu stören. Wirklichkeit muss nicht bewiesen werden, sie beruft sich auf wiederholtes Zitat und Autorität. Ein solcher Wahrheitsbegriff hat einen Namen: Scholastik. Und er stammt aus dem von heutigen Möchtegern-Aufklärern so verpönten Mittelalter. Über die Argumente und Streitkultur unserer Tage hätte Thomas von Aquin herzlich gelacht. Danach wäre er in Tränen ausgebrochen.
Wer gegen Monstren kämpft, wird selbst zum Monster. So in etwa sagte Friedrich Nietzsche (mit sächsischem Akzent). Man bezichtigt ohne Zaudern oder Zögern das norwegische Nationalteam des Nationalsozialismus, weil sie in Runen „kämpfende Elche“ in ihre Pullover gestrickt tragen. Das ist ihr offizieller Spitzname! Und die altnordischen Runen ihr kulturelles Erbe! Dafür, dass sich ein paar mutmaßliche Nachkommen von Wald- und Wiesengermanen diese Schrift unrechtmäßig angeeignet haben, um auch ein bisschen Wikinger zu sein, dafür können diese Sportlerinnen und Athleten nichts. Eine ZDF-Moderatorin belehrt britische Kostümhersteller, dass es „verstörend“ sei, wenn sich Kinder im Fasching als „Evakuierte“ verkleiden. Das sind keine „Flüchtlinge“, es sind jene, die vor den Bombardements der reichsdeutschen Luftwaffe aus den englischen Städten evakuiert wurden. Es sind jene, die mit ihrem Durchhaltevermögen und ihrer Aufopferung den Sieg der Alliierten über das Dritte Reich ermöglicht haben. Kurz gesagt: In dem Kostüm geht man als Heldin und Held. Jedenfalls auf ein englisches Faschingsfest. Auch das ist kulturelle Vielfalt. Last but not least wird in einer Galerie in Manchester ein Gemälde des Malers John William Waterhouse abgehängt, weil sein Inhalt sexistisch sei. Es zeigt Nymphen, die einen Hirten verführen. Es ist die femme fatale, die emanzipierte und gefährliche weibliche Sexualität, die abgehängt wird. Nicht die Vergewaltigte, nicht die Entführte, nicht die gegen ihren Willen Verhüllte, nicht das Muttchen am Herd!
Ich kann ehrlich gesagt bald nicht mehr länger zusehen, wie der politisch Andersdenkende in der immer aggressiver werdenden Rhetorik mehr und mehr entmenschlicht wird. In der Geschichte der Zivilisationen war und ist dies der erste Schritt zur Menschenjagd.


Fortsetzung folgt…

Montag, 15. Januar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 24)

Teil 24: Lustig ist das Migrantenleben – Eine Berg- und Talbahn!


Weihnachten und Sylvester sind vorbei, und ein neues Jahr hat angefangen. Zeit, um Bilanz zu ziehen. Ein zwangsläufiger Akt, vor dem es auch diesmal kein Entrinnen gab. Spätestens mit dem Kater am Neujahrsmorgen setzte er ein. Jedes Mal dieselbe böse Überraschung. Dabei war ich gewarnt: Wer in den Wald geht, der darf das Rauschen nicht fürchten! Während über dem Wipfel der Wind heulte, nagte am Wurzelwerk der Gewissenswurm. Das lag nicht alleine am Alkohol, es war auch der Zeitpunkt. Der Lichtmangel und die Außentemperaturen, die von milden Plusgraden über Nacht zu Minusgraden im zweistelligen Bereich hin und zurück wechselten. Auf der Celsiusskala, versteht sich. Lichterkette, Herrnhuter Stern und Christbaumbeleuchtung halfen, die Niedergeschlagenheit dieser Tage einzudämmen. Ganz zurückhalten konnten sie die Sorgenflut dennoch nicht. Land unter! Und auch hiervor war ich gewarnt. Das Auf und Ab der Gefühlswellen, die Berg- und Talfahrt als Passagier im Personenwagen der Existenz, die meine Omama noch nostalgisch kunstvoll als „himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“ beschrieben hatte, die empfanden Migranten besonders intensiv. Moderne Gebrauchslyrik sang da weit prosaischer und inzwischen abgegriffener vom Leben als Achterbahnfahrt. Enthusiasmus, Zukunftswillen und Gestaltungswut erklommen den Gipfel des Empfindbaren, um nach einem kurzen Schwupps und Magenheber in die finsterste Talsohle der Verzweiflung, Nichtigkeit und Einsamkeit zu stürzen. Und wenn dann ein menschengemachtes und dazu mit viel Bedeutung versehenes Datum auf dem Kalender erscheint, dann glotzt der Abgrund plötzlich zurück und fragt: „Was hast Du erreicht bisher?“ Und die Nabelschau wird zum Gruselkabinett. Und das Schauerlichste darin ist das eigene verzerrte Spiegelbild.
Mein körperlicher Zustand erlaubt es mir nicht, jederzeit und immerzu wie ich das will unser Heim zu verlassen. Exilanten haben in diesem Zusammenhang schon vom lebendigen Grab geschrieben. In unserem US-amerikanischen Heim sind jedoch keine Spinnweben und Moder, sondern viel Liebe und Anteilnahme zuhause. Dennoch warte ich. Und dieses Warten wirft unangenehme Fragen auf, die es sich auch gleich selbst auf die übelste Art und Weise beantwortet: Der Migrant, egal ob sie oder er, fragt, was sie oder er bisher am neuen Ort erreicht hat? Ich frage mich, wie viele meiner Hoffnungen wurden erfüllt? Wie viele Höhen habe ich wirklich unter den Füßen gespürt? Und wenn´s wirklich finster war draußen wie drinnen, dachte ich, dass die USA für mich eine Enttäuschung geworden sind. Keine meiner Erwartungen wurden erfüllt. Kein Gipfel unter den Sohlen, kein zufriedener Blick zurück ins Land. Und mit wem redete ich überhaupt? Nur mit jenen, für die es keine andere Wahl gab. Nur mit denen, die dazu verpflichtet waren. Deren Job es war, sich um mich zu kümmern. Erschwerend zu Dunkelheit, Kälte und Krankheit hinzukommt, wenn man wie ich auf etwas wartet. Und ich warte auf eine Antwort, die meinem Tun wieder Sinn geben kann. Und Platsch machte das Fettnäpfchen!
Wenn irgendjemand meinem Tun einen Sinn geben kann, dann bin ich das selbst. Und bei diesem Gedanken erscheint er bald, der Silberstreif am Horizont. Der Moment vor dem Sonnenaufgang ist der dunkelste und kälteste der Nacht. Wintersonnenwende. Sol invictus. Weihnachten! Und während ich meinen Verstand wieder wärmend um das kalte Herz schlinge, wird mir klar, dass ich genau auf die Seife getreten bin und herumsause wie Kleopatras Löwe bei Asterix, die mir so unglaublich auf den Geist zu gehen beginnt. Die Lehren der alten Religionen wurden abgelöst von der First Church of Income. Die Frohbotschaft der Weihnachtszeit war vielerorts die abgehakte Einkaufsliste. Das einzige Thema, worüber sich weiße Männer meines Alters an den Tischen und am Tresen der Bars unterhalten, sind Dollars, wie viele „Ks of dollars“ einer im Jahr macht, und/oder was dies und das in der Anschaffung kostet. Erhaltung findet sowieso nicht statt. Konsumiere bis die Müllabfuhr kommt. Um in diesen Gewässern zu fischen, sind sie mir zu durchsichtig und zu flach. Aber hilft mir das? Im Gegenteil. Dank dieser ständigen Auspreisung menschlichen Tuns und Strebens fühle ich mich wertlos, auf den Wühltisch zu den Ladenhütern geräumt. Bald schon dräut der Abfalleimer.
Dank der Irrlichter meiner Gedanken landete ich in einem klebrigen Pfuhl, aus dem ich mich wohl oder übel am eigenen Schopf wieder rausziehen musste. Das machte mich weder zu einem Münchhausen, noch zu einem Helden, das muss jeder Migrant und Exilant andauernd schaffen. Und wenn er oder sie Glück haben, dann tritt ihnen beim Aufrappeln wenigstens keiner auf die Finger. Es ist in New Haven schon vorgekommen, dass Barkeeper die Bestellung eines Bekannten partout nicht verstehen konnten, weil er so einen grausamen Akzent hätte. Und der Mann ist Brite. Ich habe das Glück, dass mir stets die eine oder der andere unter die Arme greift und mich wieder auf die Beine stellt. Und nicht nur im übertragenen Sinn.
Weihnachten in den USA hört sich an wie daheim. Da ich ein ernstes Problem mit der christlichen US-amerikanischen Frömmigkeit habe, beziehungsweise bisher noch keine Kirchengemeinde gefunden habe, die meinen Zugang teilt, blieb meine Spiritualität heuer auf den optischen und musikalischen Anteil beschränkt. Und auf mein Empfinden. Die Mehrzahl der im öffentlichen Rundfunk gesendeten Weihnachtslieder ist deutschsprachiger Herkunft. Die Klassiker werden in Originalsprache gesungen. Die Volks- und Kunstlieder in Original und in Übersetzung. Bei den Profis kamen die Texte akzentfrei rüber, bei Laienchören brauchte es dagegen einiges an Textkenntnis, Gespür und Fantasie, um zu erkennen, um welche Stelle welcher Strophe es sich gerade handelte. Und da in Europa die britischen und amerikanischen Schlager seit Jahrzehnten fix ins alljährliche Repertoire gehören, besteht am Ende der Feiertage zumindest musikalisch und atmosphärisch kein Grund zu Heimweh oder Fremdeln. Weihnachten und Hanukkah sind hier wie da fast identisch. Sie bringen Licht in die Finsternis und Nostalgie und Freude ins Gemüt.
Ganz anders gestaltete sich indes der Jahreswechsel. Juliane und ich besuchten eine Drag- und Burlesque Show in New Haven. Das war ein großer Spaß. Wobei es auch hier zuerst einmal um Dollars ging. Keiner, lernten wir, würde jemals von einer Drag-Queen zurückgelassen. In Anspielung auf den Grundsatz des US-Militärs: „No one is left behind!“ Einmal mehr waren wir „with the people“. Die Colleges standen leer, die Uni hatte Ferien. Das heißt, Vorlesungsfreie Zeit. Oder wie man in Yale dazu sagt: Reading days. Das Cafe war bis zum letzten Stehplatz besetzt und bester Laune. Schulter an Schulter wurde getanzt und getrunken. Bei manchen entfesselten Leibern begann ich mich zu fürchten. Vor Verletzungen und seismischer Aktivität. Die Eruption zum Jahreswechsel spielte sich drinnen unter Pfeifen, Singen, Küssen und mit Musik ab. Kein Feuerwerk. Und vor allem keine Böller. Das ist ein sehr sympathischer und nervenschonender Zugang der US-Amerikaner zum Neujahrsfest. Da hat es wieder etwas Gutes, wenn ihnen ihre Dollars zu schade zum Verbrennen sind.
Nach der Feier fuhren wir wieder mit einem Uber heim. Absurderweise hatte der bestellte Fahrer bei seiner Bewertung bloß einen Stern. Die schlechteste Kundenbewertung bisher. Nach einer gelösten Feier in Gesellschaft von Drag-Queens und offenen Menschen jeder sexuellen Orientierung war es ein Weckruf in die Gegenwart, in dem jungen Uber Driver einen Pakistani kennenzulernen, der meine Frau gleich auf den ihr zustehenden Platz im Leben verweisen wollte. Nun, das erklärte immerhin die Kundenbewertungen.
Boulevardmedien täglich und ausschließlich genossen können zu Paranoia führen. Allen gemeinsam ist, dass sie zu Übertreibungen bzw. Skandalisierungen neigen. Ein beliebtes Thema dieser Tage war im deutschsprachigen Europa das „Schneechaos“ in den USA. Dergleichen hat ganz gewiss stattgefunden, an den Großen Seen, aber die sind tausende Meilen weit weg. Connecticut liegt an der Ostküste, und wir wurden „nur“ drei Tage lang vom Wind durchgebeutelt und verweht, aber von einem Chaos keine Spur. Die Wetterwarnung erreichte uns tags zuvor. Alle öffentlichen Einrichtungen, auch das Krankenhaus (bis auf die Notaufnahme) und die Uni blieben geschlossen, die Leute sollten zuhause bleiben. Abends frischte der Wind auf. Aus einer flüsternden Brise wurde innerhalb weniger Stunden ein heulender Sturm. Was uns diese Nacht mitsamt dem Holzhaus sanft in den Schlaf wiegte, das war noch nicht der Blizzard selbst, das waren seine Blizzard-ähnlichen Ausläufer. Vom Ächzen des Zimmermannswerks und dem Rütteln an den Holzrahmen der Fenster wachgeküsst, offenbarte der Blick aus dem Fenster ein hübsches, leicht in Windrichtung verwischtes neutrales Grau. Hinter dieser getrübten Firniss-Schicht zeichneten sich dunkel die Konturen der Nachbarhäuser ab. Wobei eines fehlte, es wurde sicherheitshalber schnell und gewissenhaft abgerissen. Wo vorher das nette kleine Holzhaus stand, lag jetzt ein Haufen Altholz und Bauabfälle, über die der Pulverschneemantel des Vergessens geblasen wurde. Die Straße indes war als Schipiste oder Rodelbahn gewiss vorzüglich, als Fahrbahn jedoch nicht zu empfehlen. Insbesondere, wenn man die hierzulande üblichen „All Seasons“-Reifen auf dem Auto montiert hat. Winterreifen werden großzügig im Radio beworben, das moderne Zeugs setzte sich bislang aber noch nicht durch, die Winter in Neuengland waren ja seit alters her für ihre „Milde“ bekannt. Darum blieben die Fahrstreifen heute alle leer. Nur ab und zu rutschte ein Fahrzeug in instabiler Seitenlage den Hügel vor den Fenstern hinunter. Tapfer tuckerte regelmäßig ein kleiner Schneepflug vorbei. Am Steuer saß ein hochmotivierter Afroamerikaner mit Pudelmütze und im Anorak, der mit fadem Auge seine mitgebrachten Wurstbrote verputzte. Der Asphalt war hinter ihm auch wirklich kurz zu sehen, bis das Straßengrau mit der nächsten Böe wieder faustdick unter dem Schneeweiß verschwand. Von den Außentemperaturen sei besser geschwiegen, der Blick auf die Temperaturanzeige alleine machte einen frösteln.
Während ich mich fröhlich wie auf einem Schiff fühlte, machte Juliane das Schwingen und Ächzen in den Balken und Planken unseres Hauses ein wenig zu schaffen. Diese Nacht schlief sie nicht besonders ruhig. Doch schon der nächste Morgen brachte Entspannung. Die Wetterwarnung war aufgehoben, die Bobbahn draußen präsentierte sich salznass und für den Autoverkehr freigegeben. Und über allen, den Guten wie den Bösen, strahlte wieder die Sonne. Bei lauschigen -26 Grad Celsius. Auf den ersten Blick irritierend wirkte, dass der Sturmwind alle Bäume besenrein geblasen hatte, während auf den Gehsteigen und in den Gärten meterhoch der Schnee lag. Und auch diese weiße Pracht verschwand in den nächsten Tagen völlig, als binnen weniger Stunden die Temperatur in den Plusbereich wechselte. Atmosphärisches Kneippen bis zum Exzess! Heiß- und Kaltwasserbäder. Meine rheumatischen Gelenke waren inzwischen so verstört, dass sie nicht mehr wussten, ob sie steif werden oder bloß wehtun sollten. Im Durchschnitt war dieses Wetter also ganz angenehm. Die Prognose der letzten und auch kommenden Tage wusste und weiß nicht mehr und nicht weniger vorherzusagen, als dass es Wetter gibt.
Ich schließe mich also dem Bürgermeister von Boston an, der verkünden ließ, wer bisher noch nicht an den menschengemachten Klimawandel glaubt, der möge ihn bitte in Massachusetts besuchen kommen. Und dieser Bundesstaat mit seinen spürbaren Wetterkapriolen liegt nur ein wenig nördlicher.


Fortsetzung folgt…


Montag, 1. Januar 2018

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 23)

Teil 23: Weihnachten, Boston und ein verirrter Linienbus


Noch einmal ganz herzlich: Merry Christmas and A Happy New Year! Mein Eintrag war früher geplant, aber eine renitente Ente, ein paar undichte Fenster und ein öffentliches Verkehrsmittel auf Abwegen haben dieses Vorhaben vereitelt. Ich habe ja schon einiges über die Abenteuer gehört, die man an Bord eines Greyhound-Busses erleben kann, aber jetzt wissen Juliane und ich, dass alles noch viel schlimmer kommen kann…
Manch einer sieht in den USA ein völlig anderes totalitäres Regime vor dem Horizont aufmarschieren. Juliane, in der DDR geboren und die ersten prägenden Jahre in ihr verbracht, versicherte mir jedoch, dass sie die gegenwärtigen USA an den Kommunismus bzw. an den real existierenden Sozialismus erinnern. Die Infrastruktur ist vielerorts uralt, funktioniert nicht richtig oder ist schlicht und ergreifend hin, und der Alltag klappt dank der Improvisationskunst einzelner Beherzter trotzdem. Man kann sich im Leben vieles schönreden, aber jeden Tag über Schlaglöcher in den Straßen zu hoppeln, oder beim Frühstück von draußen einen eiskalten Hauch ins Genick geblasen zu bekommen, das macht keine Freude. Ein feingliedrig segmentiertes Jugendstilfenster im Esszimmer ist eine schöne Sache. Die Freude daran schwindet mit den Außentemperaturen. Sobald sie von spätsommerlich Plusgraden über Nacht auf bis zu minus 14 Grad Celsius fallen, und der elende Holzrahmen vielfach überstrichen vor sich hin rottet, rissig ist, die Seitenteile nur mit einer einlagigen Glasscheibe verglast oder bloß mit einer von außen angeschraubte Plexiglasplatte verschlossen sind. Der Gebrauch von Silikonmasse scheint zwar bekannt, aber völlig verpönt. Was angesichts des sonstigen Kunststoffdurchsatzes dieser Gesellschaft ein kleines Wunder darstellt. Handwerk hat in den USA goldenen Boden, die Resultate hingegen… Naja, lassen wir das! Jedes Vogelhaus ist energieeffizienter isoliert, jedes Puppenhaus nachhaltiger zusammengebaut. Jedenfalls dort, wo in den USA Normalsterbliche wie wir hausen. Oder liegt es daran, dass jedermann nur eine begrenzte Zeit an einem Ort lebt, um dann zum nächsten weiterzuziehen? Ich weiß es nicht! Glücklich, wer sich in solch schwieriger Lage zu helfen weiß. Dank der frühkindlichen Erfahrungen meiner Gattin und meiner Kindheit im Waldviertel gelang es uns, die eiskalte Hand auszusperren, die allmorgendlich nach mir im Pyjama griff und gierig nach unserer Heizkostenabrechnung grapschte.Ich erinnerte mich, was mir meine geliebte Großmutter und Waldläuferin über das Wärmedämmen beigebracht hatte. Weidenflechtwerk mit Moos und Waldlehm verschmiert wäre demnach meine erste Wahl gewesen. Dieses Naturmaterial war aber nicht zur Hand. So auf die Schnelle einen Fensterpolster häkeln war auch nicht. Also her mit den Zeitungen und den Kartons der Amazon-Pakete. Die undichten Seitenfenster flink mit der Pappe zugeklebt. Licht tauschten wir gegen Wärme. Ein Deal, den all

unsere Vorfahren auf der ganzen Welt eingehen mussten. Je besser die Heizungen wurden (oder wärmer das Klima), desto größer die Fenster. Jetzt folgte der zeitaufwendige und zermürbende Teil: Vier Women´s Health, zwei Men´s Health und drei Ausgaben des Yankee Magazins mussten seitenweise daran glauben. Jede Seite habe ich zerknüllt und zwischen Plexiglas bzw. Glas und Karton gestopft. Stunden später war der Zwischenraum endlich voll, die eisigen Brisen ausgesperrt. Danach haben wir die ganze Pracht von innen mit Klebeband versiegelt. Sieht scheiße aus, aber bildet einen isolierenden Luftpolster. Von der Straße hat man den Eindruck, ein deutscher Verpackungskünstler oder ein avantgardistischer Street Art-Dadaist hätte ungefragt mit „einer Arbeit“ seine Umwelt beglückt. Mir ist´s egal, Juliane und ich erfreuen uns daran, dass die Fenster endlich dicht sind.
Diese gleichermaßen unzeitgemäßen wie unerfreulichen Instandsetzungsimprovisationen an unserem Heim hielten mich davon ab, vor unserem Ausflug nach Boston meine Eindrücke niederzuschreiben. Bei unserem Trip nach Boston handelte es sich um mein Weihnachtsgeschenk. Als mir klar wurde, wohin der Ausflug ging, grölte ich laut falsch und hingebungsvoll „I'm Shipping Up To Boston“ (Dropkick Murphys), was mehrere Schmerzmittelangebote meiner Gattin nach sich zog. Dergleichen Banausentum ignorierend freute ich mich sehr, endlich die historische Stadt (Tea Party, Battle of Bunker Hill, etc…) und die Heimat der Boston Celtics zu sehen. Seit dem Gymnasium war und bin ich Fan der Celtics. Daran konnten auch jene nichts ändern, die damals vor mehr als zwanzig Jahren – Jesus Christ! – naht- und übergangslos vom Dress Michael Jordans (Chicago Bulls) in das von Shaquille O´Neill (damals Orlando Magic) geschlüpft waren.
Die Anreise mit dem Greyhound-Bus klappte problem- und klaglos. Der Fahrer – eigentlich unnötig zu sagen, dass er Afroamerikaner war – war zu uns nett und hilfsbereit. Ein paar Mitreisende, die ihn ungebührlich drängeln wollten, stauchte er dagegen lautstark zusammen. Bei jedem noch so kurzen Aussteigen fand sich eine Zigarette in seinem Mundwinkel. Auf dem Kopf trug er eine schwarze Wollmütze, die von vielen in einer Art getragen werden, die irritierenderweise an das Reservoir eines Präservativs erinnert. Eine Ähnlichkeit, die man mit Blick auf die eigene Gesundheit besser für sich behält. Ins Auge fiel mir auch gleich der wohl schusssichere Glaskäfig, der den Passagierteil vom Fahrerbereich trennte. Eine Einrichtung, die es in Peter Pan-Bussen nicht gab, also eine Spezialität von Greyhound sein musste. Der Zustand des Busses war hingegen nicht anders als der jedes anderen Überlandlinienbusses. Berichte über den mitreisenden Bodensatz der Gesellschaft erschienen mir reichlich übertrieben, die wirklich armen Leute können sich eh kein Ticket leisten. Trotzdem war die erste Reaktion auf unseren Plan mit Greyhound zu reisen: „So you will be with the people!“ Es stimmte, im Bus reisten wir wirklich volksnah. Nachdem wir die Regionallinie benutzten, blieben wir bei jeder Milchkanne in der Landschaft stehen. Auf der Route quer durch zwei Indianerreservate lagen die beiden Casinos der Natives: das Mohigan Sun und das uns schon bekannte Foxwoods. Wen wir dort aller absetzten und einsammelten war aus soziologischer Sicht alleine die Reise wert. Junge schwarze in knallbunten Seiden-Blousons, reizende farbige Rentnerinnen und ein etwas abgerissener und keineswegs geruchsneutraler Pensionist in zwei Paar Jeanshosen. Besonders ans Herz ging uns ein erst kürzlich entlassener Ex-Sträfling, der sich mithilfe eines fünfzehn bis zwanzig Jahre alten Klapphandys um seinen Job und die Freundschaft seines Geschäftspartners quatschte. Er reparierte als Handwerker Eigenheime, bis zu diesem Telefonat, schätze ich. Der von ihm freigesetzte Redeschwall war laut Juliane, die in einem Frankfurter Gefängnis Deutschunterricht gegeben hatte, exakt derselbe, den sie auch in Deutschland von denselben Leuten gehört hatte. Wenigstens das Elend im Kapitalismus ist globalisiert. Diesen Mann sahen wir nicht wieder, den Alten in den zwei Hosen trafen wir auf der Rückfahrt wieder. Geduscht und in gewaschenen Hosen. Wir waren mit zwanzig Minuten Verspätung in New Haven losgefahren, ohne Delay erreichten wir Boston.
Mein erster Eindruck von Boston lässt sich in drei Adjektiven zusammenfassen: Elegant, sauber und sicher. Zum ersten Mal hatte ich kein ungutes Gefühl, zu Fuß und behindert durch den öffentlichen Raum zu gehen. Downtown wirkte auf mich wie das mit dem Stahlbesen durchgefegte Gotham City aus den DC-Comics. Jugendstilwolkenkratzer, Feuerleitern und dampfende Kanalgitter. Unser Hotel lag mitten in der Innenstadt, und direkt angeschlossen war ein Pub, das „Elephant and Castle“. Das barg den grandiosen Vorteil, nach Abendessen und letztem Bier in den Aufzug zu steigen und kurz darauf direkt ins Bett zu fallen. Bevor es soweit war, besuchten wir den Weihnachstmarkt bzw. die Holidays and Winter Fair. Diese US-amerikanische Variante des Christkindlmarktes war hinter dem Rathaus aufgebaut, einem dezenten Meisterwerk des architektonischen Brutalismus. An jedem anderen Ort der Welt hätte mich der Betonklotz gegruselt, hier passte er hin. Auf dem Weg zum Rathaus kamen wir an einigen der ältesten Bauwerke der USA vorbei. Dem Old State House, an dem auf dem Dachfirst bis heute noch Löwe und Einhorn des Britischen Empires zu sehen sind. Dieses zwischen den Schluchten des Bürogebirges ringsum winzig anmutende Backsteingebäude mit weißem Holzturm versinnbildlicht wie kaum ein anderes die Geschichte der USA. Von der Kolonie bis zu einer der größten und mächtigsten Demokratien der Welt. Das Gefühl der Sicherheit vertiefte sich beim Betreten des Weihnachtsmarkts mit Eislaufbahn. Hier hatten wir nicht den Eindruck, ein Armeecamp zu betreten. Ein Blick in die beleuchteten Bürofenster ringsum machte indes deutlich, dass die Mehrheit die Innenstadt mit den Pendlerzügen verlassen hatte. Die Abgänge zu den U-Bahn-Stationen waren seit 20:00 Uhr mit Rollläden verschlossen. Wir waren demnach tatsächlich „unter uns“. Die Staatsgewalt äußerte sich bloß darin, dass beim Betreten des Zeltes mit Wein- und Glühweinausschank das Alter kontrolliert wurde, und mehrere Police Officers mit strenger Amtsmiene zum Aufwärmen hereinkamen. In geselliger Runde neben dem Tresen tauten ihre Mienen wieder auf. Juliane und ich brauchten keinen Stempel auf der Hand, wir bekamen unser alkoholhaltiges Heißgetränk auch so. Frechheit! „Glühwein“ stand auf den Etiketten der Flaschen, die kamen alle aus Deutschland. Die Schachteln und Flaschen, nicht der Wein. Zu unserer Verblüffung lernten wir, dass der „deutsche Glühwein“ aus  Georgia stammte. Nicht Georgia USA, sondern Georgia, the Country. Das heißt, aus Georgien. Georgia wäre von uns schon weit weg genug gewesen, aber dass unser heißer Gewürzwein so weit gereist war, um in Boston in unseren Mägen zu landen, das schmeckte doch ein wenig bitter. Nach zwei Bechern war auch hier um 20:00 Uhr Schluss. Die Gäste durften zwar draußen weiter trinken, aber der Ausschank wurde geschlossen. Aufs Herumstehen in eisiger Kälte hatten wir keine Lust, also die Tassen geleert und auf ins Pub. Zum Trost fand Juliane einen Stand mit originalen Herrnhuter Sternen aus der Oberlausitz. Das wärmte das Gemüt, und so ein kleiner gelb-roter Stachelstern schmückt seither unser Fenster.
Der nächste Morgen präsentierte sich anders als in den Wetterprognosen sonnig und klar. Die besten Voraussetzungen, um mein eigentliches Weihnachtsgeschenk anzutreten, eine Schiffsrundfahrt zu den historischen Stätten in der Bostoner Hafenbucht. Der Weg zu den Anlegestellen war nicht weit, er führte uns wieder am Old State House vorbei. Auch an der in etwa gleichalten Faneuil Hall, der Versammlungs- und Markthalle im Zentrum, die das großzügige Geschenk eines Hugenotten an die Stadt gewesen war. Der Name war und ist demnach Französisch, ihn aber derart auszusprechen führt zu gar nichts. Außer zu Stirnrunzeln. Inzwischen finde ich es faszinierend, wie amüsiert bis indigniert einige US-Amerikaner reagieren, wenn jemand ein Wort oder einen Namen ihrer Meinung nach falsch bzw. mit Akzent ausspricht. Sie selbst haben wiederum meiner Meinung nach ein unvergleichliches Talent, jeden nicht-englischen Eigennamen oder Ausdruck bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen. Besonders das nur in den USA bekannte und beliebt berüchtigte TH der semitischen Sprachen hat es mir angetan. Selbst wenn Komposition und Text in Weihnachtsliedern auf diese Weise partout nicht zusammengehen, wird das englische TH trotzdem stur in z.B. Bethlehem gesungen. Aber wenn meine Frau in einer Konversation Karbon sagt, dann freut sich das Gegenüber blödsinnig über einen Car bone (Autoknochen). Whatever! Die Schiffahrt hinaus in die Bucht war wunderschön. Kurz beschlich mich gerade darum ein unangenehmes Empfinden. Weit hatte ich es gebracht, dass Juliane mich an Bord bugsiert, mich unter Deck auf einen Sessel setzt, und ich dann glücklich lächeln die vorbeiziehenden Sehenswürdigkeiten bestaune, unfähig, sie mir aus eigener Kraft anzusehen. Juliane tröstete mich, dass das das eigentliche Konzept des Tourismus darstellte und flößte mir eine heiße Schokolade ein. Der Anblick von echten Forts und Leuchttürmen aus dem sechzehnten, siebzehnten und späteren Jahrhunderten taten ihr Übriges, um mich mit der Welt und meinem Zustand zu versöhnen. Wir wuchteten mich auch über die steile Treppe nach oben auf Deck. Dort hatte ich aber Angst vom Wind erfasst und verblasen zu werden. Viel bringe ich nicht mehr auf die Waage, und die Brise war kalt und steif. Höhepunkt der Ausfahrt war für mich natürlich die U.S.S. Constitution, das älteste sich in Dienst befindliche Kriegsschiff der Welt. Die Old Ironside liegt am Fuße des Denkmals der Schlacht von Bunker Hill vertäut und ist in meinen Augen noch so schön wie an ihrem ersten Tag. In Boston legte sich auch endlich das Gefühl, geschichtsloser Gefangener in einer identitätslosen Gegenwart zu sein. Boston lag nahe bei den blauen Bergen, die von den Natives Massachusetts genannt worden waren. Und Boston war neben New York der größte Einwandererhafen. Konflikte zwischen Neuankömmlingen und den Alteingesessenen waren an der Tagesordnung. Besonders zur Zeit der Großen Hungersnot in Irland kam es zu Repressalien. Zum Glück, erzählte man uns, waren diese Zeiten vorbei, heute ist Boston eine irische Stadt. Entsprechend kauften wir mir eine Kappe und eine Wollmütze der Boston Celtics, deren legendäre Spieler und Manager in Bronze gegossen die Plätze zieren.
Wir schauten dann noch auf eine Schüssel Clam Chowder im Cheers vorbei, dann war unsere schöne Zeit in Boston auch schon wieder vorbei. Die Bürotürme Downtowns präsentierten sich als Termitenburgen, in die morgens Heerscharen emsige Arbeiterströme einzogen, sie belebten und abends wieder in die Vororte verließen. Eine gewaltige Flutwelle aus Pendlern spülte uns aus Downtown zum Bahnhof und weiter in den Busbahnhof. Von dort begann unsere Heimreise, die gut und gerne von Homer in Hexametern besungen werden konnte. Kurz gesagt: Eine schlichte Busreise wurde zur Irrfahrt, zur Odyssee. Unser Chauffeur trug dieselbe signifikante Mütze und wirkte auf den ersten Blick wie die rauchfreie, jüngere und gebügelte Variante unseres Fahrers bei der Herfahrt. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Berufsfahrern war aber ein völlig anderer. Wir erinnern uns, der ältere hat eine Verspätung von zwanzig Minuten aufgeholt. Ich habe schon miterlebt, dass ein Fahrer der Wiener Linien, der ansonsten immer 13A gefahren war, als Aushilfslenker irrtümlich nicht in die 14A-Route eingebogen war. Einmal um den Block, und alles war wieder gut. Wirklich noch nie in meinem Leben habe ich es erlebt, dass ein Berufsfahrer überhaupt keinen Plan davon hat, wohin er seinen vollbesetzten Linienbus zu lenken hat. In Providence, der ersten Station unserer Reise, landeten wir nicht vor dem Bahnhof, sondern unter einer Brücke dahinter. Kein Ort, wo man in der Nacht sein möchte. Sein kleiner Irrtum war unserem Lenker aufgegangen, als nach zehn Minuten noch immer keiner der gebuchten Fahrgäste aufgetaucht war. Nachdem wir die Fahrgäste aus Providence erfolgreich aufgesammelt hatten, steuerte er den Wagen in eine Gegend gegen die unser Parkplatz unter der Brücke ein anheimelndes und lauschiges Plätzchen gewesen war. Wir stießen tiefer und tiefer in die Hood vor, bis endlich eine ortsansässige Mutter mit Tochter lauthals protestierte und die Navigation des Busses übernahm. Das, sagte sie, wäre ihr Teil der Stadt, und wo uns der Lenker gerade hinfuhr, dort wollten weder wir noch sie jemals sein. Dank dieser Frau erreichten wir den Highway. Jetzt stieg in unserem Pensionisten in den beiden Hosen, der wieder mit von der Partie war, die Nervosität. Der Fahrer wusste nicht, welches der beiden Kasinos sein nächstes Ziel war. Nun, es war das Foxwoods. Aber wie der Name schon sagt, das stand mitten im Wald. Und im Reservat sah es aus wie im Waldviertel im Winter. Es gab jede Menge Bäume, keine Straßenbeleuchtung und es war finster. Nach dem jahreszeitlich bedingten frühen Sonnenuntergang, wird einem an einem solchen Ort rasch klar, warum gerade jetzt ein Fest begangen und nötig wurde, bei dem viel künstliche Beleuchtung im Spiel war. Langer Rede gar kein Sinn, der Lenker fuhr dreimal an dem riesigen, hell erleuchteten Gebäudekomplex vorbei. Der Rentner in den beiden Hosen wurde renitent. Zum Glück, er wusste nämlich wo es lang ging. Die Weiterfahrt zum nächsten Kasino endete auf einem Parkplatz irgendwo im Nirgendwo. Die Stimmung im Bus knisterte. Der schwere Pickup der Tribal Police der Mashantucket Pequot war uns seit dem Foxwoods gefolgt und parkte in einiger Entfernung. Die Officers dachten vielleicht an eine Entführung. Ich dachte an die Rettung aus der Wildnis durch diese tapferen Polizisten. Es kam anders. Ein beherzter Mitreisender stand auf, marschierte vor und hielt dem Fahrer sein Smartphone mit GPS-Navigation vor die Nase. Dank dieses beherzten Eingreifens verfranzten wir uns auf der Weiterfahrt bloß noch dreimal. Wir kamen mit einer Stunde Verspätung und mitten in der Nacht in New Haven an. Ob der Bus jemals sein Ziel New York erreicht hat, wissen wir nicht. Der Mann mit dem Navi sagte, er würde beim nächsten Halt aussteigen.
Die einstündige Verspätung löste eine Kettenreaktion in mir aus. Sie war gewissermaßen der erste einer langen Reihe aus Dominosteinen. Fiel der eine um, folgten alle anderen. Ich hatte vor Weihnachten eine ganze Reihe von Arztterminen, und durch die Verzögerung und Erschöpfung verlor ich einen ganzen Vormittag. Just jenen, an dem wir ein Auto gemietet hatten, um unseren Christbaum zu besorgen. Statt dem üblichen SUV bekam ich einen Honda Civic. Der ließ sich zwar gut fahren, aber das Ein- und Aussteigen gestaltete sich, na sagen wir mal, interessant. Außerdem zog die designoriginelle „Sportvariante“ den Neid und die Aufmerksamkeit der falschen Mitbürger auf sich. Sitzt dann auch noch eine vollbusige Blondine auf dem Beifahrersitz, dann ist man sich der glühenden Blicke sicher. Und besonders reizend gestaltet sich das Wiedersehen mit so einem Zeitgenossen im Wartezimmer des gemeinsamen Podologen. Vorweihnachtliches Beisammensein. Auf der einen Seite grimmte mich einer von unter seiner Baseballcap und Kapuze an, auf der anderen rieb ein kleiner Bub fröhlich krähend die Lederbänke und Tische mir Desinfektionsmittel ein. Letzteres hielt ich für eine gute Idee, das musste schließlich auch mal gemacht werden. Nach dem Treffen mit meinem Doktor, an dessen Ende ein weiterer Umbau meiner orthopädischen Einlagen stand, ging es weiter in den Baumarkt. Dort kauften wir endlich unseren Weihnachtsbaum. Eine Fraser Tanne, die wir quer über die Rückbank in den Civic stopften. Weihnachten konnte kommen.
Noch einmal Photopherese, dann war es soweit. Ich fand mich einen Tag vor Heiligabend Aug in Aug mit einer 60 US-Dollar-Ente und einem Blaukrautkopf wieder. Das Interessante an der Zubereitung eines traditionellen Entenbratens hierzulande ist, dass es in den USA nichts gibt, dass einem dabei helfen würde. Das heißt, kein tiefgefrorenes Rotkraut, keine vorgefertigte Masse für Erdäpfel- bzw. Kartoffelknödel. Ich musste wie Anno Dunnemal alles selbst herstellen. Mein Respekt vor den Kochkünsten unserer Vorfahren wuchs mit jedem Arbeitsschritt. Nachdem ich das Krauthappel niedergerungen hatte, musste ich das Ding erst einkochen, dann dünsten. Die Vielfalt an Zutaten ist bemerkenswert. Dank sei Gott, dass der Topf nicht explodierte. Das Herstellen der Waldviertler Knödel beschäftigte mich die nächsten paar Stunden. Stets begleitet von der lieblichen Stimme meiner Gattin, die es nicht lassen wollte, meine herrlichen Knödel Thüringer Klöße zu zeihen. Und auch wenn sie hundertmal damit Recht hat, ist mein Stolz nicht gewillt, dergleichen „Beleidigungen“ einfach hinzunehmen. Koste es was es wolle! Da kann ich ja gleich das dämliche TH mitsingen. Aber egal jetzt. Als nächstes kam die Ente dran, die ich stopfte und würzte. Zusammengefasst: Ich verbrachte den gesamten 23. Dezember damit, das Essen für den Heiligen Abend am 24sten vorzubereiten. Respekt vor all unseren vorangegangenen Generationen ohne Tiefkühlgemüse und Instantnahrungsmitteln.
Gebraten habe ich die Ente dann am nächsten Tag. Drei Stunden lang. Und hätte mir Hatty nicht während meiner Behandlung erklärt, wie man den Herd richtig einstellt, hätte ich Kohle produziert. Vielen Dank!


Fortsetzung folgt…