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Montag, 15. Januar 2018

Ein Ösi in Connecticut (Teil 24)

Teil 24: Lustig ist das Migrantenleben – Eine Berg- und Talbahn!


Weihnachten und Sylvester sind vorbei, und ein neues Jahr hat angefangen. Zeit, um Bilanz zu ziehen. Ein zwangsläufiger Akt, vor dem es auch diesmal kein Entrinnen gab. Spätestens mit dem Kater am Neujahrsmorgen setzte er ein. Jedes Mal dieselbe böse Überraschung. Dabei war ich gewarnt: Wer in den Wald geht, der darf das Rauschen nicht fürchten! Während über dem Wipfel der Wind heulte, nagte am Wurzelwerk der Gewissenswurm. Das lag nicht alleine am Alkohol, es war auch der Zeitpunkt. Der Lichtmangel und die Außentemperaturen, die von milden Plusgraden über Nacht zu Minusgraden im zweistelligen Bereich hin und zurück wechselten. Auf der Celsiusskala, versteht sich. Lichterkette, Herrnhuter Stern und Christbaumbeleuchtung halfen, die Niedergeschlagenheit dieser Tage einzudämmen. Ganz zurückhalten konnten sie die Sorgenflut dennoch nicht. Land unter! Und auch hiervor war ich gewarnt. Das Auf und Ab der Gefühlswellen, die Berg- und Talfahrt als Passagier im Personenwagen der Existenz, die meine Omama noch nostalgisch kunstvoll als „himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“ beschrieben hatte, die empfanden Migranten besonders intensiv. Moderne Gebrauchslyrik sang da weit prosaischer und inzwischen abgegriffener vom Leben als Achterbahnfahrt. Enthusiasmus, Zukunftswillen und Gestaltungswut erklommen den Gipfel des Empfindbaren, um nach einem kurzen Schwupps und Magenheber in die finsterste Talsohle der Verzweiflung, Nichtigkeit und Einsamkeit zu stürzen. Und wenn dann ein menschengemachtes und dazu mit viel Bedeutung versehenes Datum auf dem Kalender erscheint, dann glotzt der Abgrund plötzlich zurück und fragt: „Was hast Du erreicht bisher?“ Und die Nabelschau wird zum Gruselkabinett. Und das Schauerlichste darin ist das eigene verzerrte Spiegelbild.
Mein körperlicher Zustand erlaubt es mir nicht, jederzeit und immerzu wie ich das will unser Heim zu verlassen. Exilanten haben in diesem Zusammenhang schon vom lebendigen Grab geschrieben. In unserem US-amerikanischen Heim sind jedoch keine Spinnweben und Moder, sondern viel Liebe und Anteilnahme zuhause. Dennoch warte ich. Und dieses Warten wirft unangenehme Fragen auf, die es sich auch gleich selbst auf die übelste Art und Weise beantwortet: Der Migrant, egal ob sie oder er, fragt, was sie oder er bisher am neuen Ort erreicht hat? Ich frage mich, wie viele meiner Hoffnungen wurden erfüllt? Wie viele Höhen habe ich wirklich unter den Füßen gespürt? Und wenn´s wirklich finster war draußen wie drinnen, dachte ich, dass die USA für mich eine Enttäuschung geworden sind. Keine meiner Erwartungen wurden erfüllt. Kein Gipfel unter den Sohlen, kein zufriedener Blick zurück ins Land. Und mit wem redete ich überhaupt? Nur mit jenen, für die es keine andere Wahl gab. Nur mit denen, die dazu verpflichtet waren. Deren Job es war, sich um mich zu kümmern. Erschwerend zu Dunkelheit, Kälte und Krankheit hinzukommt, wenn man wie ich auf etwas wartet. Und ich warte auf eine Antwort, die meinem Tun wieder Sinn geben kann. Und Platsch machte das Fettnäpfchen!
Wenn irgendjemand meinem Tun einen Sinn geben kann, dann bin ich das selbst. Und bei diesem Gedanken erscheint er bald, der Silberstreif am Horizont. Der Moment vor dem Sonnenaufgang ist der dunkelste und kälteste der Nacht. Wintersonnenwende. Sol invictus. Weihnachten! Und während ich meinen Verstand wieder wärmend um das kalte Herz schlinge, wird mir klar, dass ich genau auf die Seife getreten bin und herumsause wie Kleopatras Löwe bei Asterix, die mir so unglaublich auf den Geist zu gehen beginnt. Die Lehren der alten Religionen wurden abgelöst von der First Church of Income. Die Frohbotschaft der Weihnachtszeit war vielerorts die abgehakte Einkaufsliste. Das einzige Thema, worüber sich weiße Männer meines Alters an den Tischen und am Tresen der Bars unterhalten, sind Dollars, wie viele „Ks of dollars“ einer im Jahr macht, und/oder was dies und das in der Anschaffung kostet. Erhaltung findet sowieso nicht statt. Konsumiere bis die Müllabfuhr kommt. Um in diesen Gewässern zu fischen, sind sie mir zu durchsichtig und zu flach. Aber hilft mir das? Im Gegenteil. Dank dieser ständigen Auspreisung menschlichen Tuns und Strebens fühle ich mich wertlos, auf den Wühltisch zu den Ladenhütern geräumt. Bald schon dräut der Abfalleimer.
Dank der Irrlichter meiner Gedanken landete ich in einem klebrigen Pfuhl, aus dem ich mich wohl oder übel am eigenen Schopf wieder rausziehen musste. Das machte mich weder zu einem Münchhausen, noch zu einem Helden, das muss jeder Migrant und Exilant andauernd schaffen. Und wenn er oder sie Glück haben, dann tritt ihnen beim Aufrappeln wenigstens keiner auf die Finger. Es ist in New Haven schon vorgekommen, dass Barkeeper die Bestellung eines Bekannten partout nicht verstehen konnten, weil er so einen grausamen Akzent hätte. Und der Mann ist Brite. Ich habe das Glück, dass mir stets die eine oder der andere unter die Arme greift und mich wieder auf die Beine stellt. Und nicht nur im übertragenen Sinn.
Weihnachten in den USA hört sich an wie daheim. Da ich ein ernstes Problem mit der christlichen US-amerikanischen Frömmigkeit habe, beziehungsweise bisher noch keine Kirchengemeinde gefunden habe, die meinen Zugang teilt, blieb meine Spiritualität heuer auf den optischen und musikalischen Anteil beschränkt. Und auf mein Empfinden. Die Mehrzahl der im öffentlichen Rundfunk gesendeten Weihnachtslieder ist deutschsprachiger Herkunft. Die Klassiker werden in Originalsprache gesungen. Die Volks- und Kunstlieder in Original und in Übersetzung. Bei den Profis kamen die Texte akzentfrei rüber, bei Laienchören brauchte es dagegen einiges an Textkenntnis, Gespür und Fantasie, um zu erkennen, um welche Stelle welcher Strophe es sich gerade handelte. Und da in Europa die britischen und amerikanischen Schlager seit Jahrzehnten fix ins alljährliche Repertoire gehören, besteht am Ende der Feiertage zumindest musikalisch und atmosphärisch kein Grund zu Heimweh oder Fremdeln. Weihnachten und Hanukkah sind hier wie da fast identisch. Sie bringen Licht in die Finsternis und Nostalgie und Freude ins Gemüt.
Ganz anders gestaltete sich indes der Jahreswechsel. Juliane und ich besuchten eine Drag- und Burlesque Show in New Haven. Das war ein großer Spaß. Wobei es auch hier zuerst einmal um Dollars ging. Keiner, lernten wir, würde jemals von einer Drag-Queen zurückgelassen. In Anspielung auf den Grundsatz des US-Militärs: „No one is left behind!“ Einmal mehr waren wir „with the people“. Die Colleges standen leer, die Uni hatte Ferien. Das heißt, Vorlesungsfreie Zeit. Oder wie man in Yale dazu sagt: Reading days. Das Cafe war bis zum letzten Stehplatz besetzt und bester Laune. Schulter an Schulter wurde getanzt und getrunken. Bei manchen entfesselten Leibern begann ich mich zu fürchten. Vor Verletzungen und seismischer Aktivität. Die Eruption zum Jahreswechsel spielte sich drinnen unter Pfeifen, Singen, Küssen und mit Musik ab. Kein Feuerwerk. Und vor allem keine Böller. Das ist ein sehr sympathischer und nervenschonender Zugang der US-Amerikaner zum Neujahrsfest. Da hat es wieder etwas Gutes, wenn ihnen ihre Dollars zu schade zum Verbrennen sind.
Nach der Feier fuhren wir wieder mit einem Uber heim. Absurderweise hatte der bestellte Fahrer bei seiner Bewertung bloß einen Stern. Die schlechteste Kundenbewertung bisher. Nach einer gelösten Feier in Gesellschaft von Drag-Queens und offenen Menschen jeder sexuellen Orientierung war es ein Weckruf in die Gegenwart, in dem jungen Uber Driver einen Pakistani kennenzulernen, der meine Frau gleich auf den ihr zustehenden Platz im Leben verweisen wollte. Nun, das erklärte immerhin die Kundenbewertungen.
Boulevardmedien täglich und ausschließlich genossen können zu Paranoia führen. Allen gemeinsam ist, dass sie zu Übertreibungen bzw. Skandalisierungen neigen. Ein beliebtes Thema dieser Tage war im deutschsprachigen Europa das „Schneechaos“ in den USA. Dergleichen hat ganz gewiss stattgefunden, an den Großen Seen, aber die sind tausende Meilen weit weg. Connecticut liegt an der Ostküste, und wir wurden „nur“ drei Tage lang vom Wind durchgebeutelt und verweht, aber von einem Chaos keine Spur. Die Wetterwarnung erreichte uns tags zuvor. Alle öffentlichen Einrichtungen, auch das Krankenhaus (bis auf die Notaufnahme) und die Uni blieben geschlossen, die Leute sollten zuhause bleiben. Abends frischte der Wind auf. Aus einer flüsternden Brise wurde innerhalb weniger Stunden ein heulender Sturm. Was uns diese Nacht mitsamt dem Holzhaus sanft in den Schlaf wiegte, das war noch nicht der Blizzard selbst, das waren seine Blizzard-ähnlichen Ausläufer. Vom Ächzen des Zimmermannswerks und dem Rütteln an den Holzrahmen der Fenster wachgeküsst, offenbarte der Blick aus dem Fenster ein hübsches, leicht in Windrichtung verwischtes neutrales Grau. Hinter dieser getrübten Firniss-Schicht zeichneten sich dunkel die Konturen der Nachbarhäuser ab. Wobei eines fehlte, es wurde sicherheitshalber schnell und gewissenhaft abgerissen. Wo vorher das nette kleine Holzhaus stand, lag jetzt ein Haufen Altholz und Bauabfälle, über die der Pulverschneemantel des Vergessens geblasen wurde. Die Straße indes war als Schipiste oder Rodelbahn gewiss vorzüglich, als Fahrbahn jedoch nicht zu empfehlen. Insbesondere, wenn man die hierzulande üblichen „All Seasons“-Reifen auf dem Auto montiert hat. Winterreifen werden großzügig im Radio beworben, das moderne Zeugs setzte sich bislang aber noch nicht durch, die Winter in Neuengland waren ja seit alters her für ihre „Milde“ bekannt. Darum blieben die Fahrstreifen heute alle leer. Nur ab und zu rutschte ein Fahrzeug in instabiler Seitenlage den Hügel vor den Fenstern hinunter. Tapfer tuckerte regelmäßig ein kleiner Schneepflug vorbei. Am Steuer saß ein hochmotivierter Afroamerikaner mit Pudelmütze und im Anorak, der mit fadem Auge seine mitgebrachten Wurstbrote verputzte. Der Asphalt war hinter ihm auch wirklich kurz zu sehen, bis das Straßengrau mit der nächsten Böe wieder faustdick unter dem Schneeweiß verschwand. Von den Außentemperaturen sei besser geschwiegen, der Blick auf die Temperaturanzeige alleine machte einen frösteln.
Während ich mich fröhlich wie auf einem Schiff fühlte, machte Juliane das Schwingen und Ächzen in den Balken und Planken unseres Hauses ein wenig zu schaffen. Diese Nacht schlief sie nicht besonders ruhig. Doch schon der nächste Morgen brachte Entspannung. Die Wetterwarnung war aufgehoben, die Bobbahn draußen präsentierte sich salznass und für den Autoverkehr freigegeben. Und über allen, den Guten wie den Bösen, strahlte wieder die Sonne. Bei lauschigen -26 Grad Celsius. Auf den ersten Blick irritierend wirkte, dass der Sturmwind alle Bäume besenrein geblasen hatte, während auf den Gehsteigen und in den Gärten meterhoch der Schnee lag. Und auch diese weiße Pracht verschwand in den nächsten Tagen völlig, als binnen weniger Stunden die Temperatur in den Plusbereich wechselte. Atmosphärisches Kneippen bis zum Exzess! Heiß- und Kaltwasserbäder. Meine rheumatischen Gelenke waren inzwischen so verstört, dass sie nicht mehr wussten, ob sie steif werden oder bloß wehtun sollten. Im Durchschnitt war dieses Wetter also ganz angenehm. Die Prognose der letzten und auch kommenden Tage wusste und weiß nicht mehr und nicht weniger vorherzusagen, als dass es Wetter gibt.
Ich schließe mich also dem Bürgermeister von Boston an, der verkünden ließ, wer bisher noch nicht an den menschengemachten Klimawandel glaubt, der möge ihn bitte in Massachusetts besuchen kommen. Und dieser Bundesstaat mit seinen spürbaren Wetterkapriolen liegt nur ein wenig nördlicher.


Fortsetzung folgt…


Montag, 1. Januar 2018

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 23)

Teil 23: Weihnachten, Boston und ein verirrter Linienbus


Noch einmal ganz herzlich: Merry Christmas and A Happy New Year! Mein Eintrag war früher geplant, aber eine renitente Ente, ein paar undichte Fenster und ein öffentliches Verkehrsmittel auf Abwegen haben dieses Vorhaben vereitelt. Ich habe ja schon einiges über die Abenteuer gehört, die man an Bord eines Greyhound-Busses erleben kann, aber jetzt wissen Juliane und ich, dass alles noch viel schlimmer kommen kann…
Manch einer sieht in den USA ein völlig anderes totalitäres Regime vor dem Horizont aufmarschieren. Juliane, in der DDR geboren und die ersten prägenden Jahre in ihr verbracht, versicherte mir jedoch, dass sie die gegenwärtigen USA an den Kommunismus bzw. an den real existierenden Sozialismus erinnern. Die Infrastruktur ist vielerorts uralt, funktioniert nicht richtig oder ist schlicht und ergreifend hin, und der Alltag klappt dank der Improvisationskunst einzelner Beherzter trotzdem. Man kann sich im Leben vieles schönreden, aber jeden Tag über Schlaglöcher in den Straßen zu hoppeln, oder beim Frühstück von draußen einen eiskalten Hauch ins Genick geblasen zu bekommen, das macht keine Freude. Ein feingliedrig segmentiertes Jugendstilfenster im Esszimmer ist eine schöne Sache. Die Freude daran schwindet mit den Außentemperaturen. Sobald sie von spätsommerlich Plusgraden über Nacht auf bis zu minus 14 Grad Celsius fallen, und der elende Holzrahmen vielfach überstrichen vor sich hin rottet, rissig ist, die Seitenteile nur mit einer einlagigen Glasscheibe verglast oder bloß mit einer von außen angeschraubte Plexiglasplatte verschlossen sind. Der Gebrauch von Silikonmasse scheint zwar bekannt, aber völlig verpönt. Was angesichts des sonstigen Kunststoffdurchsatzes dieser Gesellschaft ein kleines Wunder darstellt. Handwerk hat in den USA goldenen Boden, die Resultate hingegen… Naja, lassen wir das! Jedes Vogelhaus ist energieeffizienter isoliert, jedes Puppenhaus nachhaltiger zusammengebaut. Jedenfalls dort, wo in den USA Normalsterbliche wie wir hausen. Oder liegt es daran, dass jedermann nur eine begrenzte Zeit an einem Ort lebt, um dann zum nächsten weiterzuziehen? Ich weiß es nicht! Glücklich, wer sich in solch schwieriger Lage zu helfen weiß. Dank der frühkindlichen Erfahrungen meiner Gattin und meiner Kindheit im Waldviertel gelang es uns, die eiskalte Hand auszusperren, die allmorgendlich nach mir im Pyjama griff und gierig nach unserer Heizkostenabrechnung grapschte.Ich erinnerte mich, was mir meine geliebte Großmutter und Waldläuferin über das Wärmedämmen beigebracht hatte. Weidenflechtwerk mit Moos und Waldlehm verschmiert wäre demnach meine erste Wahl gewesen. Dieses Naturmaterial war aber nicht zur Hand. So auf die Schnelle einen Fensterpolster häkeln war auch nicht. Also her mit den Zeitungen und den Kartons der Amazon-Pakete. Die undichten Seitenfenster flink mit der Pappe zugeklebt. Licht tauschten wir gegen Wärme. Ein Deal, den all

unsere Vorfahren auf der ganzen Welt eingehen mussten. Je besser die Heizungen wurden (oder wärmer das Klima), desto größer die Fenster. Jetzt folgte der zeitaufwendige und zermürbende Teil: Vier Women´s Health, zwei Men´s Health und drei Ausgaben des Yankee Magazins mussten seitenweise daran glauben. Jede Seite habe ich zerknüllt und zwischen Plexiglas bzw. Glas und Karton gestopft. Stunden später war der Zwischenraum endlich voll, die eisigen Brisen ausgesperrt. Danach haben wir die ganze Pracht von innen mit Klebeband versiegelt. Sieht scheiße aus, aber bildet einen isolierenden Luftpolster. Von der Straße hat man den Eindruck, ein deutscher Verpackungskünstler oder ein avantgardistischer Street Art-Dadaist hätte ungefragt mit „einer Arbeit“ seine Umwelt beglückt. Mir ist´s egal, Juliane und ich erfreuen uns daran, dass die Fenster endlich dicht sind.
Diese gleichermaßen unzeitgemäßen wie unerfreulichen Instandsetzungsimprovisationen an unserem Heim hielten mich davon ab, vor unserem Ausflug nach Boston meine Eindrücke niederzuschreiben. Bei unserem Trip nach Boston handelte es sich um mein Weihnachtsgeschenk. Als mir klar wurde, wohin der Ausflug ging, grölte ich laut falsch und hingebungsvoll „I'm Shipping Up To Boston“ (Dropkick Murphys), was mehrere Schmerzmittelangebote meiner Gattin nach sich zog. Dergleichen Banausentum ignorierend freute ich mich sehr, endlich die historische Stadt (Tea Party, Battle of Bunker Hill, etc…) und die Heimat der Boston Celtics zu sehen. Seit dem Gymnasium war und bin ich Fan der Celtics. Daran konnten auch jene nichts ändern, die damals vor mehr als zwanzig Jahren – Jesus Christ! – naht- und übergangslos vom Dress Michael Jordans (Chicago Bulls) in das von Shaquille O´Neill (damals Orlando Magic) geschlüpft waren.
Die Anreise mit dem Greyhound-Bus klappte problem- und klaglos. Der Fahrer – eigentlich unnötig zu sagen, dass er Afroamerikaner war – war zu uns nett und hilfsbereit. Ein paar Mitreisende, die ihn ungebührlich drängeln wollten, stauchte er dagegen lautstark zusammen. Bei jedem noch so kurzen Aussteigen fand sich eine Zigarette in seinem Mundwinkel. Auf dem Kopf trug er eine schwarze Wollmütze, die von vielen in einer Art getragen werden, die irritierenderweise an das Reservoir eines Präservativs erinnert. Eine Ähnlichkeit, die man mit Blick auf die eigene Gesundheit besser für sich behält. Ins Auge fiel mir auch gleich der wohl schusssichere Glaskäfig, der den Passagierteil vom Fahrerbereich trennte. Eine Einrichtung, die es in Peter Pan-Bussen nicht gab, also eine Spezialität von Greyhound sein musste. Der Zustand des Busses war hingegen nicht anders als der jedes anderen Überlandlinienbusses. Berichte über den mitreisenden Bodensatz der Gesellschaft erschienen mir reichlich übertrieben, die wirklich armen Leute können sich eh kein Ticket leisten. Trotzdem war die erste Reaktion auf unseren Plan mit Greyhound zu reisen: „So you will be with the people!“ Es stimmte, im Bus reisten wir wirklich volksnah. Nachdem wir die Regionallinie benutzten, blieben wir bei jeder Milchkanne in der Landschaft stehen. Auf der Route quer durch zwei Indianerreservate lagen die beiden Casinos der Natives: das Mohigan Sun und das uns schon bekannte Foxwoods. Wen wir dort aller absetzten und einsammelten war aus soziologischer Sicht alleine die Reise wert. Junge schwarze in knallbunten Seiden-Blousons, reizende farbige Rentnerinnen und ein etwas abgerissener und keineswegs geruchsneutraler Pensionist in zwei Paar Jeanshosen. Besonders ans Herz ging uns ein erst kürzlich entlassener Ex-Sträfling, der sich mithilfe eines fünfzehn bis zwanzig Jahre alten Klapphandys um seinen Job und die Freundschaft seines Geschäftspartners quatschte. Er reparierte als Handwerker Eigenheime, bis zu diesem Telefonat, schätze ich. Der von ihm freigesetzte Redeschwall war laut Juliane, die in einem Frankfurter Gefängnis Deutschunterricht gegeben hatte, exakt derselbe, den sie auch in Deutschland von denselben Leuten gehört hatte. Wenigstens das Elend im Kapitalismus ist globalisiert. Diesen Mann sahen wir nicht wieder, den Alten in den zwei Hosen trafen wir auf der Rückfahrt wieder. Geduscht und in gewaschenen Hosen. Wir waren mit zwanzig Minuten Verspätung in New Haven losgefahren, ohne Delay erreichten wir Boston.
Mein erster Eindruck von Boston lässt sich in drei Adjektiven zusammenfassen: Elegant, sauber und sicher. Zum ersten Mal hatte ich kein ungutes Gefühl, zu Fuß und behindert durch den öffentlichen Raum zu gehen. Downtown wirkte auf mich wie das mit dem Stahlbesen durchgefegte Gotham City aus den DC-Comics. Jugendstilwolkenkratzer, Feuerleitern und dampfende Kanalgitter. Unser Hotel lag mitten in der Innenstadt, und direkt angeschlossen war ein Pub, das „Elephant and Castle“. Das barg den grandiosen Vorteil, nach Abendessen und letztem Bier in den Aufzug zu steigen und kurz darauf direkt ins Bett zu fallen. Bevor es soweit war, besuchten wir den Weihnachstmarkt bzw. die Holidays and Winter Fair. Diese US-amerikanische Variante des Christkindlmarktes war hinter dem Rathaus aufgebaut, einem dezenten Meisterwerk des architektonischen Brutalismus. An jedem anderen Ort der Welt hätte mich der Betonklotz gegruselt, hier passte er hin. Auf dem Weg zum Rathaus kamen wir an einigen der ältesten Bauwerke der USA vorbei. Dem Old State House, an dem auf dem Dachfirst bis heute noch Löwe und Einhorn des Britischen Empires zu sehen sind. Dieses zwischen den Schluchten des Bürogebirges ringsum winzig anmutende Backsteingebäude mit weißem Holzturm versinnbildlicht wie kaum ein anderes die Geschichte der USA. Von der Kolonie bis zu einer der größten und mächtigsten Demokratien der Welt. Das Gefühl der Sicherheit vertiefte sich beim Betreten des Weihnachtsmarkts mit Eislaufbahn. Hier hatten wir nicht den Eindruck, ein Armeecamp zu betreten. Ein Blick in die beleuchteten Bürofenster ringsum machte indes deutlich, dass die Mehrheit die Innenstadt mit den Pendlerzügen verlassen hatte. Die Abgänge zu den U-Bahn-Stationen waren seit 20:00 Uhr mit Rollläden verschlossen. Wir waren demnach tatsächlich „unter uns“. Die Staatsgewalt äußerte sich bloß darin, dass beim Betreten des Zeltes mit Wein- und Glühweinausschank das Alter kontrolliert wurde, und mehrere Police Officers mit strenger Amtsmiene zum Aufwärmen hereinkamen. In geselliger Runde neben dem Tresen tauten ihre Mienen wieder auf. Juliane und ich brauchten keinen Stempel auf der Hand, wir bekamen unser alkoholhaltiges Heißgetränk auch so. Frechheit! „Glühwein“ stand auf den Etiketten der Flaschen, die kamen alle aus Deutschland. Die Schachteln und Flaschen, nicht der Wein. Zu unserer Verblüffung lernten wir, dass der „deutsche Glühwein“ aus  Georgia stammte. Nicht Georgia USA, sondern Georgia, the Country. Das heißt, aus Georgien. Georgia wäre von uns schon weit weg genug gewesen, aber dass unser heißer Gewürzwein so weit gereist war, um in Boston in unseren Mägen zu landen, das schmeckte doch ein wenig bitter. Nach zwei Bechern war auch hier um 20:00 Uhr Schluss. Die Gäste durften zwar draußen weiter trinken, aber der Ausschank wurde geschlossen. Aufs Herumstehen in eisiger Kälte hatten wir keine Lust, also die Tassen geleert und auf ins Pub. Zum Trost fand Juliane einen Stand mit originalen Herrnhuter Sternen aus der Oberlausitz. Das wärmte das Gemüt, und so ein kleiner gelb-roter Stachelstern schmückt seither unser Fenster.
Der nächste Morgen präsentierte sich anders als in den Wetterprognosen sonnig und klar. Die besten Voraussetzungen, um mein eigentliches Weihnachtsgeschenk anzutreten, eine Schiffsrundfahrt zu den historischen Stätten in der Bostoner Hafenbucht. Der Weg zu den Anlegestellen war nicht weit, er führte uns wieder am Old State House vorbei. Auch an der in etwa gleichalten Faneuil Hall, der Versammlungs- und Markthalle im Zentrum, die das großzügige Geschenk eines Hugenotten an die Stadt gewesen war. Der Name war und ist demnach Französisch, ihn aber derart auszusprechen führt zu gar nichts. Außer zu Stirnrunzeln. Inzwischen finde ich es faszinierend, wie amüsiert bis indigniert einige US-Amerikaner reagieren, wenn jemand ein Wort oder einen Namen ihrer Meinung nach falsch bzw. mit Akzent ausspricht. Sie selbst haben wiederum meiner Meinung nach ein unvergleichliches Talent, jeden nicht-englischen Eigennamen oder Ausdruck bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen. Besonders das nur in den USA bekannte und beliebt berüchtigte TH der semitischen Sprachen hat es mir angetan. Selbst wenn Komposition und Text in Weihnachtsliedern auf diese Weise partout nicht zusammengehen, wird das englische TH trotzdem stur in z.B. Bethlehem gesungen. Aber wenn meine Frau in einer Konversation Karbon sagt, dann freut sich das Gegenüber blödsinnig über einen Car bone (Autoknochen). Whatever! Die Schiffahrt hinaus in die Bucht war wunderschön. Kurz beschlich mich gerade darum ein unangenehmes Empfinden. Weit hatte ich es gebracht, dass Juliane mich an Bord bugsiert, mich unter Deck auf einen Sessel setzt, und ich dann glücklich lächeln die vorbeiziehenden Sehenswürdigkeiten bestaune, unfähig, sie mir aus eigener Kraft anzusehen. Juliane tröstete mich, dass das das eigentliche Konzept des Tourismus darstellte und flößte mir eine heiße Schokolade ein. Der Anblick von echten Forts und Leuchttürmen aus dem sechzehnten, siebzehnten und späteren Jahrhunderten taten ihr Übriges, um mich mit der Welt und meinem Zustand zu versöhnen. Wir wuchteten mich auch über die steile Treppe nach oben auf Deck. Dort hatte ich aber Angst vom Wind erfasst und verblasen zu werden. Viel bringe ich nicht mehr auf die Waage, und die Brise war kalt und steif. Höhepunkt der Ausfahrt war für mich natürlich die U.S.S. Constitution, das älteste sich in Dienst befindliche Kriegsschiff der Welt. Die Old Ironside liegt am Fuße des Denkmals der Schlacht von Bunker Hill vertäut und ist in meinen Augen noch so schön wie an ihrem ersten Tag. In Boston legte sich auch endlich das Gefühl, geschichtsloser Gefangener in einer identitätslosen Gegenwart zu sein. Boston lag nahe bei den blauen Bergen, die von den Natives Massachusetts genannt worden waren. Und Boston war neben New York der größte Einwandererhafen. Konflikte zwischen Neuankömmlingen und den Alteingesessenen waren an der Tagesordnung. Besonders zur Zeit der Großen Hungersnot in Irland kam es zu Repressalien. Zum Glück, erzählte man uns, waren diese Zeiten vorbei, heute ist Boston eine irische Stadt. Entsprechend kauften wir mir eine Kappe und eine Wollmütze der Boston Celtics, deren legendäre Spieler und Manager in Bronze gegossen die Plätze zieren.
Wir schauten dann noch auf eine Schüssel Clam Chowder im Cheers vorbei, dann war unsere schöne Zeit in Boston auch schon wieder vorbei. Die Bürotürme Downtowns präsentierten sich als Termitenburgen, in die morgens Heerscharen emsige Arbeiterströme einzogen, sie belebten und abends wieder in die Vororte verließen. Eine gewaltige Flutwelle aus Pendlern spülte uns aus Downtown zum Bahnhof und weiter in den Busbahnhof. Von dort begann unsere Heimreise, die gut und gerne von Homer in Hexametern besungen werden konnte. Kurz gesagt: Eine schlichte Busreise wurde zur Irrfahrt, zur Odyssee. Unser Chauffeur trug dieselbe signifikante Mütze und wirkte auf den ersten Blick wie die rauchfreie, jüngere und gebügelte Variante unseres Fahrers bei der Herfahrt. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Berufsfahrern war aber ein völlig anderer. Wir erinnern uns, der ältere hat eine Verspätung von zwanzig Minuten aufgeholt. Ich habe schon miterlebt, dass ein Fahrer der Wiener Linien, der ansonsten immer 13A gefahren war, als Aushilfslenker irrtümlich nicht in die 14A-Route eingebogen war. Einmal um den Block, und alles war wieder gut. Wirklich noch nie in meinem Leben habe ich es erlebt, dass ein Berufsfahrer überhaupt keinen Plan davon hat, wohin er seinen vollbesetzten Linienbus zu lenken hat. In Providence, der ersten Station unserer Reise, landeten wir nicht vor dem Bahnhof, sondern unter einer Brücke dahinter. Kein Ort, wo man in der Nacht sein möchte. Sein kleiner Irrtum war unserem Lenker aufgegangen, als nach zehn Minuten noch immer keiner der gebuchten Fahrgäste aufgetaucht war. Nachdem wir die Fahrgäste aus Providence erfolgreich aufgesammelt hatten, steuerte er den Wagen in eine Gegend gegen die unser Parkplatz unter der Brücke ein anheimelndes und lauschiges Plätzchen gewesen war. Wir stießen tiefer und tiefer in die Hood vor, bis endlich eine ortsansässige Mutter mit Tochter lauthals protestierte und die Navigation des Busses übernahm. Das, sagte sie, wäre ihr Teil der Stadt, und wo uns der Lenker gerade hinfuhr, dort wollten weder wir noch sie jemals sein. Dank dieser Frau erreichten wir den Highway. Jetzt stieg in unserem Pensionisten in den beiden Hosen, der wieder mit von der Partie war, die Nervosität. Der Fahrer wusste nicht, welches der beiden Kasinos sein nächstes Ziel war. Nun, es war das Foxwoods. Aber wie der Name schon sagt, das stand mitten im Wald. Und im Reservat sah es aus wie im Waldviertel im Winter. Es gab jede Menge Bäume, keine Straßenbeleuchtung und es war finster. Nach dem jahreszeitlich bedingten frühen Sonnenuntergang, wird einem an einem solchen Ort rasch klar, warum gerade jetzt ein Fest begangen und nötig wurde, bei dem viel künstliche Beleuchtung im Spiel war. Langer Rede gar kein Sinn, der Lenker fuhr dreimal an dem riesigen, hell erleuchteten Gebäudekomplex vorbei. Der Rentner in den beiden Hosen wurde renitent. Zum Glück, er wusste nämlich wo es lang ging. Die Weiterfahrt zum nächsten Kasino endete auf einem Parkplatz irgendwo im Nirgendwo. Die Stimmung im Bus knisterte. Der schwere Pickup der Tribal Police der Mashantucket Pequot war uns seit dem Foxwoods gefolgt und parkte in einiger Entfernung. Die Officers dachten vielleicht an eine Entführung. Ich dachte an die Rettung aus der Wildnis durch diese tapferen Polizisten. Es kam anders. Ein beherzter Mitreisender stand auf, marschierte vor und hielt dem Fahrer sein Smartphone mit GPS-Navigation vor die Nase. Dank dieses beherzten Eingreifens verfranzten wir uns auf der Weiterfahrt bloß noch dreimal. Wir kamen mit einer Stunde Verspätung und mitten in der Nacht in New Haven an. Ob der Bus jemals sein Ziel New York erreicht hat, wissen wir nicht. Der Mann mit dem Navi sagte, er würde beim nächsten Halt aussteigen.
Die einstündige Verspätung löste eine Kettenreaktion in mir aus. Sie war gewissermaßen der erste einer langen Reihe aus Dominosteinen. Fiel der eine um, folgten alle anderen. Ich hatte vor Weihnachten eine ganze Reihe von Arztterminen, und durch die Verzögerung und Erschöpfung verlor ich einen ganzen Vormittag. Just jenen, an dem wir ein Auto gemietet hatten, um unseren Christbaum zu besorgen. Statt dem üblichen SUV bekam ich einen Honda Civic. Der ließ sich zwar gut fahren, aber das Ein- und Aussteigen gestaltete sich, na sagen wir mal, interessant. Außerdem zog die designoriginelle „Sportvariante“ den Neid und die Aufmerksamkeit der falschen Mitbürger auf sich. Sitzt dann auch noch eine vollbusige Blondine auf dem Beifahrersitz, dann ist man sich der glühenden Blicke sicher. Und besonders reizend gestaltet sich das Wiedersehen mit so einem Zeitgenossen im Wartezimmer des gemeinsamen Podologen. Vorweihnachtliches Beisammensein. Auf der einen Seite grimmte mich einer von unter seiner Baseballcap und Kapuze an, auf der anderen rieb ein kleiner Bub fröhlich krähend die Lederbänke und Tische mir Desinfektionsmittel ein. Letzteres hielt ich für eine gute Idee, das musste schließlich auch mal gemacht werden. Nach dem Treffen mit meinem Doktor, an dessen Ende ein weiterer Umbau meiner orthopädischen Einlagen stand, ging es weiter in den Baumarkt. Dort kauften wir endlich unseren Weihnachtsbaum. Eine Fraser Tanne, die wir quer über die Rückbank in den Civic stopften. Weihnachten konnte kommen.
Noch einmal Photopherese, dann war es soweit. Ich fand mich einen Tag vor Heiligabend Aug in Aug mit einer 60 US-Dollar-Ente und einem Blaukrautkopf wieder. Das Interessante an der Zubereitung eines traditionellen Entenbratens hierzulande ist, dass es in den USA nichts gibt, dass einem dabei helfen würde. Das heißt, kein tiefgefrorenes Rotkraut, keine vorgefertigte Masse für Erdäpfel- bzw. Kartoffelknödel. Ich musste wie Anno Dunnemal alles selbst herstellen. Mein Respekt vor den Kochkünsten unserer Vorfahren wuchs mit jedem Arbeitsschritt. Nachdem ich das Krauthappel niedergerungen hatte, musste ich das Ding erst einkochen, dann dünsten. Die Vielfalt an Zutaten ist bemerkenswert. Dank sei Gott, dass der Topf nicht explodierte. Das Herstellen der Waldviertler Knödel beschäftigte mich die nächsten paar Stunden. Stets begleitet von der lieblichen Stimme meiner Gattin, die es nicht lassen wollte, meine herrlichen Knödel Thüringer Klöße zu zeihen. Und auch wenn sie hundertmal damit Recht hat, ist mein Stolz nicht gewillt, dergleichen „Beleidigungen“ einfach hinzunehmen. Koste es was es wolle! Da kann ich ja gleich das dämliche TH mitsingen. Aber egal jetzt. Als nächstes kam die Ente dran, die ich stopfte und würzte. Zusammengefasst: Ich verbrachte den gesamten 23. Dezember damit, das Essen für den Heiligen Abend am 24sten vorzubereiten. Respekt vor all unseren vorangegangenen Generationen ohne Tiefkühlgemüse und Instantnahrungsmitteln.
Gebraten habe ich die Ente dann am nächsten Tag. Drei Stunden lang. Und hätte mir Hatty nicht während meiner Behandlung erklärt, wie man den Herd richtig einstellt, hätte ich Kohle produziert. Vielen Dank!


Fortsetzung folgt…


Dienstag, 12. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 22)

Teil 22: Einsichten eines Migrantenlebens


Was haben die zwei gemeinsam? (außer österr. Geburtsurkunden)
Beide spielten Dr. Viktor Fries aka Mr. Freeze in BATMAN!
Christmas Eve, der Heilige Abend, rückt näher. Und die Neugier treibt mich an, dieses Jahr einen Eggnog zuzubereiten. Dieses Getränk, im Prinzip handelt es sich um Eier, Milch, Cream, Zucker und Bourbon, möchte ich bzw. möchten wir integrieren. Das heißt: Diese typisch US-amerikanische Weihnachtszutat in die Menge unser eigenen Weihnachtsbräuche aufnehmen, und somit unsere eigene Weihnachtstradition im neuen Heim zu beginnen. Wie der Eggnog wird das dieses Jahr eine ziemlich wilde Mischung aus sächsischen, österreichischen und US-amerikanischen Elementen. Und diese Melange wird Juliane und mich ziemlich gut wiederspiegeln. Ich hege ja noch Bedenken, den guten Bourbon mit Milch und Zucker zu verunreinigen, aber diese Hürde werde ich überspringen.
Essen und Trinken waren nicht die einzigen, jedoch die ersten Hürden beim Versuch in unser Leben in den USA zu starten. Der größte Brocken waren meine medizinischen Behandlungen und die Sprache. An meinem Akzent, den ich wohl niemals ganz verliere (siehe Arnold Schwarzenegger oder Otto Preminger), bemerkt natürlich jeder als erstes, dass ich aus Übersee bin. Die USA waren und sind nicht der einzige Ort auf der Welt, wo dieser Unterschied ins Auge fällt bzw. ins Ohr geht. Meine Sprache ist ein besonderes Merkmal. Es gibt weltweit nur eine einzige Stadt auf der Welt, wo man so spricht wie ich. Das machte mich bisher froh und auch ein wenig stolz. Damit mussten sich außerdem schon viele abfinden. Millionen Menschen teilen diese Erfahrung an verschiedenen Plätzen und in unterschiedlichen Zungen. Dadurch hat sich mein ganzer Zugang zum Thema Fremdsein an einem Ort bzw. in einer Gemeinschaft verändert. Nirgends war und bin ich so sehr Wiener oder Österreicher wie im fremdsprachigen Ausland. Wozu ich jetzt augenzwinkernd auch Deutschland zähle. Auch hier in New Haven ist es so, dass, wo ich auftauche und den Mund aufmache, die Gesprächsthemen schnell zu Wien, Österreich oder deutschsprachige Exilanten wechseln. Inzwischen macht mich das sogar ein wenig ärgerlich, weil ich nicht den Atlantik überquert habe, um ständig über meine eigenen Themen zu reden. Ich wollte ja etwas Neues kennenlernen. Ich bemühte mich schnell, mich wie Amerikaner anzuziehen, ihre Umgangsformen zu übernehmen und nicht schon auf den ersten, aber auf den zweiten meine angeborene Andersartigkeit zu enthüllen. Umso mehr habe ich mich gefreut, als Hatty, „meine“ Nurse bei der Photopherese, mir gesagt hatte, ich sehe jedes Mal mehr wie ein „echter Amerikaner“ aus. Über meinen Akzent haben wir dann beide gelacht, und ich fand das auch gut so. Selbst wenn es nicht ganz ehrlich gemeint war, und sie mir nur eine Freude damit machen wollte, es hat gewirkt, ich fühlte mich gut. Und so und nicht anders funktioniert die US-amerikanische Höflichkeit.
Natürlich gibt es nach wie vor unglaublich viele Widersprüche und Ungereimtheiten, und mit jedem Tag werden sie mehr. Es ändert sich nur langsam die Richtung aus der sie kommen, der Wind hat sich gedreht.
Um einen echten Eggnog herzustellen, braucht man Eier. Frische Eier dürfen in den USA nur gekühlt verkauft werden. Wie komisch ist das denn? Um Eier auf den Tisch zu bekommen, braucht es doch keine ununterbrochene Kühlkette. In Europa stehen die Paletten in den Supermärkten meistens ungekühlt herum. Jedenfalls bei den Diskontern. Auf Nachfrage erfuhr ich dann, dass Eier in den USA gewaschen werden müssen, bevor sie die Hühnerfarmen verlassen. Das beschädigt die Eischale und macht Eigelb und Eiweiß darin leichter verderblich. Und plötzlich machte alles Sinn.
Nach acht Monaten Aufenthalt habe ich aufgehört zu vergleichen. Alles ist relativ, und ich lebe hier in einem völlig anderen System. Hier herrschen andere Regeln, die muss ich erlernen. Das leuchtet mir ein. Das bedeutet aber nicht gleichzeitig, dass ich die Gesetzmäßigkeiten meines Ursprungsraums vergesse. Ja, ich kann sie ablehnen und verdrängen. Aber das macht, glaube ich, niemanden glücklich. Eine Pflanze, der ein Maulwurf die Wurzeln abnagt, vertrocknet, verhungert und stirbt. Ich hatte gedacht, mich gut arrangiert zu haben. Bis mir ein harscher Gegenwind den Wind aus den Segeln nahm. Ich verlor für einen Moment meinen Kurs aus den Augen, und ich wusste nicht mehr, wer und wo ich war. Ich war und bin beileibe kein Einzelfall. Diese Erfahrungen machten und machen früher oder später alle Migranten. Das wusste ich. Was mich überraschte, waren Zeitpunkt und Ursprung.
Ich gab mich bisher keinen Illusionen hin, in den USA bin ich der Tschusch. Mein schlechtes Gewissen, dass wir US-Amerikanern die Jobs wegnehmen, hält sich indes in Grenzen. Wer sollte besser qualifiziert sein, US-amerikanischen StudentInnen deutsche Literatur auf Deutsch beizubringen als eine Muttersprachlerin und promovierte Literaturwissenschaftlerin? Oder welcher der üblichen Verdächtigen möchte sich schon freiwillig meiner gesundheitlichen und beruflichen Unsicherheit aussetzen? Diese Überlegungen waren mein sicherer Hafen, mein trockenes Pulver in der Kammer für den Fall der Fälle. Man weiß ja nie, wem man so aller begegnet. Tatsächlich wurden wir kein einziges Mal mit derartiger Munition angegriffen. Gelegentlich blitzt ein wenig Genervtheit hervor, wenn mir ein Wort nicht gleich einfällt, ich nicht sofort verstehe, oder etwas länger über eine Antwort nachdenke. Das war alles. Vonseiten meiner Gastgeber. Maschallah!
Dank der modernen Medien halte ich den Kontakt nachhause. Zu meiner Familie, zu meinen FreundInnen. Postings in den sozialen Medien verstand ich bisher als Einladung, über den geteilten Inhalt nachzudenken. Anders gesagt: Als Aufforderung, verschiedene Aspekte, Ansichten und Deutungen auszutauschen. Von einer dieser Möglichkeiten wurde ich jetzt ausgeschlossen. Auf Facebook reicht dazu ein Mausklick.
Ich lebe nicht in Wien, hieß es plötzlich, daher weiß ich nicht „wie es bei uns“ zugeht. Dieses „bei uns“ aus der Tastatur meines Gegenübers in Übersee war für mich ein Schlag ins Gesicht. Wie schnell und leichtfertig wurde da eine Wir-Gruppe eingegrenzt. Und wie rasch war ich daraus ausgegrenzt. Schon nach acht Monaten Auslandsaufenthalt hatte mir jemand das Recht abgesprochen, meine Meinung und Überlegungen zu Zuständen und Vorgängen in Österreich zu äußern. Zu den Verhältnissen in meinem Geburtsland. Meiner Heimat, in der ich nach wie vor meine Sozialversicherungsbeiträge und Steuern entrichte. Ich war wütend und gekränkt. Ich brauchte Zeit, um zu rationalisieren. Die Gemüter hatten sich zu nächtlicher Stunde erhitzt. Kann geschehen. Das nehme ich niemanden übel. Aber inzwischen spüre ich Ärger in mir hochkochen, wenn sich jemand, der nie hier gelebt hat, abfällig über die USA äußert. Das trifft es aber nicht ganz. Wenn ich in dieser Gemütslage so etwas schreibe wie: „Der Einzige in den USA, der eine brachiale Lösung gesucht hat, war der, der sich heute Morgen in New York im Busbahnhof in die Luft gesprengt hat“, dann denke ich dabei weder an Präsident Trump, noch an die Bush-Familie, noch an irgendwelche rassistisch-motivierten Amokschützen. Dabei denke ich an die Krankenschwestern im Yale New Haven Hospital, an den netten Busfahrer, der möglichst nahe an den Randstein heranfährt, dass ich gut einsteigen kann, an die Kassiererin, die uns die Quarters für die Waschmaschine rausgibt und ja, auch an die Polizisten, Soldatinnen und Nationalgardisten, die mich beschützen. Kurz: Ich denke an die US-Amerikaner, mit denen ich lebe! In einem von den Demokraten regierten Bundesstaat. Trump, die Bushes und wer noch immer, die interessieren mich dann nicht. Das sind Fratzen aus den Medien. Die Menschen, mit denen ich hier lebe, haben Gesichter. Liebenswerte Gesichter.
Jetzt wurde ich von einem Teil meiner Verwandtschaftsgruppe buchstäblich ausgeschlossen. Ich wurde blockiert, zum Schweigen gebracht. Dazu reicht ein Mausklick. An den Umgang mit Mitmenschen als Wegwerfbekanntschaften werde ich mich nie gewöhnen. Aber egal. In der Rückschau an dieses Ereignis faszinieren mich am meisten die Widersprüche: Ich darf mich nicht mehr zu Wien äußern, weil ich nach acht Monaten nicht mehr weiß, wie es „bei uns“ zugeht. Für die Person, die mir das entgegnete, gelten aber andere Maßstäbe (noch nicht einmal ihre eigenen). Die weiß nämlich genau über die USA und die Amerikaner Bescheid, ohne einen einzigen Tag wirklich in dem riesigen Staatenbund gelebt zu haben. Gelebt, das heißt: nicht als Tourist oder auf Dienstreise.
Ich bin, wie gesagt, kein Einzelfall. In meiner anfänglichen Kränkung hatte ich mich dazu verstiegen, hochgegriffene Parallelen zu ziehen: Paul Lendvai durfte und soll sich nicht mehr über Ungarn äußern. Thomas Mann sollte damals auch besser über den Krieg und das Regime schweigen, weil er als Exilant nicht dabei gewesen war. Christoph Waltz soll über Wahlausgang und Regierungsbildung die Schnauze halten. Et cetera. Und im selben Atemzug fielen mir noch viel mehr Autorinnen und Journalisten ein, denen nahegelegt wurde und/oder wird, über die Zustände in ihrem Herkunftsland den Mund zu halten. Weil ihre Ansichten und Denkanstöße nicht mit geltenden Dogmen und unhinterfragten Ideologien konform gingen und/oder gehen. Aber wie gesagt, das ist in meinem Fall viel zu hoch gegriffen. Ich bin im Vergleich zu diesen Dissidenten nur ein kleines Licht. Auch wenn dies schon der Boden ist, auf dem derartige Frucht keimt, ich bin einem Einzelfall begegnet, die/der sich über etwas aufregen wollte, nicht über etwas nachdenken. Österreich kann das besser. Das weiß ich. Und viele nette Menschen beweisen es.
Wer jetzt aber denkt, dieser Einzelfall wäre bloß ein weiterer aus der langen und fortgesetzten Reihe jener Einzelfälle und Lausbubenstreiche, die unter anderem die Wahlkarten abschaffen wollen, und damit das demokratische Mitbestimmungsrecht von Auslandsösterreichern, der könnte irrer nicht gehen.
Und darum frage ich mich zum ersten Mal, in den Händen welcher Wir-Gruppen ich mein Ursprungsland zurückgelassen habe? What´s wrong with you people?
Bitte, lasst mich mein Wien wiedererkennen wenn ich wiederkomme! Ich glaube an euch, ihr schafft das!

Fortsetzung folgt…

Quellen der Fotos:
Otto Preminger:
Von Allan warren - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9892395
Arnold Schwarzenegger:

Von Koch / MSC, CC BY 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38272407

Samstag, 9. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 21)

Teil 21: Es schneit!


Frohen und gesegneten Advent!
Es schneit und schneit und schneit. Und wie es aussieht, nimmt das sobald kein Ende. White Christmas steht vor der Tür. Vorgestern sind die in den Boden gesteckten neonfarbigen Rundhölzer am Straßenrand aufgetaucht, der Himmel sah nach Schnee aus, und als im Waldviertel aufgezogener Mensch habe ich mir gedacht: „Oha! Schneewehen im Kommen!“ Gestern wurde dann dieselbe Wetterwarnung wie vor dem letzten Regensturm bekannt gegeben, und damit war klar, der Winter Neuenglands wird uns dieses Wochenende erstmals sein kaltes und eisiges Hinterteil zeigen. Zuletzt hatten wir bei Temperaturen um die 10° Celsius und prächtigem Sonnenschein gescherzt, ob wir überhaupt jemals wieder Schneefall in Connecticut erleben würden. Allen allerhöchsten Dementis eines Klimawandels zum Trotz. Heute schaut die Welt schon wieder anders aus: Wenn nur die Hälfte der zuletzt erlebten Regenmassen als Schnee vom Himmel fällt, dann sind wir Sonntagabend futsch, im Schnee begraben. Und wirklich nach nur wenigen Stunden, sieht es bei uns aus wie im Winter Wunderland. Ich bin überrascht, wie gut die Holzhäuser, die Wände aus Latten und Papier, den geänderten Wetterbedingungen trotzen. Die Heizung läuft zwar rund um die Uhr, und Tauwasser plätschert munter von der Dachtraufe, aber Energiefragen wie etwa -kosten oder -effizient sind ohnedies kein Thema. Dicke Schneeflocken fallen dicht vom silbergrauen Himmel. Und die Pracht blieb auch tatsächlich liegen. Eine weiße Decke breitete sich freundlich über kahle Bäume und braungescheckte Wiesen. Deutlich sieht man Tierspuren im Weiß. Jetzt trauen sich auch diejenigen ans Tageslicht, die sonst nur in der Nacht oder zur Dämmerung unterwegs gewesen waren. Endlich habe ich meinen ersten lebendigen US-amerikanischen Waschbären erblickt. Das Verkehrsopfer neben dem Highway zählte ich nicht, mich machen nur lebendige Sichtungen froh.
Neben den Eingangstüren und auf den Veranden stehen schon länger Schneeschaufeln bereit. Inzwischen tauchte bei mir der Gedanke auf, wer diese wohl benutzen wird? Oder wer das Stiegenhaus aufwaschen wird, nachdem wir Mieter alle mit unseren matschigen Schuhen die Holztreppen rauf und runter gelaufen sein werden? Die Antwort, basierend auf unseren bisherigen Erfahrungen, gefällt mir nicht. Wenn es nicht Juliane tun wird, wird es keiner machen! Und das schmeckt mir gar nicht. Sollte es wirklich nicht anders gehen, sich keiner der kräftigen jungen Herren bequemen, die Schaufel oder den Wischmopp zu schwingen, werde ich mir eben die Schneeschaufel unter den Arm klemmen und so schippen. Ich bin ja auch der Erste, der gegebenenfalls auf den Brettern der Frontveranda ausrutscht. Aber ich hoffe, das wird nicht nötig werden. Ich rechne damit, dass unsere Vermieter, jemanden vorbeischicken werden. Dieser Wesenszug mancher junger US-Amerikaner, dass wenn es nicht die Mutti macht, oder der freundliche Schwarze oder Latino mit dem Truck, macht es keiner, den finde ich – freundlich ausgedrückt – sehr bedenklich. Zum Beispiel hat der Wind eine Isomatte in den Rasen des Nachbargrundstückes geweht. Woher das Ding kam, wissen die Götter. In einem Anfall von Geschäftigkeit hat ein Nachbar eigenhändig die Isomatte neben die Mülltonnen gestellt. Aber wie glaube ich alle Müllabfuhren dieser Welt, nehmen die professionellen Abfallentsorger nichts mit, dass nicht ordnungsgemäß entsorgt worden ist. Das müssten die behüteten Küken aber erlebt haben, oder wenigstens einmal erzählt bekommen haben. Fakt ist, das Ding liegt immer noch herum, nach zwei Wochen. Jetzt allerdings im Vorgarten drei Häuser weiter.
Zu beobachten gibt es diesbezüglich genug. Auch in unserer Nachbarschaft. Fährt der städtische Müllwagen in eine Wohnstraße ein, wird er wie ein großer Meeressäuger im Ozean von kleineren Fischen umschwärmt und begleitet. Diese Trabanten profitieren von seinem Auftauchen und verwerten seine Nebenprodukte. So treibt jeder Coloniawagen eine Schar Müllsammler vor sich her. In gewissen Respektabstand zu dem großen LKW und seiner afroamerikanischen Besatzung parken zernutzte PKWs am Straßenrand, den Beifahrersitz, die Rückbänke und die Kofferräume voll mit prallen schwarzen Müllsäcken. Die größtenteils farbigen Lenkerinnen und Fahrer dieser Autos eilen flink zwischen den auf dem Gehsteig zur Abholung bereit gestellten Mülltonnen hin und her und sortieren die Wertstoffe heraus. Das heißt, die Glasflaschen, Aludosen und anderes, das bei Recyclingmaschinen, Mistsammelplätzen oder im Wertstoffhof zu Geld gemacht werden kann. Und das ist eine ganze Menge. Außer aus Fernsehberichten aus den Neunzehnhundertfünfzigerjahren kannte ich das Geschäft eines in Wien so genannten Reifenschusters nicht, hier gibt es sie noch (oder wieder?) die Gebrauchtreifenhändler.
Off topic: Schnee!
Außer den Menschen, die sich um zu überleben auf die Nische des Wertstoffsammelns spezialisiert haben, schert sich scheinbar niemand um Recycling. Juliane und ich hatten, wie wir es von daheim gewohnt sind, alle Glasflaschen und Getränkedosen separat gesammelt. Unsere prallen Säcke wollten wir bei der Pfandrückgabestelle eines Supermarktes leeren. Wir kamen mit einem Kofferraum voll damit auf dem Parkplatz an und wurden gleich seltsam beäugt. Der Raum mit dem Pfandrückgabegerät stank bestialisch. Die Maschine wurde offenbar nie gereinigt, nicht einmal mit einem Schlauch abgespritzt. Der einzige Zeitgenosse, der sich ebenfalls in den von Gärungsgasen stickigen Raum verirrt hatte, war ein schwarzer Obdachloser. Der Mann roch selbst streng, aber zeigte sich ausgesucht höflich und hilfsbereit. Das Gerät war natürlich voll, kein Angestellter fühlte sich zuständig, das Ding zu warten und/oder auszuleeren. Immerhin kannte der nette Obdachlose alle Tricks und Kniffe, das technische Gerät zur Zusammenarbeit zu nötigen. Trotzdem, mit unseren Säcken hätten wir den halben oder sogar ganzen Tag damit verbracht, unser Leergut zurückzugeben. Also fragte Juliane den Obdachlosen, ob sie ihm unsere Flaschen und Getränkedosen schenken durfte. Der Mann hatte schließlich auch seinen Stolz, dem man, wie es sich hierzulande gehört, mit Respekt zu begegnen hatte. Er hat sich sehr gefreut. Ich schätze mal, dass er nach einem Tag Arbeit rund fünf bis zehn Dollar mit unserem Abfall verdient haben wird. Das nächste Mal werden wir unsere Säcke gleich einer oder einem der Müllsammler aus dem Tross der Müllabfuhr anvertrauen und uns den Weg zum Supermarkt ersparen. Auf Recycling legt man hier scheinbar keinen Wert. Oder man rechnet es den Obdachlosen und Armen zu. Ein Blick auch in die mitteleuropäische Zukunft? Flaschensammeln dient mancherorts ja bereits als Renten- bzw. Pensionsaufbesserung.
Dafür gleich danach das Kontrastmittel. Ich lenkte den gemieteten SUV vom Supermarktparkplatz auf die zugehörige Tankstelle. Natürlich vollautomatisiert und von den Bildschirmen an den Zapfsäulen brüllte mich Werbung für billige Kredite an. Tanken ist bei der Miete für ein ZIP-Car enthalten, funktioniert via Chipkarte und Code. Aus Gewohnheit habe ich mitgeschaut, wie viel Benzin in den Tank floss, und wie viel er gekostet hat. Große Freude, der Sprit erwies sich als extrem billig. Anders könnte man sich die US-amerikanischen Motoren mit Hubräumen zwischen drei und vier Litern nicht leisten. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ich „bezahlte“ ja gar nicht per Liter. Ich bezahlte nach Gallonen! Das bedeutete eine US-amerikanische Flüssiggallone entsprach rund 3,8 Litern! Ich zahlte für fast vier Liter Benzin weniger als für einen Liter in Österreich. In etwa bloß ein Viertel. Da wunderte es mich auch nicht mehr, das unsere Heizung bei Kälte ununterbrochen heiß bleiben konnte. Alles in allem lösten sich dadurch alle meine Fragen zu US-amerikanischer Umweltpolitik in Rauch auf.
Buchten wir uns in New Haven einen Uber, konnte ich beobachten, dass ausnahmslos alle Autos zwar Gebrauchtwagen, aber aus dem Hochpreissegment waren. Entweder deutsche Limousinen oder SUVs. Und wirklich bei allen leuchtete das Motorblock-Alarmzeichen auf dem Armaturenbrett. Mit einer einzigen Ausnahme, einem neuen Jeep-Wrangler, der einem Studenten gehörte, der als Uber-Fahrer arbeitete, um seine Raten für den Wagen abzubezahlen. Bisher war dieser nette junge Mann der einzige Student, der neben seinem Studium gearbeitet hat. Aus all dem schließe ich, dass die meisten der hiesigen Uber-Fahrer mit den Fahrtendiensten ihre Autokaufraten abbezahlen und sich den Weg zum Service in die Werkstatt trotzdem nicht leisten können. Um sein Gewissen zu beruhigen, weil man überhaupt einen Uber bucht, raten jetzt einige, man solle einfach nach jeder Fahrt mehr Trinkgeld geben. Das ist zwar gutgemeint, aber selbst alle Trinkgelder zusammen können keine Kranken- und Sozialversicherung ersetzen. Ich weiß, wovon ich rede. Bei der Lektüre meiner monatlichen Krankenhausabrechnung wird mir jedes Mal schwarz vor Augen. Und mein Konto sieht Rot. Somit schließt sich der Kreis zum Flaschensammeln…


Fortsetzung folgt…

Mehr Schnee!

Samstag, 2. Dezember 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 20)

Teil 20: Fest- und Feiertags- Saison, New York


Ein Aufatmen der Erleichterung geht durch die USA. Gefolgt von einem Rülpser. Thanksgiving ist vorbei! Der Festtagsschmaus ist überstanden, der Braten aufgegessen und verdaut. Der freundliche Gummitruthahn zum Aufblasen ist von der benachbarten Frontveranda verschwunden. Der mannsgroße Indian in Pilgerkleidung hat bereits Santa Claus Platz gemacht. Indian, so hieß der amerikanische Vogel früher einmal in Österreich. In Erinnerung an den größten Verfranzer der Weltgeschichte. Vorsicht Kalauer: Ein Italiener am Steuer halt. Und heute gibt´s alles Gute von der Pute. (Haha!) Jedenfalls im Magen ist wieder Platz für Kekse und allerhand andere Feiertagsspezereien, die verschlungen werden wollen. Aber eines nach dem anderem…
Unser erstes Thanksgiving haben Juliane und ich beim Institutsvorstand und seiner Frau verbracht, im Kreis der internationalen Gäste des German Departments. Das war ein sehr nettes und warmherziges Aufsammeln der Internationalen, da Thanksgiving als das wichtigste säkulare Familienfest betrachtet wird. Für einige ist es inzwischen wichtiger geworden als das leider doch recht kommerzialisierte und dank einigen Fundis überfrachtete und explosive Weihnachten. Das äußerte sich im Alltag. Die Woche vor Thanksgiving gestaltete sich ordentlich stressig, da alles Dringende vorab und alle Vorbereitungen dafür erledigt werden musste. Das heißt: Bevor dieses Jahr von Donnerstag bis Montag gar nichts mehr ging, und alles öffentliche Leben pausierte, was in den USA höchst ungewöhnlich ist. Es gibt keine religiösen Feiertage, und z.B. die Post kommt auch sonntags. Selbst die Yale-Shuttles stellten ihren Betrieb ein. Die Wohnungen und Häuser ringsum standen leer, die meisten waren woanders zuhause oder bei jemandem zu Gast. Dieser Umstand bereitete uns große Freude, als am Mittwochabend ein Feuermelder zu quäken begann. Es war beruhigend zu erleben, dass sich bis Sonntagabend kein Mensch um den Alarm kümmerte. Verglichen mit dem anhaltenden Technikterror durch diese offensichtlich nutzlosen, dafür aber unsäglich lauten und nervtötenden Geräte, wäre es mir schon fast lieber gewesen, es hätte tatsächlich nebenan gebrannt. Da wäre nach dem „Brand aus!“, Ruhe gewesen. So waren wir dazu verdammt, abzuwarten, bis sich endlich herausstellte, in welchem der verlassenen Apartments ringsum das verdammte Ding piepte und/oder warum. Einer unserer eigenen Brandmelder, der in der Küche (!), war jedes Mal losgegangen, nachdem ich ein putziges kleines Brathühnchen (eine Cornish Hen) beim Zubereiten mit Wasser übergossen hatte. Dampf stieg auf, Deckenterrorist quäkte. Die Auflösung der Ursache der Thanksgiving-Lärmbelästigung ergab dagegen eine ebenso erschütternde wie lächerliche Pointe.
Die Tage vor und um Thanksgiving waren schon immer als reichlich gefährlich verschrien. Zu dieser besonderen Zeit im Jahr sollten Spaziergänger die Wälder Neuenglands besser meiden. Der Ruf der Natur war und ist im Indian Summer am lautesten. Manch einer spürt dann seine gottgegebene Berufung zum Jäger. Können und Talent, den Feiertagsbraten selbst zu erlegen, so denkt der Nachfahre der Pilgerväter, sei ihm in die Wiege gelegt. Dass dieselben Vorfahren ohne die Natives hilflos verhungert wären, deren Fest sie da schamlos als das ihre begehen, darüber wird der Mantel des Vergessens gebreitet. Die Traditionellsten jener Herrschaften sind übrigens oft die, deren Urgroßväter erst in die USA kamen und die heute einen Einwanderungsstopp für Wirtschaftsmigranten fordern. Ich will ja keine Namen nennen. – Steve Bannon! – Aber egal! Wer dem Herumballern entflieht, der meidet auch besser die Hausmannskost und das Selbstgebackene. Denn wie es die eine oder einen nur einmal zum Jagen in den Wald verschlägt, verschlägt es die oder den anderen nur dieses eine Mal im Jahr zum Essenmachen in die Küche. Trotzdem ist es ein ungeschriebenes Gesetz und eine unbedingt zu erfüllende Erwartung etwas eigenhändig Zubereitetes zum Thanksgivingschmaus mitzubringen. In unserem Fall war die geschlechtsspezifische Rollenverteilung klar. Wie es Gott gewollt hat! Meine Frau hat den Fusel eingekauft, ich hab Kürbissuppe gekocht. Und nachdem ihre Flaschen und mein Topf (der größte, den ich habe) relativ flott leer waren, haben wir unseren Teil des Jobs gut erledigt.
Überhaupt war es ein sehr schöner und geselliger Abend. Das vom Gastgeberpaar bereitete Hauptgericht samt Beilagen schmeckte fantastisch. Die von den Gästen mitgebrachten Zu- und Nachspeisen waren auch gut und allesamt bestens durchdacht, trotzdem stellenweise halbgar. Ganz nach scholastischer Tradition. Wir trafen uns schon nachmittags, wie es üblich ist, zu Drinks und Konversation im Wohnzimmer und zu Zigaretten auf der hinteren Veranda. Ein inzwischen befreundeter Brite hatte vor vier Jahren mit dem Rauchen aufgehört, wegen der supersportlichen und sittenstrengen Amerikaner hat er in Yale wieder damit angefangen. Ich denke, das mit dem relativ frühen Treffpunkt vor dem gemeinsamen Abendessen wird gemacht, dass man bis zum Essen schon soweit beduselt ist, dass einem innerfamiliäre bzw. zwischenmenschliche Spannungen, Schrotkugeln im trockenen Truthahn und klebriger Kekse-Teig völlig wurscht sind. Bei mir hat es geklappt. Ich habe Thanksgiving sehr genossen. Juliane fühlte sich danach ein wenig voll. Vom Essen, nicht vom Trinken!
Sonntagabend kamen dann auch unsere Nachbarn endlich nachhause. Vom Fenster aus beobachteten Juliane und ich eine aufgeregte Expedition mehrerer Pärchen zu einer Mulde, abgestellt auf dem Parkplatz hinter den Nachbarhäusern. In einem der Gebäude wird scheinbar renoviert, und jede Menge Baumaterial in dem Container entsorgt. Nach längerem Waten und Wühlen im Dreck war der Übeltäter endlich gefunden. Das Piepen des Rauchmelders verstummte. Irgendjemand hatte die Brandmelder mitsamt der Batterien und funktionstüchtig in die Mulde geworfen. Auf die Idee die giftigen Dinger vor dem Entsorgen aus den Geräten zu nehmen, ist niemand gekommen. Hätten wir nicht schon unter einem Völlegefühl gelitten, uns wäre schlecht geworden.
Am 30.11. war Thanksgiving dann auch schon verdaut. Und der Appetit auf Advent in New York geweckt. Der Plan war so simpel wie genial: Mit dem Commuter-Train, dem Pendlerzug, an den Big Apple und dort ins Cafe Sabarsky in der Neuen Galerie an der Park Avenue. Das Sabarsky war bzw. ist ein original Wiener Kaffeehaus wie es selbst in Wien nur noch wenige gibt. Es teilt sich das Dach mit der „Goldenen Adele“, kaum restituiert schon hierher verkauft, und liegt nicht zufällig in der Nachbarschaft der deutschsprachigen jüdischen Gemeinde. Kurz gesagt, ich war voller Erwartung. Die (deutschsprachige) Speisekarte verhieß einen Tag in Alt-Wiener Tradition vom kleinen Gulasch bis zum Einspänner. Entsprechend gutgelaunt fuhren wir zur Unionstation. Wir haben es halt einmal probiert und gefragt, ob ich mit meinem österreichischen Behindertenpass eine Fahrpreisermäßigung auf das Ticket nach New York bekomme. Anstandslos! Der Schalterbeamte hat bloß kurz erstaunt geguckt. Ein Behindertenausweis mit Foto und im Scheckkartenformat, das war ihm neu. Die US-Amerikanischen Verkehrsbetriebe gaben mir also wider allen Erwartungen und entgegen aller Klischees Rabatt wegen meines Gesundheitszustands. Anders als die Wiener Linien, die mir trotz Zusatzeintrag „Fahrpreisermäßigung“ auf meinem Behindertenpass keine geben, weil ja niemand anderer bzw. keine soziale Einrichtung ihren dadurch entstehenden Verdienstentgang ersetzt. Meine Jahreskarte habe ich darum diesen Monat nach 21 Jahren gekündigt. Im Pendelzug von Connecticut nach New York hätte sie mir eh nichts genützt, weder ermäßigt noch weiterhin zum Vollpreis.
Der Blick aus den Fenstern während der zwei Stunden Fahrt war bezeichnend und informativ. An der Küste zwischen New York und Connecticut liegen die teuersten Anwesen der USA. Trotzdem sahen einige Bahndämme aus wie Müllkippen, und manch ein Bach- oder kleiner Flusslauf auf seinem Weg zur Küste ähnelte einem Gewässer in einem Slum. Juliane meinte, dass es interessant sei, von der Eisenbahn die Rückseite dieser Welt betrachten zu können. Ich hoffe sie hat Recht, und der Ausblick war „bloß“ die Rückseite der Verhältnisse dieser Gesellschaft und nicht ihre Vorderansicht. Ohne zunächst erkennbarer Logik wechselten sich gepflegte Ortschaften mit obskuren Siedlungsformen ab. Einfamilienhäuser, Golfplätze und weiße Kirchen mit besprühten Werkhallen, baufälligen Hütten und Halden aus abgewrackten Hochseebooten. Dann wurde klar, je näher wir New York kamen, desto einkommensstärker und urbaner wurden Umfeld und Infrastruktur. Sogar die Bronx wirkte im Vergleich zu einigen Dörfern entlang des Weges „zivilisiert“ und am Leben.
Die Central Station war für das Weihnachtsfest festlich, farbenfroh und durchaus patriotisch geschmückt. Weihnachtskränze in Rot und Grün, Stars and Stripes in Blau-Weiß-Rot und Army-Soldaten und Nationalgardisten in Camouflage und Feldbraun. In der Vanderbilt Hall besuchten wir die größte überdachte Holiday Fair der USA. Das war sehr nett. Aber die Klischees über New York müssen ja auch irgendwoher kommen. Wir hatten einen Christkindlmarkt erwartet, gefunden hatten wir einen hochpreisigen Designermarkt mit etwas Christbaumschmuck und Flitter. Trotzdem schön zum Anschauen. Wir haben uns auch zwei Christbaumstücke geleistet. Einen Engel und einen Bären. Natürlich handgefilzt aus Kirgistan. Muss ja.
Mit der U-Bahn in die 86th Street. Von da zu Fuß weiter, es wartete der Verlängerte zur Belohnung. Und wirklich, wir wurden freundlich empfangen. Ein netter Mann im Anzug hielt uns die Tür auf, bat uns herein. Dann machten wir den Fehler und fragten nach dem Kaffeehaus. Heute geschlossen, wegen einer privaten Veranstaltung! Die Enttäuschung stand uns ins Gesicht geschrieben. Die Chance hatten wir vertan, uns in den Event zu schummeln. Wir mussten gehen. Die Gattin nahm es gelassen und in ihrer ganz eigenen Professionalität. Nur zwei Hauserblöcke weiter ärgerte sie sich bloß noch in Zimmerlautstärke. Meine Stimmung war auch nicht die beste. Zwei Stunden Zugfahrt für Arsch und Friedrich! Was soll´s, sagte ich, gehen wir halt was essen. Und wirklich, keinen Steinwurf entfernt die Gelegenheit: Ein kleines französisches Restaurant mit für die USA und vor allem New York moderaten Preisen. Jeweils ein zweigängiges Menü (Prix fix inklusive Glas Wein) später, ging es uns beiden besser. Ich verspeiste ein typisch französisches Gericht: Ein Steak mit Pommes frites, serviert mit einer Flasche Heinz Ketchup. Mon Dieu, es gibt sie wirklich, die zweite Sozialisation! Juliane aß eine köstliche Ente à l´ Orange, die allerdings zu ihrer Überraschung weder nach Ente, noch nach Orange schmeckte. Weil sie zum Hauptgang ein Coq au vin bestellt hatte. Lost in translation. Wie dem auch sei, ich nahm zum Abschluss ein Glas Chartreuse. Dabei löste ich mit meiner Aufforderung, mir mit den Eiswürfeln vom Leib zu bleiben, Verwirrung und Entsetzen aus. Weil dieser Kräuterlikör scheinbar höchst selten, und wenn, in NY immer mit Eis bestellt wurde, hatte der Kellner keine Ahnung, wie viel davon er mir in welches Glas einschenken sollte. Die Chefin übernahm selbst. Und ich bekam nach mehreren Versuchen mit falschen Gläsern, einen halbvollen Kognakschwenker. Das war reichlich zum Preis eines Shots. Zuletzt doch noch Glück gehabt!
Eigentlich wollte ich mir noch den Christbaum vor dem Rockefeller-Building ansehen, aber der Chartreuse und meine Beine hatten andere Pläne. Juliane entschied, die Rückreise anzutreten. Auf dem Weg zur U-Bahn kamen wir an der New Yorker Version des legendären Witte an der Linken Wienzeile vorbei. Dasselbe Geschäftsmodell, dasselbe Aussehen, das war wohl kein Zufall bedenkt man, in welcher Gegend wir waren. Ein vor Weihnachtsschmuck, Partyzubehör, Scherzartikeln und Spielwaren blendend strahlender Laden bot ich unseren staunenden Blicken. In der Auslage das Beste beider Welten: Chanukka und Weihnachten friedlich vereint. Blau, Rot und Flitter bis zur Reizüberflutung. In dem Geschäft gab es alles, vom aufblasbaren Herrnhuter Stern Made in China bis zu Schokoladen-Makkabäern hergestellt in Brooklyn. Servietten, Deko, Christbaumstücke, alles entweder mit Stern und Quaderschrift in Weiß und Blau, oder christlich-weihnachtlich in Gold, Grün und Rot. Sogar goldene Buddhas mit pastellfarbigem Flitter für Adventkranz und Christbaum fanden sich im Sortiment. Das Resultat war ein veritabler Weihnachtsflash samt Kaufrausch. Sowas kommt von sowas, unser Heim strahlt jetzt US-adventlich. Im Wohnzimmer hängt ein goldener Herrnhuter Stern-Ballon mit einem Meter Durchmesser. Der geriet mir beim Zusammenbauen etwas größer, als ich erwartet hatte. Der „kleine“ rote am Fenster misst bloß 70 Zentimeter. Etwas für die Nachbarn: Roter Stern New Haven! Und wenn einer sensiblen Seele jetzt etwas oder jemand im friedlichen und multikulturellen Miteinander abgeht, keine Angst. Die allgegenwärtigen freundlichen Wachsoldaten mit der Waffe im Anschlag erinnerten uns in der Central Station und an jeder Holiday Fair daran, wer oder was für Europäer inzwischen in dem Bild fehlt. Die Eingänge zu den Weihnachtsmärkten sahen aus wie die Einfahrten von Militärcamps. God bless America! Und die gelungene Integration!
Der Pendlerzug zurück nach New Haven war in wenigen Minuten voll. Es gab keinen freien Sitzplatz mehr. Zum Glück waren wir etwas früher auf dem Bahnsteig gewesen. Dabei fuhren die Garnituren alle zwanzig Minuten. Und weil dem so ist, wird das Angebot bestens genutzt. Der Zug ist dadurch bequemer und schneller als das Auto. Die einzelnen Stationen der Rückreise hörten sich als Durchsage für mich in etwa so an: „This Port, Next Port, Another Port, Further Port, New Haven!“ Ich wollte ja schließlich an der Küste leben. Da darf ich mich nicht wundern, wenn die Orte alle Port hießen, Hafen.

Fortsetzung folgt…

Die Unionstation in New Haven, CT.




Montag, 13. November 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 19)

Teil 19: I am Austrian, I will not be Heil-ed!


Jetzt habe ich es auch endlich gesehen, Rodgers & Hammerstein´s: The Sound of Music! Das Musical, das für die Mehrheit der US-Amerikaner wie nichts anderes für Österreich steht. Zusammen mit meiner Frau aus Dresden. Ich musste 39 Jahre alt werden und nach New Haven gehen. Und wie so oft in den USA entwickelte sich der Abend völlig anders als von uns Europäern erwartet.
Natürlich wusste ich, dass es sowas wie The Sound of Music gibt. Sowohl als Film als auch als Bühnenstück. Ich hatte auch von der von Trapp-Familie und ihrer Flucht vor dem Anschluss gehört. Als ich 1995 anlässlich der 50-Jahr Feier der UNO und UNESCO in New York gewesen bin, wurde ich oft danach gefragt. „Ob Österreich immer noch so ist?“, wollten viele wissen. Nicht nur von mir und nicht bloß damals. Ich habe viele getroffen, die von der Fragerei nach Film und Musical schon ziemlich genervt waren. In New Jersey hat mir eine Studentin aus Oberösterreich erzählt, längst aufgegeben zu haben und stets zu antworten, dass sie im Sommer im Dirndl mit dem Haflinger zur Schule geritten ist, und im Winter mit den Schiern hingefahren ist. Da ich oft und gerne in Salzburg bin, kannte ich auch die geführten Touren für englischsprachige Touristen. Täglich werden mehrere Busladungen begeisterter Fans an die Spiel- und Drehorte von The Sound of Music gekarrt. Und das war es dann auch. Ich dachte an ein süßliches Klischee. Ein bisserl Jodeln und Hopsen im Dirndl und der Krachledernen über saftige Weiden. Punkt und aus. Was geht mich das an?
Jede Menge Merchandising...
Zweiundzwanzig Jahre später wohne ich in New Haven in Connecticut und treffe Inger, eine Krankenschwester aus Dänemark, die nicht nur unglaublich gerne Schifährt, sondern dafür auch regelmäßig die Trapp Family Lodge in Vermont besucht. In unserer Begegnung versteckten sich für mich also gleich mehrere Überraschungen: Erstens erfuhr ich, dass es in unserer unmittelbaren Umgebung ein Schigebiet gibt. Zweitens, dass es von Exil-Österreichern betrieben wird. Und drittens, dass es hier zigtausende Fans des alpinen Skiweltcups gibt, die auch alle brav zu den Rennen pilgern. Nicht ganz grundlos, u.a. Mikaela Shiffrin besuchte die Burke Mountain Academy in Vermont. Ich bin selbst Schi-Fan, aber wurde dafür in Österreich von den üblichen Verdächtigen gerne belächelt. Weil das ja außer „uns“ niemanden interessiert. Eine Meinung, die wohl ungeprüft (Stichwort: Einschalt- und Übertragungsquoten) von gewissen Nachbarn übernommen wird, die sich in letzter Zeit bis auf ein paar erfolgreiche Ausnahmen aus Bayern kaum oder nur schlecht auf den Rennbretteln halten können. Jedenfalls bestimmt hierorts die Trapp Family das Bild von Österreich. Auf den ersten Blick ist das für mich eine amüsante Schimäre aus westösterreichischer und bayrischer Folklore. Die Brauerei stellt dafür ein „Wiener“ Bier her, das wirklich wie das Ottakringer Original schmeckt. Klingt alles wie business as usual. Stünde da nicht die Flagge der k. u. k. Kriegsmarine im Büro des zu internationalen Filmruhm gelangten ehemaligen österreichischen U-Bootkapitäns und Familienpatriarchen von Trapp. Und dieses Detail lieferte den fixen Punkt, der unseren harmlosen Theaterabend aus den Angeln hob.
Es war Inger, die mich informierte, dass dieses Wochenende im Shubert-Theater New Haven eine Produktion von The Sound of Music lief. Sie wusste ja, dass ich Österreicher bin. Und ich wäre es nicht, wenn ich ihr gegenüber nicht schon einmal die Schlacht von Helgoland (Österreich vs. Dänemark 1866) und mein berufliches und privates Interesse an der österreichischen Marine erwähnt hätte. Weil ich zugegebenermaßen keinen Schimmer von dem Stück (oder dem Film) hatte, meinte sie, ich müsste mir das unbedingt ansehen. Die Gattin war von der Vorstellung, fröhliches Trällern im Alpenglühen zu bestaunen, zunächst nicht wirklich begeistert. Aber Inger und ich erinnerten sie daran, dass es beim Eheversprechen „in guten wie in schlechten Zeiten“ hieß. Juliane ließ sich hernach auch nicht lange bitten und checkte uns die Karten. Und voller Erwartung eines fröhlich heiteren Stelldicheins mit der leichten Muse bestiegen wir unseren Uber und fuhren vor dem Theater vor.
Das Shubert in New Haven sieht für meine europäischen Begriffe weniger wie ein Theater als vielmehr wie ein Kinocenter aus. Hohe Glastüren, mannshohe Plakate, Spannteppich und mehrere Bars die Popcorn, Snacks und Getränke in Plastikbechern verkauften. All das durfte selbstverständlich in den Zuschauerraum mitgenommen werden. Juliane und ich tranken vor der Vorstellung jeweils einen Piccolo Sekt und ein Bourbon-Cola. Aus dem Plastikbecher mit dünnem schwarzem Strohhalm versteht sich. Der dünne Trinkhalm weist das Getränk als alkoholisch aus. Das war allerdings der Teil, der mir als Europäer völlig wurscht blieb.
Ganz und gar nicht egal war uns die Steigung der Zuschauerränge. Der Blick stürzte quasi auf die Bühne. Ganz zu den Alpen passend überlegten Juliane und ich eine Seilschaft zu bilden. Unter Zittern und Stöhnen kletterten wir zu unseren Sitzplätzen. Unser exotisches Idiom weckte das Interesse einer Billeteurin, die uns erzählte, wie sehr sie The Sound of Music liebte. „Edelweiss“ wäre das Lieblingslied ihres Vaters gewesen, und sie müsse dabei jedes Mal weinen. Das erschien mir ein wenig prosaisch. Noch.
Der erste Akt erfüllte all unsere Erwartungen. Jodeldüüh, Herzeleid und Heißa hopsasa. Wir fragten uns, ob das wirklich ein Stück über den Anschluss 1938 war. Die Darstellung der ehrwürdigen Mütter aus dem Kloster Nonnberg brachte mich zum Schmunzeln, weil meine Tante bei ihnen im Internat gewesen ist. Der bemitleidenswerten und rebellischen Seele war hinter den Klostermauern selten zum Singen zumute. Zum Glück war das Klofenster nicht vergittert. Aber egal, die sieben Kinder spielten allerliebst. Die Sänger waren hochprofessionell. Und das Publikum war außer Rand und Band. Eine Stimmung wie im Fußballstadium. Popcorn und Begeisterung vor und nach jeder Nummer.
Dann kam die Pause. Der nette Barkeeper erinnerte sich an mich. Aus irgendeinem Grund war er der Meinung, dass ich vor dem zweiten Akt einen dreifachen Bourbon in meinem Cola brauchte. Dafür berechnete er auch bloß einen Dollar mehr. God bless him! Der Rest der Pause verlief wie immer und überall. In der Herrentoilette hallende Leere, vor der Damenvariante eine endlose Schlange. Mein Angebot, schnell ins feindliche Lager zu wechseln, lehnte Juliane aber wohlweißlich ab. Es gibt Dinge, da verstehen US-Amerikaner bei aller zur schaugestellten Lockerheit einfach keinen Spaß.
Im zweiten Teil des Musicals blieb uns das Lachen im Hals stecken. Die Stimmung verdüsterte sich zusehends. Ich war verblüfft, im Hochzeitsanzug des Kapitäns von Trapp die authentische Uniform eines k. u. k. Korvettenkapitäns zu erkennen. Dann geschah auf der Bühne das Unausweichliche, die Nazis übernahmen die Kontrolle. Auch hier alle Uniformen korrekt. Als sie die Trapp-Familie bei den Kaltzberger Festspielen auf die Bühne zwingen, verhüllten fünf riesige Blutfahnen die Bühne. Vor den Hakenkreuz-Fahnen sang Vater Trapp dann „Edelweiss“. Wenn ein Wiener bei „Edelweiss“ zu weinen anfängt, dann bedeutet das zwei Dinge: Erstens, dass die Inszenierung wirklich gut ist. Und zweitens, dass es um Österreich im Moment nicht gut steht. Juliane war völlig fertig, Sie fühlte sich von den riesigen Fahnen auf der Bühne bedroht. Sie hatte die Dinger noch nie live und in der Größe erlebt, in Deutschland sind sie verboten.
Viele US-Amerikaner halten „Edelweiss“ bis heute für ein traditionelles österreichisches Lied oder sogar für die Nationalhymne, es wurde aber für The Sound of Music komponiert. Das Symbol ist jedoch authentisch. Das Edelweiß war das Symbol nicht nur der Gebirgsjäger, sondern auch der so genannten „Vaterländischen“. Christlich Sozialer und nicht selten katholisch-monarchistischer Widerstand. Dass beim Einzug in den Nationalrat an bestimmten Revers die blaue Kornblume durch das Edelweiß ersetzt wurde, ist kein Zufall, sondern Inszenierung. Eine deren Bedeutung mir erst durch die Inszenierung von The Sound of Music in den USA bewusst gemacht wurde. „Edelweiss“ ist das Abschiedslied an das Österreich, das die Trapp-Familie kannte und liebte. Und dass ich das Stück oder den Film so überhaupt nicht kannte, das hinterließ einen fahlen Beigeschmack auf meiner Zunge. Die gleichen Menschen sind erschüttert, dass wieder Deutschnationale im Nationalrat sitzen, deren Bildungspolitik erneut dazu geführt hat.

Mein Lieblingssatz aus dem Stück lautet jedenfalls für jetzt und allezeit: „I am Austrian, I will not be Heil-ed!“

Fortsetzung folgt...

Da wird das Bühnen-Salzburg eingepackt und in die nächste Stadt gebracht...