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Samstag, 7. Juli 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 35)


Teil 35: Ernüchterung am 4. Juli

Eine Wiese auf einem sanften Hang, fröhliche Familien sitzen auf Picknickdecken staunend beisammen, ein riesiges Feuerwerk. Dazu eine Marching Band, die den „Yankee Doodle“ und „Star Spangled Banner“ schmettert. Launige Reden von Professoren und des Präsidenten der Universität. So habe ich es in US-amerikanischen Filmen gesehen, und so habe ich mir den „4. Juli“ in den USA vorgestellt. Und natürlich gestaltete sich alles ganz anders. Ich bin mir sicher, dass es in den USA Menschen gegeben hat, die ihren „Independance Day“ genauso, oder jedenfalls so ähnlich erlebt haben. Juliane und ich waren es nicht. Und ich muss gestehen, dass ich nach über einem Jahr Alltagsleben in Connecticut und speziell nach meinen Eindrücken dieses Feiertags von der Nation unter dem Sternenbanner ernüchtert bin.
Unsere Internetrecherche nach einem gemeinsamen Festakt der Yale Universität förderte einen Termin aus dem Jahr 2013 zutage. Inklusive Shuttletransfer zum Feuerwerk. Wunderbar, aber 2018 leider falsch. Kurz gesagt: Yale hat abends nicht gefeiert. Oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Oder der Ausländer? Ich weiß es nicht. Im Prinzip war es aber egal, denn sobald vom Campus aus Raketen in den Himmel gestiegen wären, wir hätten es von unserem hinteren Balkon gesehen. Und vom vorderen hätten wir einen großartigen Panoramablick nach der anderen Seite der Stadt mit ihren Vororten gehabt. So lautete unser Plan: So oder so würden wir das Feuerwerk zu sehen bekommen. Die tropisch feuchten Hitzetemperaturen waren ohnedies nicht geeignet, um uns dazu zu bewegen, uns ordentlich anzukleiden und das Haus für eine offizielle Veranstaltung zu verlassen. „Ordentlich“ bedeutete in diesem Fall ganz europäisch und imperialistisch, nicht nur den eleganten Ansprüchen der Kalahari-Bewohner zu genügen. Menschen, die ich dieser Tage um ihren Zugang zum Thema Bekleidung zutiefst beneide. Ich kann gar nicht verstehen, warum mich das Tragen einer Lendenschnur bei 100 Grad Fahrenheit zum Inhaftierten und nicht zum Influencer macht. Aber egal!
Yale hat, oder hätte am 4. Juli viel zu feiern. Woran uns der Präsident der Universität vorab in einem elektronischen Rundschreiben erinnerte. Auch daran, dass die Gründung der Universität Yale der Gründung der USA um 75 Jahre voraus gegangen war. Yale war unter den Gründern der Nation und den Revolutionären bestens vertreten: 25 Yalies waren Mitglieder des Continental Congress, fünf unterschrieben die Unabhängigkeitserklärung. Sechs Absolventen der Universität dienten als Abgeordnete der Constitutional Convention. Yale Schatzmeister Roger Sherman gilt als die einzige Person, die insgesamt vier Hauptdokumente der Amerikanischen Revolution unterschrieben hat: die Declaration and Resolves von 1774, die Declaration of Independence, die Articles of Confederation, und last but not least die U.S. Constitution, die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Ganz nebenbei war Sherman auch noch erster Bürgermeister von New Haven und liegt auf dem Grove Street Cemetery begraben. Dort, an seinem Grab, wird seiner auch jedes Jahr am Independance Day mit einem Festakt gedacht. Die Zeremonie begann um 9 Uhr morgens. Die 2nd Company Governors Foot Guard marschierte auf. Ein Darsteller verkörperte General David Humphrey, und State VP Damien Cregeau hielt eine Ansprache auf Roger Sherman. Dem folgten ein Musketensalut des 6th CT Regiment, Boy Scouts mit State Flags und eine Kranzniederlegung auf den Grabstätten von Sherman und Humphrey. Danach wurden wie jedes Jahr die Namen der Unterzeichner der Declaration of Independence verlesen. Meine Erwartungen an den Abend waren also berechtigt und nicht vollends aus der Luft gegriffen. Das „public radio“ meiner Wahl spielte den ganzen Tag ein „star spangled“-Programm, also US-amerikanische Weisen und Komponisten. Außerdem knallten schon seit Tagen die Knallkörper. Verstand ich das alles dem Anlass entsprechend als vorausgehendes Geplänkel für das kommende Feuergefecht und Böllerbombardement, dann musste es gewaltig werden.
Indes, meine großen Erwartungen verpufften in der lauen Abendluft. Anders als zu Sylvester in Europa gab es am 4. Juli scheinbar keinen gemeinsamen Zeitpunkt für das „Feuer frei!“ Schlägt da die Turmuhr Mitternacht, erblüht der Nachthimmel in den Farben und dem Leuchten der feurigen Chrysanthemen. Hier stiegen alle halben Stunden einmal ein paar vereinzelte Raketen auf. Die Böller krachten dafür pausenlos und überall. Zwischen neun Uhr und zehn Uhr konzentrierten sich die Aktivitäten in der Gegen um Hamden, so dass wir von unseren Fenstern ein paar schöne Feuerblüten zu sehen bekamen. Ansonsten hörten wir nur den Lärm der Explosionen ringsum. Über dem Campus blieb der Himmel ruhig und nachtblau. Das Hauptgewicht der Abschüsse verortete ich kurz vor Mitternacht hinter dem nächsten Hügel, also am Strand über der See. Aber da war Juliane schon schlafen gegangen. Und wie ich am nächsten Morgen im Krankenhaus erfuhr, hatte ich mit meiner Einschätzung ganz Recht, denn New Haven schien sein Feuerwerk jedes Jahr über der Bucht zu veranstalten. Aber das musste man scheinbar wissen, denn eine Ankündigung im Internet hatten weder Juliane noch ich gefunden.

Am Nachmittag des 5. Juli gingen Juliane und ich in die Yale Beinecke Rare Book & Manuscript Library, wo einer der sechsundzwanzig erhaltenen ersten Drucke der Unabhängigkeitserklärung (siehe Foto) ausgestellt wurde. Im Zuge der Feiern zum Unabhängigkeitstag wurde sowohl die Declaration als auch die Rede zum „Fourth of July“ von Frederick Douglass aus dem Jahr 1852 vorgetragen. Ja, jenem tapferen afroamerikanischen Gegner der Sklaverei von dem US-Präsident Donald Trump nicht wusste, dass er nicht mehr am Leben war. 



Die Worte beider historischen Dokumente wurden auf mehrere Frauen und Männer aufgeteilt, die als Vertreter aller Einwanderergruppen verstanden werden konnten, die heute die Gemeinschaft der USA darstellten: Afroamerikaner, Latinos, Deutsche (wozu großzügig auch alle Österreicher, Niederländer und Schweizer gezählt werden), katholische Iren und protestantische bzw. puritanische Angelsachsen. Diese Menschen verlasen die beiden bemerkenswerten Texte. Die Vorträge waren von sehr verschiedener Qualität, und leider waren es einmal mehr die Jungen, die mir den Eindruck vermittelten, ihren Part weder geprobt noch verstanden zu haben. Vor allem die beiden letzten Vortragenden verliehen dem Gehörten wieder Seele. Und welchen Geistes diese beiden Dokumente waren! Frederick Douglass stellte unverhohlen klar, dass der 4. Juli nicht sein Unabhängigkeitstag war, solange eine weiße eingewanderte Minderheit afroamerikanische Sklaven wie und oft schlechter als Tiere behandelte und auf Marktplätzen als Ware verhandelte. Mit seiner Kritik an Heuchelei und Bigotterie hielt er sich 1852 nicht zurück. Und es war nicht zu leugnen, dass sich niemand im Publikum des Eindrucks erwehren konnte, dass dieser Mann heute noch zu uns sprach. Freiheit und Toleranz wurden an der „Pussy“ gepackt und Kinder in Käfige gesperrt. Und wieder demonstrierten Menschen aller Hautfarben gegen diese Vereinigten Zustände in Amerika. 


Während der ganzen Veranstaltung wuchsen in mir Unruhe und Unbehagen. Vor allem als Europäer bzw. Österreicher, von dem von vielen dieser Leute dieser Tage verlangt wurde, alle Einwanderer ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Taten und politischen und religiösen Überzeugungen in „meinem Land“ aufnehmen und an mein Herz drücken zu müssen. Wo war ich hier, fragte ich mich plötzlich. Und die Antwort erschütterte und schockierte mich: Ich war auf der Veranstaltung einer Gruppe von Einwanderern, die auf fremdem Boden erst Kolonien und dann eine Nation gegründet hatten. Dort vorne lasen Menschen zusammen zwei historische Dokumente dieser Nation: Weiße, Spanischstämmige und Afroamerikaner. Die Vorfahren des Großteils der Bevölkerung wurden hierher verschleppt und bestialisch ausgebeutet. Von einer Minderheit, die als religiöse Eiferer in dieses Land eingewandert waren. Von Puritanern aus England, die alle religiösen Feiertage verbieten ließen, weil ihnen die zu heidnisch waren und sie ihre Produktivität einschränkten. (Wer heute in Europa die Abschaffung der christlichen Feiertage verlangt oder verordnet, sollte sich überlegen, mit wem er da einen Schulterschluss wagt.) Und es war Frederick Douglass, der dieses Fazit zog.
Ich sah mich auf dem Podium um. Zum Beispiel Ned Blackhawk vom Department of History hatte niemand eingeladen? Ich suchte im Publikum. Vergebens. Ich hätte die eine oder andere Frage gehabt. Wo waren die Native Americans? Sie kamen in dieser Feierstunde in gemeinschaftlicher Runde nicht vor. Nein, das stimmte nicht. Sie fanden in einem Satz der Unabhängigkeitserklärung Erwähnung. In der Aufzählung der Untaten des englischen Königs wider die geknechtete Bevölkerung der dreizehn Kolonien:
He has excited domestic insurrections amongst us, and has endeavoured to bring on the inhabitants of our frontiers, the merciless Indian Savages, whose known rule of warfare, is an undistinguished destruction of all ages, sexes and conditions.“
Die „Wilden” waren 1776 schon „gnadenlos“ an die Grenze gedrängt. Sie wurden als Teil einer widrigen und entfesselten Natur gedacht. Ihre „Gesetze der Kriegsführung“ wurden als allgemein bekannt vorausgesetzt. Nur, dass ungeachtet der unleugbaren Grausamkeit und Brutalität der so genannten Indianischen Krieger von den Natives stets ein beschränkter Krieg geführt worden war, und dass das Konzept der totalen Ausrottung von Mensch und Tier erst von den Europäern auf dem amerikanischen Kontinent eingeschleppt und verbreitet worden war. Das bezeugen oral tradition, Malerei (Sioux) und Archäologie ziemlich beredt. Zwar tragen fast alle Fluren und Gewässer verballhornte indianische Namen, trotzdem wird einigen Gruppen bis heute die staatliche Anerkennung als Nation („Stamm“) verweigert. Überhaupt wird den Natives ein einseitiges und wenig mit Beweisen belegtes Geschichtsbild unterstellt, zu meiner totalen Überraschung auch von aufgeklärten und zutiefst menschlichen Zeitgenossen. Der ständige Drang, die Erinnerung an angetanes Unrecht am Leben zu erhalten, ist ja in den Augen vieler eine unangenehme, lästige und gemeinsame Eigenschaft der Nachkommen der Opfer von Völkermord und Vertreibung auf der ganzen Welt. Wann ist es denn endlich einmal gut? Die Sieger wollen ungestört ihre Geschichte(n) schreiben.

Beim Betrachten der ausgestellten Erinnerungsstücke stellte ich dann fest, nach wem das „Grimes Center“ benannt war, in dem ich meine Physiotherapie bekam: William Grimes. Seine Autobiographie „Life of William Grimes, the Runaway Slave“ lag zusammen mit den Werken und Bildern von Frederick Douglass in der Vitrine neben der Unabhängigkeitserklärung. Die Lebensgeschichte eines Mannes, der vor der Sklaverei floh, in New Haven heiratete, Barbier wurde und Kinder bekam. Später musste er seinen ganzen Besitz verkaufen, um seinen ehemaligen „Herren“ zu entschädigen und um nicht zurück über die Mason-Dixon Linie in den sicheren Tod deportiert zu werden. Da hatte jemand erfolgreich „seine Rechte“ eingeklagt.
Die allgemein bekannte Version der Geschichte der USA erschien mir in der Folge mehr und mehr als ein Werk der Fiktion, ein absurd-groteskes Konglomerat aus Wild West Shows, Hollywoodfilmen und Comics. Besonders beliebt und allerorts zitiert „Black Panther“. Ich weiß, was diese Comicfigur für sehr viele Menschen bedeutet, und ich respektiere das. Aber dabei scheint es egal, dass der erste schwarze Superheld von zwei reichen alten weißen Männern erfunden wurde, um einmal die Sprache der sonst andauernd angebrachten „anständigen Empörung“ zu gebrauchen. Vergessen scheint auch, dass die Story reine Fantasie ist. Da wundert sich eine weiße Sportreporterin, wenn sie einen afroamerikanischen NFL-Spieler mit dem „Wakanda-Gruß“ zum Interview empfängt, und der sich daraufhin einfach umdreht und weggeht. Beleidigte Leberwurst! Sie hat doch alles richtig gemacht. Angeblich, glaubt man dem Internetvideo, soll sogar ein Collegeprofessor auf eine Studentenpräsentation über Innenpolitik und Geschichte von Wakanda hereingefallen sein. Wie dem auch sei, auch in Yale ist Wakanda lebendig und wird entsprechend gewürdigt, hat doch die Beinecke Bibliothek der Königlichen Bibliothek von Wakanda als architektonisches Vorbild gedient. Das kann auch bewiesen werden, und zwar mit einem ausgestellten Belegexemplar eines Comicbuches. Anders als die komischen Behauptungen der lästigen Natives und ehemaligen Sklaven. Aber noch einmal: Wakanda ist nicht real! Die USA und ihre Geschichte sind es.
Diese Offenbarung war für mich der Moment der totalen Ernüchterung. Ordentlich verkatert fuhren Juliane und ich nachhause, wo wir uns noch lange über das soeben Erlebte austauschten. All das war mir nicht neu. Neu war die Klarheit darüber, was mir schon im Vorfeld dieses Feiertags seltsame und diffuse Gefühle des Unwohlseins bescherte. Diese Unklarheit bewog mich zum ersten Mal seit langem einmal wieder zu Leinwand und Ölfarben zu greifen, wenn auch „nur“ digital. Dateien lassen sich einfach besser transportieren. Ich setzte mich also an meine virtuelle Staffelei und begann ein Bild zu malen. Ich orientierte mich ganz brav und akademisch: Vordergrund, Mittengrund und Hintergrund. Was da vor mir entstand, wirkte plump und naiv. Und ich hatte es schon einmal in der Form gesehen. Ohne es bewusst geplant zu haben, pinselte ich etwas auf meinem Bildschirm im Stil der Early American Painters, insbesondere aber in der Art und Weise von Thomas Chambers (1801-1865). Die Werke dieser ersten US-amerikanischen Maler sind so schlecht, dass ich, als ich nach mehreren Tagen damit fertig war, über mein eigenes Bild schallend lachen musste. Und dieses befreiende Lachen löste meinen Krampf in Körper und Hirn. Darum teile ich es am Ende dieses Blogeintrags gerne.
Diese Befreiung war eine gute Vorbereitung. Nächste Woche reisen Juliane und ich an einen schicksalhaften Ort der amerikanischen Geschichte: Wir fahren nach Gettysburg!

Fortsetzung folgt…



Sonntag, 1. Juli 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 34)


Teil 34: Maine


Pyjama-Party... :-D
Independence Day steht kurz vor der Tür. Darüber wird es sicher jede Menge zu erzählen geben. Und selbst wenn in New Haven wieder nichts Bemerkenswertes vor sich geht wie z.B. zu Halloween, dann ist auch das wert, berichtet zu werden. Bis zum 4. Juli ist jedenfalls noch Zeit, Zeit um über Julianes und meine Reise nach Maine und die Eindrücke davon zu schreiben. Allen voran die erschütternde Erkenntnis, dass wir in Connecticut, insbesondere in New Haven, scheinbar im Aschenbecher der Staatskarosse USA leben. Natürlich ist das Jammern auf hohem Niveau, verglichen mit Post-Industrialisierungswüsten und manchen so genannten Fly Over-States. Ausgelaugten Orten, gegen die die verlassenen Gruben des Ruhrpotts im Auge der Betrachter paradiesisch wirken. Doch in diesen US-Bundestaaten und Städten bin ich noch nicht gewesen. Ich habe bloß Hörensagen darüber gehört. Ich habe keine Ahnung, wie sich das Leben dort für die Betroffenen anfüllt. Ich höre hier immer wieder Lob für die Freundlichkeit und Menschlichkeit der Leute, die sich so völlig vom gegenseitigen Umgang der Menschen in Neuengland unterscheiden sollen. Insbesondere North Carolina kam in diesen Gesprächen wiederholt gut weg. Und obwohl es ein Staat im ehemaligen konföderierten Süden ist, auch in Unterhaltungen mit afroamerikanischen Uber-Fahrern. Wovon mir insbesondere jener nette Mann lebhaft in Erinnerung geblieben ist, der mich zur Physiotherapie gefahren hat, und bei dem ich mich entschuldigt habe, quasi im Pyjama in sein Auto zu steigen. Er hat mir glaubhaft versichert, hier schon ganz andere Gewandungen erlebt zu haben. Damit war das Eis gebrochen, und ich habe einiges über die Boomtown Charlotte und den Umgangston im Süden gelernt. Da ich nicht annehme, dass es sich bei dem breitschultrigen und selbstbewussten Mann um einen besonders schweren Fall von Stockholm-Syndrom gehandelt hat, und er mir darum einen so genannten Lost Cause-Unfug aufgebunden hat, entschied ich mich, ihm zu glauben.
Umgekehrt habe ich jetzt, nach mehreren Behandlungen im Grimes Center langsam verstanden, wer die „other people“ sind, von denen am Telefon mit der Yale Health Care geredet worden war und die in Gehweite von uns behandelt werden können. Anders als ich, der quer durch Dixwell fahren muss, um zweimal die Woche fachfraulich gedehnt und verdreht zu werden. Dixwell ist ein Viertel, das wirklich genauso aussieht wie das Klischee vom US-amerikanischen Ghetto. Und ich weiß wirklich nicht, wie ich diesen Stadtteil anders benennen könnte. Ich bin jedes Mal deprimiert, sobald ich durchgefahren bin. Im Vorbeifahren werden nicht nur Juliane und ich, sondern auch unsere meist farbigen Fahrer und Lenkerinnen argwöhnisch, nicht selten feindselig gemustert. Manchmal auch beschimpft. Eine geistig Verwirrte fuchtelte und rief letztens zu uns: „I know what you wanna do to me! But I am the winner. And you are the loser!“ Wen von uns drei sie konkret ansprach, konnte ich nicht feststellen. Ich glaube aber, ihr Vorwurf ging unseren Fahrer an. In den Vorgärten, auf den Treppen zu den Eingängen und auf den Veranden sitzen die Ärmsten der Armen. Nur sie und die unteren Einkommensschichten bewohnen den zerbröselnden öffentlichen Raum, das Freie. Und je sonniger und wärmer es dieser Tage wird, umso bevölkerter zeigen sich die Straßenzüge. Wo Vollzugsbefehle gut sichtbar an Eingangstüren kleben, Fenster und Türen mit Spanholzplatten vernagelt sind, und Bäume auf Dächern liegen, die beim letzten Taifun vor ein paar Wochen umgestürzt sind. Alle anderen sind drinnen oder im Auto, auf Privatgrund und bei Aircondition. Die weißen US-Amerikaner werden in Gehweite behandelt, die Schwarzen und Ausländer bei den sieben Gangs hinter den sieben Räumungsbefehlen.
Union Station New Haven
Im Behandlungszimmer drehte Juliane die Klimaanlage ab, weil meine Finger sofort blutleer und starr auf den eisigen Hauch reagieren. Aber kaum war die Therapeutin eingetreten, bemerkte sie schon, dass es nicht mehr „nice and cool“ hier drinnen war, und sie schaltete die Kühlung sofort wieder ein. Ich tät ja eher „freezing cold“ dazu sagen. Wenn ich nicht gerade sprachlos, weil verkrampft, bin, bitte ich ja auch höflich, die Aircondition abzuschalten, oder wenigstens zurück zu drehen. Ich bin auch beileibe nicht der Einzige, dem daraus Konflikte mit der US-amerikanischen Bevölkerung erwachsen. Auch von Südamerikanerinnen (Puerto Rico) habe ich ganz Ähnliches gehört. Und wir waren uns einig, dass es uns seltsam erscheint, nicht den eigenen Körper an die natürlichen Gegebenheiten des örtlichen Klimas anzupassen, sondern stattdessen ein künstliches Raumklima gemäß unseren Vorstellungen erschaffen zu wollen. Und das mit sehr viel Energieaufwand.
Die Außentemperaturen haben inzwischen hochsommerliche Grade erreicht. Bei unserer Zugfahrt nach Maine habe ich nichts davon gemerkt. Von New Haven nach Brunswick waren es ungefähr sechs Stunden Fahrzeit, die Reisezeit gesamt betrug zirka acht Stunden. In Boston mussten wir nicht nur umsteigen, sondern auch Bahnhof wechseln. Natürlich auf eigenes Risiko und auf eigene Kosten. Der Vorteil, die Coach Class im Amtrak ist geräumiger, und ihre Ledersessel bequemer als die komplette Erste Klasse im ICE. Weshalb ich in den USA also Business Class buchen sollte, erschließt sich mir nicht. Vielleicht bekomme ich unterwegs eine Massage? Ich würde davon aber eh nichts spüren, weil ich dick verpackt in Jacke, Schal, Mütze, Handschuhen und einer Decke reise. Die Garnituren sind so gekühlt, das sogar hartgesottene Amerikaner mit den Zähnen klappern. Beim Aussteigen, wirklich direkt beim Betreten des Perrons, bekam ich vom Ortsklima einen Faustschlag verpasst. Besonders schön gestaltete sich das Raumklima in der unterirdischen Bahnhofsanlage Back Bay in Boston, weil trotz defekter Entlüftung Dieselloks eingefahren sind! Die Hitze, die Atemnot und das ziemlich von Zeit und Wetter angegriffene Ambiente vermittelten einen lebhaften Eindruck davon wie sich mittelalterliche Mönche einen inneren Kreis der Hölle vorgestellt haben mussten. Vom Augenschein dieses Bahnhofs durften wir uns aber nicht täuschen lassen. Boston ist der Scheidepunkt. Hier trennt sich die Landschaft endgültig vom landfill, dem Restmüll.
Ab dem immer elegant und aufgeräumt auf mich wirkenden Boston veränderte sich der Blick aus dem Abteilfenster von Grund auf. Schon die englische Berufsbezeichnung des Zugbegleiters, nämlich „conductor“, erinnerte mich an das schöne Wort „Kondukteur“ aus meiner frühesten Kindheit. Und eine Reise zurück in der Zeit wurde diese Zugfahrt dann auch tatsächlich irgendwie: Der Küste entlang ging es auf Bahndämmen durch Brackwassermarschen, an schmucken Farmen vorbei und durch postkartenklischeeartige Dörfer und Städte. Fröhliche Mädchen winkten dem vorbeifahrenden Zug. Sie standen auf Heuballen vor frisch getünchten Scheunen mit Satteldach, und ihr rotes und blondes Haar wehte im Wind. Daneben auf der Weide lagen wiederkäuend Kühe und ihre Kälber im Schatten riesiger Wipfel. Und in einem weiß umzäunten Pferch maßen junge Stierlein ihre Kräfte. Hätte ich es nicht selbst gesehen, ich würde mir auch kein Wort glauben. Juliane und ich glaubten durch eine US-amerikanische Version der britischen Erfolgsserie „Inspektor Barnaby“ zu fahren. Durch ein idyllisches England, das es so längst nirgends mehr gibt, und es so wahrscheinlich auch niemals gab. Dieses Neuengland führte uns vor Augen, was ein Uberfahrer meinte, als er zu uns sagte: „Wenn Trump schreit: Make America great again!‘, meint er: ‚Make America white again!‘“ Was das Wort „again“ in dem Satz zu suchen hatte, wussten wir angesichts der Geschichte der USA alle drei nicht. Dieser Bahnroute entlang verlief zum Beispiel auch die „Underground Railroad to Freedom.“ Jenem Netzwerk aus freiwilligen Helfern, dem entflohene Sklaven aus dem Süden folgten und in die Freiheit nach Kanada entkamen. Wie dem auch sei! In Maine war dieser anglo-iro-sächsische Amerikanische Traum erlebbar. Und es wundert mich darum nicht, dass auch aus New Haven, besser gesagt aus Yale so viele Menschen regelmäßig hierher nach Main kamen, um sich wieder alle Tassen in den Schrank zu sortieren. Anders gesagt, um Urlaub zu machen, kreativ zu sein oder um zu meditieren. Tatsächlich fühlte sich diese Zugreise einmal mehr wie der Sturz durch den Bau des Großen Weißen Kaninchens an. Willkommen im Wunderland Maine!
Einer von Peary´s Schlitten...
Normalerweise bin ich ein alberner Zausel, aber zum ersten Mal hatte ich mich vorab darauf gefreut, bei jemandem auf Besuch zu sein. Und meine Vorfreude wurde mehr als bestätigt, sie wurde übertroffen. Ich habe selten einen Ort so schön und positiv erlebt wie Brunswick. Nur im Peary-MacMillan Arctic Museum des Bowdoin College beschlich mich für einen kurzen Augenblick ein seltsames Gefühl, ausgelöst von einer harmlosen Bemerkung. Robert E. Peary entdeckte bekanntlich den Nordpol, davor übertraf er neben allen anderen auch den immerhin einige Jahrzehnte gültigen Weltrekord von Julius Payer (12. April 1874). Bei der bisherigen Darstellung der Ereignisse rund um Pearys Expeditionen nach Grönland und zum Nordpol kam der afroamerikanische Mitentdecker Mathew A. Henson ständig unter die Schlittenkufen. Ein Schicksal, dass er mit dem Mount Everest-erstbesteiger Tenzing Norgay teilte. Inzwischen gibt es Peary und Henson als niedliche Puppen im Museumshop. Von der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition allerdings nirgends auch kein einziges Wort. Als ich sie erwähnte – Da sitz ich im Rollstuhl und kann nicht anders! -, fiel das Scherzwort: „Ja, die Österreicher und ihre tragischen Expeditionen!“ Okay, ich bin Narzisst und nehme jede Beleidigung dankend an, aber diesmal schmeckte der bittere Wermut auf der Zunge anders. Ich war hier in dieser herrlichen Stadt, wo Robert E. Peary studiert hatte, der Bürgerkriegsheld, College-Präsident und Gouverneur von Maine Joshua Lawrence Chamberlain gelebt hatte und last but never least Harriet Beecher „Onkel Tom´s Hütte“ verfasst hatte. Das Buch, das den Bürgerkrieg begonnen hatte. Und wie sehr hatten sich die USA seither verändert. Auch zum Guten. Aber jetzt? Wohin ging die Reise weiter? Ich dachte: Vielleicht werden sich eines Tages ein paar grinsende Leute auf dem Mond gegenseitig die Ellbogen in die Seiten stoßen, im Museum von New Beijing oder New New Dehli, wenn ein US-Amerikaner nach Neil Armstrong und Buzz Aldrin fragen wird. An Michael Collins wird sich selbst er nicht mehr erinnern können. „Ach, die Amis und ihre tragischen Expeditionen…“
Donald Trump spielte im selben Augenblick im Oval Office wie Lord Helmchen mit seinen Puppen und wollte das Weltall beherrschen („Spaceballs“, 1987). Aber ohne fremder Hilfe bekam die NASA ihr neues Weltraumteleskop nicht ins All. Ich hatte dann noch abschließend die Vision der endlich dank einer von Elon Musk requirierten Rakete geglückten Mission, die plötzlich und völlig unerwartet vom schweren Raumkreuzer „Yuri Gagarin“ gestoppt wurde…
Aber ich möchte jetzt diesen kurzen Moment nicht unnötig ausbreiten und in die Länge ziehen.
Dachte ich bisher an Maine, sah ich die typischen Klischees vor Augen: Hummer, Austern, Felsküste und Leuchttürme. Vorort überprüft, alles genauso vorhanden. Die felsige Küste mit dem Leuchtturm wurde noch mit dem salzigen Brausen der Brandung und dem berauschenden Duft wilder Rosen ergänzt. Die Blüten waren so rosig und duftig, um ein Haar hätte ich zu schwärmen beginnen und sie bestäuben wollen. Selten erschien mir das Wort nicht abgeschmackt, hier fand es seine Entsprechung: Entrückung! Für Juliane und mich existierte für ein paar Tage unser Alltag nicht. Auch wenn mich auch hier das eine und andere Zipperlein plagte, war das Erleben dennoch ein völlig anderes. Ich bin mir klar, dass uns eine rosarote Brille den Blick verklärte, aber um Gottes Willen, darum waren wir ja hergekommen.
Und um unseren Hochzeitstag zu feiern, den kirchlichen, der ungeplant auch mit dem Bloomsday zusammenfiel. Nachdem Juliane ihre Dissertation unter anderem über James Joyce geschrieben hatte, glaubte uns kaum jemand wirklich, dass es Zufall war, dass genau an diesem Tag die Kirche von Loschwitz in Dresden frei gewesen war. 2018 waren wir zwar nicht in Dresden, aber bei der Five Islands Lobster Company. Der Anblick des Fjordes von Five Islands löste bei mir eine eigenwillige Assoziation mit dem Ottensteiner Stausee aus. Insbesondere das Aussehen der riesigen Granitfelsblöcke und dunklen Koniferen ringsum bei Ebbe. Die Ähnlichkeit war objektiv betrachtet zwar völlig absurd, aber für mich total augenfällig. Und ja leider, die Hummer schmeckten köstlich. Und ihr Verspeisen bzw. das Knacken ihres Panzers war zum Glück weniger Chaos als erwartet. Warum dann, leider? Mir ist klar, dass wer essen möchte, töten muss. Ich bin sogar so ein komischer Kauz, dass ich in diese Überlegung Pflanzen miteinbeziehe. Es geht mir darum nicht bedenkenlos von der Hand, lebendigen und empfindungsfähigen Wesen Leid anzutun. Egal wie fein und vielfältig der Genuss auf dem Gaumen prickelt. Das galt für die Hummer, und dasselbe galt auch für die Austern, die wir in Newport gekauft und zuhause verspeist hatten. Sie schmeckten herrlich, ohne Frage, aber ganz konnte und kann ich bis jetzt meine Hintergedanken nicht unterdrücken.
In Maine wurde mir auch etwas ganz anderes deutlich bewusst, die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigen. Einem Konzept, das aus einer Zeit stammt, in dem Multiversen noch nicht ausschließlich von buntgewandeten Superhelden in Comicheften und auf der Kinoleinwand bevölkert wurden, sondern ganz real von Menschen wie Du und ich. Es fiel mir buchstäblich wie Schuppen von den Augen: In diesem riesigen, einen Kontinent in seiner ganzen Breite umspannenden Land lebt eine Bevölkerungsmehrheit, gezeichnet von einem erschreckenden Bildungs- und Versorgungsstandard. Allgemeinwissen kleiner gleich Null. Sozialversicherung gilt als Kommunismus. Und Krankenversorgung und Pflege sind kein Menschenrecht. Ein ausländischer Akzent bedeutet eine spaßige Sensation, wobei man selbst keine andere Sprache außer der eigenen zu verstehen oder gar auszusprechen imstande ist. Ignoranz vereint sich mit Aggression, und letztere wird durch fortdauernde Frustration und Konsumationsnotstand genährt (auch von fragwürdigen chemischen Substanzen). Auf der anderen Seite leben hier Frauen und Männer, ausgestattet mit einem Wissen und/oder einer Bildung und Lebenserfahrung, dass ich mir daneben wie ein hohler Gartenzwerg aus dem Alpenvorland vorkomme. (Und irgendwie beschlich mich das Gefühl, die treffen sich alle untereinander einmal im Laufe ihrer Leben hier in Maine.)
Plötzlich hatte ich (wieder) dieses Bild im Kopf: Auf der großen Bahnstrecke des Hier und Jetzt rasen zwei Güterzüge aufeinander zu. Schrankenloser Individualismus, Eitelkeit und Hybris sind der eine; Frust, soziale Ungleichheit und narzisstische Wut der andere. Das wird die „narzisstische Gesellschaft“ genannt. Einerseits werde ich tagtäglich angehalten, mich als das Maß aller Dinge wahrzunehmen und mein Leben öffentlich als Fotoroman und Heldenlied zu gestalten, andererseits wächst gleichzeitig das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Ich sehe bzw. fühle mich im Not- und Ernstfall einer Reihe mehr und wenig mitfühlender Gesichter und ratlosem Achselzucken gegenüber. Der Rechtsweg ist unentschlossen. Mein Avatar ist online ein Held, aber im Job und auf der Straße sind mir die Hände gebunden. Und wenn es zum Zusammenstoß kommt, dann möchte ich bitte weit weg von den Geleisen sein. Maine wäre eine Option. Und ich wette, den Gedanken hatten auch schon andere. Der Zuzug aus New York und den Bundesstaaten weiter südlich nimmt zu. Allerdings auch die Unwetterwarnungen und Springfluten.
Es lag vielleicht am genetischen Code des Wieners, meinem angeborenen Hang zum Morbiden und zur Apokalypse, aber ich konnte all die Schönheit nicht ohne dem Menetekel des Untergangs erleben. Aber wenigstens für ein paar Tage waren die Zeichen an der Wand verstummt. Einen Großteil der Verantwortung dafür schreibe ich dem kleinen Sohn unserer Gastgeber zu, den zu beobachten mit große Freude bereitete. Es tat gut zu verfolgen, mit welchen neugierigen Augen und mit welcher Begeisterung er die Welt entdeckte. Ein Robert E. Peary in der Windelhose, bereit stolz dorthin zu gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war. Tatsächlich kommen wir alle früher oder später an unser aller Ziel, aber für ihn war und ist alles neu. Und ich hege angesichts des Erlebten die Hoffnung, dass er frei von der Erfahrung wütender Schreiduelle und/oder häuslicher Gewalt in sein Leben hineinwachsen wird, dem ich von ganzem Herzen wünsche, dass es ein gutes und zufriedenes wird.
Die Rückreise von Brunswick nach Boston verlief im besten Sinne ereignislos. Sicher und gut gekühlt erreichten wir die Hauptstadt von Massachusetts. Die drei Stunden Aufenthalt verbrachten wir in einem Pub, wo wir vor der Weiterfahrt nach New Haven etwas aßen und uns aufwärmten. Der Zug nach Connecticut (und weiter nach Washington DC) war dann allerdings zum Bersten voll. Dem Käufer einer Fahrkarte wird zwar eine Sitzplatzgarantie zugesprochen, wo dieser Platz sich befindet steht allerdings nirgends. Ich habe den Verdacht, die Toiletten werden mitgezählt. Jedenfalls musste Juliane einen Behindertenplatz für mich erbitten, der auch anstandslos frei gemacht wurde. Allerdings nur der eine Sitzplatz, nicht die ganze Bank. Wo Juliane blieb, sollte sie selbst schauen. Dass sie meine Betreuungsperson war und deshalb neben mir sitzen sollte wie im europäischen Recht und Verständnis vorgesehen, hatte in den USA scheinbar keine Bedeutung. Scheinbar. Nach einer peinlichen Pause, in der Blicke gewechselt wurden, stand ein, gemessen an seiner Bürokleidung besser verdienender Mann mittleren Alters auf und bot Juliane seinen Platz an. Auf der Sitzbank daneben. Dank dem Pendler, der danach zwei Stationen lang im Speisewagen stand, konnten Juliane und ich wenigstens nur vom Mittelgang getrennt nebeneinander sitzen.
Klamm, halb erfroren und dick eingemummt wie Peary und Henson kamen wir in einer sternklaren Tropennacht in New Haven an. Mit einem Kopf voller schöner Erinnerungen und angesichts des ringsum herumliegenden Mülls auch mit ein paar trüben Gedanken. Es war und ist ein offensichtliches Phänomen, dass eine Eliteuniversität der kommunalen Volkswirtschaft ihres Standorts nichts Gutes tat. Derselbe Effekt war und ist auch an anderen Orten in den USA zu beobachten. Erstaunlicherweise konnte ich dergleichen Auswirkungen des Bowdoin Colleges auf Brunswick nicht feststellen, jedenfalls keine mit freiem Auge sichtbaren. Die eleganten, verglichen mit Yale kleinen historischen Gebäude fügten sich harmonisch in das Gesamtbild der Stadt ein, deren Hauptstraße aus gutem Grund die einzige ist, die mit einem „E“ am Ende geschrieben wird. Also nicht „Main Street“, sondern „Maine Street“.
Während ich hier sitze und schön feucht geschwitzt diese Zeilen schreibe, knallt und kracht es durch die Nacht. Gefolgt von Polizeisirenen. Wie in den Tagen vor Sylvester und Neujahr in Europa können es auch hier ein paar Zeitgenossen schon nicht mehr erwarten, ihre Feuerwerkskörper explodieren zu lassen. Das birgt die Hoffnung, dass es am 4. Juli etwas zu erleben gibt. Auf jeden Fall eines oder mehrere Feuerwerke. Etliche Nachbarhäuser präsentieren sich schon festlich rot, weiß und blau geschmückt. Juliane und ich haben beim Ausmachen der nächsten Therapietermine natürlich trotzdem auf den Feiertag vergessen. Dabei spürte ich eine Begeisterung für diesen nationalen Feiertag, die mir in Europa völlig fremd geworden ist. Diese Empfindung deckt sich mit der Erfahrung eines für meine Begriffe sehr alten Gemütszustands über den US-Amerikaner noch verfügen, und der sich zum Beispiel darin äußert, dass sie an Stellen in einem Shakespeare-Stück oder in Schikaneders „Zauberflöte“ lachen, wo in europäischen Theatern hochkomplexes und verständiges Schweigen herrscht. Es ist nicht so, dass mich der österreichische Unabhängigkeitstag, der 26. Oktober, völlig kalt lässt. Ich habe für diesen Anlass als Kindergarten- und Volksschulkind noch rot-weiß-rote Fahnen mit der Klasse gebastelt. Trotzdem ist es nicht so, dass mir schon Tage davor nervös die Flanken zittern wie einem Kicklschen Polizeipferd. Ernüchterung? Eine natürliche Reaktion auf die Gartenzwerg-Erfahrung? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall beneide ich „die Amerikaner“ um diese Begeisterung auch ein wenig. Sie erscheint mir manchmal rein und naiv wie Kinderglauben. Der soll ja der Aufrichtigste und Beste sein. Also lasset uns beten, dass diese Menschen nicht länger „Kinderverzarern“ auf den Leim gehen.

Fortsetzung folgt…

Kunstgalerie Bowdoin College, Brunswick, ME

Five Islands. (Wie der Ottensteiner Stausee... ;-)).


Freitag, 15. Juni 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 33)


Teil 33: Flipsides/ Rückseiten


Gelegentlich begegnen jeder und jedem Orte im Leben, die sich mit ihren verschiedenen Eindrücken so sehr vom Rest des Gewohnten unterscheiden, dass sie irreal erscheinen. Diese plötzliche Unvereinbarkeit des Wahrscheinlichen mit dem Erfahrenen fühlt sich an wie der Sturz durch den Bau des Großen weißen Kaninchens mitten ins Wunderland und hinter die Spiegel. Zwei solcher Plätze haben Juliane in letzter Zeit besucht: Old Lyme in Connecticut und New York City.

Und der soeben beschriebene Effekt wurde noch verstärkt, nachdem Juliane im Vorbeiradeln auf dem Green im Stadtzentrum New Havens von einer farbigen Obdachlosen mit Essen beworfen wurde und mir mein Rheumatologe Physiotherapie in Laufentfernung verschrieben und organisiert hatte, ich aber in der ausgesuchten Lokalität nicht vorstellig werden durfte, weil die Therapeuten dort nur „andere Personen“ empfingen. Das Surreale in beiden Situationen: Juliane wurde eingangs von auf dem Fahrweg Stehenden belächelt und ausgelacht, weil sie sich bedankt hatte, nachdem ihr die Homeless People den Weg freigemacht hatten. Und die Verteidiger der Exklusivität bei der Physiotherapie waren nicht die Privilegierten, sondern ihre Bediensteten und Angestellten, die sich auch nach mehrmaligem Erklären nicht vorstellen konnten, dass es sich bei uns nicht um anmaßende Eindringlinge handelte, dass wir am betreffenden Gesundheitsprogramm der Universität gar nicht teilhaben wollten, weil wir über eine europäische Krankenversicherung verfügten. Juliane musste sich einer mehrminütigen Inquisition stellen, um am Ende der peinlichen Befragung die Antwort zu erhalten, dass diese Einrichtung meine Diagnose gar nicht behandeln kann. Dank meines Arztes und der deutschen Krankenversicherung werde ich jetzt in einem anderen Zentrum behandelt. Zwar in einem, das nicht fußläufig gelegen ist, aber wo meine Symptome bekämpft werden können, und ich „with the people“ bin, wie es hier so schön heißt.

Ganz und gar nicht „unter den Leuten“ waren wir bei unserem Ausflug ins Florence Griswold Museum in Old Lyme, CT. Das lag unter anderem auch daran, dass wir als quasi Freiberufler unseren Wochenendausflug in die Wochenmitte verlegen konnten. Am Ausflugsort begegneten wir der Jahreszeit entsprechend ein paar kulturinteressierten Urlaubern, meist gutsituierten Pensionistinnen und einigen wenigen Rentnern. Die gesamte Gegend erschien mir als ausgesuchtes Minderheitenprogramm. Schon nach der Abfahrt vom Highway und bei der Einfahrt in die historische Wohngegend der Kulturschock: Kein einziges Stück Abfall in den gemähten Wiesen, in den in blau und violett blühenden Beeten und Rabatten oder in den besenreinen Auffahrten und zwischen den Alleebäumen. Parkplätze waren vorhanden, aber sie bildeten nicht wie anderswo das Zentrum des Interesses, sondern lagen versteckt zwischen uraltem Baumbestand. So dass ich an der Museumseinfahrt vorbei gefahren bin, vor der Zufahrt eines anderen säulengeschmückten Landhauses im Kolonialstil wenden und ein Stück zurück fahren musste.

Das Florence Griswold Museum ist auf mehrere Gebäude in einem Park an der Biegung des Lieutenant River verteilt. Und beim Anblick dieses in beide Richtungen fließenden Gezeitenflusses, des breiten Schilfgürtels und dem grün schillernden Auwald ringsum fühlten wir uns in ein romantisches Gemälde versetzt, in einen englischen Landschaftspark oder gleich nach Disney-Land. Hier offenbarte sich uns eine Landschaft, die andernorts kopiert und künstlich aufrechterhalten wurde. Und dabei zeigte es sich hier ganz deutlich, wie schön dieses Land sein konnte, wenn man es zuließ. Und es sich leisten konnte. Wohlstand war hier die Eintrittskarte. Alles andere war auch hier nicht vorstellbar oder wahrscheinlich.

Lunch, d.h. Mittagessen, scheint in den USA ein Statussymbol zu sein. Groß wurden die Augen der anderen Gäste auf der Veranda des Café Flo, als Juliane und ich an einen der runden Gartentische platziert wurden. In den Augen einiger Herren und Damen las ich die unausgesprochene Frage, wie wir es uns ermöglichen konnten, mit ihnen am Flussufer im Schatten ein kühles Getränk und eine heißte Gemüsesuppe aus dem museumseigenen Garten zu nehmen? Ob ich wohl ein Hedgefonds-Manager mit seiner osteuropäischen Gattin war? Dass ich eine Behinderung hatte, erschreckte sie für einen gut sichtbaren Augenblick. Ich war weder fett noch erkennbar arm, ich sah aus wie sie. Ich war das „memento mori“ (dt.: „Bedenke, dass Du sterblich bist“), dass ihnen bei Triumph und Seligkeit ins Ohr geflüstert wurde. Und hinter ein paar geweiteten Pupillen hörte ich die Rechenmaschinen knattern und wie die Vergleiche knirschten, als sie gezogen wurden. Sie wussten und sahen ja nicht, wie viele Abonnements, Mitgliedsbeiträge und Ausgaben ich gekündigt hatte, um mir so einen Gitterstab meines Konsumgefängnisses nach dem anderen durchzusägen, um diese Freiheit genießen zu können. Was wir sehen sind eben nur Oberflächen, die spiegeln. Die Rückseiten, das trübe Silber der Spiegelfläche, sehen wir nirgends, sondern immer nur unsere Reflexion.


Nachdem Juliane ihre Spargelsuppe und ich mein Leberwurst-Sandwich (!) gegessen hatten, erkundigten wir das Gelände. Das ehemalige Anwesen eines Linienschiffskapitäns aus der neuenglischen Griswold-Dynastie gilt als der Geburtsort des US-amerikanischen Impressionismus. Hie und da trifft man auch heute noch auf eine Staffelei zwischen den Blüten und Bäumen, an der eine Künstlerin oder ein Maler arbeitet. In einem Umfeld, dass wieder in den Zustand der berühmtesten Besitzerin versetzt wurde. Florence war die wohl aufgrund des Bürgerkriegs und seiner Folgen für die Gesellschaft (= keine Männer, oder wenn nur „Copperheads“/Bürgerkriegsgegner) unverheiratete älteste Tochter dieses als Investor völlig unbegabten und früh verstorbenen Spross´ der reichen Unternehmer- und Politikerfamilie. Um nicht in ihren Schulden unterzugehen, unterhielten die Frauen der Familie im Herrenhaus erst eine Erziehungseinrichtung für höhere Töchter, dann ein Hotel, und nach dem Rat eines berühmten Malers, die zur Legende gewordene Künstlerkolonie. Die Grundsteuer war und ist in den USA vom Wert des Grundstückes und der Immobilie abhängig, und beides steigt mit dem Wohlstand der Anrainer und der damit einhergehenden Verbesserung der Infrastruktur. Wer über Generationen an einem Ort wie diesem leben möchte, der muss quasi immer reicher werden, wegziehen, oder sich Einnahmequellen suchen.

Für sieben Dollar bekam Mann eine Woche Unterkunft und Vollpension. Die Mitglieder des inneren Kreises gestalteten jeweils eine Holztafel der Wandverkleidungen und Türen. Das Kunstwerk ergänzte die Miete. Heute sind die Bilder allesamt ein Vielfaches wert. Sieben Dollar! Sieben Dollar damals entsprechen im Kaufkraftvergleich in etwa 138 US-Dollars heute. Für dieses Geld bekommt man in den USA kein anständiges Zimmer ohne Frühstück für eine Nacht mehr. Bietet man ein selbstgemaltes Gemälde als Zimmermiete an, empfiehlt sich gutes Schuhwerk und ein geschwinder Tritt. Frauen durften für ihr Geld zwar an den Kursen, aber nicht an der Wohngemeinschaft und den gemeinsamen Essen teilhaben. Das einzige weibliche Vollmitglied durfte indes die Schlafzimmertür der Hausherrin bemalen, mit Kühen und Kälbern in beschatteten Grün. Schlafen und Essen durfte auch sie nicht mit den Herren. Ein Brett der Wandvertäfelung des berühmten Esszimmers ist beidseitig bemalt. Die unsichtbare Rückseite ziert das Werk eines flüchtigen Zechprellers aus Kalifornien. Unglücklicherweise finde ich es gelungener als das sichtbare Stück des zuverlässigeren Gastes.

Beim Ausrasten auf einer der Gartenbänke sprach mich ein älterer Mann freundlich auf meine Yale-Mütze an. Er sagte, auch sein Vater wäre in Yale gewesen, hätte nach dem Grundsatz „Für Gott, Vaterland und Yale“ gelebt. Yale, erzählte er weiter, hatte in seiner Familie (und in anderen) stets die Männer gebildet, erzogen worden wären sie davor von den Frauen einer anderen Universität. Ich glaube, er sagte, Spencer University. Ich habe ihm nicht verraten, dass die Geschlechtertrennung in unserer Ehe anders funktioniert, und ich meine Basketballmütze zur Gattinnenhuldigung trage.

Auf dem Weg zurück vom hölzernen Ateliergebäude, das mich in Bauart und Größe an das meines Vaters im Waldviertel erinnerte, überquerten wir das grüne Gras. Dabei kroch mir ein Käfer ins Hosenbein. Er arbeitete sich hoch bis übers Knie. Zuhause hätte ich mir augenblicklich die Jeanshose runtergezogen und den Eindringling dahin zurück befördert, wo er herkam. Doch man stelle sich vor, ich hätte mir in den USA, an einem Familienausflugsziel in Connecticut und am helllichten Tag, die Hosen zu den Knien hinunter gezogen! Um die kommende Nacht in der Gefängniszelle zu vermeiden, vollführte ich also Zuckungen, die jeder vorbeikommende Jungspund gewiss als Herausforderung zum Dancebattle verstanden hätte. Entgegen meiner üblichen Vorgehensweise musste ich dem armen Insekt den Garaus machen. Jetzt machte ich mir wiederum Sorgen, ob mir das Krabbeltier im Todeskampf nicht berechtigterweise eine ätzende Flüssigkeit auf die Haut gespritzt hatte?! Zum Glück war die Sperrstunde nahe. Kaum hatte sich der Parkplatz geleert, öffneten wir alle Autotüren, und Juliane meine Hose. Genau in diesem Augenblick bog natürlich eine Neuengländerin in ihrem Volvo in den Parkplatz ein. Mit großen Augen rollte sie im Schritttempo an unserer Verlegenheit vorbei, um sich auch ja kein Detail ihrer schmutzigen Fantasie entgehen zu lassen. Dabei wollte ich bloß die Käferleiche aus meiner Hose haben! Endlich war die Frau verschwunden. Sie kam und ging in ihrer Limousine wie ein Spuk. Und kaum war wieder Stille eingekehrt und meine Hose wieder ordentlich verschlossen, kamen auch die Squirrels und Chipmunks aus ihren Verstecken und nahmen ihr Land wieder in Besitz. Als wären sie sich der Abwesenheit der Menschen ab dieser Abendstunde voll bewusst.

Unser Abendessen an diesem Ausflugstag wollten wir am Meer nehmen. Aber anstelle eines gemütlichen Hafenlokals fanden wir die Investitionsruine des verlassenen Einkaufszentrums einer Marina vor. Der Beton der Gehwege und Parkplätze war gesprungen und rissig, und die Schau- und Bürofenster allesamt blind. Unter den Gebäuden auf Stelzen rosteten ein paar Boote und Ankerketten. Alles in allem der perfekte Ort, um von der Mafia zusammengeschlagen zu werden. Umschlossen vom Verfall dann eine gut besuchte und gar nicht schäbige Kneipe mit Livemusik. Ich weiß nicht warum, aber in den USA gilt tatsächlich als exklusiv, was von außen nicht einsehbar ist. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass ich auch nirgendwo hin rausgucken kann. Ich befand mich also am Meer, an einem Yachthafen, aber das Einzige, was ich davon zu sehen bekam, waren die dunklen und dreckigen Augenhöhlen einer Investitionsruine und die Pionierpflanzen im Asphalt. Juliane und ich hatten beim Herkommen ein kleines Restaurant am Straßenrand gesehen, dorthin fuhren wir zurück und aßen ganz hervorragend. Wir wollten uns gar nicht vorstellen, was die Errichtung des Einkaufszentrums und der Marina mit der Grundsteuer und damit auch mit der ortsansässigen Community gemacht hatte. Jetzt gab es hier ein paar schnieke Siedlungen, aber schaute man dort jetzt für teures Geld aus dem Fenster, erblickte man statt dem Meerbusen eine in der salzigen Ozeanbrise rostende und bröckelnde Ruine. Aber man war unter sich.

Der zweite, ganz und gar unreale Ort war New York City. Genauer gesagt der Time Square. Wir waren mit dem Pendelzug von New Haven und mit der U-Bahn herkommen. Der gesamte unterirdische Fußweg zum Shuttle von der Central Station zum Time Square war von großflächigen Werbeflächen für Mittel gegen erektile Dysfunktion gesäumt. In der Stadt der Wolkenkratzer ein nahezu freudianischer Anblick. Insbesondere wenn man bedenkt, dass der Anblick einer weiblichen Brustwarze in der öffentlichen Wahrnehmung der Heimsuchung durch den Gottseibeiuns gleichkommt. Beim Auftauchen aus der Unterwelt, die nach Desinfektionsmittel, Schienen-Schweißen, Achselschwitz und Gott-allein-weiß-was roch, blieb mir vor Schreck kurz der Mund offen. Ich fühlte mich in der Sekunde wie ein winziger Marty McFly in „Back to the Future II“. Ungläubig starrte ich unter meiner Boston Celtics-Mütze hervor auf die quietschbunten und animierten Werbeflächen an den Steilwänden der Häuserfluchten. Zwar schnappte kein Haifisch nach mir, dafür aber computeranimierte Dinosaurier und knapp bekleidete Olympier-Körper beiderlei Geschlechts. Komplett reizüberflutet liefen wir gleich in die falsche Richtung. Das spülte uns direkt vor die Tür des örtlichen Geschäftes für Baseballkappen. Das traf sich vorzüglich, wünschte ich mir doch eine von den New York Yankees. Also kurz hinein, die Kappe geholt und wieder raus. So stellt sich das der Kleinstädter aus New Haven vor. Ich fand mich verwirrt vor den steilen Felsküsten eines Meers aus Baseballkappen wieder. Die ich wollte, sahen auf den ersten Blick auch alle gleich aus: Dunkelblau mit einen N und Y in Weiß darauf. Erst bei näherer Betrachtung offenbarte sich die Vielfalt der Schnitte und Formen. Flexibel wie ich bin, holte ich mir genau das Model desselben Herstellers vom Regal, von dem auch meine „Celtics“-Mütze war. Die Kassa blockierte eine Gruppe ältlicher Südamerikanerinnen, die ganz entspannt und in Zeitlupe ihre Geldbörsen und Dollarnoten zückten und sich anschließend nicht bedankten, als wir ihnen die Tür aufhielten. Als Juliane endlich an die Reihe zum Bezahlen kam, vollführte der junge Mann hinter dem Tresen ein Tänzchen für sie und bot ihr eine individuelle Bestickung aus dem Computer für die Kappe an. Peinlich berührt hob ich den Blick zur Decke, wobei ich bemerkte, dass alle jungen Männer diese Stickereien an der Mütze hatten. Und dass alle vom Verkaufspersonal sangen und tanzten. Je nach ihrem Gegenüber intensiver. Juliane löste einen Veitstanz aus.

Vor einem Turnschuhgeschäft ein paar Querstraßen weiter tanzte der Nächste am Eingang. Mit rosig enthaarten Waden und Wangen, ein paar Laufschuhe in der Hand. Der Bienentanz sollte wohl Artgenossen an die Blüten oder den Honigtopf locken. Wenige Meter drängten wir uns die Menschenmassen an Batman, Supermario, Pinguin und anderen Comicfiguren vorbei, die ihre Kostümierung zum Ablichten mit und durch Touristen feilboten. Meine zweite Sozialisation war indes soweit gediehen, dass mir weder jene Kostümierten noch die Keiler der Sightseeingtouren ihre Dienste anboten. Solange ich mit Vollbart, Base-Cap und Trucker-Jacke nicht den Mund aufmachte, hielten mich sogar die professionellen Entertainer für einen Neuengländer.

Im Hotel Pennsylvania angekommen, meinte ich wiederum ich träumte. Nicht weil es jenes berühmte Hotel ist mit der ältesten Telefonnummer New Yorks, der Glenn Miller einen Song gewidmet hatte: „Pennsylvania 6-5000“. Nicht, weil hier der Caesar-Salat erfunden wurde, oder weil in diesen ehrwürdigen Hallen die erste Star Trek-Konvention der Geschichte stattgefunden hatte. Nein! Die in der Lobby aufgestellten Check-In-Terminals waren aufgrund einer technischen Störung nicht in der Lage, die reservierten Zimmer zu lokalisieren. Das Resultat war eine Warteschlange vor zwei überforderten Angestellten, in der Juliane eine Stunde verbringen musste. Zeit genug für einen Schotten, meiner Frau seine Dienste als Witwentröster anzutragen. Zum Glück für ihn war mein innerer Schotte vom Anblick unseres Zimmers paralysiert, dass regulär bis zu 318 US-Dollar die Nacht kostet. Immerhin hatte es ein eigenes Bad, für dasselbe Geld bekam man, las man nicht ausführlich das Kleingedruckte, in New York ein Zimmer mit Gemeinschaftsbad. Aber, verglichen mit meinem ersten Hotelzimmer in New York (YMCA Vanderbuilt), das eigentlich nur aus einem Stockbett und einem riesigen Röhrenfernseher bestanden hatte, war das hier Luxus. Sogar der Dreck auf dem Teppichboden hatte historischen Anspruch. Juliane wurde von alldem an Ferien im Kommunismus erinnert. Ständig musste man für irgendetwas Schlange stehen. Sogar für das Frühstück, dass einem mit missmutiger Miene nach Übergabe eines Gutscheins aus Kartonschachteln gereicht und traurig an Stehtischen in der Lobby verzehrt werden konnte. „Hoch lebe der Kapitalismus!“, dachte die Gattin, schritt von allen Seiten bestaunt an der Schlange vorbei und kaufte uns Kaffee und Gebäck mit Bargeld statt mit Coupon.

Fortsetzung folgt…