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Montag, 13. November 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 19)

Teil 19: I am Austrian, I will not be Heil-ed!


Jetzt habe ich es auch endlich gesehen, Rodgers & Hammerstein´s: The Sound of Music! Das Musical, das für die Mehrheit der US-Amerikaner wie nichts anderes für Österreich steht. Zusammen mit meiner Frau aus Dresden. Ich musste 39 Jahre alt werden und nach New Haven gehen. Und wie so oft in den USA entwickelte sich der Abend völlig anders als von uns Europäern erwartet.
Natürlich wusste ich, dass es sowas wie The Sound of Music gibt. Sowohl als Film als auch als Bühnenstück. Ich hatte auch von der von Trapp-Familie und ihrer Flucht vor dem Anschluss gehört. Als ich 1995 anlässlich der 50-Jahr Feier der UNO und UNESCO in New York gewesen bin, wurde ich oft danach gefragt. „Ob Österreich immer noch so ist?“, wollten viele wissen. Nicht nur von mir und nicht bloß damals. Ich habe viele getroffen, die von der Fragerei nach Film und Musical schon ziemlich genervt waren. In New Jersey hat mir eine Studentin aus Oberösterreich erzählt, längst aufgegeben zu haben und stets zu antworten, dass sie im Sommer im Dirndl mit dem Haflinger zur Schule geritten ist, und im Winter mit den Schiern hingefahren ist. Da ich oft und gerne in Salzburg bin, kannte ich auch die geführten Touren für englischsprachige Touristen. Täglich werden mehrere Busladungen begeisterter Fans an die Spiel- und Drehorte von The Sound of Music gekarrt. Und das war es dann auch. Ich dachte an ein süßliches Klischee. Ein bisserl Jodeln und Hopsen im Dirndl und der Krachledernen über saftige Weiden. Punkt und aus. Was geht mich das an?
Jede Menge Merchandising...
Zweiundzwanzig Jahre später wohne ich in New Haven in Connecticut und treffe Inger, eine Krankenschwester aus Dänemark, die nicht nur unglaublich gerne Schifährt, sondern dafür auch regelmäßig die Trapp Family Lodge in Vermont besucht. In unserer Begegnung versteckten sich für mich also gleich mehrere Überraschungen: Erstens erfuhr ich, dass es in unserer unmittelbaren Umgebung ein Schigebiet gibt. Zweitens, dass es von Exil-Österreichern betrieben wird. Und drittens, dass es hier zigtausende Fans des alpinen Skiweltcups gibt, die auch alle brav zu den Rennen pilgern. Nicht ganz grundlos, u.a. Mikaela Shiffrin besuchte die Burke Mountain Academy in Vermont. Ich bin selbst Schi-Fan, aber wurde dafür in Österreich von den üblichen Verdächtigen gerne belächelt. Weil das ja außer „uns“ niemanden interessiert. Eine Meinung, die wohl ungeprüft (Stichwort: Einschalt- und Übertragungsquoten) von gewissen Nachbarn übernommen wird, die sich in letzter Zeit bis auf ein paar erfolgreiche Ausnahmen aus Bayern kaum oder nur schlecht auf den Rennbretteln halten können. Jedenfalls bestimmt hierorts die Trapp Family das Bild von Österreich. Auf den ersten Blick ist das für mich eine amüsante Schimäre aus westösterreichischer und bayrischer Folklore. Die Brauerei stellt dafür ein „Wiener“ Bier her, das wirklich wie das Ottakringer Original schmeckt. Klingt alles wie business as usual. Stünde da nicht die Flagge der k. u. k. Kriegsmarine im Büro des zu internationalen Filmruhm gelangten ehemaligen österreichischen U-Bootkapitäns und Familienpatriarchen von Trapp. Und dieses Detail lieferte den fixen Punkt, der unseren harmlosen Theaterabend aus den Angeln hob.
Es war Inger, die mich informierte, dass dieses Wochenende im Shubert-Theater New Haven eine Produktion von The Sound of Music lief. Sie wusste ja, dass ich Österreicher bin. Und ich wäre es nicht, wenn ich ihr gegenüber nicht schon einmal die Schlacht von Helgoland (Österreich vs. Dänemark 1866) und mein berufliches und privates Interesse an der österreichischen Marine erwähnt hätte. Weil ich zugegebenermaßen keinen Schimmer von dem Stück (oder dem Film) hatte, meinte sie, ich müsste mir das unbedingt ansehen. Die Gattin war von der Vorstellung, fröhliches Trällern im Alpenglühen zu bestaunen, zunächst nicht wirklich begeistert. Aber Inger und ich erinnerten sie daran, dass es beim Eheversprechen „in guten wie in schlechten Zeiten“ hieß. Juliane ließ sich hernach auch nicht lange bitten und checkte uns die Karten. Und voller Erwartung eines fröhlich heiteren Stelldicheins mit der leichten Muse bestiegen wir unseren Uber und fuhren vor dem Theater vor.
Das Shubert in New Haven sieht für meine europäischen Begriffe weniger wie ein Theater als vielmehr wie ein Kinocenter aus. Hohe Glastüren, mannshohe Plakate, Spannteppich und mehrere Bars die Popcorn, Snacks und Getränke in Plastikbechern verkauften. All das durfte selbstverständlich in den Zuschauerraum mitgenommen werden. Juliane und ich tranken vor der Vorstellung jeweils einen Piccolo Sekt und ein Bourbon-Cola. Aus dem Plastikbecher mit dünnem schwarzem Strohhalm versteht sich. Der dünne Trinkhalm weist das Getränk als alkoholisch aus. Das war allerdings der Teil, der mir als Europäer völlig wurscht blieb.
Ganz und gar nicht egal war uns die Steigung der Zuschauerränge. Der Blick stürzte quasi auf die Bühne. Ganz zu den Alpen passend überlegten Juliane und ich eine Seilschaft zu bilden. Unter Zittern und Stöhnen kletterten wir zu unseren Sitzplätzen. Unser exotisches Idiom weckte das Interesse einer Billeteurin, die uns erzählte, wie sehr sie The Sound of Music liebte. „Edelweiss“ wäre das Lieblingslied ihres Vaters gewesen, und sie müsse dabei jedes Mal weinen. Das erschien mir ein wenig prosaisch. Noch.
Der erste Akt erfüllte all unsere Erwartungen. Jodeldüüh, Herzeleid und Heißa hopsasa. Wir fragten uns, ob das wirklich ein Stück über den Anschluss 1938 war. Die Darstellung der ehrwürdigen Mütter aus dem Kloster Nonnberg brachte mich zum Schmunzeln, weil meine Tante bei ihnen im Internat gewesen ist. Der bemitleidenswerten und rebellischen Seele war hinter den Klostermauern selten zum Singen zumute. Zum Glück war das Klofenster nicht vergittert. Aber egal, die sieben Kinder spielten allerliebst. Die Sänger waren hochprofessionell. Und das Publikum war außer Rand und Band. Eine Stimmung wie im Fußballstadium. Popcorn und Begeisterung vor und nach jeder Nummer.
Dann kam die Pause. Der nette Barkeeper erinnerte sich an mich. Aus irgendeinem Grund war er der Meinung, dass ich vor dem zweiten Akt einen dreifachen Bourbon in meinem Cola brauchte. Dafür berechnete er auch bloß einen Dollar mehr. God bless him! Der Rest der Pause verlief wie immer und überall. In der Herrentoilette hallende Leere, vor der Damenvariante eine endlose Schlange. Mein Angebot, schnell ins feindliche Lager zu wechseln, lehnte Juliane aber wohlweißlich ab. Es gibt Dinge, da verstehen US-Amerikaner bei aller zur schaugestellten Lockerheit einfach keinen Spaß.
Im zweiten Teil des Musicals blieb uns das Lachen im Hals stecken. Die Stimmung verdüsterte sich zusehends. Ich war verblüfft, im Hochzeitsanzug des Kapitäns von Trapp die authentische Uniform eines k. u. k. Korvettenkapitäns zu erkennen. Dann geschah auf der Bühne das Unausweichliche, die Nazis übernahmen die Kontrolle. Auch hier alle Uniformen korrekt. Als sie die Trapp-Familie bei den Kaltzberger Festspielen auf die Bühne zwingen, verhüllten fünf riesige Blutfahnen die Bühne. Vor den Hakenkreuz-Fahnen sang Vater Trapp dann „Edelweiss“. Wenn ein Wiener bei „Edelweiss“ zu weinen anfängt, dann bedeutet das zwei Dinge: Erstens, dass die Inszenierung wirklich gut ist. Und zweitens, dass es um Österreich im Moment nicht gut steht. Juliane war völlig fertig, Sie fühlte sich von den riesigen Fahnen auf der Bühne bedroht. Sie hatte die Dinger noch nie live und in der Größe erlebt, in Deutschland sind sie verboten.
Viele US-Amerikaner halten „Edelweiss“ bis heute für ein traditionelles österreichisches Lied oder sogar für die Nationalhymne, es wurde aber für The Sound of Music komponiert. Das Symbol ist jedoch authentisch. Das Edelweiß war das Symbol nicht nur der Gebirgsjäger, sondern auch der so genannten „Vaterländischen“. Christlich Sozialer und nicht selten katholisch-monarchistischer Widerstand. Dass beim Einzug in den Nationalrat an bestimmten Revers die blaue Kornblume durch das Edelweiß ersetzt wurde, ist kein Zufall, sondern Inszenierung. Eine deren Bedeutung mir erst durch die Inszenierung von The Sound of Music in den USA bewusst gemacht wurde. „Edelweiss“ ist das Abschiedslied an das Österreich, das die Trapp-Familie kannte und liebte. Und dass ich das Stück oder den Film so überhaupt nicht kannte, das hinterließ einen fahlen Beigeschmack auf meiner Zunge. Die gleichen Menschen sind erschüttert, dass wieder Deutschnationale im Nationalrat sitzen, deren Bildungspolitik erneut dazu geführt hat.

Mein Lieblingssatz aus dem Stück lautet jedenfalls für jetzt und allezeit: „I am Austrian, I will not be Heil-ed!“

Fortsetzung folgt...

Da wird das Bühnen-Salzburg eingepackt und in die nächste Stadt gebracht...

Samstag, 4. November 2017

Aus aktuellem Anlass...

Möchte ich mich entschuldigen. Bei allen Wählerinnen und Wählern, die ich nach bestem Wissen und Gewissen überzeugt habe, Peter Pilz in der Nationalratswahl ihre Stimme zu geben. Weil er sein Mandat nicht antritt. Für viele muss sich das jetzt anfühlen, als wären sie um ihre Stimme betrogen worden. Dafür möchte ich mich entschuldigen!
Meine Meinung in aller Kürze: Wenn die angejahrten Vorwürfe der bisher nicht in der Öffentlichkeit aufgetretenen Mitarbeiterin vor einem entsprechenden Gremium verhandelt wurden, es eine Einigung und Verurteilung gegeben hat, dann braucht es heute niemanden, der moralinsauer mit dem Finger darauf zeigt und urteilt. Die dafür zuständige Instanz hat nämlich bereits geurteilt und einen Schlussstrich gezogen. So funktioniert unser Rechtssystem. Für alle.
Und einmal mehr als Kassandra: Wer auch immer diese Kampagne angeleiert hat, sie oder er wird daraus keinen Nutzen ziehen. Die Wählerinnen und Wähler von Peter Pilz werden nicht reumütig zu Rot oder Grün zurückkehren. Die Selbstvernichtung der politischen Linken ist um eine Facette reicher.

Ich bin persönlich sehr enttäuscht. Trotzdem glaube ich, dass es wichtig ist, sich weiter politisch zu engagieren.

Donnerstag, 2. November 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 18)

Teil 18: Happy Halloween! Angst und Schrecken in finsterer Nacht.


Heute ist Allerseelen und unser erstes Halloween in den USA ist auch schon wieder vorbei. Auch der fünfhundertste Jahrestag der Reformation. Auf beides habe ich mich lange gefreut, auf „Luther 2017“ mehrere Jahre. Auf Halloween in den USA sogar noch länger, seit ich die „Treehouse of Horror“-Specials der Simpsons (1-28) verfolgt habe. Letztere, nämlich die Macher der Simpsons, versprachen mir, dass nachdem die kleinen Quälgeister mit ihren erbeuteten Süßigkeiten ins Bett gebracht sein würden, die großen Dämonen von der Leine gelassen, und das Halloween für Erwachsene beginnen würde. Lügner, schamlose!
In einer Universitätsstadt hatte ich mir von Halloween einiges erwartet. Besonders bei um die 20 Grad Celsius Außentemperatur und Indian Summer. Ideale Bedingungen zum Verkleiden und Ausgehen. Doch nichts, rein gar nichts war los. Bis auf ein paar erwartungsfrohe alte Säcke wie mich und ein paar junggebliebene Hexen. Ich bin mit einem Sack Schokolade neben der Tür gesessen, um auf „trick or treat“ zu warten. Aber das Gruseligste dieses Abends war das Lauschen auf das Schweigen der Türklingel, das Rauschen der Bäume und die Stille der Nacht vor den Fenstern. Okay, zwei oder drei Nachbarskinder krähten fröhlich aus dem offenen Fenster, und irgendwelche Besoffenen aus einem angrenzenden Viertel bekamen sich in die Haare. Das waren aber die ganz alltäglichen Typen, und sie waren auch nicht verkleidet. Die schauen zwar wie Zombies aus, sind aber keine. Wie an jedem anderen Wochentag waren spätestens um Mitternacht ringsum alle Lichter aus und alle im Bett. Bis zirka Drei Uhr morgens, dann nämlich stehen die oberen Nachbarn zum traditionellen Holzschuhtanz auf, den sie Nacht für Nacht für ihre unteren Mitbewohner aufführen. Ist man den einen die Klampfe würgenden Studenten los, zieht kurz darauf der nächste ein. Wir sind hier so unglaublich locker, individuell und gar nicht spießig. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass zumindest in New Haven am Abend von Halloween genau die Friedhofstille Einzug gehalten hat, die sich manche Traditionalisten nach Mitteleuropa zurück wünschen, wo inzwischen Partys mit sexy Hexen und schaurigen Untoten gefeiert werden. Für die Teilnahme müsste ich mich nicht einmal schminken, nicht nur bin ich krankheitsbedingt scheckig, ich bin auch grün vor Neid. Wirklich alles in der Welt scheint einem Kreislauf, einem Auf-und-Ab und Hin-und-Her unterworfen.
Halloween ist die irische Variante des keltischen samuin oder Samhain-Fests. Die keltische Kultur nahm in Hallstatt im Salzkammergut ihren Anfang, mit den Hallstatt-Kelten. Von dort verbreiteten sich Sprache, Brauchtum und Glauben bis auf die britischen und irischen Inseln. Und von dort weiter in die USA. Trotzdem habe ich mir neulich eine Dokumentation über die Hallstatt-Kelten (!) angesehen, in dem kein einziges Wort über den Ort Hallstatt zu hören und kein einziges Bild von Hallstatt zu sehen war. Nichts, keine Situla von Kuffern, kein Kultwagen von Strettweg, keine Schnabelkanne vom Dürrnberg. Auch kein Bogenschütze von Amesbury (Stonehenge). Die interviewten französischen und deutschen Archäologen haben sich vielmehr gewundert, mit welchem kostbaren Gut diese Vorfahren wohl gehandelt haben mochten, um derart wertvolle Luxusgüter z.B. von den Griechen zu erwerben. – *Räusper* - Hall bedeutet Salz! In Hallstatt im SALZkammergut ist die der Kultur namensgebende Saline. Ob dieses Auslassen – ich glaube nicht, dass es Unwissen ist – mit der heutigen modernen und weltoffenen Gesellschaft in Österreich zu tun hat? Wie dem auch sei! An Halloween/Samhain waren die Tore der Unter- bzw. Anderswelt geöffnet, alle Toten, Geister und Dämonen hatten zwei Nächte Ausgang. Wenn ich bedenke, dass die präkolumbianischen Azteken in exakt denselben Nächten (und von Europa unbeeinflusst) ihr Fest mit genau demselben Inhalt begangen haben, heute heißt es: Dia de Muertos – dann bekomme ich Gänsehaut.
Während in Europa dank Imperium Romanum, germanischen Wirtschaftsflüchtlingen (aka Völkerwanderung) und katholischer Kirche das lebensbejahende Totenfest in ein stilles, grabsteinschrubbendes und Kerzen anzündendes Allerheiligen verwandelt wurde, steppten in den USA die Hexen und in Mexiko die Skelette. Durch den alleinseligmachenden Einfluss der First Church of Income und der Anbetung des allmächtigen Dollars dreht sich das jetzt alles wieder um. Das heißt, während meine Nichte und mein Neffe in Österreich eine Halloweenparty feierten, verabredeten sich die Yale-Studenten zum Lernen, Laufen und Früh-zu-Bett-Gehen. Jobqualifikation und Selbstoptimierung. Die einzige offizielle Halloweenveranstaltung der Uni fand zu Mittag statt. Wenigstens einer Stifterstatue an einem College hat ein Tapferer einen Kürbis aufgesetzt. Es war zum Haare-Raufen.
Die Kinder, auf die ich gewartet hatte, durften nicht mehr von Haus zu Haus gehen. Ihre Eltern, erzählte man mir, verabredeten sich nach dem Kindergarten oder der Schule. Man traf sich in einem Parkhaus, parkte Kofferraum an Kofferraum, und die verkleideten Kleinen marschierten von einem Auto zum nächsten. Aus den offenen und dekorierten Laderäumen bekamen sie ihre Tüten und Säcke mit Naschereien gefüllt. Die Geister und Gespenster blieben unter ihresgleichen. Was zunächst nach Arroganz klingt und so manche Klassenkämpfer aufschreckt (mein innerer hat auch gleich aufgejault), hat leider nachvollziehbare soziale Gründe. In letzter Zeit wurden vermehrt Nadeln, Rasierklingen und sogar Gifte in den Süßigkeiten entdeckt. Ungleichheit, Neid und Ungerechtigkeit im Zeichen der Freiheit und der Leistungsgesellschaft tragen Früchte. Was für so viele Generationen von US-Amerikanern für selbstverständlich galt und die Gemeinschaft gestärkt hat, ist inzwischen zu gefährlich.
Und dann ist der Horror unserer Tage Wirklichkeit geworden, hat alle Feierstimmung gedämpft. Wie beabsichtigt, nehme ich an. In Manhattan hat ein Anschlag stattgefunden. Acht Menschen, die genau wie Juliane und ich den herrlichen Herbsttag bei einem Spaziergang genossen haben, wurden ermordet. Und ich kann dazu nur schreiben, dass ich inzwischen erschöpft bin. Vielleicht hätte ich ein anderes Buch als Feierabendlektüre wählen sollen als Michel Houellebeqs „Unterwerfung.“ Ganz bestimmt hätte ich nicht die Kommentare auf Facebook lesen sollen, die schalen Witzchen und unpassenden Vergleiche. Und vor allem hätte ich nicht den Nachrichten über die Hintergründe des Attentats und der Reaktion Präsident Trumps zuhören sollen. Der Kongress soll demnächst über die Abschaffung der Greencard-Lotterie, der „diversity lottery“, abstimmen. Ich möchte hysterisch auflachen wie ein Besessener: Vielfältiger, bunter und bereichert sollte unsere westliche Kultur werden. Was wir bekommen haben sind Angst auf die Straße zu gehen, Grenzkontrollen im Schengen-Raum und Einwanderungsstopps in die Neue Welt. Fromm und keusch bleiben wir zuhause, schlucken unsere Werte hinunter, ballen die Fäuste in der Tasche und verhüllen unsere Sexualität. Aus Entdeckern und Eroberern sind Leisetreter geworden.
Gruselig und schauderhaft sind auch die Tagesdecken in US-amerikanischen Motels und Hotels. Niemals auf den Gedanken kommen, sich mit einem dieser jauchigen Lappen zuzudecken! Haut- bzw, Körperkontakt empfehle ich tunlichst zu vermeiden. Ein warnender Hinweis ist für den geübten Beobachter schon die Tatsache, dass diese kunststoffhaltigen und steifen Gewebe nur das untere Drittel oder Viertel des Bettes bedecken. Das rührt daher, dass sich US-Amerikaner unter Tags in Schuhen aufs Bett legen. Jedenfalls auf ein Hotelbett. Ein Schauermärchen, das mir mein seliger Großvater noch über „die Russen“ in ihren dreckigen Stiefeln erzählt hat. Die moderne Highheels- und Turnschuh-Variante ist unter anderem den reality shows des privaten US-Bildungsfernsehens zu entnehmen.
Im neu renovierten Badezimmer eines Motels hatte ich dann eine Begegnung der dritten Art mit einer fremden, aber legendären Spezies. Ich öffnete die Tür und drehte das Licht auf. Da saß sie mit aufgestellten Fühlern und schreckgeweiteten Facettenaugen: die Küchenschabe. Dass die Kleine ebenso, wenn nicht noch mehr, von meinem Anblick entsetzt gewesen ist wie ich von ihrem, war deutlich spürbar. Da stand ich nun, in aller Allmacht über Leben und Tod in meinen Hausschuhen vor ihr. Draufsteigen, oder nicht? Ich hatte weder Lust, dieses unschuldige Leben zu nehmen, noch eine Unzahl von unter den Flügeln mitgebrachten Nachkommen und potentiellen Rächern über den Fußboden zu verteilen. Die Kleine hatte mir nichts getan. Und dass sie in den üblichen Verstecken und Ritzen wohl keinen Platz mehr gefunden hatte, verhieß auch nichts Gutes. Schlafende Riesen soll man nicht wecken. Ich drehte also das Licht wieder ab. Wie erwartet traf ich meine Küchenschabe kurz darauf auf dem Flur. Das Laufen auf dem neu verlegten Laminat fiel ihr nicht leicht. Endlich verschwand sie via Sesselleiste ins Nachbarzimmer. Ich hoffe für sie, dass in den dunklen Ritzen und Spalten dort noch mehr Platz war. So etwas kommt eben raus, wenn man seine Wände aus Holz und Papier baut.
Und für alle, die das europäische Modell der öffentlich-rechtlichen Sender abschaffen möchten, noch ein zweckdienlicher Hinweis: Bei dem Versuch, mir „Treehouse of Horror XXVIII“ auf FOX anzusehen, musste ich fünf Werbeunterbrechungen mit jeweils vier bis maximal fünf Werbeclips über mich ergehen lassen. Und die sind länger und penetranter als in Europa, trust me. Bei all den angepriesenen Smartphones, Onlinebanking-Optionen und Versicherungen blieb die größte Herausforderung, der halbstündigen Handlung zu folgen.
Der ganz alltägliche Terror offenbarte sich vor jedem Arztbesuch. Hier lauert ein Wust von Organisation auf die Arglosen. Das Gesundheitssystem ist sauteuer, organisieren darf sich jede und jeder alles selbst. Zuerst checkt man sich selbst einen Termin, danach erfährt man, ob der Arzt mit der Krankenversicherung einen Vertrag hat. Davor liegen jedoch die Rechnung auf dem Tisch, und die Patienten auf dem Spannteppich. Kommt man dort, zu Füßen der Sprechstundenhilfe, langsam wieder zu sich und hat den Anblick der Kostenstellen verdaut, kommt das Bezahlen. Fachkundiges Personal hebt einen auf, dreht auf den Kopf und schüttelt die letzten Nickels, Dimes und Quarters aus den Taschen. Dann strauchelt man heimwärts und versucht, die Arzt- und/oder Behandlungskosten ersetzt zu bekommen. Viel Glück dabei!
Auf der Straße scheppern derweil liebevoll mit Aufklebern zusammengehaltene Rostlauben vorbei, aus deren Fenstern es dröhnt. Schallwellen rütteln an meinen Ohren, die wie Werkstattgeräusche und rhythmisches Keuchen und Grunzen klingen. Wohl um die Motor- und Auspuffschäden zu übertönen. Zunächst bin ich irritiert, dann erinnere ich mich, das soll Hip Hop sein. Hier sind alle Autofahrer sehr sportlich, auf Asphalt fährt die Mehrheit Slicks. Die gibt es beim Gebrauchtreifenhändler des Vertrauens zu erwerben. Der Einsatz profilloser Reifen verleiht einer Taxifahrt in strömendem Regen erst den letzten, erfrischenden Kick. Um sich das Elend der lizensierten Taxiunternehmen zu ersparen, bestellt man sich am besten einen Lohnsklaven – *Sorry!* – Uber. Als nächstes röhrt dann einer ohne Helm auf dem Motorrad vorbei. Er ist ja schon einundzwanzig und kann tun, was er will. Klar, wer keine Krankenversicherung hat, der braucht auch keinen Helm.

Last but not least habe ich meine erste „flash flood warning“ auf das Handy bekommen. Bei dem Alarmgeräusch mitten in der Nacht habe ich mir beinahe in die Hose gemacht. Zum Glück waren nur andere, tiefer gelegene Stadtteile von der Springflut direkt betroffen. So etwas wie „hard rain“ habe ich noch nicht erlebt. Tropisch anmutende Verhältnisse in Neuengland. Sturm und Regenfall, der innerhalb von Minuten die Kanalisation überfordert und Straßenzüge unter Wasser setzt. Die riesigen Bäume trotzten dem Wind, ohne größere Schäden. Aber in einem Holzhaus ist man auch bei Naturereignissen dieser Art nicht nur dabei, sondern mittendrin. Ich lag im Bett, starrte an die Decke und hörte den Regen peitschen, die Äste knarzen und den Sturmwind heulen. Das klang unheimlich und fremd, bis die oberen Nachbarn ihre Holzschuhe anzogen, und ich wieder ein warmes und heimeliges Gefühl bekam. Genug des Schreckens. Halloween ist vorbei.

Fortsetzung folgt...

Montag, 16. Oktober 2017

Arrogance and Stupidity – Ein wütender Kommentar zum Wahlergebnis

Dummheit hält sich für Intelligenz, Intelligenz hinterfragt stets die eigene Dummheit. Die Dummheit sucht den Fehler immer bei den Anderen, die Intelligenz immer bei sich selbst. So ungefähr hat es M. Tullius Cicero zu seiner Zeit auf den Punkt gebracht. Am Ende der römischen Republik, in der Morgensonne des Populismus und am Beginn der Diktatur. Er war zu seiner Zeit auch ein bescheidenes Gemüse (Cicero=Kichererbse), das Wahlerfolge errungen hatte und im Senat als politische Kontrollinstanz gegen Korruption und Machtmissbrauch gewirkt hat. Dieses Mal, am 15. Oktober 2017 in Österreich, war es allen Vorzeichen zum Trotz und allen bisherigen Hochrechnungen nach keine grüne Erbse, aber ein kleiner Pilz, der Wurzeln schlagen durfte.
Meiner Meinung nach ist es falsch, angesichts dieses Wahlergebnisses weiter von einem geteilten Land zu sprechen. Ich denke, das Ergebnis spricht für sich, und eine überwältigende Mehrheit hat sich für einen so genannten Rechtsruck entschieden und gegen so genannte linke Ideen. Im nächsten Nationalrat werden also nach aktuellem Stand eine konservative, eine heimat-soziale, eine wirtschaftsliberale Partei und eine junge Bewegung, geführt von einem erfahrenen Politiker, vertreten sein. Und eine Sozialdemokratie, von der eigentlich niemand mehr so wirklich weiß, vor allem nach einem Hrn. Schröder und einem Hrn. Hartz, auf welcher politischen Hemisphäre sie eigentlich steht. Die Sozialdemokratie wirkt wie der Markuslöwe (das Wappen der alten Republik Venedig), wie ein Mischwesen mit Klauen und Flügeln, das mit den Vorderpfoten auf dem Land und den Hinterfüßen auf dem Wasser steht. Dieses Tier läuft, fliegt und schwimmt überall und nirgends zugleich. Und es bleibt die Frage: „Sag, was bist Du eigentlich und was willst Du überhaupt?“ Im blendenden Licht der politischen Heilsbringer und parlamentarischen Vernunftehen scheint die Zeit für Fabelwesen endgültig vergangen.
Sieben Jahre später ist eine Situation eingetreten, die Gerd Schilddorfer und ich in unserem Bestseller NARR vorhergesagt haben (genrespezifisch überspitzt und dramatisiert), und ein junger fescher Minister hat alle anderen politischen Mitbewerber rechts überholt. Damals wurden wir von einigen belächelt, heute steht es weltweit in den Schlagzeilen. In einem anderen Buch von mir, das wohl niemals erscheinen wird, habe ich den Kater sogar noch konkreter vorhergesagt, der heute, am Morgen nach der Wahl, in meinem und in bestimmt vielen anderen Köpfen jammert:
„Die Schlange im Gras ist die Gefahr der individuellen Radikalisierung durch das Aufhalten in so genannten Filterblasen oder Echokammern. Mit dem Begriff Echokammer beschreiben Kommunikationswissenschaftler das Phänomen, dass viele Menschen in den sozialen Netzwerken dazu neigen, sich nur noch mit Gleichgesinnten zu umgeben, um sich gegenseitig in der eigenen Position zu bestärken. So entsteht eine fatale Dynamik. Wer den Konsens der Gruppe mit Inhalten und Kommentaren am besten trifft, wird ‚geteilt‘ und ‚gelikt‘ und bekommt reichlich Freundschaftsanfragen und Follower. Die Echokammer wächst und bläht sich zu dem Irrtum auf, sie repräsentiere keine gesellschaftliche Minderheit, sondern die demokratische Mehrheit. Es ist unwichtig, ob die Menschen außerhalb politische und gesellschaftliche Positionen teilen oder nicht. In der Echokammer ist man immer in der Mehrheit und automatisch auf der moralisch richtigen Seite. (…) Social Media jeder Art befördern diese Entwicklung. Indem sie mittels der aus freiwillig geteilten Informationen gewonnenen Algorithmen dafür sorgen, dass ich nur noch oder vorrangig Inhalte von meinem Browser angezeigt bekomme, die von Gleichgesinnten stammen oder von ihnen ‚gelikt‘ wurden. Informatiker nennen diesen Vorgang: Filterblase. Die Algorithmen-gestützte Filterblase sorgt dafür, dass ich nur noch mit Webinhalten und Content konfrontiert werde, die mein Weltbild stützen. Während andere, meinem Weltbild zuwiderlaufende Informationen herausgefiltert werden. So wird um den Nutzer sozialer Netzwerke ein bequemer Informationskokon gesponnen, in dem er als einzelnes Würmchen lebt, und den er für die Welt hält. Wie jede Münze hat auch diese Medaille zwei Seiten: Wohlbehütet kann ich in meiner eigenen Filterblase übersehen, wie aus der von mir belächelten Minderheit ganz unbemerkt die Mehrheit geworden ist. Meine Algorithmen lullen mich in Wohlgefallen ein, wiegen mich in Sicherheit. Und das Diskussionsforum meiner Wahl täuscht mich darüber hinweg. Und Eins, Zwei, Drei schreiten die von Volksvertretern und ‚Lügenpresse‘ Enttäuschten am zahlreichsten zu den Wahlurnen. Das wäre ein böses Erwachen am Morgen nach der Wahl. Aber wäre es Demokratie? Ob es mir in der aktuellen politischen Situation weltanschaulich schmeckt oder nicht, antwortet Jean-Jacques Rousseau in seinem Werk Der Gesellschaftsvertrag von 1762:
‚Übrigens darf ein Volk immer, worum es auch im einzelnen (!) gehen mag, seine Gesetze ändern, sogar die guten: Wer hätte das Recht, es daran zu hindern, wenn es sich nun einmal unbedingt schaden will?‘ [S. 70]“
Kurz gesagt: Das Aufhalten in einer Echokammer bewirkt Weltfremdheit. In dieser Weltfremdheit geborgen, trifft einem das gestrige Wahlergebnis wie eine Faust ins Gesicht. Und leider wurden auch schon die ersten tatsächlich angegriffen, auf Buchmessen und bei Wahlveranstaltungen.
Die Schuld an diesem Wahlergebnis nur bei den Anderen zu suchen ist dumm. Die Andersdenkenden als die Dummen zu betrachten ist arrogant. Und Dummheit und Arroganz sind eine gefährliche Mischung.
Viel zu viele selbsterklärte Linke haben bewiesen, dass sie von zu vielem zu wenig Ahnung haben, aber zu allem die „richtige“ Meinung. (Eine Eigenschaft, die sie mit vielen Rechten gemeinsam haben!) Das wiederum hat die Mehrheit der Menschen m.M.n. zu Recht als Beleidigung empfunden. Als disrespect wie der US-Amerikaner sagt. Persönliche Erfahrungsberichte wurden belächelt, vorweg abgelehnt, oder als „unpassend“ bezeichnet, weil sie nicht in die gewohnte Bestätigungsspirale gepasst haben. Berichte wurden als unwahrscheinlich abgetan, weil sie in der eigenen Lebensrealität keine Rolle spielten, daher auch keine Bedeutung hatten. Und bei all dem wurde übersehen, dass die eigene Lebensrealität, die einer privilegierten Minderheit ist. Privilegiert, weil sie die Möglichkeit beinhaltet, frei von Existenzängsten über Inhalte nachzudenken. Und nicht frei, aufgrund von Wohlstand, sondern aufgrund von Bildung. Aber leider ist Bildung nicht mit Wissen gleichzusetzen.
Im Elfenbeinturm der eigenen moralischen Überlegenheit haben leider viele aufgehört, ihren Mitmenschen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Kanon und Mehrstimmigkeit werden zunehmend als Misstöne empfunden, der Wunsch nach einem Leitmotiv wächst. Der Grundton, den die Stimmgabeln der Populisten anschlagen, ist klar: Die Europäische Union läuft Gefahr, in den Abgrund zu schlittern. Das größte Friedenswerk der europäischen Geschichte droht, an den Folgen einer für viele Systemkritiker aus Habgier entstandenen und für Ökonomen mit Gewissen vorhersehbar gewesenen Wirtschaftskrise zu zerschellen und von Flüchtlingsströmen fortgespült zu werden. Zäune und Grenzkontrollen nehmen der Freiheit die Luft zum Atmen. Überwunden geglaubte Ressentiments, Chauvinismus und banaler Futterneid bringen die gefährlichste Seuche des neunzehnten Jahrhunderts zurück, den Nationalismus. Wobei man nicht vergessen darf, was Sozialanthropologe David N. Gellner festgestellt hat: „Nationen entstehen ja nicht von allein, sondern werden erst durch Staaten und Nationalisten geschaffen.“ So genannte nationalkonservative Parteien erobern Raum, die fixe Idee Nation ist wieder salonfähig. Vergessen scheint, dass die Pandemie Nationalismus im Zuge ihres gewalttätigen Ausbruchs im zwanzigsten Jahrhundert in nur zehn Jahren (1914-18 und 1939-45) rund 95 Millionen Tote gefordert hat.
Politikverdrossenheit und Ohnmachtsgefühle bewirken bei vielen Mitmenschen einen Rückzug in die eigenen vier Wände (räumlich und geistig) und eine Realitätsflucht in fantastische Welten. Ist der eigene Planet alleine ökologisch nicht mehr in der Lage, die Menschheit zu ernähren und zu tragen, sucht und erschafft man sich halt neue. Und wenn sie auch nur als Bits und Bytes oder im Kopf existieren. Die Suche nach einfachen Antworten auf immer komplexer werdende Fragestellungen hat Hochkonjunktur. Orthodoxie und Dogmatik bieten sich als Lösung an, die Befolgung strenger Regeln und Glaubensätze bieten Sicherheit. Sei dies nun in Religion, Esoterik, Lifestyle und/oder Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit. Sie alle sind bloß Facetten eines einzigen Schliffs. Konformität in Erscheinungsbild und Sitte wird wieder zum gesellschaftlichen Wert. Die vierte industrielle Revolution bedroht das gesellschaftliche und soziale Gleichgewicht. Arm und Reich driften zusehends auseinander. Migration trägt ihren Teil zum sozialen Unfrieden bei. Die wirtschaftliche Abhängigkeit, die Angst, Job und Anstellung zu verlieren, fördert eine Entwicklung, die als massiver und bedenklicher Rückfall in im Verlauf der letzten Jahrzehnte überwunden geglaubte Rollen- und Geschlechterklischees bezeichnet werden kann.
Viele Linke haben ihren Mitmenschen einfach nicht zugehört. Und als ich heute (am 16.10.2017) Terizija Stoisits im Mittagsjournal auf Ö1 zugehört habe, habe ich sie, als Antwort auf jede Frage des Interviewers nach den Gründen für das Scheitern der Grünen, Gebetsmühlenartig wiederholen gehört, „dass sie es sich einfach nicht vorstellen kann!“ Und egal, welche Worte auf diese Einleitung folgten, die eigentliche Beantwortung war bereits diese Realitätsverweigerung. Den größten Fehler sah sie darin, Peter Pilz nicht angegriffen zu haben. Falsch, der größte Fehler der Grünen in diesem Wahlkampf ist es gewesen, Julian Schmid anstelle von Peter Pilz auf Listenplatz Vier zu wählen. Wie auch das Wahlergebnis anschaulich macht, empfindet es nur eine verschwindende Minderheit als cool, im Kapuzenpullover vor den Nationalrat zu treten. Die Mehrheit, auch ich, empfindet es als Besudelung des Hohen Hauses und der Republik. Es schüttelt mich vor Ekel, wenn Themen und Grundfesten der Demokratie mit einer vulgären Imitation von Kabaretthumor angegangen werden. Wozu ich Michael Häupl zitieren möchte: „Wenn wir uns selbst nicht ernst nehmen, wer bitte soll uns dann noch ernst nehmen?“ Oder diese Republik?
In der Sozialdemokratie erscheint mir der Wiener Bürgermeister wie der letzte Mohikaner. Und er möge mir den flapsigen Vergleich vergeben. Für mich ist er der letzte Krieger eines einst edlen Stammes. Wo bitte, frage ich, existiert die „moderne und offene Gesellschaft“ real, die Christian Kern in seiner letzten Rede an- bzw. versprochen hat. Auf internationalen Konferenzen jedenfalls nicht. Dort behandeln Exilanten die international als österreichisch empfundenen Themen. Die Akademie der Wissenschaften bleibt auch im Ausland lieber unter sich, das internationale Feigenblatt stammt meistens ganz exotisch aus Deutschland. Das zuständige Bundesministerium nimmt jede Menge Geld in die Hand und drückt jedem und jeder KonferenzteilnehmerIn eine bunte Einladung in die Hand, aber wenn ich dann auf den Empfang gehe, dann redet niemand mit mir. Den Krüppel kann man ja in seinem Sessel hocken lassen. Aber nicht nur mit mir hat man nicht geredet. Liebe Landsleute, wenn man sich die Nachbarskinder zum Spielen einlädt, dann muss man ihnen auch die Hand geben und mit ihnen reden. Und während alle Internationalen (US-Amerikaner, Briten, Deutsche, Schweizer, etc…) Englisch sprechen, oder Hochdeutsch, damit sich auch wirklich jeder gegenseitig versteht, dann reden die ÖsterreicherInnen sozialdemokratischer Prägung breitesten Dialekt. Und wenn sie bemerken, dass da einer kommt, der sich ein bisschen anders anzieht und nicht an die Schöpfung Österreichs aus dem Nichts im 45iger-Jahr glaubt, dann erstarren sie und stecken die Köpfe zusammen. Ist das ihre „offene und moderne Gesellschaft“, Herr Kern? Es ist auf alle Fälle ihre (versorgte) Gefolgschaft.

Ich bedaure es zutiefst, dass die kleinen Oppositionsparteien so wenig Stimmen bekommen haben. Wenn alle, die vorab auf wahlkabine.at die meisten Übereinstimmungen mit der KPÖ gehabt hatten, diese auch guten Gewissens hätten wählen können, dann sähe die Welt für die Zweite Republik heute anders aus.

Sonntag, 15. Oktober 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 17)

Teil 17: Down in Dixie


Ich weiß wirklich nicht, warum Juliane und ich nicht einmal einfach irgendwo hinfahren können, ohne dass uns dabei die seltsamsten Dinge widerfahren. Diesmal habe ich die Gattin auf die GSA nach Atlanta, Georgia begleitet, und es war wieder einmal so weit. Inzwischen frage ich mich wirklich, welcher alte Chinese mich „zu einem interessanten Leben“ verflucht hat. Eigentlich bin ich ihr oder ihm dankbar. Was wusste ich bisher denn schon über Atlanta? Dass es im Bürgerkrieg komplett abgebrannt ist, und dass Coca Cola von da stammt.
Losgegangen ist es in aller Herrgottsfrühe am Tag unserer Abreise. Normalerweise kamen die bestellten Taxis verlässlich eine halbe Stunde zu spät. Nein, als der Morgen graute, und die Vögel in den Bäumen husteten, kam das Flughafentaxi zwanzig Minuten zu früh. Netterweise kündigte man sich per Textnachricht an, und wir waren beide schon gekämmt und bekleidet. Trotzdem erfolgte unser Aufbruch zum Hartford Bradley Airport (aka Hartford Springfield, ohne Spaß) etwas überstürzt, aber nicht kopflos. Es wäre auch niemandem geholfen gewesen, hätten wir ein Gepäckstück vergessen. Im schlimmsten Fall den Vortrag (Na Servus!). Oder ich wäre die Treppe auf die Frontveranda hinuntergekugelt. Nichts davon ist geschehen. Dafür anderes, aber davon wussten wir noch nichts.
Ich bin zum ersten Mal mit einem MacDonnell Douglas-Flugzeug geflogen, jedenfalls bewusst. Es war ein kurzer und entspannter Inlandsflug von zweieinhalb Stunden, von Wien aus wären wir wohl schon mindestens in Spanien gewesen. Gemessen an den Kolleginnen und anderen Konferenzteilnehmern, die Juliane am Gate getroffen hat, hätte man an einen Charterflug zur GSA denken können. Und mit der eher kleinen Maschine waren wir alle nicht nur dabei, sondern auch mittendrin im physikalischen Geschehen. Mir hat das ja gefallen, aber Juliane wurde beim Starten und Landen ein klein wenig blass um die Nase. Sie bevorzugt die wuchtigen Transatlantikflieger. Mehr Power! Ich bin dafür immer wieder überrascht, welche Überseekoffer manche Leutchen als Handgepäck mitführen. Die praktische Einbauküche im Rollkoffer, oder was? Wie dem auch sei, Ankunft in Atlanta. Alles planmäßig, und das Wetter erwartungsgemäß sonnig und heiter. Für meine europäischen Begriffe, sommerlich. 26 bis 28 Grad Celsius. Und unglaublich feucht. O ja, das war er, der Süden der USA, wie ich ihn aus meinen Jugendträumen kannte. Rein optisch hatte Atlanta, Georgia nichts mehr mit dem Klischee gemein. Atlanta ist der Heimathafen von Delta Airlines, und Atlanta ist wie schon im neunzehnten Jahrhundert ein Dreh- und Angelpunkt des Verkehrs. Wie die Narbe eines Rades, von dem die Speichen in alle Richtungen abgehen. Früher waren es die Eisenbahnlinien, heute sind es die Flugrouten. Den Eisenbahnknotenpunkt hatten General Sherman und die Unionsarmee abgefackelt, aber der heutige Flughafen ist gigantisch. Hartsfield–Jackson Atlanta International Airport hat zwei Terminals (Inland und International), sieben Abflughallen und beschäftigt rund 70.000 Menschen. Um zum Gepäckband zu gelangen, mussten wir einen Zug nehmen. Zum Glück wurde ich im Rollstuhl gefahren. Andernfalls würde ich dort wahrscheinlich immer noch herumirren.
Von dem Atlanta meiner Träume war nichts mehr übrig. Ich wusste, dass es in Rauch aufgegangen war. Die Stadt, die uns empfing, hatte nichts mehr mit dem historischen Zentrum zu tun. Vom Highway landeten wir direkt in Downtown an. Im Schatten der für die US-amerikanischen Innenstädte typischen Hotelschluchten. Wir waren nur eine Parallelstraße vom eigentlichen Stadtzentrum entfernt, unser Motel 6 lag auf derselben Straße wie das Hilton, das Marriott und das Sheraton, wo die GSA stattfand, aber es fühlte sich wieder einmal nicht so an. Die ersten vom Straßenniveau einsehbaren Stockwerke der benachbarten Häuser waren allesamt Parkgaragen. Der Asphalt der Gehsteige war beulig und brüchig. Pionierpflanzen sprießten aus Sprüngen und Fundamenten. Zwischen den öffentlichen Kunstwerken schliefen die Obdachlosen. Oder sie irrten zwischen den Hotels, den Parkplätzen und Autovermietungen herum. Die Anrainer scherten sich so wenig um sie, dass sie nicht einmal vertrieben wurden. Da telefonierte ein Yuppie vor dem Hilton, keine zwei Meter daneben vertickten fragwürdige Gestalten noch weit fragwürdigere Substanzen. Und ein aufpolierter SUV reihte sich an den nächsten in der Auffahrt zum Valet-Parking. Eine gewaltige Laufbahn auf Stelzen verband die Parkgarage mit dem Peachtree Center in der Parallelstraße, um jeden ungewollten Kontakt mit dem öffentlichen Raum zu vermeiden. Und daran schloss sich eine weitere Beobachtung an: Ich weiß, Uber ist cool. Aber die meisten, vor allem Weiße, benutzen den spottbilligen Fahrtendienst, um den öffentlichen Nahverkehr zu vermeiden. Öffentliche Verkehrsmittel sind für Farbige und Latinos. Für diejenigen, die die schöne Welt mit Aircondition am Laufen halten. Genau wie vor 150 Jahren.
Nachdem sich Juliane im Sheraton für die GSA registriert hatte, sind wir ins Hard Rock Café gegangen. Das war schon eine feine Sache, zwischen all den Reliquien internationaler Musikgrößen seinen Cheeseburger und ein Bier zu genießen. Und ich habe gelernt, dass die Hard Rock Cafés inzwischen den US-amerikanischen Natives gehören, nämlich dem Seminole Tribe of Florida. Nach dem Essen gingen Juliane und ich getrennte Wege. Juliane hatte ihren ersten Termin. Tatsächlich sind in Downtown Atlanta vergleichsweise viele Menschen zu Fuß unterwegs. Das verleiht der Stadt ein sicheres Gefühl. Aber sobald die Passanten verebben, machte sich in mir ein seltsames Aufpassen breit. Eine Alarmbereitschaft, die ich vom nächtlichen Nachhause Gehen in Wien Favoriten nur allzu gut kenne. Als Behinderter am Stock wäre ich auch leichte Beute. Und wirklich, als ich alleine ins Motel gegangen bin, hat mich auch schon einer von den homeless people angequatscht. Ich wollte mich nicht wie ein Arschloch aufführen, aber der benahm sich genau wie aus dem Lehrbuch des kriminalpolizeilichen Dienstes: Überfreundlich, und er wollte gleich Händeschütteln und Umarmen. Nein, mein Freund, das zieht bei mir nicht. Zum Glück war ich nur ein paar Schritte vom Grundstück unseres Motels entfernt. Es mag brutal klingen, aber wenn man Menschen zwingt, unter solch menschenunwürdigen Umständen zu leben, verhalten sie sich eben irgendwann wie Raubtiere.
Während Juliane und ich dann im Bett in unserem Motelzimmer lagen, fiel die Aircondition aus. Und nicht nur die, das ganze Haus war ohne Strom. Ein Auto war in den Pfosten mit der Strom- und Telefonleitung gekracht. Ich hörte die Telefonate des Rezeptionisten mit aufgeregten Hotelgästen und den Stadtwerken. Der Strom konnte in ein paar Stunden wiederhergestellt werden, aber das WLAN war für ein bis zwei Tage beim Teufel. Auf dem Parkplatz vor dem Motel gingen die Lichter in den abgestellten Autos an. Juliane war nicht die einzige GSA-Teilnehmerin im Haus. Und viele mussten noch ihre Texte für die Arbeitsgruppen überarbeiten oder lesen.
Am nächsten Tag die freudige Nachricht: Der dritte Hurrikan in kürzester Zeit machte sich bereit, auf das Festland der USA zu treffen. Nate steuerte direkt auf Atlanta zu. Aber es war eh völlig wurscht, wo Juliane und ich gerade waren, würde Nate nämlich seinen Kurs halten, traf er auch Boston. Nates eintreffen wurde von CNN auf Sonntagnachmittag vorhergesagt. Und die mussten es wissen, die haben ihre Zentrale in Atlanta. Und sie hatten völlig Recht. Sonntagnachmittags war Nate bei uns. Als Tropensturm und absolut mieser Laune. Es hat geschüttet, die Wolken hingen tief und es war stockdunkel draußen. Juliane musste durch knöcheltiefes Wasser ins Sheraton auf die Konferenz und wieder zurück. Am Abend in der Lobby reihten sich Essenslieferant an Essenslieferant, weil niemand von den Gästen das Haus verlassen wollte. Die armen Zusteller. Aber die Pizza schmeckte mir großartig. Überhaupt war Atlanta kulinarisch der Bringer. Abends zuvor aßen wir mit einem Freund im Ponce City Market, und abends zuvor mit einer Kollegin von Juliane im Trader Vic´s, einem coolen hawaiianischen Restaurant, das es immerhin seit 42 Jahren gibt.
Nate hatte uns einen ganzen Tag Sightseeing gekostet. Aber weil wir beim Flugbuchen am und pm verwechselt hatten, ging unser Flug nachhause nicht mittags, sondern quasi mitten in der Nacht. Was uns erst geärgert hatte, war jetzt ein Glück. Ich wollte zwei Dinge in Atlanta unbedingt sehen: Das Martin Luther King Memorial und das Margret Mitchell House. Für mich heute die zwei Seiten einer Münze, nämlich des alten Südens. Es hat zwar immer noch geregnet. Und das Besucherzentrum im Martin Luther King Memorial hatte geschlossen, so dass Juliane unser Gepäck mitschleppen musste. Das war ärgerlich und für sie sehr anstrengend, weil wir uns natürlich die Ebenezer Baptist Church, das historische Feuerwehrhaus und das Haus der Kings ansehen wollten. Wir haben alle drei geschafft. Für mich etwas irritierend, weil mensch liebt ja das Klischee: Das Martin Luther King Memorial gehört zu den Nationalparks. Ergo dessen sind die Mehrheit der Angestellten Ranger. Und Weiße, noch dazu in Uniform. Das kam ordentlich schräg bei mir an. Was mich geärgert und Juliane gekränkt hat war, das einige der schwarzen Angestellten unglaublich unfreundlich zu Juliane gewesen sind. Und immer nur dann, wenn ich nicht in der Nähe gewesen bin. War es, weil sie weiß und blond war und mit deutschem Akzent sprach? Ich weiß es nicht. Denkbar wäre es. Mich hat auf der Suche nach einem Restaurant, um die Wartezeit bis zur Führung im Geburtshaus zu überbrücken, ein Obdachloser gefragt, ob er mir seine „Bälle“ zeigen soll. Nein, danke, das Angebot habe ich höflich ignoriert. Die Gegend rund um die historischen Stätten sah überhaupt aus, dass wir uns zunächst gefragt haben, wo zum Teufel sind wir da bloß gelandet? Die Graffitis internationaler Street Art-Größen (unter anderem der gebürtige Steirer Nychos) an den Feuerwänden verrieten aber, dass das Viertel hipp sein musste. Auch die überaus netten vollbärtigen und tätowierten Jungs, die uns unseren Lunch machten und servierten, sprachen dafür. Ich komme mit den sozialen Widersprüchen in diesem Land nur schwer klar.
Die Führung im Geburtshaus hat ein blinder weißer Ranger gemacht. Und seine Performance war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Zum einen hat er mit schauspielerischer Grandezza jedem Mitglied der Familie King eine eigene Stimme gegeben und damit dem Ort Leben eingehaucht, zum anderen hat er es geschafft, den Spirit der Bewegung zu vermitteln und Äußerlichkeiten und Unterschiede vergessen zu machen. Auf jeden Fall für den Moment, und hoffentlich auch langfristiger.
Im Martin Luther King Memorial habe ich zum ersten Mal die Worte von Martin Luther King junior (1929-1968) wirklich vernommen. Ich habe selten so eine Kraft und Klarheit gespürt. Ich habe schon Biographien von Menschen gehört, die überzeugte Atheisten geworden sind, weil sie als Jugendliche eine schlechte Predigt von einem (alten) Trottel gehört haben. Hier, in der Ebenezer Baptist Church, hat ein Mann gepredigt, der mit seinem Mut die USA verändert hat. Und mit seinen Worten aus Mitläufern Bürgerrechtler gemacht hat.
Und um das Kontrastprogramm voll zu machen, im Margaret Mitchell House geleitete uns eine souveräne und gebildete alte Afroamerikanerin durch das Leben und das Apartment der Autorin von „Vom Winde verweht“. Nach dem bürgerlichen Haus der Kings und vor allem nach der Villa Mark Twains war ich überrascht, dass die Autorin des Megabestsellers und Filmklassikers mit ihrem zweiten Mann in einem Zweizimmerapartment gewohnt hat. Die Wohnung hatte etwas von einem Wiener Gemeindebau in den Zwanzigerjahren. Überhaupt stimmte es mich bedenklich, wie vielfältig Menschen in ihren Ansichten sein können. Margaret Mitchell (1900-1949) war eine überzeugte Feministin, brach mit gesellschaftlichen Konventionen, arbeitete als Reporterin, war einmal geschieden und trat vehement für das Stimmrecht von Frauen ein. Aber sie wollte den Raum nicht mit Afroamerikanern teilen.
Obwohl Clark Gable dagegen protestiert hatte, durften die schwarzen Darsteller nicht an der Filmpremiere von „Gone with the Wind“ in Atlanta teilnehmen. Man befürchtete Unruhen. Das war 1939. Der Darsteller des Ashley Wilkes, Leslie Howard, war auch nicht dabei, er wurde 1943 von der deutschen Luftwaffe abgeschossen.
Ich habe die großmütterliche Dame, die uns geführt hat, auf den Rassismus in „Vom Winde verweht“ angesprochen. Ihre Antwort war beeindruckend. Margret Mitchell war in einem Umfeld aufgewachsen, in dem der alte Süden noch am Leben war, und der Bürgerkrieg das tägliche Gesprächsthema in der Familie. Mitchell erfuhr überhaupt erst viel später, dass die Konföderation den Krieg verloren hatte. Sie lebte und schrieb über ihre Kultur, und das war der historische Süden. Für diese klare Analyse verdiente die alte Dame meinen Respekt. Martin Luther King angewandt. Ich kann das Verhalten Margaret Mitchells dank ihr nachempfinden. Das Trauma des Kriegsendes wurde in meiner Familie auch an die späteren Generationen weitergegeben. An mich jedenfalls. Ich habe zuerst Heimatverlust und Opferrolle gelernt, die historische Täterschaft musste ich mir erst erarbeiten. Und das Runterbeten von Fakten im Geschichtsunterricht war dabei eher kontraproduktiv. Das zeigt sich ja leider auch in den aktuellen Wahlergebnissen.
Obwohl das Wetter nach wie vor bescheiden war, wurde unser Heimflug nicht vom Winde verweht.
Diejenigen, die panisch ihren Heimflug vorverlegt hatten, hatten da oft weniger Glück. Bei uns lief alles glatt. Naja, bis auf die Tatsache, dass unser Koffer in Hartford nicht auf dem Gepäckband erschien. Das stimmte meine müde Gattin ein wenig ungeschmeidig. Indes, das gute Stück hatte einen Flug vorher genommen und wartete schon längst vor dem Büro des Special Service auf uns. Das wusste wiederum der nette junge, natürlich hispanische Mann, der meinen Rollstuhl schob.
Nach diesem erfrischenden Zwischenspiel ging es rasch über den nächtlichen Highway nachhause. Nate war auch schon da, die Wolken hingen tief und es war heiß und feucht. Trotzdem: Seltsam, wie schnell man sich zuhause fühlt. Ich spürte ein sehr warmes und vertrautes Gefühl, als ich die Hügel, die Bäume und die Orte Neuenglands vor dem Seitenfenster vorbeiziehen sah. Schaute ganz anders als das flache Georgia aus. In der Küche dann die große Überraschung: Wir hatten bei unserer eiligen Abreise vergessen, die Milch zurück in den Kühlschrank zu stellen. Eine ganze Gallone war grün geworden. Die sich breitmachende Pilzkultur schien kurz davor zu stehen, eine Schrift zu entwickeln. Aber der Müdigkeit gedankt, es war uns völlig wurscht, und wir sind ins Bett gefallen.


Fortsetzung folgt…

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Ein Ösi in Connecticut (Teil 16)

Teil 16: Schokolade und bittere Pillen


Für Juliane und mich hat sich endlich der Schleier eines großen Geheimnisses gelüftet: Wer kauft die riesigen Toblerone-Barren auf internationalen Flughäfen? Und warum? Die Antwort: Menschen, in deren Umgebung es keine, oder nur fragwürdige Schokolade zu kaufen gibt! Jedenfalls hat mir Juliane so ein riesiges Trumm von bester Schweizer Qualität nachhause mitgebracht. Die Gattin weilte nämlich in Oxford, hielt dort an der Uni einen Vortrag und besuchte das ehrenwerte Pub The Eagle and Child aka The Bird and Baby, in dem sich die legendären Inklings trafen. Jener Autorenklub zu dem auch J.R.R. Tolkien (Herr der Ringe) oder C.S. Lewis (Die Chroniken von Narnia) gehört haben. Letzteres hat sie freilich nur für mich und aus Liebe getan, weil ich ihr deshalb in den Ohren gelegen habe: „Bringst Du mir auch was mit?“ Aber anders, als es die Krimiserie Lewis nahelegte, gab es dort keine Devotionalien oder Souvenirs zu kaufen. (Da war auch kein Schwert!) Ich konnte dieses Mal nicht mit, Universität und Pub hätte ich gerne selbst besucht, wirkten dort doch einige der bedeutendsten britischen Denker und Schriftsteller, auch Lewis Carroll (Alice im Wunderland). Und Oxford ist auch die historische und geistige Mama meiner Alma Mater in Wien. Aber das ist eine andere Geschichte. Zu meinem Strohwitwertum weiter unten etwas mehr, jetzt zurück zur Schokolade.
Es ist ja nicht so, dass es in den USA nichts Süßes gäbe. Ganz im Gegenteil, so manch wogendes Hüftgold und herausragender Steiß bezeugen stolz das Gegenteil. Wo liegt dann das Problem? Der überaus schmackhafte durchschnittliche US-amerikanische Schokoriegel besteht im Großen und Ganzen aus einem Erdnußbutter-, Karamell- und Nusskern, umhüllt von zarter Milchschokolade bzw. fetter Kuvertüre. Zum einen ist das reichlich nahrhaft, zum andern ordentlich bissfest. Das heißt nach dem Abbeißen von der Köstlichkeit bildet sich im Mund so etwas wie Fugenmasse. Diese legt sich dann luftdicht um Gaumen, Zahnfleisch und Zähne, so dass man danach mühelos einen kompletten Mundhöhlenabdruck herausziehen könnte, einem Zahnschutz für das Boxen nicht unähnlich. Als zartbesaiteter Europäer höre ich da schon beim Verzehr leise die Karies nagen, und ich fürchte außerdem um meine herrlichen Amalgamplomben. Diese wunderbaren und verlässlichen Schwermetallerinnerungen an die späten Achtziger und frühen Neunziger, die ungebrochen in meinem Backenzähnen harren und von mir mit Händen und Füßen gegen erneuerungswütige Zahnärzte und ihren neumodischen Kunststoffkram verteidigt werden. Damit dieses dentale Maschinenstürmen nicht unversehens unnötig wird, weil mein Zahn unter Karamell und Peanutbutter langsam verrottet, vermeide ich soweit möglich den Genuss des US-Schokoriegels. Das gefühlt mehrstündige Reinigen des Gebisses mit Zahnseide und Zahnstocher wirkt als Spaßbremse. Die optische Ähnlichkeit des legendären „Baby Ruby“-Riegels mit einem ganz anderem, am entgegengesetzten Ende der Nahrungsaufnahme entstehenden Dings, hat die legendäre Swimmingpool Szene in der Komödie Caddyshack (1980) ein- und nachdrücklich vor Augen geführt. Wie dem auch sei, beides, Angst vor Zahnverlust und pubertärer Analogieschluss, trägt nicht zur Appetitanregung bei. Last but not least ist da auch noch die vorsätzliche Täuschung des arglosen Europäers, der schamlose Etikettenschwindel. Da befiel mich einmal der Gusto nach einem Milky Way. Weil ich den Riegel durch die Scheibe eines Automaten sah, und mir bei der Erinnerung aus Kindertagen an den sahnig sanften Geschmack eines Milky Ways vom Fließband des Viersener Süßwarenwerkes das Wasser im Mund zusammenlief. Es hätte mich stutzig machen müssen, die Verpackung war nicht glänzend und blauweiß mit Sternen. Die Schrift war Grün auf Weiß, der Rest der Hülle Dunkelbraun. Quasi statt einem kultigen DeLorean ein braver VW-Bulli, statt einer spacigen Zeitmaschine eine Hippieschaukel. Egal, das Ding wurde gekauft und sogleich ausgepackt. Von der Größe ließ sich nichts ableiten oder bestimmen, für mein Gefühl ist in den letzten Jahrzehnten jeder Verpackungsinhalt auf eine Einheitsminiatur geschrumpft. Beim ersten Biss, dann der Schock: Das war kein Milky Way, es war ein Mars! Das war für mich The Crying Game der Süßwarenwelt.
Dagegen half in Zukunft nur der Import von redlicher Schweizer Alpenschokolade. Die Toblerone haben zwar jetzt auch nicht mehr alle Ecken im Karton, aber auf die übrigen kann man vertrauen. Da erkennt jeder gleich an der Verpackung mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks wie der Inhalt tickt. Das glauben so ja auch ganz viele Zeitgenossen von ihren Mitmenschen. Und wenn das so üblich ist, dann kann es ja nichts Schlechtes sein. Oder?
Bevor ich allerdings meine Schokolade hatte, musste ich ein paar Tage auf mich alleine gestellt verbringen. Ich kann nur sagen, nichts ersetzt die ungetrübte, unschuldige kleinkindartige Freude, sich selbst und ohne fremder Hilfe seine Hosen angezogen zu haben. Unter zu Hilfenahme nur eines mechanischen Hilfsmittels. Weil ich ja schon groß bin und mit Maschinen hantieren darf. Zum Beispiel mit einer Sockenanziehmaschine, die in ihrem Aufbau und ihrer Funktion so herzzerreißend simpel wie genial ist, dass ich mich frage, warum ich da nicht selbst draufgekommen bin. Mehr oder weniger ist es ein Spatenblatt aus weichem Plastik mit einer Schnur zum Ziehen dran. Heureka, denke ich, und fühle mich den großen Denkern so nah. Das also ist das Aha-Erlebnis, das hinter Geistesrevolutionen steckt. Es war die ganze Zeit vor Augen, aber keiner hat´s bisher kapiert. Und weil ich auf der Welle des Erkenntnisglücks noch weiter reiten wollte, erinnerte ich mich daran, wie sich Russell Crowe als Captain Jack Aubrey (Master and Commander, 2003) ohne Gummiband auf Deck seines Schiffes im Sturmwind die wehenden Haare zusammenband. Nur mit schlichter Lederschnur ausgerüstet, die er in seiner Westentasche trug. Ergriffen und tapfer wagte ich den Versuch eines Nachahmens, und siehe: Wahrlich, ich konnte mir mit einem einfachen Stoffband einen Zopf machen. So ein schickes Lederteil hatte ich nicht zur Hand. Aber ich arbeite daran. Ich war im Moment von meinem Stoffband schon ganz begeistert. Ja, das klingt jetzt fürs Erste alles ganz trallala einfach, aber wenn man seine Hände wenn es hochkommt bis zu den Schläfen hochkriegt, oder an die Ohren, dann ist das schon eine tolle Sache. Stolz blähte meinen Busen. Daran konnte auch die Uhr nichts ändern, die mich hämisch darauf hinwies, wie lange ich für das alles gebraucht hatte. Aber mir lief ja niemand hinterher. Und Fluchen konnte ich dabei auch nach Herzenslust, ich spielte ohne Aufsicht.
Zum Abschluss die paar bitteren Pillen, die es für mich auch zum Schlucken gab:
Meine Therapie entwickelte sich ebenfalls anders als erwartet, die Gespräche gruben tiefer als gedacht. Die letzten beiden Sitzungen waren so eine Freude, dass ich gleich danach erstmal eine Zigarette gebraucht habe. Total verboten und ganz schlimm, ich weiß. All die guten Menschen auf der Straße haben mich mit ihren Blicken auch gleich daran erinnert, was für ein schlechter Mensch und Raucher ich doch war. In ihren Augen fraß ich kleine Kinder, und in meinem Innern wurde ich selbst wieder als solches aufgefressen. Und dass alles zwischen Foodtrucks, die nach verbranntem Fleisch und Knoblauch rochen.
Beim Ansehen oder Anhören der Nachrichten aus Europa kommt mir indes jedes Essen wieder hoch. Ich frage mich inzwischen, ob ich es nicht besser lassen sollte, den heimischen Wahlkampf zu verfolgen. Aus einem Land, in dem Politik zu Kabarett wird, und Kabarettisten Politik machen. In dem Witze Argumente sind, und Haltungen zum Scherz verkommen. Bei all den Wuchteln und dem Schmäh ist mir das Lachen echt vergangen. Nichtsdestotrotz habe ich bereits gewählt. Ist ja meine Bürgerpflicht, sagte man früher. Das Wahlrecht für alle war auch weidlich hart genug erkämpft. Anders als befürchtet kam meine Wahlkarte zeit- und fristgerecht in New Haven an. Ich hatte bereits anderes gehört. Meine war jedenfalls da, dank dem Magistrat. Und die US-amerikanische Post hat sie ohne jeden Einwand wieder retour zugestellt. Wählen aus dem Ausland kostete mich also keinen Penny. Es besteht also wirklich kein Grund, sich nicht die Zeit zu nehmen. Immerhin will ich ja zurückkehren, und da möchte ich, was die Zukunft meines Geburtslandes angeht, vielleicht ein Wörtchen mitreden. Auch, oder gerade weil, da ein paar Herrschaften etwas dagegen haben und die Briefwahl abschaffen wollen. Es sollte einem zu denken geben, dass es nach der Auszählung der Wahlkarten immer einen letzten Ruck im Ergebnis gibt. Von all jenen, die ihren Rock und ihren Kopf ein wenig in der weiten Welt gelüftet haben. Als Geschenk zur Wahlkarte habe ich die herrlichen Kundmachungen erhalten. Ich werde mir die Papierbögen aufheben, immerhin steht ja mein Name in den Listen. Unter PILZ by the way. Abgesehen vom Erinnerungszweck denke ich über eine praktische Nutzung nach: Ich könnte die weiße oder die gelbe Kundmachung zum Zudecken bei meinem Mittagsschlaf und nach der Behandlung benutzen. Oder wir kleben sie längsseits zusammen und erhalten so eine geschmackvolle Tagesdecke für unser Ehebett. Jetzt kommt außerdem die kalte Jahreszeit, da kann man die beiden auch gut als Spanische Wand und Raumteiler benutzen.
Und ich habe mein erstes Social Media-Lehrgeld auf facebook bezahlt. Ich habe es geschafft, mich in eine Online-Diskussion verwickeln zu lassen, in der Thema und Argumente so lange verdreht wurden, bis ich mir daraus ein Seil um den Hals gelegt und mich in der Schlinge um Kopf Kragen geredet hatte. Man sagt mir, so etwas kommt vor, und ich soll es vergessen. Aber es ärgert mich trotzdem. Weil mir so etwas immer wieder passiert. Dass mir mit den Zügeln in der Hand und der Straße bewusst, die Gäule durchgehen.
Einmal noch Photopherese im Yale New Haven Hospital, dann geht es mit Juliane für ein paar Tage nach Atlanta, Georgia. Zwar ist nach meinen gegenwärtigen hiesigen Erfahrungen meine Liebe zum historischen Süden der USA ziemlich abgekühlt, trotzdem freue ich mich auf die Stadt. Atlanta hat zwei Persönlichkeiten hervorgebracht, die ich heute vor meinem geistigen Horizont als moralische Antipoden sehe: Margaret Mitchel, die Autorin von „Vom Winde verweht“, und Dr. Martin Luther King, Pastor und Bürgerrechtler. Ich hoffe, von beiden etwas zu sehen zu bekommen und über beide etwas mehr zu erfahren.
Ich melde mich also wieder zurück aus Dixie!

Fortsetzung folgt…

Als geborener und gelernter Ösi sage ich: Folks, geht bitte wählen! 



Sonntag, 17. September 2017

Nationalratswahl in Österreich am 15. Oktober 2017

Die 26. Nationalratswahl am 15. Oktober wird wie Kirschenessen:

Zuallererst muss ich darauf achten, dass ich nicht zu kurz komme.
Von den blauen und grünen bekomme ich garantiert Bauchweh.
Und die Kerne werden ausgespuckt.

Die Alternative? Für mich ein Pilzgericht!
Diesmal kandiere ich selbst. Hier ist der Link:

https://listepilz.at/david-weiss/

Ich bedanke mich für das Hingehen und Kreuzerl machen. Auch, wenn es nicht für mich ist.
Schöner wäre es. Also: Falls für mich, doppelten Dank und große Freude!
Alles Liebe!

Ein Ösi in Connecticut (Teil 15)



Teil 15: Mind Shaking Mindf***ing


Make US smart again! PLEASE!
Die mächtigsten Stürme und Waldbrände, die jemals aufgezeichnet worden sind, haben eine Spur der Verwüstung durch den Süden und den pazifischen Nordwesten der USA gezogen. Sie haben Tausende ins Elend gestürzt, Träume zerfetzt und Lebenswerke fortgespült als wären sie auf Sand gebaut gewesen. Ich bin oft besorgt gefragt worden, ob wir in New Haven Ausläufer zu spüren bekommen haben. Nein, das alles hat tausende Kilometer von Connecticut entfernt stattgefunden, die USA sind, wie schon oft gesagt, riesig. Für uns war die tatsächliche Erfahrung so, also ob in Algerien ein Wüstensturm stattgefunden hätte, und wir in Wien gewesen wären. Gefühlt waren wir natürlich viel näher dran. Die Nachrichten und The Weather Channel hatten viel zu berichten, das Wetter war außer Rand und Band. Harvey, Irma und die Wildfires haben so manches Hirn aufgemischt. Aber oft nicht so, wie ich es erwartet hätte.
Man muss kein Zyniker sein, um zu sagen: Es hat eine Reihe von Naturkatastrophen gebraucht, um die US-amerikanische Regierung zum Funktionieren zu bewegen, das heißt: Den US-Präsidenten einen Deal mit den Demokraten schließen zu lassen. Zugunsten der Bevölkerung und zum Schrecken der Republikaner, aber vor allem zum Entsetzen seiner Wähler. Bei denen hat sich zwischen den Ohren nur eines von A nach B bewegt, sie wollen ihren Präsidenten plötzlich auch abgesetzt sehen. Jetzt wollen sogar einige führende Republikaner den Geisteszustand des Präsidenten untersucht sehen. Und in dieser Situation fällt es mir fast unmöglich zu glauben, dass es in der einst fortschrittlichsten Demokratie der Welt schwieriger sein sollte, den Präsidenten abzusetzen, als den Papst der römisch-katholischen Kirche. Um einen Pontifex abzusetzen bedarf es laut kanonischem, d.h. kirchlichem Recht zweier Gründe: papa idioticus oder papa haereticus. Die beiden Rechtsfiguren beschreiben einen Papst, der im ersten Fall durch völlige Behinderung oder bewiesene Unzurechnungsfähigkeit nicht mehr in der Lage ist, sein Amt auszuführen, oder im zweiten Fall zum Irrlehrer geworden ist. Vor der Unfehlbarkeit (Infallibilitätsdogma 1870) war es für die Synode noch viel einfacher, einen solchen Papst demokratisch aus dem Amt zu befördern (vor allem im zweiten Fall). Einen Papst hat man sogar zum Ketzer verurteilt und verdammt, allerdings nachdem er bereits tot war. Die Leiche von Honorius I. landete im Tiber. Theoretisch ist es möglich, das Oberhaupt der letzten absoluten Monarchie in Europa sowie einer Weltreligion abzusetzen, auch wenn der Münsterische Kommentar da anderer Meinung ist. Dieser Kommentar beruft sich in seiner Argumentation allerdings alleine auf Gott und den Glauben, nicht auf Gesetz und Medizin. Das macht die Beweiskette nach heutigen Standards etwas dünn. Papst Benedikt XVI. hat sich jedenfalls selbst aus gesundheitlichen Gründen faktisch abgesetzt. Für die Absetzung des Präsidenten der Vereinigten Staaten gelten keine höheren Weihen, für seine Absetzung würde ein ärztliches Attest genügen. Seine völlige Unberechenbarkeit hat er mehrmals zur Schau gestellt und in die Welt gezwitschert. In Zeiten einer atomaren Bedrohung durch Nordkorea löst sein Verhalten nicht nur bei seinen Gegnern, sondern auch bei seinen Parteifreunden Fracksausen aus. Das alles ist Wasser auf die Mühlen des Impeachments. Wir werden sehen, ob es Tropfen auf den heißen Stein bleiben.
Damit nicht genug, am 21.8.2017 gab es eine vielbestaunte, dennoch unheimliche totale Sonnenfinsternis. Unter all diesen Umständen ist für viele einmal mehr das Ende der Welt angebrochen. Die Apokalypse steht vor der Tür, die Pferde der vier Reiter scharren in den Startlöchern. Alle warten gespannt, wann der nächste Engel ins Horn bläst. Die ersten Male Tuten haben einige schon deutlich gehört. Für die Angst vor der Endzeit brauchen wir uns nicht zu genieren, erklären uns aufgeklärte Medien (u.a.: Washington Post), die Ereignisse als Zeichen zu interpretieren und sie in einen Zusammenhang zu setzen, das entspreche ganz der menschlichen Natur. Anders gesagt, unser Verstand sucht nach Zusammenhängen und Erklärungen von heftigen Reizen. Aber, so heißt es weiter, Wissenschaftler sagen uns, dass die Welt so nicht funktioniert. Welche Wissenschaftler, oder auf welche Weise die Welt wirklich funktioniert, das erfahre ich in solchen Erklärungen nie. Und das macht mich unfroh. Ich soll einfach glauben, dass „die Wissenschaft“ die Welt anders erklärt. – Kurzer Zwischenstopp! ICH weiß, dass die Wissenschaft durchaus in der Lage ist, jedes einzelne der Phänomene zu erklären. Nur, ich habe mich zeitlebens informiert, es nachgelesen. Ich versuche hier wiederzugeben, was ich der öffentlichen Diskussion entnehme. – Ich bleibe mit dem diffusen Unglück zurück, dass die Autoren oder Moderatoren selbst nicht genau wissen, was diese ominöse Wissenschaft zu sagen hat. Ich soll ihr aber alles glauben. Und jetzt wird es hinterfotzig und gruselig: Die Vertreter der wissenschaftlichen Erklärung bleiben diffus, diejenigen, die an die Offenbarung der Endzeit glauben, werden verdammt konkret. Sie geben ihre Argumente klipp, klar und nachvollziehbar wider: Die totale Sonnenfinsternis fand am 21. August statt, Harvey traf das Festland von Texas am 25., und am 26. folgten die Erdbeben in Guatemala und in Italien. Das ergibt: 21-25-26. Eine völlig zufällige Zahlenreihe. Füge ich diese Zahlen allerdings in ein Glaubenssystem ein, dann schlägt es 13. Die Wiederkunft des Herrn steht bevor:
And there shall be signs in the sun, and in the moon, and in the stars; and upon the earth distress of nations, with perplexity; the sea and the waves roaring; Men's hearts failing them for fear, and for looking after those things which are coming on the earth: for the powers of heaven shall be shaken.
Lk 21, 25-26; King James Version
„Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.“
Lk 21, 25-26; Lutherbibel 1984
Erstaunlich, nicht wahr? Hier sind sie alle miteinander schwarz auf weiß: die Sonnenfinsternis, die Stürme, die Tsunamis, die Erdbeben und ein Führer in schwierigen Zeiten, der einen die Gänsehäute rauf und runter jagt. Ich habe nichts anderes in sechs Büchern getan als aus willkürlichen Zahlen und unzusammenhängenden Fakten nachvollziehbare Verstrickungen gebaut. Aber warum zum Teufel sollte es Gott, der Allmächtige, tun? Warum sollte er, der da herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit, sich an den modernen Kalender US-amerikanischer Zeit halten? An die Textauswahl von Nicea, an die reformierte Zählung der Kapitel und Verse oder an den Kanon der King James Version der Bibel? Die reformierte Bibel besteht aus 66 Büchern, 1189 Kapiteln und 31.171 Versen. Es ist unfassbar viel Hirnschmalz und Arbeit notwendig, aus drei zufälligen Zahlen ein solch treffendes Ergebnis zu erzielen. Und ein fester Glaube. Im Grunde muss ich schon vorher wissen, dass diese spezifische Versfolge Jesu Prophezeiung über die Wiederkunft des Menschensohns ist, sonst komme ich nie darauf. Der Teufel sitzt im Detail, bin ich versucht, zu sagen, denn just an den richtigen Monatstagen treffen genau die Ereignisse zusammen, die überall und jederzeit als Zeichen einer Endzeit gedeutet wurden. Und seien wir uns ehrlich, treten alle Phänomene zusammen auf, die uns heute noch solche Angst machen, sind in der Geschichte tatsächlich Hochkulturen und ganze Zeitalter zu Ende gegangen. Die Autoren der Bibel wussten aus der Geschichte, was alles auf einmal zu geschehen hat, dass sogar große Reiche den Bach hinuntergingen. Zuletzt in ihrem Erfahrungshorizont, am Ende der Bronzezeit. Hier kann mir die Wissenschaft, Historie und Exegese, klar erklären, warum welche Mittel in prophetischen Texten angewendet worden sind. Alles andere ist möglich, weil es möglich ist. Und es wirkt, wenn ich es glaube. Der kürzeste Vers der Bibel ist übrigens Joh 11, 35: „Und Jesus gingen die Augen über.“ Ich kann es ihm nachvollziehen.
Es ist wieder einmal der Glaube, der Berge versetzt. Die Autoren der prophetischen Texte haben so fundierte Beglaubigungsfunktionen in ihren Schriften eingesetzt, dass Menschen heute noch blass werden beim Lesen. Dagegen sehen die Argumente jener, die wollen, dass wir der Wissenschaft glauben und vertrauen hierzulande ziemlich mau aus. Weil im Grunde niemand weiß, wer oder was diese Wissenschaft eigentlich ist, man ihr aber voll und ganz vertrauen muss. Das treibt seltsame Früchte. Wer nämlich denkt, dass Harvey und Irma ein Umdenken bei den Trump-Wählern eingeleitet hätten, der irrt gewaltig. Insbesondere Irma ist der größte jemals aufgezeichnete Sturm, sie hat alle Rekorde gebrochen. Aber sie hat sich wieder „auf Normalgröße“ aufgelöst. Und weil es vor 12 Jahren schon einen Sturm ähnlichen Ausmaßes gegeben hat, kann man darin eine natürliche Entwicklung erkennen. Aber naturgemäß nur, wenn man mit vollem Herzen nicht an den menschenverursachten Klimawandel glaubt. Der habe mit den Katastrophen und Phänomenen nämlich deshalb nichts zu tun, weil sie alle von der Wissenschaft erklärt werden können! – WHAT? – Diese Leute glauben nicht an den menschenverursachten Klimawandel, weil die Wetterphänomene wissenschaftlich erklärt werden können! In ihrem Verständnis wäre der Klimawandel nur dann real, wenn die Ereignisse, die ihre Existenzen zerstört haben, nicht von Wissenschaftlern erklärt werden könnten. Dass es die Wissenschaft ist, die seit Jahren vor genau den Dingen warnt, die jetzt geschehen, das haben sie nicht auf dem Schirm.
Warum ist das so? Weil diese Menschen es in Diskussionen nur mit polemischen Klugscheißern zu tun bekommen, denen eines abgeht, was die Autoren und Übersetzer der Bibel hatten: den Zugang zu den Menschen. Sie haben den Leuten aufs Maul geschaut, ihnen vom Herzen geredet und fundierte Beglaubigungsfunktionen benutzt. Klar ist das auch Populismus. Aber wir leben in einer Demokratie. Klar, ich kann lachen und sagen: „Betet nicht, wählt lieber eine Regierung, die an die Wissenschaft glaubt!“ Aber damit gewinne ich bei der nächsten Wahl wieder keinen Blumentopf. Tretet mit Respekt vor diese Leute hin, sprecht ihre Sprache, benutzt ihre Bilder und erklärt ihnen, wer und was Wissenschaft ist. Gedemütigt und ausgelacht werden sie ohnedies jeden Tag in ihren Leben.
Wieviel Wertschätzung für die Gefühle, den Verstand und die Bedürfnisse der Wähler in der Politik herrscht an einem Beispiel aus dem österreichischen Wahlkampf: „Ein Elektriker muss zehn Stunden arbeiten, dass er sich eine Stunde Arbeit eines Mechanikers leisten kann!“ Skandalös, sage ich. Der Skandal ist aber ein anderer als erwartet. Dem Politiker wurde so oder so für diesen Satz applaudiert. Aber was hat er gesagt, wovon ist er ausgegangen? Dass das Wichtigste im Leben eines arbeitenden Menschen das Auto ist. Das formuliere ich so, er hat mit Sicherheit einen Mann angesprochen. Weil in seinem Gesellschaftmodell der Mann das Geld verdient und die Steuern zahlt. Die Frau bleibt daheim, oder arbeitet halbtags und unterbezahlt. Die heilige Kuh, das Automobil, ist der Maßstab, der an die Welt angelegt wird. Der Wagen bestimmt den sozialen Status. Und der bemisst sich wiederum am Einkommen. Und dieses wird besteuert. Logischer Schluss: Je weniger Steuern der Mann bezahlt, umso mehr kann er in sein Auto investieren. Sein Ansehen steigt, er fühlt sich besser, er wird den Politiker wählen. Am Ende zahlt er wirklich weniger Steuern auf sein Einkommen, fährt sogar ein besseres Auto. Aber plötzlich ist kein Geld mehr da für das, wofür er wirklich neun von den zehn Stunden gearbeitet hat und wofür er unser aller Respekt verdient: Krankenversorgung, Sozialversicherung, Schulen, und die Infrastruktur. Also auch kein Geld für die Straßen, auf denen er mit seinem Auto herumfährt. Möchte jemand einen maroden Highway adoptieren? Hier in Connecticut sind ein paar zu haben! Wenn mein ganzes Leben um das Auto kreist, es sogar die hohe Politik von mir möchte, dann lasse ich mir von einem diffusen Gespenst ohne Gesicht namens Wissenschaft nicht einreden, dass ich nicht mit dem Auto herumfahren darf, weil das irgendwie das Klima beeinflusst. Blöderweise fehlt jetzt nämlich auch das Geld für die Lehrer und Professorinnen, die in Schulen und auf Universitäten erklären könnten, wie sich das zueinander verhält. Und dann bauen sich Rednecks und Hillbillys ihre Trucks so um, dass sie noch mehr schwarzen Dieselrauch in die Atmosphäre blasen. Aus Protest gegen die Lügenpresse, Fakenews und protestierende Ökos, Bürgerrechtler und Feministinnen. Diesen Leuten hat man bereits glaubhaft gemacht, dass Health Care kein Recht ist. Krankenversorgung ist etwas, wofür man selbst zu sorgen hat. Nur zahlt man hier keinen Selbstbehalt, hier bekommt man eine Rechnung. Die muss bezahlt werden. Mit Glück zahlen die Krankenversicherungen einen Teilbetrag zurück. Meistens tun sie es nicht. Und weil kein Staat einspringt, kostet z.B. eine kleine Tube Medizin, 50mg Salbe, über 500 US-Dollar. From there the sky is the limit. Ein Krankenhausaufenthalt mit Untersuchung und Behandlungen geht in die zehntausende. Viel Glück mit dem eigenen Ersparten. Ist das aus, ist auch die medizinische Versorgung vorbei. Aber wir hatten den SUV unserer Träume in der Garage. Lasset uns beten!

Fortsetzung folgt…