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Donnerstag, 20. Juli 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 9)



Teil 9: Bots und Geister auf dem Telefon


Vienna calling...
Es soll Länder geben, in denen Präsidenten die Möglichkeit bekommen, ihren Mitbürgern ohne Einladung auf dem privaten Handy zu ihrer eigenen Pracht und Herrlichkeit zu gratulieren. Ich rufe also meine Oma an, und bevor ich sie höre, brüllt mir mein vom Volk gewählter Potentat ins Ohr. Das anhaltende Gezwitscher aus dem Weißen Haus ist dagegen zu einem unterschwelligen und gewohnten Begleiter geworden. Ja wirklich, zu einem Weggefährten, der manchmal für Erstaunen, Verblüffung und neu interpretiert für Unterhaltung sorgt, z.B. in der Art und mit der Stimme Gollums vorgelesen. Sad! Das Twittern des Präsidenten erfüllt den Wunsch, unmittelbar mit den Ideen und Gedanken der Herrscherin oder des Herrschers verbunden zu sein. Einem Verlangen, das laut Wissenschaftlern wie John Plunkett seit der medialen Revolution im viktorianischen Zeitalter existiert. Dank der massenproduzierten Boulevardpresse wuchs das Begehren nach einem Platz erste Reihe fußfrei im Kopf der Regierenden. Man erhoffte sich ein Spektakel an Volksnähe und Genialität. Jedermann sollte an ihren bzw. seinen Denkprozessen teilhaben können. Be careful what you wish! Jetzt haben wir den Salat tagtäglich auf dem Teller. Und was uns da vorgesetzt wird, das müssen wir erst einmal verdauen. Es ist nicht die damals erhoffte direkte Demokratie. Manch einem schmeckt es ja. Es erscheinen Bücher über Regierungschefs und Artikel über „Erlöserfiguren“, die mich an Herrscherhuldigung erinnern. Die scheinbar jugendliche Hülle des Absolutismus macht die alten Republiken schlottern. Wieder mal. Und es werden Gesetze vorgeschlagen und erlassen, gegen die der Gläserne Mensch im Museum sich seine Würde erhält, mit seinen offen zur Schau gestellten Blutkreislauf und Verdauungstrakt. Weil seine Gedanken für unsere Blicke unsichtbar und frei bleiben. Und wenn ich über die Würde des Einzelnen nachzudenken beginne, dann tauchen seltsame Gedanken aus der Suppe meiner Gedanken auf. Ständig schwimmen sie wie Fettaugen schimmernd darauf herum, so dass ich gar nicht wegschauen kann: Wer erlaubt Passanten, kranke und behinderte Menschen im Vorbeigehen zu kommentieren? Ich habe die Kommentarfunktion an mir nicht aktiviert. Wer erlaubt mir, schöne Frauen anzugaffen? Passiert mir leider immer wieder, obwohl ich darauf achte. Und weiter, wenn wir Dingen künstliche Intelligenz geben, verleihen wir ihnen auch künstliche Würde? Und falls ja, müssen wir diese dann nicht schützen? In ihrem und unserem eigenen Interesse? Erschaffen wir Bewusstsein, nur um es straffrei ausbeuten und missbrauchen zu dürfen?
Klingt alles rein theoretisch und verkopft. Aber ich habe in den USA fast täglich mit Robotern zu tun. Inzwischen begehen die Sicherheitsroboter in einigen Shoppingmalls sogar Selbstmord, sie ertränken sich in Brunnen. Auf dem Flughafen Newark hat mir eine künstliche Stewardess zugewinkt und mich begrüßt. Als ich am Automaten mein Gepäck aufgegeben habe, habe ich mich gefragt, ob ich demnächst auch das Flugzeug selbst fliegen werde. Die selbstfahrende Einschienenbahn zwischen den Terminals hat mir darauf gleich eine Antwort gegeben. Eine, die von der aktuellen Unfallstatistik auch noch bestätigt wird. Die modernen Autos sind nicht das Problem, es sind die Fahrer bzw. ihre Selbsteinschätzung. Die Mitarbeiter eines Call Centers werden dagegen ja wohl selten vom Cäsarenwahn befallen, trotzdem erledigen ihren Job bereits mehrheitlich Maschinen. Die Klischees vom freundlichen Inder oder der missgestimmten Afroamerikanerin am anderen Ende der Leitung ist bald Geschichte. Manchmal mehrmals am Tag klingelt das Handy. Die Zahl der Menschen, die meine US-amerikanische Telefonnummer haben, ist überschaubar. Interessant sind Anrufe für mich darum eigentlich nur, wenn sie aus Europa, Connecticut oder New Haven direkt kommen. Wichtige Stellen senden ihre Kontaktdaten mit, damit ich sehe, sobald z.B. das Krankenhaus, die Apotheke oder eine Behörde anrufen.
Als ich auf diese Details noch nicht geachtet hatte, also auf Area Code und Absender, habe ich jeden Anruf höflich entgegen genommen. Mehr oder weniger. Ich verspüre bis dato eine gewisse Unsicherheit, wenn ich auf Englisch telefonieren muss. Manche Leute nuscheln so garstig, und ich komme mir blöd vor, wenn ich sie nicht gleich verstehe. Wie dem auch sei, ich hob immer brav ab. Und sofort hörte ich schnell sprechende Stimmen, die mir interessante Dinge mitgeteilt haben. Über meine Kreditkartenabrechnung, meinen letzten Aufenthalt im Ferienressort einer bestimmten Hotelgruppe, oder über meinen irrsinnigen Gewinn bei einem supertollen Glückspiel. Alle diese freundlichen Anrufer hatten eines gemeinsam, sie antworteten nicht auf meine Begrüßung, nicht auf Zwischenfragen, auch gegen Unterbrechungen waren sie immun. Und da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren, die Mädels und Typen waren und sind nicht echt! Das waren Roboter! Ich hatte mich zum Affen gemacht.
Wer jetzt denkt, dass es hilfreich wäre, aufzulegen, sobald man eine Automatenstimme erkennt, der irrt sich verhängnisvoll. Den Fehler habe ich schon gemacht. Krankenhausbesuche, Arzttermine und Apothekenlieferungen müssen telefonisch bestätigt werden. Jedes einzelne Mal. Und die Anrufe für die Confirmations machen keine Mitarbeiter oder Sprechstundenhilfen, sondern Maschinen. Ich, der Mensch, interagiere mittels Tastatur. Vertippe ich mich, redet das Ding am anderen Ende der Leitung im besten Fall Spanisch mit mir, im schlimmsten buche ich eine Vasektomie. Okay, so schlimm ist es nicht. Auflegen hilft, die rufen nochmals an. Besonders tricky sind die Automaten, die einen an echte Ärztinnen oder Mitarbeiter weiter verbinden. Da empfiehlt es sich dringend, flapsige Kommentare und Verwünschungen im Zaum zu halten. Dem Roboter war es bisher (noch) egal, wenn ich ihn an meinem Unmut teilhaben ließ, die Damen und Herren sind dagegen beleidigt. Niemand möchte, dass kein Arzttermin stattfindet, oder die sündteuren und notwendigen Tabletten plötzlich doch nicht bewilligt werden. Und Medikamente sind alle teuer. Vor allem die Salben und Tabletten, die helfen.
Ich habe also dreierlei gelernt: Roboter ist nicht gleich Roboter. Die einen erledigen Marketingschmarren, die anderen tätigen wichtige Arbeit. Manchmal verbindet so ein Ding an eine Person weiter, aus dem technischen Hilfsmittel wird (oft ohne Vorwarnung) ein Mitmensch. Und drittens, Roboter haben nie schlechte Laune, die klingen immer gleich professionell. Leider sind sie darum auch gegen Nachfragen und Zwischentöne völlig unempfänglich.
Besonders auf die Nerven gegangen sind mir jene Roboter, die mich verwechselt haben, die mich mit einem fremden Namen angeredet haben. Für diese Dinger war ich ein gewisser Deandre. Deandre, mit deiner Kreditkartenabrechnung ist alles Ordnung. Na immerhin! Deandre, wie hat dir dein letzter Urlaub in unserem Ressort gefallen? Heast, ich bin´s nicht, und ich war nicht da! Deandre, wir haben ein günstiges Rabattangebot für dich! O Mann! Da wurde mir klar, dass Telefonnummern in den USA einfach weitervergeben wurden. Der Vorbesitzer meines Handys war ein gewisser Deandre. Und der war sehr umtriebig. Nach und nach trudelten SMS an ihn ein. Die gingen über Freunde, Einkaufen und Barbecue. Brav habe ich mitgeteilt, dass dies jetzt die falsche Nummer war, um mit Deandre zu kommunizieren. Aus Erfahrung vorsichtig geworden (siehe oben), habe ich zu selektieren begonnen, bei welchen Anrufen ich überhaupt noch abhob. Auf jeden Fall tat und tue ich es bei medizinischen Einrichtungen. So habe ich erfahren, dass Deandre seinen Inhalator bei seinem letzten Arztbesuch vergessen hat. Mist, aber ich konnte weder Deandre noch der Ordination helfen. Ein paar Tage später hat mich das Gesundheitsamt von Connecticut kontaktiert, wo Deandre abgeblieben ist? Warum er nicht zu vereinbarten Terminen erschienen ist? Und noch etwas später, meldete sich auch seine Bank. Ich wurde langsam richtig sauer auf Deandre. Der Kerl hatte seine Handynummer ausgetauscht und war untergetaucht. Und ich bekam jetzt die Nachrichten und Anrufe all derer, denen er in Zukunft lieber aus dem Weg gehen wollte. Vielen Dank! Zum Vatertag gratulierte mir dann jemand mit Verspätung. Da wurde ich stutzig. Den Inhalator beim Arzt vergessen, Termine bei der Krankenversorgung nicht eingehalten, bei der Bank nicht aufgetaucht, den Kindern die neue Nummer nicht gegeben?! Da durchfuhr mich die Erkenntnis siedend heiß: Deandre war tot! Und eine ganze Menge Leute, auch solche die ihm nahegestanden waren, hatten es erst durch mich erfahren. Und im nächsten Augenblick war ich froh, in meinen Antworten immer höflich geblieben zu sein. Ich war froh, meinen Ärger nicht weiter gegeben zu haben. Das war und ist der feine Unterschied, der uns (noch) zu Menschen macht.

Fortsetzung folgt…

And all the world is green...


Donnerstag, 13. Juli 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 8)



Teil 8: Europatrip/ European Vacation


Vier europäische Nationen in vierzehn Tagen: Österreich, Deutschland, die Niederlande und Irland. Das klingt wie das Topangebot eines japanischen Reiseanbieters mit sadistischen Anlagen. Was uns, Juliane und mir, auf dieser launigen Reise wiederfahren ist, das ähnelte dem Drehbuch zur Verfilmung eines weiteren Familienurlaubs der Chaos-Familie Griswold aus Chicago (Hilfe, die Amis kommen. OT: National Lampoon’s European Vacation, 1985). Oder aber einer Tragikomödie à la Lars von Trier, falls man es trist und ernsthaft schätzt. Tatsache ist, die Familie Weiss aus New Haven braucht Erholung vom Urlaub in Europa. Was bei einer Reise schiefgehen kann, haben wir mitgenommen. Häkchen für Häkchen haben wir die Liste der Katastrophen abgearbeitet. Natürlich gab es schöne Momente und neue Erinnerungen, die ich nicht missen möchte. Der Blick zurück ist gnädig, er bringt zum Lachen, wo vorher Wut und Verzweiflung gewesen sind. In der Rückschau wird jede grausliche Latrine zum stillen Rückzugsort verklärt.
Die Gründe unserer Reise waren freudig, eine Hochzeit und eine Konferenz. Julianes Cousin und seine Frau haben uns zu ihrer Hochzeit nach Rostock eingeladen. Die Eheschließung seines Bruders hatten wir leider verpasst, schuld war mein Gesundheitszustand, also keine Frage, dass wir dieses Mal dabei sein würden. Bei der Konferenz handelte es sich um das Jahrestreffen der American Comparative Literature Association 2017. Wie es sich für US-amerikanische Gesellschaften gehörte, fanden die jährlichen Treffen der ACLA bisher immer in den USA statt. Aber natürlich nicht, wenn Juliane zwei Jahre in Amerika ist. Da traf man sich logischerweise in Utrecht in den Niederlanden. Ohne Transatlantikflug, bzw. Transatlantikflüge, kommt meine Frau scheinbar nicht hin. Vielleicht im nächsten Jahr.
Die erste Etappe unserer Chaostour führte uns mit dem Amtrak-Zug von New Haven nach Newark auf den Flughafen. Der Personenzug kam pünktlich. Die Waggons waren aluverschalt und lamelliert. In Form und Tempo auf der Strecke glich er einem Projektil. Ich hoffe, dass die kugeligen Eindellungen über und neben den dicken Metalltüren nichts mit Geschossen zu tun hatten. Im Zug viel Beinfreiheit, bequeme Sitze und gratis WiFi für alle. Vom Flughafenbahnhof ging es mit der selbstfahrenden Einschienenbahn an den Terminal, wo uns ein Hologramm willkommen hieß. Eine auf ihre Silhouette aus weißem Spannholz projizierte Stewardess winkte uns zu und wollte mit schriller Blechstimme wissen, wie sie uns helfen konnte. Mich gruselte. Ich fühlte mich in die Sciencefiction-Filme meiner Kindheit und Jugend versetzt. Alles was damals Utopie gewesen war, fand hier und heute statt. Ich wusste nicht, ob mir das gefiel.
Was mir keinesfalls gefiel, waren meine neuen Erfahrungen mit dem Special Service. Ich wurde abgeholt, in den Rollstuhl gesetzt und durch die Sicherheitskontrollen bis ans Gate gefahren. Deutschsprachige Businessklasse-Passagiere stellten sich erst mir, dann Juliane, meiner Begleitperson, in den Weg. Sie verwechselten meinen Zustand mit einem Privileg. Mit einem Vorteil, für den ich nichts bezahlt habe, oder sie alles. Beides Quatsch und so nicht richtig. Die Herren verstellten Juliane den Zugang zur Passkontrolle. Das Selbstbewusstsein verließ sie angesichts der afroamerikanischen US-Officer rasch, die meine Papiere sehen wollten. Die Officers erhoben sich, die Herren stoben auseinander. Ein breitschultriger und fescher Officer führte dann den Security Check bei mir durch. Ich erwähne ihn so ausführlich, weil die gleichen Beamten in Europa weniger einer Schokoladeneistüte, aber dafür mehr einer Kartoffel ähnelten. Beim Warten auf das Boarding waren mir eine übellaunige Mama und ihr zirka fünfzigjähriger Sohn aufgefallen. Die Mama las, der Bub kümmerte sich um alles, die Kamera umgehängt. Als es soweit war, wir in das Flugzeug einsteigen sollten, sprang die Mama auf, lief nach vorne und setzte sich in meinen Rollstuhl. Julianes Protest nutzte nichts, die Mama war nicht mehr aus dem Sitz zu kriegen. Bei der Landung in Wien dasselbe Spiel noch einmal, nur dass diesmal zwei Rollstühle bereitstanden, und ich nicht warten musste.
In Wien lief alles glatt. Wir trafen meine Schwester und ihre Familie, ich nahm neue Geschichten für „Einfach zum Nachdenken“ im ORF-Funkhaus aus, und auch ein nötiger Amtsweg gelang ganz ohne Kappel und Wiehern. Gemeinsam mit meinen Eltern flogen wir weiter nach Berlin. Berlin, hübsch an der Spree gelegen und auf Sumpf gebaut, war von den schwersten Unwettern heimgesucht worden seit Jahren. Der Herr öffnete die Schleusen des Himmels und die Brunnen der Tiefe, die Sintflut war über die deutsche Bundeshauptstadt gekommen. Tegel und die Autobahn waren abgesoffen. Unser Flieger landete trotzdem. Bei der Ankunft war mein bestellter Rollstuhl weg, ein anderer Fluggast hatte sich hineingesetzt. Ist ja auch bequem, sich schieben zu lassen. Der hartnäckigen Kabinencrewchefin hatte ich es zu verdanken, dass ein zweiter Rollstuhl an das Gate geschickt wurde, um mich abzuholen. Obwohl nur einer bestellt worden war. Den entführten Rollstuhl trafen wir wieder. Peinlicherweise hatten die Leute dasselbe Ziel wie wir, die Mietwagenzentrale, und kannten sich in Tegel nicht aus. Sie brauchten einen Führer, und das war der freundliche Mann mit leichtem Akzent und Schnauzer, der mich durch die Hallen und Gänge schob.
Die Küstenmühle bei Rostock.
Im Mietwagen ging die Reise weiter. Gebucht hatten wir einen Golf. Nachdem in den respektablen Kleinwagen aber nur unsere Koffer hineingepasst hätten und keiner von uns, bekamen wir einen Peugeot 308 Kombi. Der war nötig. Der Gepäckwagen mit all unseren Koffern mit der Herbst- und Winterkleidung für New Haven überragte mich im Rollstuhl um gut einen halben Meter.
Die Fahrt von Berlin nach Rostock sollte planmäßig in etwa zwei Stunden in Anspruch nehmen. Nach der veranschlagten Zeit hatte ich Berlin noch nicht einmal verlassen, nur das wegen der Unwetter gesperrte Autobahnteilstück umfahren. Das entsprach einer Strecke von ungefähr acht oder neun Kilometern, die ich mit der rasanten Spitzengeschwindigkeit von 10-15 km/h hinter uns brachte. Stau wohin das Auge reichte. Im Stopp-und-Go-Verkehr in Berlin verbrauchte ich bei derselben Motorisierung dieselbe Menge Sprit wie für 140 Meilen Highway in den USA, d.h.: auf dem I - 95 North von New Haven nach Mystic Seaport und retour. Soviel also zur US-amerikanischen Energieeffizienz.
Das Hochzeitspaar.
Das Treffen mit der Familie, das Hotel, die Hochzeitsfeier alles war wunderbar. Bis auf das Wetter. Die Location war liebevoll ausgesucht, ein Gutshof mit historischer Windmühle und vielen Ziegen, Schafen, Gänsen, Katzen und Kaninchen. Die Kinder hätten die Tiere streicheln und auf den Wiesen rund um das Haus mit der Tafel spielen können. Ja, das wäre alles wunderbar gewesen. Mein Vater wies mich beim Hinfahren auf die schönen Fischteiche hin. Fischteiche wie daheim im Waldviertel. Nur leider gab es bei Rostock keine Fischteiche, das waren die Wiesen und Felder. Nach ergiebigen Dauerregen hatte sich die Landschaft ringsum in einem Schlammpfuhl verwandelt. Die Kinder bekamen Spielzeug, spielten im Saal, die schöne Landschaft genossen zunächst nur die Raucher. Wir ließen uns vom Wetter die Laune nicht verderben.
Leider ließ ich mir vom Hering den Magen verderben. Ich musste die Hochzeit frühzeitig verlassen, auch wegen unguter Krämpfe. Zurück im Hotel empfing mich ein Festsaal voller Nordlichter, die zu Andreas Gabalier abgingen wie die Ostsee bei Springflut. Passierte mir so zum zweiten Mal. Das erste Mal zu Sylvester in Dresden. Der „selbsternannte Alpenrocker“, wie ihn österreichische Medien ab und zu nennen, rockt scheinbar doch ganz ordentlich. Egal! Das mit dem Hering stimmt so nicht ganz. Der Matjes in verschiedenen Zubereitungen war hervorragend, frisch und schmeckte vorzüglich. Aber ich konnte ihn nicht mehr verdauen. Mein Magen hat sich leider seit zwei Jahren verändert und mit ihm meine ganze Verdauung und Ernährung. Kurz gesagt, von dem Hering hatte ich länger etwas. Die Zeit zu Gast bei meinem Schwiegervater und seiner Frau in Dresden brauchte ich, um mich von dem Fisch zu erholen. Die geplanten Ausflüge fanden nicht statt, „nur“ ein Besuch in den Barockgärten von Schloss Großsedlitz. Das war allerdings ein Augenöffner.
Duisburg Hauptbahnhof.
Mit dem Zug weiter in die Niederlande nach Utrecht. Zweimal Umsteigen, der DB auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ein Schelm wer Arges dabei denkt. Die gebuchte Umstiegshilfe klappte bestens, das Servicepersonal half Juliane mit mir und den Koffern. In Duisburg dann die schlimme Nachricht, eine Stunde vor dem Ziel: Selbstmord mit ICE. Unser Anschlusszug nach Utrecht fiel aus. Drei Stunden Wartezeit auf die nächste Verbindung ohne Umsteigen. Drei Stunden auf dem Hauptbahnhof von Duisburg. Mannshohes Unkraut zwischen den Gleisen, dreckverschmiertes Glashallendach, schmierige Metallkonstruktion. Einzige freie Plätze im Raucherbereich. Verhaltensoriginelle und sozialprekäre Gesellschaft. Ich zählte drei die Abfalleimer nach Pfandflaschen durchsuchende Rentner innerhalb einer Stunde. Vorhölle. Mein Magen warf die kaltgelegte Sodbrennerei wieder an, die Flammen schlugen mir bis zum Hals. Schmerz und Übelkeit machten das Inferno voll.
Vier Stunden später, endlich in Utrecht. Verglichen mit Duisburg Hauptbahnhof erschienen mir die Niederlande wie das Butterland, das mit Gouda und Edamer gepflastert war. Aus dem Taxifenster beobachtete ich wie bei jeder Ampelphase Schwärme aus Radfahrern die Kreuzung überquerten, die auf der Ringstraße in Wien leicht als Demonstration durchgegangen wären. Die Autos hielten vor den Fußgängerübergängen, die Radfahrer fuhren jeden Fußgänger ungebremst über den Haufen. Auch als ich mich vor unserem ersten Hotel in der Altstadt aus dem Taxi quälte, einem Mercedes AMG. Um AMG zu fahren, musste ich in Utrecht bloß ein Taxi nehmen. Nicht nur die Taxis waren elegant, auch die Taxifahrer trugen Hemd und Krawatte.
Ich wartete auf dem Gehsteig, während Juliane die Koffer nach oben ins Zimmer brachte. Als sie wieder kam, war sie seltsam verstört und still. Ich begriff auch schnell warum. Kurz nach der Eingangstür ragte eine Hühnertreppe auf. Eine mit Auslegeteppich überzogene Leiter oder Kletterwand. Kein Lift. Von Barrierefreiheit keine Spur. Ich hangelte mich am Handlauf nach oben und gelangte zur Rezeption. Das Zimmer war im zweiten Stock. Das Obergeschoss erreichte man über eine weitere Hühnertreppe, die noch steiler und zudem auch gewunden war. Juliane brach in Tränen aus. Während ich mich nach oben kämpfte, bekamen die anderen Hotelgäste gratis Lektion 1 der Wiener Schimpfwörter und Flüche zu hören. Als mich der Hotelbesitzer sah, gab er Juliane anstandslos die vorausbezahlte Zimmermiete für die nächsten Nächte in bar zurück und buchte uns ein anderes Hotel. Nur eine Nacht verbrachten wir in einem private room in seinem Haus. Einem interessanten, verwinkelten Etablissement, in dem die Betten einzeln vermietet wurden, die Rudeldusche dampfte und es nach fremder Notdurft duftete. Nichts von alldem hatte die Homepage verraten. Trotzdem (oder gerade darum) war das Hotel ausgebucht. Es war voll mit Konferenzteilnehmern. Ich musste unweigerlich an die Titel ohne Mittel denken. Wo die Bildung der Politik doch so wichtig ist.
Der Name ist Programm...
Beim zweiten Hotel war der Name Programm. Es hieß Bastion, lag etwas außerhalb und war von einem elektronischen Zaun umgeben. Es stand neben einem P+R-Parkhaus im Grünen. Ich habe früher hier geschrieben, dass ich in keiner Gesellschaft mit Zäunen leben möchte. Dass ich diese Gesellschaft in den Niederlanden in Europa antreffen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Dieser Zaun sollte allerdings für alle Hotelbewohner ein Nachspiel haben.
Ich war froh, ein sauberes und schönes Zimmer im Erdgeschoß mit Blick über den Zaun hinweg auf Bäume zu haben. Dieser Blick ins Grüne sollte sich mir einprägen. Meine Verdauung war vom Stress der Anreise komplett im Eimer. Erbrechen und Durchfall hatten mich geschwächt. Ich kam neben meinem Bett zu Fall und alleine nicht mehr hoch. Das hilflose Liegen auf dem Fußboden, vor dem offenen Fenster und dem Wind in den Bäumen vor Augen, das war eine Lektion in Demut. Bis mir Juliane wieder auf die Füße half, mich unter die heiße Dusche stellte und ins Bett steckte. Irgendwie war mit ihr nicht mehr zu diskutieren, sie bestand darauf, dass ich einen niederländischen Notarzt kennenlernte. Doktor Hank, holländisch blond und sehr nett, untersuchte mich buchstäblich auf Herz und Nieren. Nach EKG, Fiebermessen und betreutem Herumgehen, gab er mir die Erlaubnis zum Rückflug in die USA. Ich hatte mich schon in einem Krankenhaus gesehen, das blieb mir zum Glück erspart. Bevor der Notarzt allerdings überhaupt zu mir kommen konnte, hatte Juliane zustimmen müssen, dass sie bereit war, alle möglichen anfallenden Kosten zu übernehmen. Andernfalls wäre keine Ambulanz vorgefahren, schon gar nicht der Notarzt. Letztlich fielen keine Gebühren an, die nicht von meiner Kranken- und Sozialversicherung europaweit gedeckt waren. Aber in meinem Mund blieb ein bitterer Beigeschmack. Ärztliche Hilfe unter Finanzierungsvorbehalt?
In dieser Nacht ging über unserem Hotel ein heftiges Gewitter nieder. Ich fand nur unruhigen, schwarzen Schlaf, unterbrochen von Blitz und Donner. Die Atmosphäre war geladen mit statischer Energie, und die reagierte wohl mit dem Feld des Elektrozauns. Um 4:50 Uhr Feueralarm. Alle raus aus den Betten, in Nachthemd und Pyjama in die Lobby. Handys und Papiere unterm Arm. Zum Glück war es ein falscher Alarm. In den Museen, für die ich gearbeitet habe, habe ich das oft erlebt. Fast jeden Monat. Ein paar jüngere Männer beruhigten die schläfrige Versammlung. Sie kämen vom Balkan, sagten sie, dort spürt und riecht man Feuer, und hier im Haus war keines. Sie hatten Recht. Trotzdem begannen ein paar ganz Schlaue mit der Rezeptionistin zu diskutieren, ob sie auch jedes Zimmer kontrolliert hätte, bevor sie Entwarnung gegeben hatte. Das Hotel hatte 146 Zimmer. Juliane und ich gingen wieder ins Bett, darauf hatten wir echt keine Lust. Jetzt stürzten auch die Nachzügler in die Lobby, mit gepackten Koffern, angezogen und frisiert. Wie gesagt, zum Glück war es ein Fehlalarm. Die Feuerwehr kam übrigens auch nicht.
Die Akademie in Utrecht.
Juliane absolvierte ihre Konferenz, ich erholte mich rasch in meinem Bett. Gut genug, um mir mit Juliane auch die Stadt Utrecht anzusehen. Es war Wochenende. Samstag. Beim Frühstück hatte ich schon beobachtet, dass die Straßenbahn scharenweise Menschen aus dem P+R-Parkhaus in die Innenstadt transportierte. Um von der Straßenbahn in die Altstadt zu gelangen, musste man durch ein Einkaufszentrum am Hauptbahnhof laufen. Oder den Bus nehmen, wie Juliane und ich es taten. Das Stadtzentrum war erwartungsgemäß voller Menschen. Von überallher kamen die Leute zum Shoppen. Ein Laden reihte sich an den nächsten, dazwischen eine Lokalität oder ein historisches Gebäude. Ein Ameisenhaufen, der keine Sekunde zum Stillstand kam. Während Juliane Kolleginnen zum Kaffee traf, setzte ich mich in den Dom und hörte mir ein Orgelkonzert an. Nicht ganz, muss ich gestehen. Ich habe einmal irgendwo gelesen, ein Mensch versteht Gegenwartskunst nur bis zu seinem Geburtsdatum. Die dargebotenen Musikstücke waren definitiv nach dem Februar 1978 geschrieben. Die ätherischen und aufwühlenden Klangteppiche trieben mich aus dem in der Reformation von Bilderstürmern schwer beschädigten Gotteshaus. Was ich gehört hatte, erinnerte mich auf irritierende Weise an den Soundtrack eines tschechischen Märchenfilms. Ich bekam Leder von Huhn, d.h.: Gänsehaut.
Beim gemeinsamen Spaziergang entlang der Grachten und Driften wurde ich das Gefühl nicht los, mich durch ein einziges großes Einkaufszentrum zu bewegen. Ich fühlte, wie ich als eine Hauptattraktion im Vorbeigehen begafft wurde. Ich spürte, wie man ungeniert erst Juliane fragend ansah und dann mich. Ich entsprach nicht dem Bild, das man hierzulande von Behinderten hatte. Plötzlich kamen mir alle Menschen um mich herum groß, schlank und sportlich vor. In meinen Augen herrschte hier eine eigenartige Form von Kapitalismus.
Ein Eindruck, der sich auf dem Flughafen Amsterdam Schiphol fortsetzte. Vor den zwei oder drei Check In-Schaltern von Aer Lingus wand sich eine Schlange aus Reisenden. Alle Economy Class. Wir mitten drin. Eine Familie hatte Business Class gebucht und blockierte einen der Schalter für eine gefühlte Ewigkeit. Diese Wenigen konnten niemals so viel bezahlt haben wie wir alle in der Warteschlange. Nichts rechtfertigte, wirklich und rein kapitalistisch gedacht, die zeitintensive Sonderbehandlung und unser Warten. Und das Warten wurde unser Schicksal. Als wir endlich in unserem Flugzeug nach Dublin saßen und bereit zum Abflug waren, kam die Durchsage, dass drei Gepäckstücke in unserem Laderaum waren, deren Besitzer nicht zum Boarding erschienen waren. Aus Sicherheitsgründen mussten diese Gepäckstücke entfernt werden. Zwei Stunden ließ der Flughafen unseren Captain, die Crew und uns warten, bis endlich Vorfeldarbeiter kamen und die Koffer und Taschen aus dem Container holten. Zwei Stunden saßen wir am hintersten Gate von Schiphol in unserem Flugzeug fest. Der Captain wurde hörbar zornig. Er informierte Aer Lingus und stellte fest, dass die Fluglinie wohl keine Priorität habe. Juliane war erschüttert. Im schlimmsten Fall, wäre eine Bombe mit Zeitzünder für einen eineinhalb Stunden dauernden Flug an Bord gewesen, wären wir alle nach zwei Stunden Warten längst Staub und Rauch gewesen.
Bier!
Die Hälfte der Passagiere des Flugs nach Dublin wollte weiter nach New York. Genau wie wir. Nach drei Stunden Verspätung war unser Anschlussflug natürlich weg. Nicht nur das, auch der letzte Transatlantikflug für heute war längst fort. Aer Lingus buchte uns einen Flug mit Delta am nächsten Vormittag und spendierte uns eine Nacht im Carlton Hotel. In the middle of nowhere, aber das beste Hotel unseres Abenteuers. Auch unsere Business Class-Familie war mit uns gestrandet. Sie machten so lange Rabatz und hielten wieder den Betrieb auf, bis unser Busfahrer die „awkward family“ (dt.: peinliche Familie) einfach auf dem Flughafen zurück ließ. Irland war nicht die Niederlande. Es gab wirklich Schlimmeres als in Dublin eine Nacht festzusitzen. Ich freute mich, wieder in Irland zu sein. Zugleich war ich berührt. Als ich das letzte Mal auf der Winterinsel gewesen war, war ich als kraftstrotzender Jüngling da. Zurück kam ich im Rollstuhl. Immerhin das Bier schmeckte noch genauso gut wie damals. A pint of Smithwick´s!
Zunächst verlief alles reibungslos. Wir wurden pünktlich vom Hotel abgeholt und zum Check In gebracht. Aber Julianes US-Visa ließ sich nicht einscannen. „Your visa is not true!“, sagte die rumänisch-stämmige junge Dame am Schalter. Meines funktionierte dagegen prächtig, wurde für gültig befunden. Das war so allerdings gar nicht möglich, weil mein Visum an Julianes gebunden ist. Ist ihres ungültig, ist es meines automatisch auch. Das bedeutete: Fehlfunktion! Zum ersten Mal in meinem Leben brüllte ich innerlich nach einen Repräsentanten der Vereinigten Staaten, ganz wie im Film. Durch all das Hin und her liefen wir langsam Gefahr, auch den nächsten Flug nach New York zu verpassen. Juliane wurde langsam ungemütlich. Das Warten auf den Special Service, der trotz mehrmaligem Nachfragen nicht mitumgebucht worden war, brachte das Fässchen zum Überlaufen. Die Gattin explodierte. Jetzt ging alles ganz schnell. Der Ire, der uns zu Hilfe kam, war langmütig und zäh wie das irische Hochlandschaf, nichts brachte ihn aus der Ruhe, nichts konnte ihn erschüttern. Schnell brachte er uns durch die US-Einwanderungsbehörde, rechtzeitig saßen wir im Flugzeug. Sechseinhalb Stunden später waren wir wieder daheim.
Vom Flughafen JFK bis nach Connecticut...
Ja, daheim. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, in die USA heim zu kommen. Alles sah wieder vertraut aus. Niemand starrte mich an, alle waren höflich und zuvorkommend. Innerhalb von fünf Minuten hatten wir einen Sitzplatz in einem Shuttlebus, der uns vom Flughafen JFK vor unsere Haustür in New Haven brachte. Unsere Buchung vom Vortag mussten wir canceln, aber für den neuen Transfer musste Juliane kein einziges Telefonat führen. Der nette schwarze Angestellte am Welcome Service erledigte das für uns. Er konnte nicht verhindern, dass wir genau nach Klischee im Stau standen, von JFK bis auf den Highway in Connecticut. Egal, wir waren wieder zuhause und alles fühlte sich wieder richtig an. Und total verschieden.
In unserem Apartment erwartete uns die letzte Überraschung. Die Badewannenarmatur war kaputt gegangen, während wir nicht zuhause waren. Das Warmwasser ließ sich nicht mehr abdrehen. In Bad und Wanne herrschte eine dschungelartige Atmosphäre. Inzwischen ist alles wieder repariert. Und wir haben etwas gelernt: Unglaublich aber wahr, in den USA sehen die Installateure und Klempner wirklich wie im Porno aus. Der junge Mann kam durchtrainiert und tätowiert im Smithwick´s T-Shirt. In diesem Land ist wirklich alles möglich!

Fortsetzung folgt…

Schloss Großsedlitz in Sachsen.