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Freitag, 15. Juni 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 33)


Teil 33: Flipsides/ Rückseiten


Gelegentlich begegnen jeder und jedem Orte im Leben, die sich mit ihren verschiedenen Eindrücken so sehr vom Rest des Gewohnten unterscheiden, dass sie irreal erscheinen. Diese plötzliche Unvereinbarkeit des Wahrscheinlichen mit dem Erfahrenen fühlt sich an wie der Sturz durch den Bau des Großen weißen Kaninchens mitten ins Wunderland und hinter die Spiegel. Zwei solcher Plätze haben Juliane in letzter Zeit besucht: Old Lyme in Connecticut und New York City.

Und der soeben beschriebene Effekt wurde noch verstärkt, nachdem Juliane im Vorbeiradeln auf dem Green im Stadtzentrum New Havens von einer farbigen Obdachlosen mit Essen beworfen wurde und mir mein Rheumatologe Physiotherapie in Laufentfernung verschrieben und organisiert hatte, ich aber in der ausgesuchten Lokalität nicht vorstellig werden durfte, weil die Therapeuten dort nur „andere Personen“ empfingen. Das Surreale in beiden Situationen: Juliane wurde eingangs von auf dem Fahrweg Stehenden belächelt und ausgelacht, weil sie sich bedankt hatte, nachdem ihr die Homeless People den Weg freigemacht hatten. Und die Verteidiger der Exklusivität bei der Physiotherapie waren nicht die Privilegierten, sondern ihre Bediensteten und Angestellten, die sich auch nach mehrmaligem Erklären nicht vorstellen konnten, dass es sich bei uns nicht um anmaßende Eindringlinge handelte, dass wir am betreffenden Gesundheitsprogramm der Universität gar nicht teilhaben wollten, weil wir über eine europäische Krankenversicherung verfügten. Juliane musste sich einer mehrminütigen Inquisition stellen, um am Ende der peinlichen Befragung die Antwort zu erhalten, dass diese Einrichtung meine Diagnose gar nicht behandeln kann. Dank meines Arztes und der deutschen Krankenversicherung werde ich jetzt in einem anderen Zentrum behandelt. Zwar in einem, das nicht fußläufig gelegen ist, aber wo meine Symptome bekämpft werden können, und ich „with the people“ bin, wie es hier so schön heißt.

Ganz und gar nicht „unter den Leuten“ waren wir bei unserem Ausflug ins Florence Griswold Museum in Old Lyme, CT. Das lag unter anderem auch daran, dass wir als quasi Freiberufler unseren Wochenendausflug in die Wochenmitte verlegen konnten. Am Ausflugsort begegneten wir der Jahreszeit entsprechend ein paar kulturinteressierten Urlaubern, meist gutsituierten Pensionistinnen und einigen wenigen Rentnern. Die gesamte Gegend erschien mir als ausgesuchtes Minderheitenprogramm. Schon nach der Abfahrt vom Highway und bei der Einfahrt in die historische Wohngegend der Kulturschock: Kein einziges Stück Abfall in den gemähten Wiesen, in den in blau und violett blühenden Beeten und Rabatten oder in den besenreinen Auffahrten und zwischen den Alleebäumen. Parkplätze waren vorhanden, aber sie bildeten nicht wie anderswo das Zentrum des Interesses, sondern lagen versteckt zwischen uraltem Baumbestand. So dass ich an der Museumseinfahrt vorbei gefahren bin, vor der Zufahrt eines anderen säulengeschmückten Landhauses im Kolonialstil wenden und ein Stück zurück fahren musste.

Das Florence Griswold Museum ist auf mehrere Gebäude in einem Park an der Biegung des Lieutenant River verteilt. Und beim Anblick dieses in beide Richtungen fließenden Gezeitenflusses, des breiten Schilfgürtels und dem grün schillernden Auwald ringsum fühlten wir uns in ein romantisches Gemälde versetzt, in einen englischen Landschaftspark oder gleich nach Disney-Land. Hier offenbarte sich uns eine Landschaft, die andernorts kopiert und künstlich aufrechterhalten wurde. Und dabei zeigte es sich hier ganz deutlich, wie schön dieses Land sein konnte, wenn man es zuließ. Und es sich leisten konnte. Wohlstand war hier die Eintrittskarte. Alles andere war auch hier nicht vorstellbar oder wahrscheinlich.

Lunch, d.h. Mittagessen, scheint in den USA ein Statussymbol zu sein. Groß wurden die Augen der anderen Gäste auf der Veranda des Café Flo, als Juliane und ich an einen der runden Gartentische platziert wurden. In den Augen einiger Herren und Damen las ich die unausgesprochene Frage, wie wir es uns ermöglichen konnten, mit ihnen am Flussufer im Schatten ein kühles Getränk und eine heißte Gemüsesuppe aus dem museumseigenen Garten zu nehmen? Ob ich wohl ein Hedgefonds-Manager mit seiner osteuropäischen Gattin war? Dass ich eine Behinderung hatte, erschreckte sie für einen gut sichtbaren Augenblick. Ich war weder fett noch erkennbar arm, ich sah aus wie sie. Ich war das „memento mori“ (dt.: „Bedenke, dass Du sterblich bist“), dass ihnen bei Triumph und Seligkeit ins Ohr geflüstert wurde. Und hinter ein paar geweiteten Pupillen hörte ich die Rechenmaschinen knattern und wie die Vergleiche knirschten, als sie gezogen wurden. Sie wussten und sahen ja nicht, wie viele Abonnements, Mitgliedsbeiträge und Ausgaben ich gekündigt hatte, um mir so einen Gitterstab meines Konsumgefängnisses nach dem anderen durchzusägen, um diese Freiheit genießen zu können. Was wir sehen sind eben nur Oberflächen, die spiegeln. Die Rückseiten, das trübe Silber der Spiegelfläche, sehen wir nirgends, sondern immer nur unsere Reflexion.


Nachdem Juliane ihre Spargelsuppe und ich mein Leberwurst-Sandwich (!) gegessen hatten, erkundigten wir das Gelände. Das ehemalige Anwesen eines Linienschiffskapitäns aus der neuenglischen Griswold-Dynastie gilt als der Geburtsort des US-amerikanischen Impressionismus. Hie und da trifft man auch heute noch auf eine Staffelei zwischen den Blüten und Bäumen, an der eine Künstlerin oder ein Maler arbeitet. In einem Umfeld, dass wieder in den Zustand der berühmtesten Besitzerin versetzt wurde. Florence war die wohl aufgrund des Bürgerkriegs und seiner Folgen für die Gesellschaft (= keine Männer, oder wenn nur „Copperheads“/Bürgerkriegsgegner) unverheiratete älteste Tochter dieses als Investor völlig unbegabten und früh verstorbenen Spross´ der reichen Unternehmer- und Politikerfamilie. Um nicht in ihren Schulden unterzugehen, unterhielten die Frauen der Familie im Herrenhaus erst eine Erziehungseinrichtung für höhere Töchter, dann ein Hotel, und nach dem Rat eines berühmten Malers, die zur Legende gewordene Künstlerkolonie. Die Grundsteuer war und ist in den USA vom Wert des Grundstückes und der Immobilie abhängig, und beides steigt mit dem Wohlstand der Anrainer und der damit einhergehenden Verbesserung der Infrastruktur. Wer über Generationen an einem Ort wie diesem leben möchte, der muss quasi immer reicher werden, wegziehen, oder sich Einnahmequellen suchen.

Für sieben Dollar bekam Mann eine Woche Unterkunft und Vollpension. Die Mitglieder des inneren Kreises gestalteten jeweils eine Holztafel der Wandverkleidungen und Türen. Das Kunstwerk ergänzte die Miete. Heute sind die Bilder allesamt ein Vielfaches wert. Sieben Dollar! Sieben Dollar damals entsprechen im Kaufkraftvergleich in etwa 138 US-Dollars heute. Für dieses Geld bekommt man in den USA kein anständiges Zimmer ohne Frühstück für eine Nacht mehr. Bietet man ein selbstgemaltes Gemälde als Zimmermiete an, empfiehlt sich gutes Schuhwerk und ein geschwinder Tritt. Frauen durften für ihr Geld zwar an den Kursen, aber nicht an der Wohngemeinschaft und den gemeinsamen Essen teilhaben. Das einzige weibliche Vollmitglied durfte indes die Schlafzimmertür der Hausherrin bemalen, mit Kühen und Kälbern in beschatteten Grün. Schlafen und Essen durfte auch sie nicht mit den Herren. Ein Brett der Wandvertäfelung des berühmten Esszimmers ist beidseitig bemalt. Die unsichtbare Rückseite ziert das Werk eines flüchtigen Zechprellers aus Kalifornien. Unglücklicherweise finde ich es gelungener als das sichtbare Stück des zuverlässigeren Gastes.

Beim Ausrasten auf einer der Gartenbänke sprach mich ein älterer Mann freundlich auf meine Yale-Mütze an. Er sagte, auch sein Vater wäre in Yale gewesen, hätte nach dem Grundsatz „Für Gott, Vaterland und Yale“ gelebt. Yale, erzählte er weiter, hatte in seiner Familie (und in anderen) stets die Männer gebildet, erzogen worden wären sie davor von den Frauen einer anderen Universität. Ich glaube, er sagte, Spencer University. Ich habe ihm nicht verraten, dass die Geschlechtertrennung in unserer Ehe anders funktioniert, und ich meine Basketballmütze zur Gattinnenhuldigung trage.

Auf dem Weg zurück vom hölzernen Ateliergebäude, das mich in Bauart und Größe an das meines Vaters im Waldviertel erinnerte, überquerten wir das grüne Gras. Dabei kroch mir ein Käfer ins Hosenbein. Er arbeitete sich hoch bis übers Knie. Zuhause hätte ich mir augenblicklich die Jeanshose runtergezogen und den Eindringling dahin zurück befördert, wo er herkam. Doch man stelle sich vor, ich hätte mir in den USA, an einem Familienausflugsziel in Connecticut und am helllichten Tag, die Hosen zu den Knien hinunter gezogen! Um die kommende Nacht in der Gefängniszelle zu vermeiden, vollführte ich also Zuckungen, die jeder vorbeikommende Jungspund gewiss als Herausforderung zum Dancebattle verstanden hätte. Entgegen meiner üblichen Vorgehensweise musste ich dem armen Insekt den Garaus machen. Jetzt machte ich mir wiederum Sorgen, ob mir das Krabbeltier im Todeskampf nicht berechtigterweise eine ätzende Flüssigkeit auf die Haut gespritzt hatte?! Zum Glück war die Sperrstunde nahe. Kaum hatte sich der Parkplatz geleert, öffneten wir alle Autotüren, und Juliane meine Hose. Genau in diesem Augenblick bog natürlich eine Neuengländerin in ihrem Volvo in den Parkplatz ein. Mit großen Augen rollte sie im Schritttempo an unserer Verlegenheit vorbei, um sich auch ja kein Detail ihrer schmutzigen Fantasie entgehen zu lassen. Dabei wollte ich bloß die Käferleiche aus meiner Hose haben! Endlich war die Frau verschwunden. Sie kam und ging in ihrer Limousine wie ein Spuk. Und kaum war wieder Stille eingekehrt und meine Hose wieder ordentlich verschlossen, kamen auch die Squirrels und Chipmunks aus ihren Verstecken und nahmen ihr Land wieder in Besitz. Als wären sie sich der Abwesenheit der Menschen ab dieser Abendstunde voll bewusst.

Unser Abendessen an diesem Ausflugstag wollten wir am Meer nehmen. Aber anstelle eines gemütlichen Hafenlokals fanden wir die Investitionsruine des verlassenen Einkaufszentrums einer Marina vor. Der Beton der Gehwege und Parkplätze war gesprungen und rissig, und die Schau- und Bürofenster allesamt blind. Unter den Gebäuden auf Stelzen rosteten ein paar Boote und Ankerketten. Alles in allem der perfekte Ort, um von der Mafia zusammengeschlagen zu werden. Umschlossen vom Verfall dann eine gut besuchte und gar nicht schäbige Kneipe mit Livemusik. Ich weiß nicht warum, aber in den USA gilt tatsächlich als exklusiv, was von außen nicht einsehbar ist. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass ich auch nirgendwo hin rausgucken kann. Ich befand mich also am Meer, an einem Yachthafen, aber das Einzige, was ich davon zu sehen bekam, waren die dunklen und dreckigen Augenhöhlen einer Investitionsruine und die Pionierpflanzen im Asphalt. Juliane und ich hatten beim Herkommen ein kleines Restaurant am Straßenrand gesehen, dorthin fuhren wir zurück und aßen ganz hervorragend. Wir wollten uns gar nicht vorstellen, was die Errichtung des Einkaufszentrums und der Marina mit der Grundsteuer und damit auch mit der ortsansässigen Community gemacht hatte. Jetzt gab es hier ein paar schnieke Siedlungen, aber schaute man dort jetzt für teures Geld aus dem Fenster, erblickte man statt dem Meerbusen eine in der salzigen Ozeanbrise rostende und bröckelnde Ruine. Aber man war unter sich.

Der zweite, ganz und gar unreale Ort war New York City. Genauer gesagt der Time Square. Wir waren mit dem Pendelzug von New Haven und mit der U-Bahn herkommen. Der gesamte unterirdische Fußweg zum Shuttle von der Central Station zum Time Square war von großflächigen Werbeflächen für Mittel gegen erektile Dysfunktion gesäumt. In der Stadt der Wolkenkratzer ein nahezu freudianischer Anblick. Insbesondere wenn man bedenkt, dass der Anblick einer weiblichen Brustwarze in der öffentlichen Wahrnehmung der Heimsuchung durch den Gottseibeiuns gleichkommt. Beim Auftauchen aus der Unterwelt, die nach Desinfektionsmittel, Schienen-Schweißen, Achselschwitz und Gott-allein-weiß-was roch, blieb mir vor Schreck kurz der Mund offen. Ich fühlte mich in der Sekunde wie ein winziger Marty McFly in „Back to the Future II“. Ungläubig starrte ich unter meiner Boston Celtics-Mütze hervor auf die quietschbunten und animierten Werbeflächen an den Steilwänden der Häuserfluchten. Zwar schnappte kein Haifisch nach mir, dafür aber computeranimierte Dinosaurier und knapp bekleidete Olympier-Körper beiderlei Geschlechts. Komplett reizüberflutet liefen wir gleich in die falsche Richtung. Das spülte uns direkt vor die Tür des örtlichen Geschäftes für Baseballkappen. Das traf sich vorzüglich, wünschte ich mir doch eine von den New York Yankees. Also kurz hinein, die Kappe geholt und wieder raus. So stellt sich das der Kleinstädter aus New Haven vor. Ich fand mich verwirrt vor den steilen Felsküsten eines Meers aus Baseballkappen wieder. Die ich wollte, sahen auf den ersten Blick auch alle gleich aus: Dunkelblau mit einen N und Y in Weiß darauf. Erst bei näherer Betrachtung offenbarte sich die Vielfalt der Schnitte und Formen. Flexibel wie ich bin, holte ich mir genau das Model desselben Herstellers vom Regal, von dem auch meine „Celtics“-Mütze war. Die Kassa blockierte eine Gruppe ältlicher Südamerikanerinnen, die ganz entspannt und in Zeitlupe ihre Geldbörsen und Dollarnoten zückten und sich anschließend nicht bedankten, als wir ihnen die Tür aufhielten. Als Juliane endlich an die Reihe zum Bezahlen kam, vollführte der junge Mann hinter dem Tresen ein Tänzchen für sie und bot ihr eine individuelle Bestickung aus dem Computer für die Kappe an. Peinlich berührt hob ich den Blick zur Decke, wobei ich bemerkte, dass alle jungen Männer diese Stickereien an der Mütze hatten. Und dass alle vom Verkaufspersonal sangen und tanzten. Je nach ihrem Gegenüber intensiver. Juliane löste einen Veitstanz aus.

Vor einem Turnschuhgeschäft ein paar Querstraßen weiter tanzte der Nächste am Eingang. Mit rosig enthaarten Waden und Wangen, ein paar Laufschuhe in der Hand. Der Bienentanz sollte wohl Artgenossen an die Blüten oder den Honigtopf locken. Wenige Meter drängten wir uns die Menschenmassen an Batman, Supermario, Pinguin und anderen Comicfiguren vorbei, die ihre Kostümierung zum Ablichten mit und durch Touristen feilboten. Meine zweite Sozialisation war indes soweit gediehen, dass mir weder jene Kostümierten noch die Keiler der Sightseeingtouren ihre Dienste anboten. Solange ich mit Vollbart, Base-Cap und Trucker-Jacke nicht den Mund aufmachte, hielten mich sogar die professionellen Entertainer für einen Neuengländer.

Im Hotel Pennsylvania angekommen, meinte ich wiederum ich träumte. Nicht weil es jenes berühmte Hotel ist mit der ältesten Telefonnummer New Yorks, der Glenn Miller einen Song gewidmet hatte: „Pennsylvania 6-5000“. Nicht, weil hier der Caesar-Salat erfunden wurde, oder weil in diesen ehrwürdigen Hallen die erste Star Trek-Konvention der Geschichte stattgefunden hatte. Nein! Die in der Lobby aufgestellten Check-In-Terminals waren aufgrund einer technischen Störung nicht in der Lage, die reservierten Zimmer zu lokalisieren. Das Resultat war eine Warteschlange vor zwei überforderten Angestellten, in der Juliane eine Stunde verbringen musste. Zeit genug für einen Schotten, meiner Frau seine Dienste als Witwentröster anzutragen. Zum Glück für ihn war mein innerer Schotte vom Anblick unseres Zimmers paralysiert, dass regulär bis zu 318 US-Dollar die Nacht kostet. Immerhin hatte es ein eigenes Bad, für dasselbe Geld bekam man, las man nicht ausführlich das Kleingedruckte, in New York ein Zimmer mit Gemeinschaftsbad. Aber, verglichen mit meinem ersten Hotelzimmer in New York (YMCA Vanderbuilt), das eigentlich nur aus einem Stockbett und einem riesigen Röhrenfernseher bestanden hatte, war das hier Luxus. Sogar der Dreck auf dem Teppichboden hatte historischen Anspruch. Juliane wurde von alldem an Ferien im Kommunismus erinnert. Ständig musste man für irgendetwas Schlange stehen. Sogar für das Frühstück, dass einem mit missmutiger Miene nach Übergabe eines Gutscheins aus Kartonschachteln gereicht und traurig an Stehtischen in der Lobby verzehrt werden konnte. „Hoch lebe der Kapitalismus!“, dachte die Gattin, schritt von allen Seiten bestaunt an der Schlange vorbei und kaufte uns Kaffee und Gebäck mit Bargeld statt mit Coupon.

Fortsetzung folgt…

Montag, 28. Mai 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 32)


Teil 32: Das österreichische Landgasthaus



Austrian Country Cuisine, österreichische Landküche, das klang wie ein Versprechen, gleichzeitig aber auch wie eine Drohung. Das europäische Vorurteil über den US-amerikanischen Gaumen lautet: Verbranntes Fleisch, Fett und Zucker. Dazu Makkaroni mit Käse. Garniert mit Zucker. Zentnerweise serviert. Ebenso viele Vorurteile gibt es von US-amerikanischer Seite gegen das europäische Essen. Nur was Chinesen essen gilt als schlimmer. Manchmal stimmt´s von beiden Seiten, mehrheitlich jedoch gar nicht. Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über, genau darum reden und schreiben Österreicher gerne und häufig übers Essen. Das Abendessen im österreichischen Landgasthof im nahen und idyllischen Cheshire war als End- und Höhepunkt eines Seminars über österreichische Literatur gedacht. Das auf Papierweiß gedruckte Wort schmeckt und riecht aber nur nach Druckerschwärze, und grau bleibt darum jede Theorie. Daher lautete die Idee: Da hilft nur der Praxistest, die Probe aufs Exempel. Doch erstens kommt es immer anders und zweitens als man denkt, die Studentinnen und Teilnehmer zeigten nach dem Abholen ihrer Note fürs Lesen keinen Appetit aufs Erholen beim Essen. Sie hatten kein Interesse, ihren Horizont über den Burger-Tellerrand zu erweitern. Wie langweilig. Ich bin zwar manchmal ein Frosch, aber immer einer, der zum Sprung über den Brunnenrand bereit ist. Wir nahmen es wie es kam. Der Gruppenausflug wurde ein Abend unter acht Augen. Ein Abendessen, das unter anderem dadurch als bemerkenswert angesprochen wurde, weil es völlig ohne Jobtalk auskam. Wenn Charakter dadurch ausgedrückt wird, wie sich ein Mensch gegenüber jemanden verhält, der nichts für einen Tun kann, dann besteht die Natur der meisten Beziehungen an diesem Ort darin, keinen zu haben. Entsprechend freuten sich die um den „Stammtisch“ Versammelten über jede und jeden, den sie zurückgelassen hatten.

Schon die Autofahrt nach Cheshire war sehenswert. Nicht ohne Grund galt der Ort als Platz, an dem man leben möchte. Gepflegte Häuser und Gärten reihten sich im besten Neuengland-Klischee aneinander. Cheshire mit seiner weißen Holzkirche und den Backsteinhäusern im Kolonialstil ringsum wirkte wie eine Hollywoodkulisse, ganz wie jenes „Überall in Amerika“, das wir bei der Warner Brothers Studiotour erlebt hatten. Dabei hat Cheshire auch eine dunkle Seite, nämlich eine Strafvollzugsanstalt. Und die sogenannten Cheshire-Morde hatten die letzten Diskussionen über die Todesstrafe in Connecticut ausgelöst. Wir waren aber keine solchen Gruseltouristen. Mir stand der Sinn nach einem anderen Thriller. Der Gedanke, in den USA ein österreichisches Restaurant zu besuchen, weckte in mir den Reiz des Unbekannten und der Gefahr, Vertrautes und Bekanntes seltsam entstellt serviert und vorgesetzt zu bekommen. All das Mirakulöse und Monströse dann in den schillerndsten Farben zuhause erzählen und hier schildern zu können, auch das hatte seine Verlockung. Die Rechnung ging aber nicht auf. „The Watch Factory Restaurant“ wird von einem waschechten Tiroler aus Brixen im Tale geführt und bekocht. Schon beim Hereinkommen hatte ich das Gefühl, wirklich ein Gasthaus auf dem Land irgendwo in Österreich zu betreten. Holzvertäfelung, Fliesenboden, Herrgottswinkel, Stammtisch, weiße auf gemusterten und farbigen Tischdecken, alles da. Obwohl es genug Themen gegeben hätte und wir an den „Stammtisch“ gesetzt wurden, ersparten wir uns die politischen Diskussionen, das Essen sollte ja schmecken. Die Speisekarte las sich jedenfalls kaum anders als eine österreichische. Mit der Ausnahme, dass unter „Entree“ wie landesüblich die Hauptspeisen und nicht wie aus Europa gewohnt die Vorspeisen aufgelistet waren, und mit ein paar Zugeständnissen an US-amerikanische Geschmäcker. Diese Anpassungen fielen jedoch nicht viel skurriler aus, als wenn man sich von der österreichischen Grenze nordwärts bewegt. Das Jägerschnitzel wurde in der Panier (dt.: Panade) mit Schwammerl- (bzw. Champignon-) Sauce serviert. Und nicht „Natur“ wie es „richtig“ erscheint. Bei manchen meiner Landsleute löst das bekanntlich (und nachvollziehbar) Ekel aus, mir schmeckt das so eigentlich ganz gut. Sachertorte mit Himbeermarmelade, das geht dann aber zu weit und grenzt auch für mich an Barbarei. Das Wiener Schnitzel kam dafür korrekt vom Kalb. Da ich aber keine Kinder esse, wurde es für mich das „Schweinswienerne“, das heißt ein Schweinsschnitzel nach Wiener Art. Die zum Schnitzel erhältlichen Beilagen lasen sich zunächst schon ein wenig exotisch. Salat stand nicht zur Auswahl, weder Vogerl- noch Kartoffelsalat. Dafür Kartoffelpuffer und Erdäpfelpüree. Todesmutig hatte ich letzteres schon zuvor bei anderer Gelegenheit probiert, auch schon selbst gekocht, darum wählte ich diese Variante. Das Schnitzel nach Wiener Art wurde nicht frittiert, sondern korrekt und schmackhaft in der Pfanne gewendet. Ich glaube, sogar in Butterschmalz. Da gab es rein gar nichts zu mäkeln. Zuvor aß ich eine eingebrannte bzw. legierte Gemüsesuppe wie ich sie schon als kleines Kind im Gasthaus Daniel im Waldviertel gegessen hatte, vor mittlerweile unglaublichen vier Jahrzehnten. Zum krönenden Abschluss unseres österreichischen Abendessens kam Markus Patsch sogar aus der Küche und schüttelte uns die Hand. Er erzählte uns, dass der Koch in seinem Lokal in München so ein seltsames Deutsch sprach, weil er wie Juliane aus Sachsen kam. Die Welt ist ein Dorf.

Die Begegnung mit einem anderen, berühmten Sachsen und seiner besonderen Sprache blieb bei mir nicht ohne Folgen. Juliane hat mir aus einer der zahlreichen Bibliotheken der Universität ein paar Bücher mitgebracht. Die ausgemusterten Bibliotheksbände werden zur freien Entnahme an den Instituten ausgelegt. Da es sich dabei ganz fachspezifisch recht oft um fremd- also deutschsprachige Titel handelt, sind wir als Muttersprachler im klaren Startvorteil. Und das in jeder Hinsicht. Diesmal hat mir Juliane nämlich ein paar „Exoten“ mitgebracht. Es erscheint mir völlig logisch, warum diese Bücher aussortiert worden sind. Und weshalb einige Zaungäste zunächst große Augen machten, als sie Juliane heimtrug. Nach ihrer Erklärung meines bibliophilen Interesses wich dieses Erstaunen einer anderen Verwunderung. Die Bücher stammen aus den 1920igern und sind augenscheinlich von, na sagen wir mal, nationalem Inhalt. Augenscheinlich. „Das Heilige Reich der Deutschen“ von 1925 handelt tatsächlich und rein wörtlich (wenn auch etwas geschwurbelt formuliert) vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, seiner Geschichte und von nichts anderem. Layout und Satz verströmen einen giftigen Brodem der Deutschtümelei, der sich allerdings noch nicht im Geist und Gebrüll von Feldherrnhalle und Hofbräuhaus manifestiert hatte. Diesen Unterschied muss man allerdings schon einmal gesehen haben, um ihn zu erkennen. Er zeigt sich vor allem daran, dass die Texte in Latein und nicht Fraktur bzw. Kurrent gedruckt sind wie es bis 1941 üblich gewesen ist, weil sie für ein ausländisches, in diesem Fall englischsprachiges Publikum lesbar sein wollten. Ein anderer Titel ist ein Kommentar über die psychologischen Errungenschaften Friedrich Nietzsches von 1926. Rein optisch dasselbe Problem. Zudem umweht den Philosophen aus Sachsen in den USA immer noch der braune Mief der Fehlinterpretation und des Missverständnisses. Sowie der plumpen Fälschung des Willens zur Macht. Als Nietzsche-Fan hat es mir dieses Buch besonders angetan. Es stammt von Ludwig Klages, einem zu seiner Zeit populären Denker und Publizisten um den man damals einfach nicht herumkam. Wenn wundert es, dass Juliane dieser Name sofort ins Auge springt, verfasst sie im Moment das letzte Kapitel ihrer Habilitationsschrift über die „Klage“. Klages indes war in der Zwischenkriegszeit ungefähr das, was ein Richard David Precht für die Philosophie heute ist und ein Richard Dawkins für eh alles. Wie dem auch sei! Ich begann dieses Buch zu lesen. Aus Neugier und Begeisterung. Eine Frau hat vor etlichen Jahrzehnten ihr Lesezeichen darin vergessen, mit ihrem Namen und ihren Notizen darauf. Sie interessierte sich für Zeitungsartikel über Tee. Jeder Druckfehler ist unterstrichen und ein ganz besonders arger ist in professoralem Unmut und gestochener Kurrenthandschrift mit „glatter Satzfehler“ kommentiert. Seither leide ich unter etwas wie einem aufgewühlten und anachronistischen Prosadurchfall. Und auch bei mir wurde die Tragödie aus dem Geist der Musik geboren:

Wir können uns inzwischen wieder gefahrlos ohne Schwimmflügerl ins Freie wagen. Anders als die Leute im Süden, die sich auf Sturm und Überschwemmungen gefasst machen müssen. In New Haven sind die Abende lau, die Nächte heiß und dunstig. Die Balkonsaison ist eröffnet. Etliche unserer jugendlichen Nachbarn versammeln sich auf dem Vorbau des Nebenhauses zu Stuhlrunde mit Bier und Plauderei. Das ist zwar nett, aber laut. Frequenz und Tonlage der aufgrund der Entfernung unverständlichen Gespräche sind schwer auszuhalten. Und die Lektüre von Nietzsche hilft dabei nicht. Immer die Zeile verloren. Das liegt am eigentümlichen Klangbild des geselligen Zusammenseins. Meiner bisherigen Beobachtung nach klingen derartige Gesprächsrunden in allen Sprachen der westlichen Hemisphäre gleich. Unabhängig vom Inhalt, der aber wahrscheinlich auch überall derselbe ist. Für meine Ohren und den gequälten Geist dazwischen hört sich das dann so an: Ein gemurmeltes Adagio con moto hebt zu einem Andante an, das fast augenblicklich in ein Allegro con brio übergeht, welches seinerseits in ein Crescendo mündet, in eine Lachsalve. Das nun folgende Presto risoluto erstirbt schon im nächsten Takt zu einem Adagio. Ab hier dann weiter wie zuvor. Das Schema wiederholt sich. Bis zur totalen Ermattung oder wütenden Raserei des unbeteiligten Zuhörers. Und zwei Häuser weiter heult schon der Hund im Garten. Und man möge mir verzeihen, dass ich einem Miniatur-Nietzsche gleich nur Florettstöße des Hasses und Hammerschläge des Zorns für diese Sesselkreise und Nudelsalatrunden übrig habe, da ich in deren Alter wenn nicht gleich ausgeschlossen, so doch an den Rand oder die Eselsbank gesetzt worden bin. Weil ich schon früh als Orchesterinstrument verstimmt nie den richtigen Ton getroffen habe, in den notwendigen Gleichklang einzustimmen, um ein erfolgreiches oder auch nur von meinen Zuhörern respektiertes Stück abzuliefern. Sodass ein objektiv nur Misstöne quäkendes Instrument, solange es nur die richtige, das heißt: gefällige Tonart trifft, im Konzert besser gelitten ist als ich. Vor allem wenn ich in meiner jugendlichen Begeisterung bei meiner Rede die Zügel schleifen ließ, gingen mir allzu oft die Pferde durch. Der größte Dummkopf erscheint klug, hält er nur lange genug seinen Mund. Und umgekehrt.

In klaren Momenten weiß ich heute, dass jemand schon ein gehöriges Maß an verbitterter Feindseligkeit samt Minderwertigkeitsgefühl mitbringen muss, um einen derart enthusiastisch daher schwafelnden jungen Menschen seine Galle schmecken zu lassen. Gern bezeichnet man die oder den dann als Histio oder Narziss, dabei handelt es sich bloß um ein Fohlen auf der Weide. Ich denke, die Welt würde ein besserer Ort, sobald die Menschen mehr achteten, was jemand sagt und weniger darauf, wie oder in welcher Weise jemand etwas sagt. Eine Antwort lässt vielleicht einmal etwas länger auf sich warten, weil sich der Angesprochene die Mühe macht, vor dem Reden über seine Worte nachzudenken. Die Erwiderung erfolgt natürlich schneller, wenn sie vorbereitet und nach dem Allerweltsgaumen abgeschmeckt daherkommt. Hätten Populisten mehr aufmerksame Zuhörer, sie hätten automatisch weniger Publikum.

Dergleichen überkommt es mich, Nachtens schlaflos schwitzend, beim Versuch, in Ruhe Nietzsche zu lesen… O weh! Ich hoffe das gibt sich wieder.

Fortsetzung folgt…