Bisher erschienen:

Bisher erschienen:

Samstag, 21. April 2018

Paulus und noch mehr Haareraufen - Kommentar zur Verhüllung des weiblichen Haupthaars

By Bartolomeo Montagna -
 EwEzl9zb0cohpg at Google Cultural Institute maximum zoom level,
Public Domain,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23980761

Lassen wir es einmal dahingestellt, ob es sich bei der Forderung nach einem Verbot des islamischen Kopftuchs in Kindergärten und Volksschulen seitens der Politik um einen Smogscreen handelt, um von weit drängenderen politischen Problemen abzulenken. Hinterfragen wir auch nicht die Möglichkeiten der Gesetzgebung in einem aufgeklärten Verfassungsstaat. Versuchen wir stattdessen mit den schriftlichen Quellen, die jeder und jedem leicht zur Verfügung stehen, zu ergründen, wo die ganze Debatte innerhalb der so genannten westlichen Gesellschaft um das Verhüllen der weiblichen Kopfhaare seinen Ursprung nahm.
Ich weiß, diese Aufgabenstellung gestaltet sich dieser Tage nicht leicht. Vieles, das auf Grundlage ordentlicher Feldforschung und fundierter Literaturstudien geschrieben, gelesen und gelehrt wurde, kann heute in der angeheizten Diskussion in gutem Glauben und/oder frei nach Gutdünken einfach so vom Tisch gewischt werden. Nichtsdestotrotz werde ich es an dieser Stelle erneut, unaufgeregt und mit Fleiß versuchen, ich habe nämlich sehr viel Recherchematerial und Zeit:

Durch die Verbreitung des Christentums fand auch die Deutung des weiblichen Haupthaares als sekundäres Geschlechtsmerkmal und sexuelles Attribut Eingang in die europäische Alltagskultur. Unser „westliches“ Verständnis für diese Dinge scheint bis heute von den griechischen, römischen und monotheistisch orientalischen Ansätzen geprägt zu sein. Diese sprachen der Frau eine rein passive Rolle zu. In vielen heidnischen, vor allen keltischen und germanischen Gesellschaftsformen, sah das Geschlechterverhältnis anders aus. Viele erinnern sich bestimmt, dass es unter älteren Frauen auf dem Land stets üblich war, ein Kopftuch zu tragen, sobald sie das Haus verließen. Auch das Sprichwort, jemanden „unter die Haube zu bringen“, zu verheiraten, legte beredtes Zeugnis ab. Maria Theresia und Queen Victoria trugen seit dem Tod ihrer geliebten Ehemänner (1765 bzw. 1861) bis zu ihrem Tod eine Witwenhaube (1780 bzw. 1901). Wollte ein christlicher Künstler die Unbeflecktheit der Heiligen Jungfrau Maria zum Ausdruck bringen, stellte er sie mit offenem wallendem Haar dar. Nur unverheiratete und somit jungfräuliche Mädchen durften so zur Kirche gehen. So einfach und eindrücklich war das. Seinen Ursprung hatte diese Prägung im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther:

„Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren.
Will sie sich nicht bedecken, so soll sie sich doch das Haar abschneiden lassen! Weil es aber für die Frau eine Schande ist, dass sie das Haar abgeschnitten hat oder geschoren ist, soll sie das Haupt bedecken.“
[1 Kor 11, 5-6; Lutherbibel 1984]

Der Text stammt aus dem Jahr 50 oder 51 n. Chr., die Autorenschaft von Paulus gilt unter Theologen als unbestritten. Insbesondere für Argumente in der Debatte um das islamische Kopftuch im öffentlichen Raum wird der Paulusbrief oft und gerne zurate gezogen. Das Sendschreiben regelte mehrere Fragestellungen, der Brief umfasst seit dem Mittelalter sechzehn Kapitel. Unter anderem auch das Geschlechterverhältnis. Ganz im Sinne seines Glaubens und des Verständnisses wie es im rund zweihundertfünfzig Jahre älteren Text von Jesus Sirach Ausdruck findet, beschrieb Paulus den Mann als das „Haupt der Frau“ [1 Kor 11,3; ebd.].


By workshop of Jörg Breu the Younger -
 http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0004/bsb00042105/images/,
Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12043028

Das Buch Jesus Sirach (auch Ecclesiasticus oder Ben Sira et alii) stammt aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Es ist ein zumeist als apokryph beschriebener Text der Weisheitsbücher der jüdisch-christlichen Bibel. Martin Luther hat das Buch aus seiner Bibelübersetzung gestrichen aus Mangel an Beweisen für seine Authentizität. Diese sind inzwischen von der Archäologie erbracht worden, aber der Reformator hatte auch große Probleme mit dem Inhalt des Textes. In reformierten Bibelausgaben sucht man dieses Buch vergeblich, in ökumenischen und katholischen findet man es sehr wohl. Das Gesinnungstestament eines Gelehrten und Lehrers warnt vor den schlimmen Folgen einer missratenen Kindeserziehung für das gesellschaftliche Ansehen eines Mannes bzw. Vaters (Kapitel 22). Der Text gibt in der Folge erste, d.h.: im Rahmen der monotheistischen Buchreligionen bezeugte, klare Anweisungen für die unterschiedliche Erziehung von Jungen und Mädchen:

„Eine Tochter ist für den Vater ein Schatz, den er hütet, die Sorge um sie nimmt ihm den Schlaf:
in ihrer Jugend, dass sie nicht verschmäht wird,
nach der Heirat, dass sie nicht verstoßen wird,
als Mädchen, dass sie nicht verführt wird,
bei ihrem Gatten, dass sie nicht untreu wird,
im Haus ihres Vaters, dass sie nicht schwanger wird,
im Haus ihres Gatten, dass sie nicht kinderlos bleibt.
Mein Sohn, wache streng über deine Tochter, damit sie dich nicht in schlechten Ruf bringt,
kein Stadtgespräch und keinen Volksauflauf erregt,
dich nicht beschämt in der Versammlung am Stadttor.
Wo sie sich aufhält, sei kein Fenster, kein Ausblick auf die Wege ringsum.
Keinem Mann zeige sie ihre Schönheit und unter Frauen halte sie sich nicht auf.
Denn aus dem Kleid kommt die Motte, aus der einen Frau die Schlechtigkeit der andern. Besser ein unfreundlicher Mann als eine freundliche Frau und (besser) eine gewissenhafte Tochter als jede Art von Schmach.“
[Jesus Sirach 42, 9-14; Einheitsübersetzung]

Diese Worte beinhalten ganz gewiss einen gewissen Widererkennungseffekt z.B. mit einem Harem. Ihr Ursprung liegt im antiken Jerusalem (oder Alexandria). Der Verfasser, ein gebildeter Jude, gibt seinem Sohn Erziehungstipps, Richtlinien, die lange Zeit, in manchen Teilen der Gesellschaft bis heute, Gültigkeit haben. Wer jetzt denkt, den (Enkel-)Söhnen erginge es liebevoller, die oder der irrt gewaltig:

„Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, damit er später Freude erleben kann.
(…)
Beug ihm den Kopf in Kindestagen; schlag ihn aufs Gesäß, solange er noch klein ist,
sonst wird er störrisch und widerspenstig gegen dich, und du hast Kummer mit ihm.“
[Jesus Sirach, 30, 1 und 12; ebd.]

War und ist die von Jesus Sirach vertretene Pädagogik aus heutiger Sicht archaisch, brutal und nach aufgeklärtem Verständnis gegen die Menschen- und Kinderrechte, so hielt der Text auch überaus praktische Verhaltensregeln für fast alle Lebenslagen bereit. Das reichte von Tischsitten bis zum Umgang mit Freunden, Vorgesetzten und sogar mit Kreditwesen. Insbesondere für ultra-konservative religiöse Gruppierungen hat Jesus Sirach im Krankheitsfall einen guten Rat. Und um hier nicht nur seine schwarze Pädagogik zu zitieren:

„Doch auch dem Arzt gewähre Zutritt! Er soll nicht fernbleiben; denn auch er ist notwendig.
Zu gegebener Zeit liegt in seiner Hand der Erfolg, denn auch er betet zu Gott,
er möge ihm die Untersuchung gelingen lassen und die Heilung zur Erhaltung des Lebens.“
[Jesus Sirach 38, 13-14; ebd.]

Niemand hätte nach Aufklärung und Kulturkampf in Europa damit gerechnet, dass Paulus im einundzwanzigsten Jahrhundert noch einmal gesellschaftspolitische Relevanz bekommt. Für die australische Erfinderin des Burkini, Ahada Zanetti, bedeutet die verhüllende Badekleidung aus einem Lycra-Teflon-Stoffmix vor allem eines, nämlich Teilnahme am öffentlichen Leben. Während in Mitteleuropa heftig über ein Verbot des Burkini in öffentlichen Badeanstalten und an Stränden diskutiert wird. Der Name Burkini ist eine Wortkreuzung aus "Burka" und "Bikini". Er beschreibt einen Zweiteiler zum Baden, dessen lange Hose und Oberteil Arme und Beine bedecken. Kopf und Hals bekleidet der angenähte "Hijood", seinerseits ein Wortspiel aus "Hidjab" (dt.: Kopftuch) und "Hood" (dt.: Haube). Das Gesicht bleibt frei.
"Der Körper einer Muslimin wird immer politisiert. Egal, ob er bedeckt ist oder nicht", sagt Ahada Zanetti, die auch die Sportbekleidung für Afghanistans Frauen-Fußballteam und Bahrains Olympia-Läuferinnen entworfen hat [Zitiert nach: derstandard.at, 22.August 2016]. Dass sie mit den Produkten ihrer Firma Ahiida muslimischen Frauen Selbstvertrauen und Komfort bieten möchte, argumentiert Ahada Zanetti so: „Sie wollen, dass wir uns in ihre westlichen Ideen einfügen. Ich bin eine fähige, unabhängige Frau. Das ist mein Körper, mein Tempel. Ich entscheide, wie ich ihn zeigen möchte." [ebd.] Und sie bezieht sich mit ihren Worten, bewusst oder unbewusst, auf den Apostel Paulus und seinen ersten Brief an die Korinther aus dem ersten Jahrhundert:

Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.
[1 Kor 6, 19-20; Lutherbibel 1984]

In der spätantiken männlich dominierten hellenistischen Gesellschaft rannte Paulus als römischer Bürger jüdischen bzw. später christlichen Glaubens mit seinen Wertvorstellungen offene Türen ein. Das Resultat war, dass mit der Machtergreifung des monotheistischen Christentums im römischen Weltreich das Weibliche zunächst komplett aus dem öffentlichen Raum und der Religion verbannt wurde. Die alten Götter wurden zu Dämonen gemacht, die uralten Muttergöttinnen verteufelt. Die Misogynie, die Frauenfeindlichkeit, feierte in Theologie und Politik fröhliche Urstände. Nur in der europäischen Volksfrömmigkeit konnte dieses rigide Konzept nicht gänzlich greifen. Die Marienverehrung machte dem Bestreben einen dicken Strich durch die Rechnung. Und vorchristliche Vorstellungen und Kultplätze blieben Überlieferungen, Inquisitionsakten und modernen archäologischen Befunden zufolge bis ins Hochmittelalter und in Britannien bis in die Neuzeit am Leben.


Mittwoch, 18. April 2018

MIASMA-Exemplare erhältlich

Von meinem 2007 erschienenen Debütroman und erstem Verschwörungsthriller über zwei Freunde, die einem historischen Geheimnis näher kommen als ihnen lieb ist, sind einige Exemplare aus der ersten, inzwischen vergriffenen Auflage direkt vom Verlag erhältlich. 
Um eines (oder gleich mehrere) zu erwerben, einfach ein Mail an die Verlegerin schicken:

elena.ostleitner@vierviertelverlag.at


"Miasma oder: Der Steinerne Gast" ist ein schönes und qualitativ hochwertig hergestelltes Buch (siehe Foto). Inhaltlich hat es meiner Meinung nach alle Stärken und Schwächen eines Erstlings. Ich denke, Buchliebhaber werden ihre Freude an der Ausgabe haben. Und Fans von Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert sollten auf alle Fälle ein Exemplar haben oder als Geschenk bekommen. Wo doch beide Komponisten ein und dieselbe Person waren... ;-)
Viel Spaß beim Lesen und Alles Liebe!
19.11.2008: Elena Ostleitner, meinereiner, Richard Steurer. (v. l. n. r.)

Freitag, 13. April 2018

Der Stammbaum der Queen - Ein Kommentar



(c) By Sodacan - Own work, CC BY-SA 3.0,
 https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21101265
Gerüchteweise war es der einzige Scherz, der dem deutschen Kaiser und Enkel Königin Victorias von Großbritannien und Irland (der „Großmutter Europas“) Wilhelm II., zeitlebens gelungen war: Er fragte angeblich, nachdem das britische Königshaus am Beginn des Ersten Weltkriegs seinen Namen gewechselt hatte: Und Shakespeares Stück „Die lustigen Weiber von Windsor“ heißt jetzt „Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg“?
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren und dem Untergang der alten Weltordnung dieser Tage, dachte ich, dass solche, rein dynastischen Fragen im modernen Europa keinerlei Rolle mehr spielen würden. Aber heute entdeckte ich in meiner Lektüre für den Ort, an den auch Seine k. u. k. apostolische Majestät, der österreichische Kaiser, zu Fuß hinging, der Kronen Zeitung, diesen faszinierenden Artikel:
Königin Elisabeth II. wäre demnach eine Nachfahrin des Propheten Mohammed. Warum nicht? Die Indizienkette, wenn nach so vielen Jahrhunderten auch rostig und brüchig, präsentiert sich augenscheinlich nachvollziehbar. Die Frage bleibt aber bestehen: Was geht mich das heute an? Ist es in der aktuellen Situation relevant, mit wem die Queen verwandt ist? Letztlich bleibt das eine Glaubensfrage. Und genau das ist meiner Meinung nach der Knackpunkt. Für einige Menschen hat Genealogie heute noch eine große Bedeutung. Auch wenn die Mehrheit der europäischen Bevölkerungen bei dem Thema nur noch mit den Schultern zuckt. Die Abstammung der Königinnen und Könige von Großbritannien war und ist für diese Zeitgenossen nach wie vor ein Thema, das weit über die bunten Bilder und die Boulevardprosa der Regenbogenpresse hinausgeht, nämlich ein zutiefst religiöses:
Es gibt heute noch Menschen wie z.B. die Christian Assemblies International (CAI), die fest daran glauben, dass die jetzige Königin Elisabeth II. über die schottischen Stuarts und die Kurfürsten von Hannover eine direkte Nachfahrin des Königs David aus dem Alten Testament ist. Für sie sind die Briten das biblische Volk des Löwen und des Einhorns, das von den Stämmen Israels abstammt. Völlig aus der Luft gegriffen ist diese aus dem edlen Holz der Hainbuche anmutende Konstruktion keineswegs. Dieser fantasievolle Kunstgriff kreativer Herrschergenealogie ist kein Relikt des Mittelalters oder der frühen Neuzeit. Hier geben sich spekulative Fantasie und Aberglauben den Anschein fundierter Wissenschaftlichkeit. Dieser christlich-nationale Glaubensinhalt beruht auf den Schildhaltern Löwe und Einhorn des königlich-britischen Wappens sowie Numeri/ 4.Mose 24, 6-9 (KJV), wo beide Symboltiere erwähnt werden:
God brought him forth out of Egypt; he hath as it were the strength of an unicorn: he shall eat up the nations his enemies, and shall break their bones, and pierce them through with his arrows.
He couched, he lay down as a lion, and as a great lion: who shall stir him up? Blessed is he that blesseth thee, and cursed is he that curseth thee.”
[Numeri/ 4.Mose 24, 8-9 (KJV)]
In heutigen deutschsprachigen Bibelübersetzungen findet sich an dieser Stelle das Einhorn nicht mehr (wie noch bei Martin Luther), sondern stattdessen Wildstier oder Auerochse:
„Gott, der ihn aus Ägypten geführt hat, ist für ihn wie das Horn des Wildstiers. Er wird die Völker, seine Verfolger, auffressen und ihre Gebeine zermalmen und mit seinen Pfeilen zerschmettern.
Er hat sich hingestreckt, sich niedergelegt wie ein Löwe und wie ein junger Löwe – wer will ihn aufstören? Gesegnet sei, wer dich segnet, und verflucht, wer dich verflucht!“
[Numeri/ 4.Mose 24, 8-9 (Lutherbibel 1984)]
Löwe und Einhorn waren mächtige Symboltiere. Der Glaube an ihre Existenz und/oder an ihre Wirkungskraft hatte von der klassischen Antike bis ins Mittelalter überlebt. Der König der Tiere galt als das Symbol der Stärke und Macht, als Anrufung Jesu Christi in Form des „Löwen von Juda“. Ein Motiv, dass uns heute noch und nach wie vor populär in der Reggae-Musik begegnet, z.B.: Bob Marley: Iron Lion Zion. 1973/74, worin der Löwe von Juda den äthiopischen Kaiser Haile Selassie I. repräsentierte, den Messias des Rastafari-Glaubens. Der Löwe war auch Zeichen der Wachsamkeit (1 Petrus 5,8) und der Auferstehung. Er wurde zu einem der weitverbreitetsten Embleme königlicher und fürstlicher Familien und beliebtem Schildhalter in der Heraldik.
Das Einhorn war ein mystisches Tier, das Ursprung und Existenzberechtigung unter anderem aus der Naturalis historia (dt.: Naturgeschichte) Plinius des Älteren bezog. Seit dem zwölften Jahrhundert wurde das Einhorn zum Symbol der Epiphanie (dt.: Erscheinen bzw. Fleischwerdung des Herrn). In der höfischen Literatur der Minnesänger stand das ätherische Wesen für Reinheit, Keuschheit und galt zudem als „Fänger“ von Poeten, da das Einhorn nur im Schoss einer Jungfrau erlegt werden konnte. Dass sich heute an die magische Gestalt des Einhorns nicht bloß die Träume kleiner Mädchen und romantischer Nerds knüpfen, zeigt sich wohl am deutlichsten daran, dass der animierte Fantasyfilm „Das letzte Einhorn“ [OT: „The Last Unicorn“] von 1982 und sein Soundtrack nicht bloß in Fankreisen als Kult und Keimzelle des Anime gelten, und das Einhorn seit 2015 als Logo für nachhaltige und vegane Kondome dient.
In kaum einem anderen Kunstwerk ist diese Zweiheit, Löwe und Einhorn, schöner und eindrücklicher dargestellt worden als in der sechsteiligen Tapisserie, bekannt als La Dame à la licorne (dt.: Die Dame und das Einhorn), die seit 1882 im Musée de Cluny bzw. im Musée national du Moyen Âge in Paris ausgestellt ist. Heute ist dieses Kunstwerk einem Millionenpublikum aus Groß und Klein mehr oder weniger bewusst bekannt, da die Gemeinschaftsräume von Haus Gryffindor in den Harry Potter-Verfilmungen damit geschmückt waren. Die Set-Designer haben sich auch einiges dabei gedacht, waren in den Augen des fiktiven Hogwarts-Gründers Godric Gryffindor die Haupttugenden seiner Schüler doch Tapferkeit und Loyalität. Dementsprechend war Rot die dominierende Farbe.
An beiden Symboltieren, Löwe und Einhorn, lassen sich exemplarisch die beiden treibenden Kräfte des europäischen Hochmittelalters festhalten: Glaube und Sex. Auf dem Boden der Tatsachen angekommen, wundert es uns nicht, zu erfahren, dass auch im königlich-britischen Wappen die Schildhalter Löwe und Einhorn für nicht mehr und nicht weniger als England und Schottland stehen. Die beiden Tiere verkörpern die beiden Kernterritorien des Britischen Weltreichs, die englisch-schottische Personalunion von 1603. In ihrer heutigen Erscheinungsform stützen Löwe und Einhorn den Wappenschild Großbritanniens seit 1837, seit der Thronbesteigung von Königin Victoria.
Die Äste und Wurzeln desselben Stammbaums Königin Victorias und in Folge auch ihrer Ururenkelin Elisabeth II. wurden gleichzeitig in eine völlig andere Richtung gekrümmt und gebogen, weg vom Haus Juda, den Königen von Israel, hin zur Gothic Revival, der Gotischen Wiederbelebung, die dem Ideenreichtum der nationalistischen Young England–Bewegung entsprungen war. Ihrer Kreativität zufolge stammte Victoria direkt von den sächsischen Königen Englands ab. Das Junge England sehnte sich zurück in die Tage der sächsisch-englischen Königreiche vor der normannischen Eroberung im elften Jahrhundert. Der Gotischen Wiederbelebung zugrunde lag ein Mythos, die Legende eines mittelalterlichen goldenen Zeitalters Sächsischer Freiheit, in dem Volksversammlungen die Könige direkt gewählt hätten. Diese (stark verklärte) Sächsische Periode der englischen Geschichte bot den Ausgangspunkt für einen erzählerischen Entwicklungsboden für den Charakter des freien englischen Volkes, der es von den Sächsischen Königreichen zur Magna Charta (1215), der Glorious Revolution (1688) und schließlich zur Thronbesteigung der jungen Königin Victoria (1837) geführt hat, zur perfekten Verkörperung der royalen Repräsentanz des Volkes.
Heute stellen die Republiken innerhalb der EU gegenüber den elf parlamentarischen oder konstitutionellen Monarchien (und einer absoluten, dem Vatikanstaat) die Mehrheit. Die Regierungsform Demokratie ist überall die politische Realität. In den aufgeklärten und laizistischen Verfassungen spielen Glaubensfragen eine dem Staat untergeordnete Rolle.
Ich frage mich also, welchen Zweck der Autor mit seiner Forschung bezweckt. Ist es der Wunsch, mit großer Auflage viel Geld zu machen? Nein, das denke ich persönlich nicht, dafür sind sein Ansatz und seine Referenzen meiner Meinung nach zu ernsthaft. Kann man ihn als Spinner abtun, seine Theorie als Hirngespinst? Nein! Denn dazu nehmen ihn und diese Dinge zu viele ernst. Und nicht unbedingt versöhnliche und flexible Zeitgenossen nehmen diese Dinge sehr ernst (s.o.).
Warum das alles? Ist es Provokation? Nein, das denke ich nicht, dieser Mann versucht meiner Meinung nach wirklich einen Ölzweig zu reichen. Eine bedeutende Gemeinsamkeit zweier Kulturen aufzuzeigen.
Was er bei  seinem Versuch meiner Meinung nach aber übersieht ist, dass sich die europäische Mehrheitsgesellschaft nicht länger in diesen geistigen Räumen aufhält und diesen Inhalten seit mehr als hundert Jahren nicht mehr dieselbe Bedeutung beimisst, die er ganz offensichtlich und ehrlich für angemessen hält.
Tradition und Geschichtsschreibung dienen seit alters her einem Zweck: Zur Orientierung Einzelner und zur Verortung einer Gesellschaft in einer sich täglich neu erfindenden und ständig verändernden Gegenwart. So genannte Konservative wollen oft eine Vergangenheit erhalten, die es so niemals gegeben hat. Ihre politischen und ideologischen Widersacher schüren dagegen ebenso oft Ängste und Bilder, die so auch nicht existiert haben. Geschichte und Identität werden aus Fakten, Zielen und Ideen kontinuierlich neu konstruiert. In diesem System wirken auch Personen bzw. Gestalten, die es real niemals gegeben haben mag, an die ich nicht einmal selbst glauben muss, die jedoch historisch existiert haben, z.B.: Karl der Große oder der Teufel. Vergangenheit bzw. Vorzeit wird weder zu einem bestimmten Zeitpunkt unveränderlich geboren, noch hat sie sich an einem charakteristischen Ort zu einer einheitlichen und überallgültigen Form entwickelt. Vieles wird schlicht vergessen. Geschichtsschreibung ähnelt einem Fachwerkhaus: Die ausgewählten Fakten bilden das tragende Zimmermannswerk, die Ziele das verbindende Flechtwerk, und Inhalte und Ideen sind der alles einhüllende Lehm.
Wer sind die Baumeister? Für wen bauen sie das Haus? Können/Wollen wir darin wohnen?

Donnerstag, 5. April 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 28)


Teil 28: From New Haven to L.A. – Narzisstenbeet und Wallfahrtsort


Bis zu diesem Blogbeitrag hat es eine Weile gedauert. Darum geriet er etwas länger.
Im Leben eines chronisch Kranken mit Behinderung geschieht nicht viel. Wobei, es passiert eine ganze Menge, jedoch nichts, worüber sich für Leserinnen und Leser fesselnd berichten ließe. Nach nunmehr einem Jahr in den USA ist der Alltag endlich wirklich zum Alltag geworden. Es macht sich ein Gewöhnungseffekt und daraus resultierend, Routine bemerkbar. Schritt für Schritt entwickeln wir uns zu einem Detail des Gesamtbilds. Kein Halsrecken und Aufhorchen mehr, wenn Juliane oder ich einen Raum betreten. Nur eines wird sich wie erwartet niemals ändern, sobald ich den Mund aufmache, tönt Wien heraus. Meinen Herkunftsakzent können weder Vollbart noch Basecap camouflieren. Gemeinsam mit der Muttersprache befinden sich auch andere, unveränderliche Bauteile im und auf dem Motherboard des Europäers. Schreibgeschützte Elemente im Betriebssystem gewissermaßen. Wenn es fünf Wochen in Anspruch nimmt, um sein neues Medikament nach der Verschreibung durch den Rheumatologen seines Vertrauens endlich in der Hand zu halten, dann führt das zwangsläufig zu einer Aktennotiz. Nämlich bei der Schnittstelle zwischen dem US-amerikanischen Gesundheitssystem und unserer deutschen Krankenversicherung. An diese Servicehotline wenden sich alle Internationalen, die in den USA Medikamente beziehen müssen. Die Hotline ist als Arbeitgeber sehr beliebt. Auch und vor allem bei unseren farbigen Mitmenschen. Dieses Detail wäre mir im Grunde völlig egal, spielte diese Facette nicht eine wesentliche Rolle in der Reaktion der Angestellten auf die Probleme innerhalb der interkulturellen Verständigung. Eine lange Geschichte kurz gemacht: Ein kranker Mensch will und braucht seine Medikamente. Dabei ist es ihr oder ihm herzlich egal, welche Nation ihr Siegel auf ihren oder seinen Pass gedrückt hat. Der durchschnittliche Hotline Mitarbeiter, kann er (oder sie) sich keinen Reim auf das Gehörte machen, lässt das Anliegen einfach unbearbeitet liegen. Rätsel knacken, das gehört nicht zum Job! Die Gesprächspartner versprechen zurückzurufen und legen auf. Der internationale Patient rechnet mit und wartet auf einen Anruf. Dummerchen! Das gegebene Versprechen hat hierzulande dieselbe Güteklasse wie in Italien die Auskunft eines Passanten, dass die gesuchte Touristenattraktion in der dritten Gasse links ist. Beides ist frei erfunden. Eine Floskel, um die völlige Ahnungslosigkeit zu verbergen, das Gesicht zu wahren und sich aus dem Spiel zu nehmen. Das gebiert Misstrauen. Umso größer die Überraschung, befindet sich das Gesuchte tatsächlich in der dritten Gasse links, oder falls eine Servicemitarbeiterin tatsächlich zurückruft. Immerhin, das Letzte geschieht dann doch immer wieder. Trotzdem, der Geduldsfaden eines kranken Menschen, oder wie in unserem Fall der der besorgten Ehepartnerin, ist mürbe und rissig. Besonders, wenn das Medikament lebenserhaltende Funktionen erfüllen sollte. Anders gesagt: Nicht in den USA sozialisierte Bürger haben nie gelernt, Ärger und Frustration fortwährend herunterzuschlucken. Und zwar so lange, bis eine oder einer mit versteinertem Lächeln in einen Waffenladen geht und Amok läuft. Nein, Europäer werden irgendwann ungemütlich, laut und fordernd. Dann erst kommt das Gegenüber irgendwann darauf, dass die internationalen Krankenversicherer am US-amerikanischen Codesystem nicht teilnehmen. Die Computersysteme sind inkompatibel, Fragesteller und Befragter verstehen sich nicht. Weshalb das US-amerikanische Programm bei jeder Anfrage an einen ausländischen Versicherer die Antwort bekommt, dass die Krankenversicherung die Kosten für die Verschreibung oder Behandlung nicht übernimmt. Und obwohl diese Meldung sachlich und inhaltlich nicht stimmt, ist sie das Signal für den durchschnittlichen US-amerikanischen Jobholder, alles liegen und stehen zu lassen. Und dieses Fallenlassen der Leinen, lässt den kranken Ausländer oder seine Angehörigen die Stücke ausfahren und feuern. Nach dieser folgerichtigen Entladung, konnte ich nach fünf Wochen das neu verschriebene Medikament einnehmen. Obwohl der Arzt meine Reaktion auf die Einnahme nach zwei Monaten überprüfen wollte. Egal. Ende gut, alles gut! Das denkt man. Aber nein, lese ich mir dann die Bewertungen des Arbeitgebers Servicestelle im Internet durch, erfahre ich in den entsprechenden Threads, dass Europäer alles „hasserfüllte Menschen“ sind. Unbelehrbare Rassisten. Allen voran die Schweden. Natürlich, Skandinavier sind ja überhaupt und überall als besonders altbacken und verschlossen verschrien. Liegt wahrscheinlich daran, dass sie alle blond und blauäugig sind… Wie dem auch sei. Die einfache Antwort auf ein komplexes Problem ist eben aus allen Richtungen und Blickwinkeln schnell gefunden.
Das hart erkämpfte Objekt meiner Begierde löste in der darauffolgenden Woche die tollsten Nebeneffekte bei mir aus. Die Details erspare ich gerne. Nur so viel: Ich habe in diesen wenigen Tagen zwanzig Pfund, rund neun Kilogramm (20 lbs = 9,07 kg), abgenommen. Meine im Vergleich zu früheren Kleidergrößen grotesk winzige 32-32 Jeans flattert am Bund. Doch das Resultat ist trotzdem gut. Das Medikament tut, was es soll. Es bewirkt eine medizinisch feststellbare Verbesserung.
Mit diesen wenigen Informationen versorgt, kann sich jede und jeder leicht vorstellen, wie ich in diesen Tagen auf mich selbst beschränkt gewesen bin. Die Existenz beginnt, sich auf den Zustand zu konzentrieren. Die Gedanken kreisen stets um das eigene Ich. Ich würde mich freuen, könnte ich für dieses fortgesetzte Um-sein-Selbst-Gravitieren das Bild eines Sonnensystems verwenden. Vielgestaltige Welten, die um ein strahlendes Zentrum rotieren. Aber leider fühlte ich mich mehr wie eine Stubenfliege mit einer Schlinge aus Bindfaden um den Hals. Am gespannten Zwirn brummte mein Verstand ständig um dieselben Fragen. Grübeln liefert niemals Antworten. Gefangen in der Endlosschleife. Die diversen Fehlfunktionen meines Stoffwechsels begrüßte ich als willkommene Abwechslung. Weil sie ein reales Problem darstellten, kein eingebildetes.
Und noch ein weiterer Schimmer am Horizont verkündete Hoffnung. Und das just zu Ostern. Ich begleitete Juliane nach Kalifornien. Genauer gesagt an die ACLA an der UCLA in LA,CA. Was sich hier liest wie ein Jandl-Gedicht bedeutet: Juliane organisierte und leitete ein Panel auf dem Jahrestreffen der American Comparative Literature Association an der University of California, Los Angeles in Los Angeles, California. Kalifornien! Das klang wie das Land der Verheißung. Wo es sich lebt wie im Schlaraffenland, immer warm, mit blauem Himmel und unter Palmen. Unnötig zu sagen, dass wenn wir dort hinflogen, alles anders kam. Wenn ich den Chinesen erwische, der mich verflucht hat, indem er mir ein interessantes Leben gewünscht hat!

Die Rocky Mountains.
Weltberühmt in Österreich, so fühlte sich wenigstens für ein paar wunderbare Jahre mein Leben für mich an. Die USA lehrten dem Wiener Demut. Sechseinhalb Stunden Flug in eine Himmelsrichtung und noch immer im selben Land! Genauer: Sechs Stunden und fünfzig Minuten nach Südwest. Von Hartford, Connecticut nach Los Angeles. Vom Winter Neuenglands an der Ostküste in den Frühsommer an der Westküste. Vom Atlantik an den Pazifik. Über die Rocky Mountains, die Wüste und den Grand Canyon hinweg. 2,902 Meilen (4,670.32 Kilometer) über Land. Und all das unter einer Flagge vereint. Da schrumpft der einstige Nabel der Welt in der eigenen Wahrnehmung zu einer Interpunktion im illustrierten Weltatlas. Und das war gut so. Die Welt ist bunt. Es gibt viel zu sehen und zu erleben. Ihre Facetten und Spielarten sind vielfältig. Es klingt wie ein Kalauer, aber es stimmt: Was zuhause wichtig war, wird hier ganz klein.
Der Grand Canyon.
Auf dem Flughafen Bradley in Hartford schob (natürlich) ein alter Afroamerikaner meinen Rollstuhl durch die Sicherheitsüberprüfungen und über die Gänge an das Abfluggate. Währenddessen sang er leise das Protestlied „We shall overcome“, und im Rückblick ärgert mich das. Bei allem Verständnis, vor fünfzig Jahren wurde Martin Luther King erschossen. Ich fühle mich als Österreicher, wo Joseph II. 1781 die Leibeigenschaft aufgehoben hat und wo 1815 die Sklaverei auf dem Wiener Kongress verurteilt wurde, nicht verantwortlich. Ganz abgesehen davon, dass es, um mich in meinem Rollstuhl zu überwinden, wenig Kraftanstrengung braucht. Juliane hat ihn zuletzt und ohne es zu beabsichtigen ziemlich beschämt. Sie hat sich herzlich bei ihm für seine Hilfe bedankt und ihm auch ein großzügiges Trinkgeld gegeben. Anekdoten wie diese hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack auf meiner Zunge. Der ganz normale Alltagsrassismus macht das Leben in den USA manchmal nur schwer erträglich, jedenfalls für Juliane und mich.
Der Mann, der mich in Los Angeles in Empfang nahm hatte (natürlich) dieselbe Heritage wie sein Kollege in Connecticut, er war jedoch überaus freundlich. Kalifornien begrüßte mich vorbehaltslos mit einem Lächeln. Und der blaue Himmel und die wirklich bis an den zehnten Stock hinauf reichenden Palmen ließen das Wintergrau Neuenglands rasch verblassen.
Hübsch, aber leider...
Narzissmus und Selbstüberschätzung sind in Kalifornien quasi gleichbedeutend mit dem Menschsein an sich. So lehrte man uns an der Ostküste. Die allerorts behauptete überwältigende Schönheit der Menschen an der Pazifikküste hielt dagegen einer objektiven Überprüfung nicht stand. Unsere direkte Erfahrung mit der so genannten „Californication“ machten wir in Person unseres Airbnb-Vermieters.
Nachdem Juliane nur Gutes über diese Unterkunftsform gehört hatte, buchte sie uns erstmals ein Apartment über die Internetplattform. Es sollte unsre erste und letzte Buchung damit werden. James, so hieß der Vermieter in seinen Emails, sagte uns schriftlich zu, dass wir bereits um 11 in seine Wohnung könnten. Er selbst würde nicht da sein, der Schlüssel aber unter der Fußmatte. Soweit so gut. Das Haus lag in einer wunderbaren Gegend. Bei dem benachbarten prachtvollen Art Deco-Gebäude handelte es sich nicht wie erst angenommen um eine Kirche oder Synagoge, sondern um ein Kino. Das passte hervorragend ins Klischee. Ins Klischee passte leider auch, dass die Schlüssel zum Apartment nirgends zu finden waren. Nach rund sieben Stunden Flug hinter sich und einer Konferenzeröffnung vor sich, war das keine Freude. Unser James hatte uns zwei Telefonnummern gegeben. Die Büronummer war abgemeldet, die Mailbox der Handynummer voll. Die Ansage verriet, dass er im Moment wohl Nachhilfe im Surfen, Racen oder Golfen brauchte und darum nicht erreichbar war. All das erwies sich nicht als vertrauensfördernde Maßnahme. Zum Glück war Julianes Gastprofessor mit demselben Flug angekommen. Ihn riefen wir an, und er besorgte uns auf Anhieb ein Zimmer in seinem Hotel. Nicht bloß das letzte verfügbare Hotelzimmer, nein, das behindertengerechte Zimmer des Hotels. Wer kann es ihm verdenken, dass er für einen kurzen (und berechtigten) Moment Allmachtgefühle verspürte. Wann und wo wären sie angemessener als unter solchen Umständen in Kalifornien. Ich war beruhigt, denn ich hatte schon befürchtet, dass er sich langsam wie ein Pfleger einer Irrenanstalt mit uns als Patienten fühlen musste.
Auf dem Weg in unser „Most Western Best Western“ machten wir mit dem Autoverkehr in Los Angeles erste Bekanntschaft. Die Fahrt von einem Stadtviertel ins gegenüberliegende am anderen Ende der Stadt konnte aufgrund des immensen Verkehrsaufkommens und der Staus mehrere Stunden dauern. In anderen Bundesstaaten entsprachen diese Reisezeiten der Fahrt in eine Nachbarstadt. Unterwegs wurde mir auch klar, weshalb derart riesige Straßenkreuzer beliebt waren. Ein europäischer Kleinwagen konnte unter Umständen in den hiesigen Schlaglöchern verloren gehen. Die Highways und Straßen waren riesig, bis zu acht Fahrstreifen, ihr Zustand war weniger begeisternd. Die Begeisterung über die Palmen am Straßenrand, die Sonne und die netten Uber-Fahrer überblendeten diese Schattenseiten hervorragend. Auch die riesigen Fahnen, die an den Baukränen im Wind flatterten. Mit einem solchen Ungetüm könnte ich leicht unser ganzes Haus in New Haven verhüllen.
Während der Uber-Fahrt ins Hotel rief unser Vermieter an. Plötzlich hieß er Michael. Und nach wenigen gewechselten Worten brüllte er Juliane an. Check-In wäre immer erst ab 5 Uhr nachmittags. Trotzdem verlangte er jetzt, es war 12:30, eine Entscheidung, ob wir kämen oder nicht. Juliane lehnte unverzüglich ab. Bei jemanden, der uns ohne jeder Affektkontrolle anschreit, wollten wir nicht übernachten. Zum Glück hatten wir alle seine Emails aufgehoben. James oder Michael, er hatte uns in die Irre geführt, der Schlüssel lag nicht um 11Uhr für uns bereit. Außerdem hatte er uns nicht informiert, welche gesundheitsschädlichen Baustoffe in dem Apartmentgebäude verarbeitet waren wie es dem Bundesgesetz entsprach. Gewisse Baustoffe sind für Vermieter aushänge- und meldepflichtig. Den entsprechenden Aushang am Gebäude haben wir fotografiert und an Airbnb weitergeleitet. Nachdem er meine Frau angebrüllt hat, dass er eine strikte Kein Geld zurück-Politik hat, lernt er – James, Michael oder wie immer er wirklich heißt – jetzt meine strikte Don´t fuck with me-Politik kennen.
Aber egal. Das Hotel war ohnedies die bessere Wahl. Hier gab es sogar öffentliche Verkehrsmittel ins Stadtzentrum, eine Metrostation und einige Buslinien. Auch der Universitätscampus war ein Augenöffner. Olivenbäume, rote Koniferen und Palmen entlang der Fußwege und Fahrbahnen. Dicke, überreife Zitrusfrüchte an den Bäumen. Zwischen den wunderbaren Pflanzen historische und zeitgenössische Universitätsgebäude. Die Architektur ein faszinierender Stilmix. Sämtliche Epochen von der Antike bis zur Gegenwart unter dem gemeinsamen Nenner Jugendstil vereint. Und über allem wehten natürlich Stars and Stripes und der Bär der Republik von Kalifornien. An diesem Ort befanden sich Patriotismus und Infrastruktur auch in Harmonie.
Nancy und Blanchot... Auweia!
Offiziell hatte die Uni wegen Spring Break geschlossen. Das bedeutete auch, dass alle Aufzüge in den Gebäuden außer Betrieb waren. Da allerdings die Konferenz in verschiedenen Häusern und auf mehreren Stockwerken stattfand, waren überall Konferenzbetreuer*innen unterwegs. Diese aktivierten die Aufzüge mit ihren Schlüsseln für all die Leute wie mich, die keine Treppen steigen konnten. Da hatte sich jemand etwas gedacht und auf ein Problem reagiert.
Trump und Kim haben es lustig...
Unser Ausflug an den Strand von Santa Monica gestaltete sich ebenfalls speziell. Es war Ostersamstag und außer uns hatten auch tausende Andere dasselbe Ausflugsziel gewählt. Den ganzen Vormittag hatte die Sonne geschienen. Als wir am Pier in den Pazifik ankamen, wurde der Himmel grau. Dicke Wolken verhüllten die Sonne über Riesenrad, Vergnügungspark, Strand und Boulevard. Das war ja so klar, dass wenn ich an den Strand kam, an dem die unsägliche TV-Serie Baywatch gedreht worden war, die California-Girls keine Bikinis, sondern Wintermäntel trugen. Auf unserem Spaziergang entlang der Promenade schnatterten wir vor Kälte. Es war am frühen Nachmittag so dunkel geworden, dass die Straßenbeleuchtungen angingen. Den eigentümlichen Charme dieses Ortes tat das keinen Abbruch. Zwischen den Palmen, Agaven und anderen exotischen Pflanzen wuselten so genannte Ground-Squirrels herum. 
Kleine possierliche Pelztiere, die mich an Ziesel mit kurzen buschigen Schwänzen erinnerten. Leider lebten sie im und vom Dreck. Wie allerorts üblich warfen viele Leute ihren Abfall überall hin. Der zweite Blick auf die elegante Gartenlandschaft enthüllte die Pappbecher, Plastiksackerl und Papierbeutel. Auf die Essensreste der Wegwerfgesellschaft stürzten sich die kleinen Nager mit Begeisterung. Sie huschten herbei und wickelten mit schnellen Pfoten alles Essbare aus, um mit vollen Backen im Dickicht und den zahlreichen Erdlöchern in der steilen Uferböschung zu verschwinden. Diese unterirdischen Bauten begünstigten wohl auch die gefürchteten Mudslides/Erdrutsche, deren Narben entlang der Promenade gut sichtbar waren. Auf den Wiesen und unter den mächtigen Stämmen lebten auch einige Obdachlose unter denselben Bedingungen wie die Ground-Squirrels. Die zahllosen Spaziergänger nahmen von ihnen keinerlei Notiz. Das ist ein weiterer, schwieriger Aspekt des Lebens in den USA, mit dem Elend seiner Mitmenschen geht man um, indem man es ignoriert.

Für Ostersonntag hatten wir uns den Höhepunkt unseres Aufenthaltes aufgehoben: Die Warner Bros. Studio Tour. Wir fuhren also mit dem Uber über den wie gewöhnlich verstopften Highway hinüber nach Burbank, vorbei an gruseligen Brandnarben und ausgebrannten Wohnhäusern direkt neben der Autobahn. Da bekamen wir erst ein Gefühl dafür, wie nahe die Buschfeuer der Millionenstadt gekommen waren. Und den luxuriösen Anwesen, die wie mittelalterliche Burgen oder bronzezeitliche Fürstensitze auf den Hügeln ringsum thronten. Am Ziel unserer Fahrt wurde mir schnell eines klar: Ich bin in meinem Leben schon an einigen Wallfahrtsorten gewesen. Auch an den bedeutendsten. Nach Santiago de Compostela war ich sogar zu Fuß gepilgert. Ich traue mich also zu sagen, dass ich einen Kultplatz erkenne, an dem Heilige und Reliquien verehrt werden. Und Plätzen gehuldigt wird, an denen sich Ereignisse einer Heilserzählung oder eines Mythos ereignet haben (sollen). Das Warner Bros.-Gelände war so ein Ort. Und ich wollte und konnte mich seinem Zauber nicht entziehen. An die Stelle der traditionellen spirituellen Erfahrung durch Selbsterfahrung war der Spaß getreten. Eines hatten klassische und dieser sehr gegenwärtige Wallfahrtsort gemeinsam, den Parafernalien-Laden am Ende der Reise. Hier Merchandising und Shop genannt. Das Geldausgeben am Ende komplettierte hier wie dort den Rausch. Juliane und ich können jederzeit und überall gut auf Geldausgeben verzichten, aber mindestens ich schwebte auch ohne Shopping-Flash die meiste Zeit auf Wolke Sieben.
Nach einem kurzen Einführungsfilm in einem Kinosaal, fuhren wir in einem mehrreihigen Besucherwagen ins Gelände. Das ganze Firmengelände war auf das Drehen von Filmen ausgelegt. Die Gründer, die vier Warner-Brüder, die allerdings ganz anders hießen, verlangten, dass jedes Gebäude als Drehort verwertet werden konnte. Dadurch sieht die rückwärtige Fassade eines Verwaltungsgebäudes auch zum Beispiel wie ein Motel aus. Zimmertüren inklusive. Allen Kunden war alles erlaubt und offen. Unter einer Bedingung: You’ve got the Dime, we‘ve got the time! (Du hast das Geld, wir haben die Zeit!) Bei den Warner Brothers gibt es buchstäblich die legendären Potemkin’schen Dörfer zu entdecken. Jedes Haus ist bloße Fassade. Nach jeder Seite stellt es ein anderes Gebäude dar. Es erstrecken sich ganze Straßenzüge von New York in die eine Himmelsrichtung, in die andere ist es San Francisco. Und in der Mitte eine Kleinstadt des Mittleren Westens der USA, die liebevoll „Überall in Amerika“ genannt wird. Mit Kirche, Bank, High School und Universität. Und jedes davon nur wenige Meter tief. Anschein ohne Inhalt. Auch ohne Gehalt, die Wände und Mauern sind aus Fieberglas.

Es hat auch den Anschein, dass die Tour regelmäßig den Bedürfnissen der Zeit angepasst wird. Das heißt, die Ausstellungsstücke und Anekdoten stammen und umkreisen aktuelle Blockbuster und TV-Produktionen. So stand auch ein Besuch der Sound Stage der bundesweit (und wohl auch international) beliebten Talkshow „Ellen“ auf dem Programm. Das Studio hat mich weniger aufgrund seines rituellen Wertes begeistert, aber mit seiner schieren Größe beeindruckt. Ich habe ja schon Fernsehstudios mit Beleuchtung und Requisite gesehen, aber noch keines, das eine großflächige Industriehalle gefüllt hätte. Wobei auch die Klassiker nicht zu kurz kamen. Zu wissen, an dem Ort zu stehen, an dem die klassischen Gangsterfilme mit James Cagney gedreht wurden, oder Szenen meiner Lieblingsfilme, das löste Euphorie aus. Und ich bin der Meinung, es ist dieselbe, die der Glauben hervorruft, in den Fußstapfen einer oder eines Heiligen zu wandeln. Und wie gesagt, Teil der Studiotour sind auch jede Menge Reliquien. Keine Körperteile, aber jede Menge so genannter Berührungsreliquien. Ob es sich dabei um die Kutte des Heiligen Franziskus, oder den Anzug von Humphrey Bogart oder die Rüstung von Wonder Woman handelt, das ist Hemd wie Hose. Der Effekt und das zugrundeliegende Konzept ist meiner Erfahrung nach dasselbe. Es erfüllt dieselbe kulturelle Funktion. Meine diesbezüglichen Bedürfnisse wurden jedenfalls bestens gestillt. Ich durfte meinen Leinwandhelden, den Diven (nomen est omen) und ihren getragenen Kleidern und genutzten Gefährten huldigen sowie den von ihnen berührten Versatzstücken. Und es war herrlich, so frei Mensch sein zu dürfen.

Ein mit Augenzwinkern vorgetragenes Ziel der Tour war es, den Glauben der Besucher in Film und Fernsehen zu erschüttern. Nichts war in Wahrheit so, wie es dargestellt wurde. Im vorletzten Teil der Tour zeichnete eine Ausstellung den Weg einer Film- und/oder TV-Produktion bis zum fertigen Produkt nach. Es hat mich gefreut, die Entwicklung einer Geschichte von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt realistisch dargestellt zu sehen. Von der ersten Skizze, über die viele Versionen bis zum tatsächlichen Szenenablauf. Es ist vielleicht desillusionierend, aber Geschichten schreibt nicht das Leben, Geschichten sind harte Arbeit. Das Handwerk muss erlernt werden, und das Werkzeug hat sich seit der Poetik des Aristoteles nicht verändert. Bei Warner Brothers werden die Manuskripthalden gezeigt, die vielen Storyboards und die vollen Mülleimer. Wenn ich als Autorin oder Autor spüre, dass sich etwas niederlässt und mir ins Ohr flüstert, dann bin ich kein inspirierter christlicher Heiliger mit der Taube des Heiligen Geistes auf der Schulter, sondern dann ist es Zeit, meine Tabletten zu schlucken und mit einem Therapeuten zu sprechen. Oder in meinem Fall mit dem Arzt über die Dosierung meiner Medikamente. Warner Brothers setzten jedenfalls nicht auf Bauernfängerei, sie erzählten keine sympathieheischenden Mythen über das Manuskript. Übrigens inzwischen ein eigenes Forschungsfeld der Literaturwissenschaft. Für mich war diese Offenheit ein Zeichen des Respekts des Unternehmens vor seinen Kreativen und vor allem vor dem Publikum. Und wie sich auch mit dieser Ausstellung beweisen lässt, ist die Wirklichkeit faszinierender als jede erfundene Legende. Und wieder etwas, dass Religion, Naturwissenschaft und dieser Ort gemeinsam haben.
Selbstverständlich bin ich bei den Warner Brothers auch auf der Suche nach der Warner Schwester gewesen. Und er steht wirklich und wahrhaftig da, überragt majestätisch die Sound Stages und Potemkin´schen Straßenzüge, der Wasserturm. In Wahrheit bedroht er auf Wunsch der echten Brüder mit den aufgemalten Firmenlogos die Konkurrenz im Osten und im Westen: Universal und Disney. In der Cartoon-Serie Animaniacs war er der Wohnort der Warner-Schwester Dot und ihrer beiden Brüder gewesen. Eine Sendung, die eingestellt wurde, weil sie angeblich nicht kindgerecht genug war und zu viele so genannte Innuendos enthielt. Hallooo Schwester!
Kalifornien. Ein Ort an dem Traum und Wirklichkeit einander begegnen. Wo die Gefahr besteht, den Schein über das Sein zu stellen. Aber auch die Chance, der Traumfabrik hinter die Kulissen zu schauen und das Erschaffen und Gestalten mit wachen Augen zu erkennen. Los Angeles war am Ende doch noch viel mehr für mich geworden als die Vorstellung von Sonnenschein und Palmen.
Später am Abend ging es wieder heim nach New Haven. Und die Ostküste und Connecticut empfingen uns nach sechs Stunden Flug und mit höllisch schmerzendem Gesäß standesgemäß und stilecht zu dieser Jahreszeit mit einem Schneesturm. Und da tauchte er natürlich gleich wieder vor meinem geistigen Auge auf, der verklärte Sehnsuchtsort, der Himmel auf Erden: Das immer sonnige und stets warme Kalifornien.


Fortsetzung folgt…



Donnerstag, 8. März 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 27)


Teil 27: Europareise


Schon wieder. Wie zu erwarten war, bin ich froh, dass es vorbei ist. Das ist jetzt gar nicht abwertend oder despektierlich wider die Alte Welt gemeint. Europareisen stehen für Juliane und mich einfach unter keinem guten Stern. Das beweist sich leider immer wieder. Utrecht bleibt mir diesbezüglich unvergessen. Und auch diese Heimreise gestaltete sich – naja, sagen wir mal: anspruchsvoll.
Dabei hat die Reise ganz normal begonnen. Ausführliche Planung half den Irrtum durch den Fehler zu ersetzen. Und zu unserer großen Freude war uns vor und am Start keiner unterlaufen. Meine neu verschriebenen Medikamente hatte ich noch nicht erhalten (und ich habe sie noch immer nicht), zu viele offene Fragen vonseiten der Krankenversicherung. Aber meine Freundinnen, die Krankenschwestern der Photopheresestation, versicherten mir, dass ein Transatlantikflug nicht der Ort war, wo ich mit Immunsuppressivum sein wollte. Die Grippewelle war in vollem Schwange. Dies Menetekel vor Augen gab uns Hatty den Rat, im engen Flieger einen Mundschutz zu tragen. Mehr noch, sie gab uns die entsprechenden Masken gleich mit. Krankenhausstandard in dezentem Rosa. So waren uns Raum und Beinfreiheit garantiert. Dazu noch ein wenig gehustet, mit dem geröchelten Hinweis: „Ich habe die Pest!“, schon konnte man sich ausstrecken und breit machen. So der Plan. Der perfide.
Wir hatten sorgfältig nur das Notwendigste gepackt. In meinem Fall beinhaltete das zusätzlich einen mobilen Handlauf für das Bad und einen formschönen, äußerst eleganten Sitz für rückwärtige Angelegenheiten. Zwei Accessoires, die mir das unstete Gefühl vermittelten, nicht bloß besondere Bedürfnisse zu haben, sondern downhill unterwegs auf den Kompost zu sein. Kurz: Ich fühlte mich angesichts dieser notwendig gewordenen, sperrigen Mitbringsel reichlich alt und hinfällig. Mein unbedachter Kommentar zu dieser Beobachtung zog eine erfrischende Kopfwäsche vonseiten der Gattin nach sich, die mir nicht nur die Wadeln nach vorne, sondern auch den Sinn wieder zurecht rückte. Mein loses Mundwerk verwünschend fand ich mich zwei riesigen Überseekoffern gegenüber, zu denen sich auch noch das Kabinengepäck gesellte. Kaum zu glauben, was für Zeug wir mit uns führten, um gerade Mal vierzehn Tage in Europa zu verbringen.
Wobei die Reise nicht bloßes Vergnügen war, und schon gar kein Urlaub. Unsere Visa mussten an der US-Botschaft in Wien verlängert werden. Das heißt, wir mussten ausreisen, um den Antrag auf Verlängerung an der ausstellenden Behörde stellen. Hätten die USA irgendwelche Gründe, uns nicht wieder hinein zu lassen gehabt, wären wir draußen geblieben. Da half kein Murren und Knurren. Und Termine an der US-Botschaft waren kostspielig. Aber dazu später mehr.
Um es einmal in der Sprache der von mir sehr geschätzten Sciencefiction zu formulieren, der erste FTL-Sprung (= „faster than light“-„Schneller als das Licht“) war für mich nie das Problem. Weder körperlich noch geistig. Es war bisher immer der vermaledeite zweite. So war der erste, der Transatlantikflug, weder für Juliane noch für mich ein Problem. Dank massiven Rückenwindes brauchten wir lediglich rund sechseinhalb Stunden für den Weg nach Europa, namentlich nach Dublin im schönen und grünen Irland. Von dort ging es weiter nach Schiphol in den Niederlanden. Wir hatten Special Service gebucht, weil ich die Distanzen auf den internationalen Flughäfen nicht mehr laufen kann. Auch der Weg durch den Schlauch in das Flugzeug wird immer schwieriger. Kurz gesagt, jemand muss mich im Rollstuhl bis an die Flugzeugtüre fahren. Das geschieht idealerweise in dem Zeitfenster zwischen dem Einsteigen der Businessklasse, der Familien mit Kleinkindern und der Economyklasse. Das erspart allen Beteiligten jede Menge Ärger und vor allem mir das ungenierte Gaffen beim Hinsetzen. Leider hatte das in Dublin dieses Mal gar nicht geklappt. Special an meinem Special Service war bloß, dass ich fast als Letzter in das Flugzeug gelassen wurde. Ich wurde von unserem Kabinengepäck getrennt, weil aller Stauraum in der Kabine schon mit Handgepäck voll war. Pech gehabt, könnte man meinen. Nur dass in meinem halt meine Medikamente sind, die ich schon ganz gerne bei mir hätte. Außerdem bin ich beim Ausziehen und Hinsetzen auch nicht gerne die Attraktion für Zeitgenossen, die ihre Mimik nicht im Griff haben. Schon gar nicht frühmorgens um fünf und mit einem Transatlantikflug in den Knochen und Gelenken. Besonders gefreut habe ich mich dann über die Konversation mit einer jugendlichen Handelsreisenden, die partout nicht verstehen wollte, inhaltlich wie akustisch, dass mir völlig klar war, dass sie den Sitzplatz in derselben Reihe gebucht hatte, ich aber ohne Hilfe nicht alleine aufstehen konnte, um sie dorthin zu lassen. Wenigstens begriff ihr Begleiter, an den sie sich hilfeheischend gewandt hatte, mein Problem. Juliane und er halfen mir auf die Beine, und meine neue Reisebekanntschaft konnte sich endlich setzen. Besagte junge Dame schrumpfte wenig später in ihrem Sitz zusammen, als ich mich bei der Stewardess über diesen extravaganten Special Service beschwerte. Ich wusste (und erklärte), dass das Kabinenpersonal nicht dafür verantwortlich zu machen war, aber ich hatte einfach das Bedürfnis, meinem Ärger Luft zu machen. Ich versuchte der wirklich freundlichen und verständigen Flugbegleiterin auch klar zu machen, dass es mir nicht um Vorteilsnahme ging. Wir waren alle gleich und hatten alle unsere Tickets bezahlt. Aber ich war der mit den chronischen Schmerzen und dem Schauwert für Einfältige. Behinderung ist kein Privileg, sie ist eine Last.
Die Ankunft in Schiphol entschädigte mich für all den Ärger. Ich fiel in die fürsorglichen Hände einer Flughafenangestellten aus Kap Verde, die Juliane und mich gutgelaunt und flink quer durch den riesigen internationalen Flughafen Amsterdam, an unser Gepäck und ins Taxi lotste. Ihren fröhlichen und zugleich autoritären Warnruf an Passanten hätte ich gerne als Klingelton. Die elektrischen Flughafengefährte fühlen sich außerordentlich schnell an, und bei den Reaktionszeiten mancher Fußgänger auf Warnung und Zuruf wird es einem als Fahrgast manchmal Angst und bange. Assoziationen und Ähnlichkeiten mit flüchtenden Herdentieren in Naturfilmen sind naturgemäß rein zufällig.
Auch im Taxi fühlte ich mich widernatürlich beschleunigt. Der Fahrer war jung und südländisch und führte mir eindrücklich die Mentalitätsunterschiede zwischen den USA und Europa vor Augen. Auf den Highways ging es alles in allem doch recht ruhiger als auf den Autobahnen zu. Ich saß vorne im schnittigen Mercedes, mein Magen gab sich fröhlich der Fliehkraft hin, und meine Finger krallten sich unweigerlich in den Türgriff. Vielleicht war der Taxifahrer auch enttäuscht, dass unser Fahrziel so nahe am Flughafen lag und wollte die Fuhr so schnell wie möglich erledigt haben. Jedenfalls nahmen wir die Auf- und Abfahrten recht sportlich und überholten und schnitten wie die Weltmeister. Erstmalig verspürte ich so etwas wie Sehnsucht nach den behäbigen Automatikautos in den USA.
Wobei mein erster Eindruck ein völlig anderer war. Der Blick aus den Seitenfenstern des Taxis offenbarte eine völlig andere Welt. Im Vergleich mit den USA, insbesondere mit dem baufälligen Flughafen La Guardia und den schlaglochverseuchten Stadtautobahnen von New York, wirkten die Niederlande besenrein. Den Reinigungstrupp mit der Kehrmaschine mussten wir gerade verpasst haben. Nirgends lag Abfall oder Plastikmüll in der Landschaft. Auch nicht an den Autobahnrändern unter den Leitplanken, wo sich an den Highways vom Becher bis zum Hirschkadaver alles türmt und häuft, was Gott aus Respekt vor der Schöpfung verboten hat. Wasser und Uferböschungen der Grachten waren nicht sauber, sondern rein. Der Asphalt schimmerte blassgrau und makellos in der lückenlosen Straßenbeleuchtung. Umgekehrt wirkten Häuser und Straßenzüge (mit Ausnahme der gigantischen Flughafenhallen von Schiphol) wie Modelle. Wie eine sauberere und dadurch zum Großteil hübschere Kleinbahnanlage. Sogar die Schottergruben und LKWs wirkten wie maßstabsgetreue Miniaturen. Im Vergleich zu den Dimensionen dergleichen Infrastruktur in den USA. Aus dem gleichen Blickwinkel sah von einem Truck in den USA zum Beispiel nur einen Reifen und ein bisschen was vom Kotflügel. Vom europäischen Lastraftwagen auf der Nebenspur sah ich hier etwas mehr. So gestaltete sich der kurze Fahrweg von der Ankunftshalle in unser Hotel schon zum intensiven und lehrreichen Kontrastprogramm. Wie schnell gewöhnten wir uns an Lebensumstände. Umgebung und Umgang wurden so schnell als selbstverständlich und gegeben akzeptiert, dass es einen Flug über einen Atlantik brauchte, um mir das Alltägliche als das Besondere erfahrbar zu machen.
So etwas wie einen Jetlag kannte ich bisher nicht. Noch nicht einmal, als ich nach Neuseeland geflogen war. Aber der Mensch wird nicht jünger, und bei mir zeigten sich bei Ankunft im Hotelzimmer unleugbare Zeichen von Materialermüdung. Ich verschlief quasi einen ganzen Tag und wurde nur von dem meiner Meinung nach typisch österreichischen Schreck geweckt, das Abendessen zu verpassen. Dies geschah uns nicht, und Juliane und ich aßen redlich und für vier. Obwohl die Hotelküche eine Allerweltsvariation aus Tiefkühl- und Halbfertiggerichten anbot, schmeckte das alles ganz vorzüglich. Bestimmt, weil die Hauptzutaten der Fertigkost nicht wie andernorts Zucker und/oder Fett waren. Nach dem opulenten Mahl gingen wir zurück ins Bett. Um vier Uhr morgens waren wir putzmunter und nahmen einen Lavendeltee. Nur wenige Stunden später ging es mit dem Zug nach Frankfurt am Main.
Der Bahnhof lag fußläufig. In nur wenigen Minuten, einmal über die Straße, eine steile Treppe nach oben und durch einen elektrischen Schranken (Durchgang nur mit gültigem Bahnticket), standen wir mit unserem Gepäck auf dem Bahnsteig. Einziges Problem, es war der falsche Bahnhof. Nicht Schiphol Airport, sondern eine Station weiter. Anders wäre es ja auch zu einfach gewesen. Nicht nur das, die siebzig Euro Kosten für die Fahrt nach Amsterdam Hauptbahnhof wollten wir mit einer Fahrt in der Regionalbahn sparen. Gut so, denn wir sollten dort gar nicht hin. Unser ICE nach Frankfurt fuhr von Utrecht Hautbahnhof (nicht von Amsterdam Hauptbahnhof). Nun war so etwas in den Niederlanden zum Glück kein Problem, weil gefühlt und tatsächlich alle drei bis vier Minuten Züge in alle Richtungen fuhren. Gut mit Fahrgästen jeden Alters gefüllte Garnituren, die einmal mehr belegen, dass wenn ein Nahverkehrsangebot besteht, es auch genutzt wird. Mit einem solchen Pendelzug erreichten wir ausreichend im Voraus Schiphol Airport und konnten in den Zug nach Utrecht Hauptbahnhof einsteigen. Als selbiger Zug in die Station einfuhr, erkannten wir, dass es genau der war, der die ganze Zeit über leer im letzten Bahnhof gestanden hatte. Da aber leider keine Zugnummer angezeigt worden war, hatten wir ihn nicht erkannt. Die freie Platzwahl hatten wir somit verpasst, in Schiphol füllte er sich rasch bis auf den letzten Sitzplatz. Juliane und ich fanden in der zweiten Klasse keine freie Bank mehr, also reisten wir stilsicher auf den Klappsesseln neben den Waggontüren in der ersten Klasse. Wobei Juliane ihren Sitzplatz für ein Mädchen auf Krücken aufgab und den Rest der Fahrt nach Utrecht stand. Vor den kleinen Gangfenstern flog die Landschaft rasch vorbei. Grün und besenrein. Und alles andere als menschenleer. Kein Fleckchen Erde, dem Meere abgetrotzt, präsentierte sich unbewohnt oder unbestellt. Endlich entdeckte ich Plastikmüll. „Endlich“ nur um der Vollständigkeit willen. Zu groß wäre andernfalls der Schock gewesen. Weiß schwammen Flaschen und Beutel auf der Wasserspiegelfläche der Grachten und Kanäle. Bis ich begriff, dass es sich bei dem auf den Wellen tanzenden „Müll“ um fröhlich paddelnde Enten handelte.
Die Durchquerung des Ruhrpotts lieferte indes wieder vertraute Eindrücke. Eingestürzte Werkhallen, verlassene Güterbahnhöfe, Industrieruinen mit Graffitiverzierungen geringen künstlerischen Werts und endlich ein bisschen Dreck auf der Böschung. Immer noch zu wenig, um anheimelnd zu wirken, aber immerhin vorhanden. Frankfurt, allen gehegten Vorurteilen zum Trotz, zeigte sich sogar im Bahnhofsviertel von seiner einladenden Seite. Langsam regte sich in mir der Verdacht, ein moderner Potemkin scheuchte Kulissenmaler und Reinigungstrupps vor mir her. Europa war während meiner einjährigen Abwesenheit beunruhigend sauber geworden. Es gab öffentlichen Raum. Menschen gingen auf gekehrten Fußwegen, Kindergruppen liefen über Grünflächen und Spaziergänger durch Parkanlagen. Was war mit mir passiert, dass sogar die unattraktiven Teile der hessischen Bankenstadt anheimelnd und wohnlich auf mich wirkten. Ins Schwärmen hätte ich kommen können, hätte mich der „hessische Charme“ nicht wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. US-amerikanischen und österreichischen Umgangston gewöhnt, erfrischt ein wenig bundesdeutsche Authentizität wie ein kalter Wasserguss ins Genick. Besonders wenn ein Kellner auf „hessisch“ spaßig wird und mit mir über Fußball „scherzen“ will. Fußball? Kenn ich nicht. Moment! Klar doch: Philadelphia Eagles gegen New England Patriots! Ach, das meinen Sie nicht? Dann weiß ich auch nicht…
Aber ich will kein undankbarer Gastfreund sein. Ich muss mich an der Stelle bei unserem Gastgeber bedanken, der mich solange in seiner Wohnung hausen ließ wie Juliane ihr Blockseminar unterrichtete und ihre Gutachter traf. Mit ihm gab es einige gute Gespräche buchstäblich über Gott und die Welt. Aber auch der aktuellen politischen Situation geschuldete Trauerarbeit. Über Zustand und Verfassung der SPD und neuangelobte Regierungen in Nachbarstaaten. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, mich in aller Ruhe auf meine Aufnahmen im ORF-Funkhaus vorzubereiten. Es gab einiges an Texten zu überarbeiten und auszuformulieren.
Jetzt folgte der zweite FTL-Sprung: Sieben Stunden im ICE von Frankfurt nach Wien. Im Geiste verfasste ich einen neuen potentiellen Rammstein-Hit, mit dem Titel „Mir tut der Arsch so weh!“ Die Reise war fatal. Unterwegs bekam ich einen Gusto auf ein Paar Frankfurter. Bedauerlicherweise gab es im Speisewagen noch nicht einmal „Wiener Würstchen“, bloß Currywurst. Wer wird mit seiner Gattin streiten, wenn sie einem eine Freude machen möchte. Ich brachte es nicht übers Herz, die von ihr mitgebrachte Speise abzulehnen und aß die Currywurst in ihrer fragwürdigen Gewürztunke. Ab Passau wuchs das ungute Gefühl in mir, in St. Pölten schäumte mir der Magen. Die Eltern holten uns ab, es gab ein schönes Wiedersehen. Kaum schloss ich hinter beiden die Eingangstür, gab es für die Currywurst kein Halten mehr. Unbedingt wollte sie einen Blick auf unser Wiener Vorzimmer, die Toilette und das Badezimmer werfen. Der Wiener und die Currywurst konnten nicht zusammenbleiben. Geschweige denn zusammen ruhen. Das war ein freudiges Hallo bis zum Morgengrauen. Nur gut, dass wir um 8:30 schon den Termin auf der US-Botschaft hatten.
Auf der US-Botschaft zeigte es sich, dass Juliane und ich die Ersten in der Warteschlange waren. Wir waren pünktlich erschienen. Wir waren sogar etwas zu früh. Wir waren da. Unsere Anträge nicht. Der Mann am Schalter sagte, er könne uns nicht helfen. Wir müssten wiederkommen. Jeder Termin mit der US-Botschaft kostete mehrere hundert Dollar. Pro Person. Diese Tatsache trug nicht gerade zur Entspannung der Situation bei. Zum Glück war meine liebe Frau recht schnell für meinen Einwand offen, dass es sich nicht empfahl, in einer militärbewachten US-Einrichtung zu randalieren. Die Herren trugen uns hinaus, bevor wir unseren Einwand formulieren konnten. Der Mann hinter der Glasscheibe zeigte aber auch das Beamtengesicht Österreichs. Das zu interpretieren, musste man gelernter Österreicher sein. Karl Kraus gelesen zu haben, half maßgeblich. Die teilnahmslose Blässe durfte man jetzt nicht mit Unfreundlichkeit verwechseln, wies er doch verklausuliert deutlich auf die Hintertür hin: Da stand ein Computer für den Publikumsverkehr bereit, von dem wir unsere Anträge stellen konnten. Beeilten wir uns, das Ding in die Finger zu bekommen und alles auszufüllen, brauchten wir keinen neuen Termin. Juliane hatte bestens organisiert alles Notwendige bei sich. Trotzdem brauchten wir für jedes Formular fast eineinhalb Stunden. Und das für jeden von uns. Zum Glück waren wir so früh da gewesen. Und im letzten Moment drohte trotzdem noch alles zu scheitern. Die offiziellen Bilddateien für das Visum waren zu groß, um sie hochzuladen. Ich versuchte die Dateien irgendwie zu verkleinern. Indes das Bildbearbeitungsprogramm auf dem Rechner war in Chinesisch. Meine Nerven lagen blank. Just jetzt wollte eine andere Antragstellerin von mir wissen, wann sie den Computer nutzen konnte. Ob ich ein Problem hätte, und ob sie mir helfen konnte. Ich war kurz davor, ein wenig mehr Privatheit einzufordern. Ich entschied mich dagegen, überließ Juliane das Reden. Es zeigte sich, dass uns das Schicksal eine türkische Bildbearbeiterin geschickt hatte. Sie reduzierte, die Götter wissen wie, die Bildgröße unserer Dateien um genau so viel, dass wir sie hochladen konnten. Unsere Anträge gingen dank ihr direkt nach Washington und kamen recht flott bearbeitet wieder zurück. Unsere Visa wurden verlängert. Drei Tage später kamen sie mit dem Botendienst.
Da lag ich schon krank im Bett. Am Wochenende konnte ich gerade noch meine Kernfamilie anlässlich meines vierzigsten Geburtstags treffen, und sie bei dieser feierlichen Gelegenheit auch gleich alle anstecken. Schon an diesem Abend rüttelte mich der Schüttelfrost und klapperten mir die Zähne im Fieber. Die Grippe nahm mir die Entscheidung ab, wen ich aller in der kurzen Zeit meines Wienaufenthaltes treffen konnte. Die Antwort war simpel: Niemanden. Das einzige, was ich von Wien zu sehen bekam, waren meine Wohnung und mein Bett. Kaum ging es mir halbwegs besser, gesellte sich Juliane zu mir aufs Krankenbett. Da lagen wir jetzt beide im Fieber und fürchteten um den Rückflug. Mit Grippe überquerte es sich so schlecht den Atlantik.
Doch die Viren hatten ein Einsehen. Sie starben rechtzeitig, so dass wir unseren Rückflug nehmen konnten. Bevor es soweit war, konnte ich noch einen notwendigen Behördenweg erledigen. Ich erfreute mich am zuerst süffisanten Beamtenlächeln, das sich zum Ende unseres Gesprächs in eine helfende Hand beim Aufstehen verwandelte. Ehrlich gesagt, es wäre mir auch lieber gewesen, wenn ich diesen Termin niemals hätte wahrnehmen müssen. Aber wie der große Philosoph Robbie Williams einmal sang: „I sit and talk to God. And he just laughs at my plans.
Und dann der Rausschmeißer: Aus Gründen, die nur der wahre Freund und Kenner von Unternehmensprosa der Telekommunikationsbranche verstehen und schätzen kann, wurde meine Geschäftsemailadresse gelöscht. Ich hatte einen mobilen Datenstick gekündigt, aber im Schreiben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass alle anderen Vereinbarungen davon unberührt bleiben sollten. Seither bemüht sich der technische Support des Service Teams um die Wiederherstellung meiner Mailbox. Ärgerlicher Weise liegt die Betonung auf „bemühen“. Nach mehreren leeren Versprechungen habe ich die Hoffnung aufgegeben, meine Adresse jemals wiederhergestellt zu bekommen. Man wünschte sich, die Anbieter wären beim Kundenservice so prompt und buchstabengetreu wie zu ihren eigenen Gunsten.
Ein bisschen schwitzend vom Reise- und restlichem Grippefieber traten wir montags und zu nachtschlafender Zeit den Heimflug in die USA an. Daheim, das war für mich da, wo ich meinen gemeinsamen Haushalt mit meiner Frau habe. Das wurde mir auf dieser Reise so richtig klar. Ob dieser Ort nun in Dschibuti oder auf Grönland lag, war mir inzwischen herzlich egal. Überhaupt hat sich meine Perspektive verändert. Gemessen schon alleine daran, dass in meinem geschätzten Heimatland so viele Menschen leben wie in der Stadt New York. Diesen geliebten Moloch, dieses Gebirge aus Hochhäusern und Wolkenkratzen, den Schmelztiegel der Nationen flogen wir von Kopenhagen an. Dank Inger habe ich inzwischen ein positives Vorurteil für Dänemark entwickelt, indes der Flughafen von Kopenhagen gab sich unglaublich elegant und gastlich. Der Special Service verfügte über einen eigenen Aufenthaltsbereich mit Polstermöbeln und Trinkwasser. Durch die unterschiedliche Lichttemperatur der Lampen und den Bäumen vor den Fenstern, wirkte dieser Bereich etwas wie auf einer Raumstation. Ein bisschen unwirklich. Ich saß pünktlich und ohne Verzögerungen im Flugzeug. Einziger Wermutstropfen: Ich konnte den herrlichen Lego-Laden nicht besuchen. Juliane hätte sich allerdings auch wenig gefreut, glaube ich, hätte ich ihr eine Legoburg angeschleppt und in New Haven im Wohnzimmer aufgebaut.
Die wahre Größe der Vereinigten Staaten wird erst nach einem Transatlantikflug wirklich erfassbar. In Newark gelandet waren wir gegen halb zwei nachmittags. Es tat gut, die etwas schäbige Monstrosität der Neuen Welt wiederzusehen. Sofort fühlte ich mich wieder zuhause. Die bloßen Füße in Flipflops und die Leggings bei Wintertemperaturen und Schnee trugen ihren Teil dazu bei. Die afroamerikanische Dame, die meinen Rollstuhl schob, war um vieles älter als ich und wirkte gesundheitlich auch um einiges hinfälliger als ich auf mich. Was objektiv Unfug war, aber Menschen in diesem Alter arbeiten in Europa nicht mehr. Dank ihr hatten wir gegen drei unsere Koffer und waren schon beim Shuttledienst für unsere Fahrt nach New Haven angemeldet. In Europa lagen wir höchstens nach einer Stunde schon frisch geduscht in einem Bett. Hier dauerte es eine Stunde bis uns unser Fahrer abholte. Wir waren natürlich just in das Zeitfenster gelandet, in dem keine Züge von Newark nach New Haven fuhren. Und bis abends wollten wir nicht warten. Unsere Limousine, ein schwarzer Lincoln, kam auch etwas früher als befürchtet. Und wir waren die einzigen Fahrgäste, so dass uns der Driver auch zu unserer Wohnadresse fahren konnte. Andernfalls hätten wir einen Uber von der Uni nehmen müssen. Das blieb uns erspart. Nicht aber die Rushhour. Und man fragt sich wirklich, warum dieser Zustand so genannt wird, weil dann nämlich gar nichts „eilt“, sondern alles stillsteht. Um halb sieben abends waren wir endlich zuhause. Und keine Dreiviertelstunde später beide frisch geduscht im Bett.

Fortsetzung folgt…

Wir waren rechtzeitig zum nächsten Schneesturm zurück, mit Blitz und Donner...